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StartseiteBüchermarktDas kunstvolle Produkt einer schmerzhaften, persönlichen Reise05.08.2010

Das kunstvolle Produkt einer schmerzhaften, persönlichen Reise

Monique Truong: "Bitter im Mund". C. H. Beck Verlag.

Eigentlich war die 1968 in Saigon geborene, aber in Amerika aufgewachsene Autorin Monique Truong auf der Suche nach einem Rezept für diese berühmt-berüchtigten Kekse, von denen man ein wenig high werden kann, als sie in einem Kochbuch aus der Feder von Alice B. Toklas auf eine Figur stieß, die ihre Neugier erweckte: Da war die Rede von einem vietnamesischen Koch.

Von Claudia Kramatschek

Cover: Monique Truong "Bitter im Mund"
Cover: Monique Truong "Bitter im Mund"

So entstand ihr erster Roman "Das Buch vom Salz", der 2004 die Kritiker und die Leser gleichermaßen begeisterte. Schon in diesem Roman lotete Truong – die mit sieben Jahren in die Staaten übersiedelte – zugleich auch die Fragen aus von Heimat und Fremde, Identität und Sprache. Nun liegt mit "Bitter im Mund", einer in den Südstaaten angesiedelten Familiengeschichte – endlich ihr zweiter, lang erwarteter Roman vor. Der liest sich überraschend anders, verhandelt aber erneut – und auf sehr persönliche Weise – die Fragen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Parallelen zwischen der weiblichen Hauptfigur und der Autorin – beide etwa sind in North Carolina groß geworden – sind insofern kein Zufall. Claudia Kramatschek hat die Autorin an ihrem Wohnort New York getroffen und mit ihr über den Roman gesprochen, der im Original übrigens erst Ende August erscheint!

Ich hatte nicht vor, bei meinem Großonkel Harper anzufangen, aber die Geschichte meiner Familie sollte mit einer Liebe beginnen. Weil er meine erste Liebe war, blieb mir die traurigste Erfahrung im Leben der meisten Menschen erspart. Meine erste Liebe und mein erster Liebeskummer wurden mir von verschiedenen Menschen zugefügt. Ich hatte Glück.

Es gibt zwei Sorten Familien: Eine, die man hat, und eine, die man sich sucht, weil man dort auf genau die Liebe trifft, die man braucht zum Leben, manchmal auch zum Überleben. In Fall von Linda Hammerick, Truongs Ich-Erzählerin und Protagonistin, sind die wichtigsten Menschen ihr Großonkel Harper, ihre Freundin Kelly und der Orangeneis-Junge Wade, ihre große Liebe aus der Zeit, als Linda noch ein kleines Mädchen in Boiling Springs, North Carolina, war. Mittlerweile sind wir im Jahre 1998 – Linda ist eine erwachsene Frau und arbeitet als Anwältin in New York, weit weg von Boiling Springs. Doch was sie nicht vergessen kann, ist ein Satz, den sie mit 19 Jahren zu hören bekam, aus dem Mund ihrer sterbenden Großmutter: "Du würdest unter dem zerbrechen, was ich über dich weiß." So kehrt sie – und hier nimmt der Roman seinen eigentlichen Ausgang – mit Anfang Dreißig zurück nach Boiling Springs, um endlich dieses Rätsel endlich zu lüften.

"Die Tatsache, dass ich mit knapp sieben Jahren als Immigrantin in die Staaten kam, zwang mich, mir viel früher als andere Heranwachsende die Frage zu stellen: Wer bin ich? Und diese Frage begleitet mich noch heute. Denn als ich älter wurde, begriff ich auch: Über das, was meine Identität bestimmt, habe ich nur zum Teil die alleinige Kontrolle. Das aber, was sich meiner Kontrolle entzieht, bestimmt mich zugleich als jemanden, der anders ist als die Anderen. In meinem Fall ist das meine asiatische Herkunft. Wo auch immer ich hinkomme, haben die Menschen um mich herum bereits eine vorgefertigte Idee darüber, was es heißt, eine Asiatin zu sein. Deshalb fasziniert mich die Frage, was den Menschen, was ein Individuum ausmacht", sagt Autorin Truong.

