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StartseiteTag für TagEin chinesischer Supermarkt in der Synagoge15.12.2015

Das jüdische Erbe in PolenEin chinesischer Supermarkt in der Synagoge

In Polen hat es in den vergangenen Jahren ein wachsendes Interesse an der jüdischen Geschichte des Landes gegeben, vor allem in den großen Städten wie Warschau oder Krakau. In Provinzstädten wie dem westpolnischen Miedzyrzecz dagegen ist von der jüdischen Kultur nicht viel geblieben. In der Synagoge der Stadt befindet sich heute ein chinesischer Supermarkt.

Von Johanna Herzing

In der Synagoge von Miedzyrzecz befindet sich heute ein chinesischer Supermarkt (Johanna Herzing)
In der Synagoge von Miedzyrzecz befindet sich heute ein chinesischer Supermarkt (Johanna Herzing)

Nein, zu dem Gebäude kann sie wirklich nichts sagen. Die junge Frau auf dem Parkplatz vor der Synagoge von Miedzyrzecz winkt ab, hebt ihren kleinen Sohn auf die Rückbank ins Auto.

"Keine Ahnung. Ich bin hier einfach vorbeigekommen, das ist ein Laden wie jeder andere. Ich weiß nicht recht, was hier früher mal war."

Der Sohn muss zum Arzt, sie hätten sich im Laden einfach ein bisschen die Zeit vertreiben wollen, sagt die Frau. Tatsächlich ist das Hinweisschild zur Geschichte der Synagoge an der Frontseite des grau verputzten Gebäudes recht unauffällig. Das große rote Banner gleich daneben sticht da schon eher ins Auge: Eine junge Chinesin, die Einkaufstaschen schwenkt. "Großer chinesischer Laden" - ist da auf Polnisch zu lesen.

Eine automatische Schiebetür öffnet sich und der durchdringende Geruch von Plastik, Klebstoff und anderen Chemikalien beißt in der Nase. Eingerahmt von Kinderspielzeug, Haargummis, Geschenktüten und anderen bunten Dingen steht eine chinesische junge Frau hinter der Kasse, ihre polnische Kollegin lächelt freundlich, aber schüchtern.

"Ach, ich weiß doch gar nichts. Aber schauen Sie doch, draußen steht doch die ganze Geschichte von dem Gebäude. Ich weiß doch nichts, nur, dass das früher ein jüdisches Gotteshaus war."

Heute aber werden hier chinesische Importwaren verkauft: rechts im Erdgeschosse stapeln sich Schuhe, links hängt Unterwäsche – von dezent bis grell-pink.

"Kürzlich waren Leute hier, wahrscheinlich waren das Juden. Den einen Herren hab' ich dann gefragt, ob er böse wäre, dass es jetzt dieses Geschäft hier gibt. Und er darauf: Nein, denn wenn hier nichts wäre, hätte man das Gebäude längst abgerissen."

Ein frisch restauriertes Säulenportal mit zwei goldenen Löwen inmitten des chinesischen Supermarktes in der Synagoge von Miedzyrzecz (Johanna Herzing)Ein frisch restauriertes Säulenportal mit zwei goldenen Löwen inmitten des chinesischen Supermarktes in der Synagoge von Miedzyrzecz (Johanna Herzing)

Die Herrschaften hätten sich alles angesehen, vor allem das Säulen-Portal weiter hinten im Laden. Obwohl mehrere Meter hoch, ist es nicht ganz leicht auszumachen, ein Treppenaufgang und unzählige Kleiderständer und Regale versperren die Sicht. Erst unmittelbar davor stehend fällt der Blick dann auf ein frisch restauriertes Säulenportal in Marmoroptik, in dessen Giebel zwei goldene Löwen thronen. Sie bewachen eine Reihe von fabrikneuen Rollkoffern und – den Notausgang. An der Stelle, wo sich früher der Aron-ha-Qodesch, also der Thora-Schrein befand, wurde schon vor langer Zeit ein Durchbruch nach draußen gemacht.

"Nach dem Krieg wurde die Synagoge von einem polnischen Unternehmen genutzt. In der Hauptsache als Lagerraum. Damals hat man auch eine Tür mitten durch den Aron-ha-Qodesch geschlagen, so konnte man auf der anderen Seite eine Flaschensammelstelle einrichten. Das Gebäude war komplett in Benutzung. Im Jahr 2000/ 2001 war es dann in einem so schlechten Zustand, dass es einzustürzen drohte."

Sagt Andrzej Kirmiel, Historiker und seit 2010 Direktor des Stadtmuseums von Miedzyrzecz. Die Stadt hat zwar Anfang der 2000er Jahre angeboten, das Gebäude an die jüdische Gemeinde im rund 150 km entfernten Stettin zurückzugeben.

