• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 21:05 Uhr Musik-Panorama
StartseiteBüchermarkt"Das Leben einfach so zu nehmen, wie es ist"22.10.2012

"Das Leben einfach so zu nehmen, wie es ist"

Tim Parks: "Sex ist verboten", Verlag Antje Kunstmann

Tim Parks neuer Roman "Sex ist verboten" spielt in einem buddhistischen Zentrum mit strengen Regeln. Die Protagonisten sollen sich auf ihren Körper konzentrieren, Schweigen und enthaltsam sein - doch das fällt ihnen sichtbar schwer. Parks Auseinandersetzung mit buddhistischen Lebensweisheiten ist gespickt mit Selbstironie und Humor.

Von Johannes Kaiser

Tim Parks neuer Roman zeichnet sich durch Ironie und Komik aus. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Tim Parks neuer Roman zeichnet sich durch Ironie und Komik aus. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

"Ich denke, das beste kreative Schreiben ist stets hochgradig von den Dingen geprägt, die einem am Nächsten sind."

Man kann das auch so formulieren: Ein guter Schriftsteller schreibt am Überzeugendsten über Dinge, die er persönlich kennt und genau das hat Tim Parks mit seinem neuen Roman "Sex ist verboten" getan. Er geruht auf den Erfahrungen, die er auf seiner Suche nach Schmerzfreiheit gemacht hat. Normalerweise vermeidet ein Autor persönliche Details aus seinem Leben preiszugeben, insbesondere über peinliche, gesundheitliche Probleme zu sprechen.

Doch eben darüber redet Tim Parks in seinem vorherigem Buch "Die Kunst stillzusitzen". Es ist der ebenso amüsante wie selbstironische Bericht über die Schwierigkeiten, schmerzhafte Blasen- und Prostataprobleme unter Kontrolle zu bringen. Nachdem sich herausgestellt hat, dass es für die körperlichen Symptome keine organischen Ursachen gibt, erprobt der Autor alternative Heilverfahren:

"Ich habe Meditation mitgemacht, Entspannungsübungen usw. und das bringt einen dazu, darüber nachzudenken, wie sich der Verstand normalerweise in Sprache auszudrücken versucht und man wird sich der Tatsache bewusst, dass es insbesondere die Sprache ist, die uns davon abhält, auf unseren Körper und dessen augenblickliche Verfassung zu achten. Die Sprache kann wie eine Landkarte wirken, die einen vom Ort des Geschehens ablenkt. Man lebt innerhalb der Worte und die Worte schaffen eine Welt, aber das ist nicht unbedingt die Welt, in der ihr Körper lebt. Wir neigen in der westlichen Kultur dazu, das Wort und die Sprache zu bewundern. Insbesondere in literarischen Zirkeln sagt jeder, wie sehr er die Sprache liebt. Aber es kann gefährlich sein zu vergessen, dass die Sprache nur ein Teil des Lebens und eben nicht der real existierende Körper ist."

Fällt die Sprache aus, schweigt man, ist man ganz auf seinen Körper konzentriert – das jedenfalls ist der Grundgedanke jenes spirituellen Zentrums, das im Mittelpunkt des neuen Romans steht. Jeder, der es besucht, verpflichtet sich während der zehntägigen Klausur zum Schweigen.

Im Roman wird also nur sehr selten gesprochen, eben weil sich seine Protagonisten ganz auf ihren Körper und seine Funktionen konzentrieren sollen. Sie sollen zum Beispiel lernen, die Schmerzen zu ignorieren, die der Schneidersitz mit sich bringt, in dem sie den größten Teil des Tages im Meditationsraum verbringen. Tim Parks spricht da aus eigener Erfahrung. Er hat mehrere solche Klausuren mitgemacht. Die im Roman beschriebene ist also nichts Ungewöhnliches.

"Solche Klausuren kann man als sehr restriktiv ansehen. Wenn man ankommt, dann wird man gebeten, alle Elektronik in ein Schließfach zu packen, keine Handys, keine Computer, keine Bücher, keine Kugelschreiber, kein Papier. Und dann verspricht man in allen buddhistischen Klausuren, eine Reihe von Regeln zu befolgen, die im Prinzip darauf hinauslaufen, niemanden zu verletzen, nicht zu lügen, keine sexuellen Beziehungen anzufangen. Angesichts der Erfahrungen, die man machen kann, sind diese Regeln durchaus sinnvoll. Wenn man als Skeptiker dem Ganzen gegenüber anreist, ist es einfach, sie abzulehnen. Und die Leute, die solche Institutionen leiten, wissen sehr genau, was die Leute an den ersten Tagen davon halten. Das gilt insbesondere für das Gesetz der Stille. Das einzuhalten, fiel mir allerdings nie schwer."

Umso größere Probleme haben Tim Parks beide Hauptprotagonisten, die junge Musikerin Elizabeth und der ältere Verleger Geoffrey, sich mit dem Schweigen abzufinden, denn beide haben so viel auf der Seele, dass sie gerne darüber reden würden. Beide wünschen sie, sie könnten ihre Klausurleiter um Rat bitten. Doch die lehnen jegliche Einflussnahme ab. Jeder soll mit sich selbst zurande kommen.