Auch Linda ist anders als ihre Umgebung: Denn sie kann Wörter schmecken – sprich: Alles, was Linda hört und sagt, ist für sie mit einem bestimmten Geschmack in ihrem Mund verbunden. Lindas Mutter, die ihrer Tochter gegenüber lieblos und kühl erscheint, will von dieser Gabe nichts hören; es ängstigt sie, als wäre es eine Krankheit. Allein Lindas beste Freundin Kelly und vor allem ihr lebensfroher Großonkel Harper – dessen Schwulsein auch ihn als Außenseiter markiert – akzeptieren und lieben Linda so, wie sie ist.

Wenn mein Lehrer fragte: Linda, wo siedelten sich die ersten Engländer in North Carolina an?, klang die Frage in meinem Ohren wie: Lindaminze, wo siedeltenmaraschinokirsche sich die erstenpeptobismol Siedlersenf in Northcheddarkäse Carolinadosenerbsen an?

"Als ich von dieser Form der Synästhesie hörte, dachte ich sofort: Wow, wie extrem subjektiv muss die Welt dieser Person sein! Und: Wie vermittelt man das, wie kommt man selbst damit zurecht? Verheimlicht man das? Kann man das mit anderen teilen? Und dann dachte ich: Das könnte eine ideale Metapher dafür sein, dass letztlich all unsere eigenen Erfahrungen rein subjektiv sind. Lindas Synästhesie ist daher für mich ein Weg, über einen Charakter zu erzählen, der von innen heraus gänzlich anders ist."

Was das im Falle von Linda wirklich heißt, erahnen wir erst spät, am Ende des ersten Kapitels. Dann erst fällt im Rahmen der Highschool-Abschlussfeier Lindas vollständiger Name: Linh-Dao Nguyen Hammerick. Überrascht begreift man, dass Linda vietnamesischer Abstammung ist, und man ahnt: Sie muss ein Adoptivkind sein, das auf verschlungenen Wegen in diese so weiße wie konservative Südstaaten-Familie geraten ist.

"Eine Figur wie Linda, die in den Südstaaten aufwächst, in einer kleinen Stadt, in der man sie und ihre Herkunft aus welchen Gründen auch immer verleugnet oder nicht wahrhaben will, scheint wie erfunden. Aber genau das ist geschehen. Der Akt, ein Kind zu adoptieren und es anzunehmen, egal woher es kommt, hat etwas Großartiges an sich. Aber er bringt auch sehr viele Schwierigkeiten mit sich, speziell für ein Kind aus einer anderen Kultur – das dann vielleicht auch noch an einem extrem homogenisierten Ort lebt, wo es niemand anderen seiner Herkunft gibt."

Erst im zweiten Kapitel des Romans – nicht umsonst 'Enthüllung' genannt – lüftet Truong für uns als Leser das Rätsel, das Lindas Herkunft umgibt. Linda wiederum versteht immer mehr, warum sie sowohl in ihrer Familie als auch in Boiling Springs wie ein Fremdkörper behandelt worden ist. Denn Truong öffnet nun in emblematischer Weise die Blende ihres Romans und verknüpft Lindas Kindheit mit der großen Geschichte – sprich: mit dem amerikanischen Vietnamkrieg und dem Fall von Saigon an die Kommunisten im Jahre 1968, wo Linda als Linh-Dao im selben Jahr zur Welt gekommen ist. Denn Linda trifft in Boiling Springs nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder ihre Adoptivmutter DeAnne. Was sie dabei über sich selbst erfährt, schmeckt so bitter wie Lindas erste Erinnerung an einen brennenden Wohnwagen, aus dem sie gerettet wird.