"Aber als die Vertreter der Gemeinde dann kamen und sahen in welchem Zustand die Synagoge ist, wurde ihnen schnell klar, dass die Renovierung sehr kostspielig werden würde. Dann hätte man ja auch sofort Steuern zahlen müssen, Grundstückssteuern und so weiter. Das wären ungeheure Kosten gewesen. Dazu kommt: Wem hätte die Synagoge denn überhaupt dienen sollen? Wenn es keine Juden gibt, macht es keinen Sinn die Synagoge für religiöse Zwecke zu renovieren."

Tatsächlich existiert in Miedzyrzecz, dem früheren Meseritz, keine jüdische Gemeinde mehr. Machten Juden bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch rund 30 Prozent der Stadtbevölkerung von Meseritz aus, nahm ihre Zahl bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts stetig ab. Viele von ihnen zog es damals in die Großstädte. Von den Verbliebenen wiederum gelang es einem verhältnismäßig großen Teil noch vor 1939 in die USA und andere entlegene Länder auszuwandern. Alle übrigen Meseritzer Juden aber wurden von den Nazis in die großen Ghettos von Warschau und Lodz verschleppt und vermutlich dort oder in den Vernichtungslagern ermordet. Doch auch Meseritz selbst wurde zum Massengrab – im Zuge des sogenannten "Euthanasie-Programms" ließen die Nazis Tausende Kranke und Behinderte in der Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde ermorden. Bis heute befindet sich dort eine psychiatrische Klinik.

Die Synagoge von Miedzyrzecz wiederum kaufte vor ein paar Jahren ein Investor aus Posen, der sie außen denkmalgerecht restaurieren, im Innern aber stark umgestalten ließ. In Miedzyrzecz sei heute nur noch von der "chinesischen Synagoge" die Rede, so Museumsdirektor Kirmiel. Dass sie den Nationalsozialismus überdauert hat, erklärt der Experte für jüdische Studien so:

"Es gibt die weit verbreitete Vorstellung, dass während der sogenannten Kristallnacht überall die Synagogen niedergebrannt wurden. Das stimmt aber nicht. In den großen Gemeinden ringsum, Frankfurt (Oder), Landsberg an der Warthe, Grünberg, dort ja, dort war die Synagoge ein Symbol der jüdischen Gemeinde und als solche hat man sie zerstört. In kleinen Orten aber, wie zum Beispiel Meseritz mit seinen 11.000 Einwohnern vor dem Krieg, blieben die Synagogen erhalten. Die jüdischen Gemeinden hatten sie häufig schon vor 1938 verkauft, weil sie nicht mehr viele Mitglieder hatten und wegen der immer höheren Steuern. Die hier in Meseritz wurde in der Kristallnacht zwar verwüstet, aber das Gebäude blieb erhalten und man hat es später als Lagerraum genutzt."

Auch der noch aus dem Mittelalter stammende jüdische Friedhof etwas außerhalb der Stadt überstand die Nazi-Diktatur und den Krieg. Doch während des Kommunismus sei er schließlich aufgehoben worden; die städtische Betonfabrik hätte dort Kies gefördert, so Kirmiel. Seit diesem Jahr erinnert auf sein Betreiben hin wenigstens ein Gedenkstein an die Geschichte und Bedeutung des Ortes. Die jüdische Tradition von Miedzyrzecz, sie hat nach dem Holocaust und der antisemitischen Kampagne der polnischen Kommunisten in den späten 1960er Jahren nur noch Museumscharakter.

"Zur Zeit lebt in Miedzyrzecz noch eine Familie jüdischer Herkunft, das sind polnisch-stämmige Juden, aber natürlich bekennen sie sich nicht dazu. Denn es ist in Polen nicht gerade populär zu sagen: Ich bin Jude oder jüdischer Herkunft, leider! In Warschau, Krakau oder Breslau ist das anders. Man könnte fast sagen, dass es in bestimmten Kreisen so eine Art Mode ist - davon zeugt zum Beispiel auch die Zahl von Konversionen zum Judentum. Aber in Kleinstädten wie hier, nein. Die Leute erinnern sich an früher, sie wollen lieber nicht diskutieren, nicht darüber sprechen."

Zumal es in den Nachkriegsjahren galt, vor allem den eigenen, polnischen Anspruch auf Meseritz beziehungsweise Miedzyrzecz geltend zu machen. Gehörte die Stadt doch erst durch die Westverschiebung Polens nach dem 2. Weltkrieg wieder zum polnischen Staatsgebiet. Der über Jahrhunderte starke Einfluss von Juden und Deutschen in Meseritz passte da nicht ins Bild. Nur langsam nähert sich die Stadt heute ihrer multiethnischen und multi-religiösen Vergangenheit wieder an.

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