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Seit 08:35 Uhr Wirtschaftsgespräch
StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Plädoyer zum Nachdenken19.03.2017

Das Kopftuch-Urteil des EuGHEin Plädoyer zum Nachdenken

Das EuGH-Urteil zum Tragen von Kopftüchern beziehe sich nur auf private Unternehmen, reiche aber weit darüber hinaus, kommentiert Christiane Florin vom DLF. Denn die Richter plädierten für einen differenzierten Blick, für das genaue Hinschauen. Und gerade das sei wichtig in polarisierten Zeiten.

Von Christiane Florin, Deutschlandfunk

Eine Frau mit Kopftuch im Jahr 2007 im Kölner Arbeitsgericht. (picture-alliance/ dpa / Fredrik von Erichsen)
Ein Kopftuchverbot in Firmen kann nach Ansicht einer EuGH-Anwältin zulässig sein. (picture-alliance/ dpa / Fredrik von Erichsen)
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Ein Werbespot der Deutschen Bahn kommt gerade ganz pünktlich. Die Geschichte: Ein junger Mann ist unterwegs im ICE, er arbeitet an seinem Laptop, immer wieder schweifen seine Gedanken ab. Denn ihm gegenüber sitzt eine junge Frau mit Kopftuch, in ein Buch vertieft. Der Spot hört in den Kopf des jungen Mannes hinein. Warum sie dieses Tuch trägt, sinniert er. Will das ihre Familie oder ihr Mann? Und die Lektüre könne wohl nur der Koran sein, vermutet er. Dann stellt sich heraus: Sie studiert Medizin wie er, der vermeintliche Koran ist ein Fachbuch für Anatomie. Die beiden kommen ins Gespräch, er setzt sich neben sie. Der Rest ist dem Kopfkino des Zuschauers überlassen.

Nur mal angenommen, es käme eine Servicekraft mit ihrem Wagen vorbei. Dürfte die auch ein Kopftuch anziehen? Eine Nachfrage bei der Deutschen Bahn ergibt: Nein, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Kundenkontakt tragen die Dienstkleidung - mehr nicht. Strohhut und Basecap sind ebenso verboten, auch wenn nichts mit dem Islam oder einer anderen Religion zu tun haben.

Solche Kleiderordnungen können erlaubt sein, hat der Europäische Gerichtshof am vergangenen Dienstag entschieden. Unternehmen dürfen ihren Angestellten grundsätzlich religiöse Symbole verbieten, vorausgesetzt, es betrifft alle Religionen gleichermaßen. Denn auch das entschied der EuGH: Geht es nur um - oder besser - gegen das Kopftuch, dann ist das Diskriminierung.

Zugrunde lagen zwei Fälle: Zum einen war einer belgischen Rezeptionistin gekündigt worden, weil sie auf den Hidschab nicht verzichten wollte, obwohl das Hotel religiöse Kleidung untersagt hatte. Zum anderen hatte eine IT-Beraterin aus Frankreich ihren Job verloren, nachdem sich ein Kunde über ihren Schleier beschwert hatte und sie diesen nicht abnehmen wollte. In Fall der Rezeptionistin war die Kündigung laut EuGH rechtens, weil alles Religiöse verboten war. In dem Fall der Beraterin werteten die Richter die Kündigung als Diskriminierung.

Richter als Hohepriester

Gerichten kommt in Gesellschaften, die sich den angestammten Glauben ans jüngste Gericht abgewöhnt haben, eine säkulare Heils –und Erlösungsfunktion zu. Juristen sind wie Hohepriester, sie sollen mit Autorität entscheiden, wo so viele durcheinanderreden.

Und beim Kopftuch reden viele kreuz und quer: Ist es überhaupt ein religiöses Kleidungsstück? Was steht dazu im Koran? Welches Frauenbild steckt dahinter? Welches Männerbild? Warum entscheiden sich so viele jungen Musliminnen dafür, deren Mütter kein Kopftuch getragen haben?

Und, noch grundsätzlicher, über die Tuchrand hinaus: Ist Religion nicht Privatsache? Wäre nicht die Welt friedlicher, wenn Gott und Allah allenfalls aufs Westentaschenformat schrumpften? Unsichtbar für alle, die damit nicht behelligt werden sollen?

Das Urteil des EuGH wurde von einigen Medien wie eine Offenbarung begrüßt. Endlich, endlich kann man dieses lästige Glaubenszeug verschwinden lassen. Genau besehen aber haben sich die Luxemburger Richter dieser säkularen Heilserwartung entzogen. Sie plädieren fürs genaue Hinschauen, für die sorgfältige Begründung. Arbeitgeber müssen gründlich nachdenken.

Eine weitreichende Entscheidung

Die Entscheidung bezieht sich auf private Unternehmen, aber sie reicht weit darüber hinaus. Die Richter machen ganz klar: Religiöse Neutralität meint, alle Religionen gleich zu behandeln. Es meint nicht, Religion wie ein Gefahrengut zu entsorgen. Die Entscheidungen sind kein Plädoyer für einen Laizismus, der das Kopftuch wie eine radioaktiv verstrahlte Schutzkleidung behandelt.

Der Richterspruch will den gesellschaftspolitischen Diskurs nicht ersetzen. Und der steht erst am Anfang. Die Deutsche Bahn hat für ihren Spot viel Lob in den sozialen Netzwerken eingefahren und, wie zu erwarten, gab es viele Hasskommentare. Journalisten bekommen diesen Hass auch ab, wenn sie nicht über Musliminnen, sondern mit ihnen sprechen. "Sie hätten als kritische Interviewerin das Kopftuch runterreißen sollen", gehört da noch zu den verständnisvolleren Publikums-Reaktionen. Jede Stimme, die für einen differenzierten Blick plädiert, sei sie von Richtern oder von Werbedichtern, ist wichtig in polarisierten Zeiten.

Deshalb endet dieser Kommentar nicht mit einem krachenden Ausruf, nicht mit einem "Recht so!". Sondern mit einer Frage: Warum ist das Kopftuch kein Streitfall, wenn seine Trägerin auf Knien den Büroboden putzt, warum stört es erst, wenn sie den Kundenkontakt auf Augenhöhe sucht? 

Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). Im Frühjahr 2016 veröffentlichte sie das Buch "Die Ehe. Ein riskantes Sakrament" (Kösel).

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