Wenn man in die Luft vor einem Tornado beißen und sie herunterschlucken könnte, dann hätte sie vielleicht diesen bitteren Geschmack im Mund, der meine erste Erinnerung bildete. Meine zweite, dritte, vierte und fünfte Erinnerung, die in schneller Folge kamen, waren ein Blitz, ein Wohnwagen mit Fenstern in Flammen, Schotter, der unter Füßen knirschte, die nicht die meinen waren, dann Dunkelheit. Das Nächste, woran ich mich erinnerte, war das Erwachen in einem Bett, das nicht nach mir roch. Auf mir lagen zu viele Decken, und über mir schwebten die Gesichter eines Mannes und einer Frau.

Der Mann ist Lindas Adoptivvater Thomas, die Frau DeAnne – und vor allem sie erscheint aufgrund der neuen Fakten in gänzlich anderem Licht. Denn Thomas heiratet zwar DeAnne, liebt aber in Wahrheit Lindas leibliche Mutter. DeAnne wiederum heiratet Thomas, da er mit der Tatsache leben kann, dass sie – die selbst unter ihrer strengen Mutter gelitten hat – kinderlos bleiben will. Dann kommt der 5. Juli 1975 – und Thomas bringt die kleine Linh-Dao mit nach Hause. DeAnne akzeptiert die Adoption – unter der Bedingung, dass fortan niemand in der Familie über die leiblichen Eltern des Kindes spricht. Was folgt, ist ein gefährliches Meer des Schweigens, in dem die ganze Familie nach und nach versinkt.

Ein "Wir" hatte es zwischen DeAnne und mir nie gegeben. Sie vermied das Wort so beharrlich wie das Wort "Ma". Sie nannte mich "Linda" oder "du", einmal, als ich fünfzehn war und mir gerade alle meine Sachen gefärbt hatte, nannte sie mich "deine Tochter", und mein Vater sprach diese Wörter daraufhin an sie gerichtet betont langsam aus, damit er sie daran erinnern konnte, dass sie die Adoptionspapiere ebenfalls unterschrieben hatte.

Wer bin ich? Woher komme ich? Und: Wie erzählt man die Wahrheit und warum wird sie verschwiegen? Das sind insofern die übergreifenden Fragen, die Monique Truong in diesem Roman von Liebe und Verrat, von Dazugehörigkeit und Anderssein verhandelt. Nicht zuletzt klingt daher – im Spiegel dieser exemplarisch zu lesenden Familiengeschichte – auch die kritische Frage an, auf welche Weise Amerika selbst sich der eigenen Geschichte stellt:

"Ich möchte mit diesem Roman die Südstaaten als meine Herkunft einfordern. Wer mich sieht, würde nie vermuten, dass ich in einer Stadt namens Boiling Springs, in North Carolina aufgewachsen bin. Ich wurde in Saigon geboren, aber in Boiling Springs wurde ich wiedergeboren. Natürlich ist die Rassenfrage von schwarz und weiß das vorherrschende Thema in den Südstaaten. Aber ich möchte eine andere Perspektive eröffnen – auch auf die Vereinigten Staaten. Denn welches oder wessen Amerika ist gemeint, wenn von der Great American Novel die Rede ist, vom Großen Amerikanischen Roman? Mein Roman spielt daher auch mit der Frage: Akzeptiert der Leser, dass eine asiatischstämmige Amerikanerin über eine Familie schreibt, die in den Südstaaten lebt und die man erst einmal für eine rein weißrassige Familie hält? Denn auch wenn es scheint, ich könnte als amerikanische Autorin schreiben, was ich will, ist das leider nicht der Fall."

"Bitter im Mund" ist somit das kunstvolle Produkt einer langen und schmerzhaften, da persönlichen Reise der Autorin Truong zurück zu den Wurzeln ihrer selbst: Literarisch komplex und höchst anspielungsreich, will man diesen Roman daher – am Ende angekommen – direkt noch einmal lesen.

Monique Truong: Bitter im Mund.
Aus dem Englischen von Peter Torberg.
C. H. Beck Verlag 2010.
328 Seiten. Euro 19,95.

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