Da nur sehr wenig gesprochen wird, finden die Auseinandersetzungen mit den eigenen Problemen vor allem im Kopf des Protagonisten statt, das heißt in diesem Fall in den Gedanken, Ansichten, Einschätzungen und Erinnerungen von Beth, die uns die Geschichte dieser Klausur erzählt. Sie ist vor ihrer Vergangenheit geflüchtet, vor Schuldgefühlen, für den tödlichen Badeunfall eines jungen Franzosen verantwortlich zu sein, vor ihrer Unfähigkeit, dem Gitarristen ihrer Band, mit dem sie liiert ist, zu sagen, dass sie ihn nicht liebt, vor der nicht erwiderten Liebe zu einem älteren Maler, der sie auf Distanz hält, auch wenn er mit ihr schläft.

"Beth ist ein wildes, sehr intelligentes Mädchen mit Familienschwierigkeiten, extravagant, vielleicht ein bisschen instabil, exhibitionistisch. Sie ist gefangen zwischen dem Wunsch, sehr intensiv und sinnlich zu leben und gleichzeitig der Furcht, dass diese Art von Leben gefährlich ist und vielleicht auch falsch. Deswegen schwankt sie zwischen extremem Engagement und Unterdrückung ihrer Gefühle. Es gibt in ihrem Leben ein großes Durcheinander, außerdem ein dramatisches Ereignis, vor dem sie flüchtet. Und wir wissen alle, dass es sehr schwierig ist, dem zu entkommen."

Beth arbeitet in dem buddhistischen Zentrum seit über einem halben Jahr als freiwillige unbezahlte Küchenhilfe. Dort darf während der Arbeit geredet werden. Das gibt Tim Parks die Möglichkeit, die eine oder andere Figur vorzustellen:

"Ich bin in drei oder vier solcher Klausuren gewesen und habe dann bei einer dieser Klausuren beschlossen, in der Küche zu arbeiten. Man meditiert dann am Tag nur vier oder 5 Stunden anstelle von 12. Man trifft dort alle möglichen Leute und solch eine Klausur ist ein absolut faszinierender Romanschauplatz: die Hektik in der Küche im Kontrast zur Stille außerhalb der Küche; die Leute, die anscheinend dorthin kommen, um den Geschichten ihres Lebens zu entkommen. Das Buch dreht sich um die grundsätzliche Frage, wie man sein Leben sieht und ob man es schafft, das Leben einfach so zu nehmen, wie es ist, ohne sich vorzustellen, wie es eigentlich aussehen sollte."

Loslassen, den Alltag hinter sich zu lassen, sich ganz auf den Augenblick einzulassen – das gelingt weder Beth besonders gut noch dem zweiten Protagonisten Geoffrey. Der verstößt bewusst gegen die Regeln, führt ein Tagebuch, in dem er alle seine Schwierigkeiten aufführt und sich seinen Frust von der Seele schreibt. Wir erfahren davon, weil Beth heimlich den für Frauen eigentlich verbotenen Männertrakt betritt und in den Sachen des älteren Mannes stöbert, sein Tagebuchaufzeichnungen findet und sie einfach mitnimmt. Sie zeigen einen zutiefst verunsicherten und entschlussunfähigen Mann.

"Sein Figur ähnelt in allzu vieler Hinsicht den Männern, die ich in anderen Büchern beschrieben habe. Er steckt voller Konflikte; er ist ein leistungsorientierter Mensch; er würde gerne das Richtige tun und stellt dann fest, dass er das Falsche unternimmt. Außerdem kann er sich nicht entscheiden, wie er seine Ehe in Ordnung bringen und wie er mit seiner Tochter umgehen soll. Er ist ungeheuer ambitioniert. Seine Ambitionen haben ihn zwar dazu gebracht, ein Verlagshaus zu gründen, aber jetzt droht eine Katastrophe, denn es steht kurz vor der Pleite. Er hat eine Menge Probleme und ist ganz offenkundig hierhergekommen, um Entscheidungen hinauszuzögern, die er treffen muss. Wenn man wichtige Entscheidungen treffen muss, ist es absolut verheerend, sich der Stille auszusetzen. Damit setzt man sich dem geistigen Chaos, das in einem herrscht, ohne jegliche Ablenkung aus. Es gibt kein Radio, kein Fernsehen, nichts zu arbeiten und plötzlich verbringt man 12 Stunden am Tag mit seinem rasenden Verstand. Das ist sehr beängstigend."

Dennoch schafft es Geoffrey nach einigen Tagen, sich ganz auf seinen Körper einzulassen, tatsächlich einige Stunden lang seine belastenden persönlichen Probleme nicht zu vergessen, aber doch so weit von sich wegzuschieben, dass er sie in einem anderen Licht sieht. Hier spricht Tim Parks eindeutig von eigenen Erfahrungen, wie er sie bereits im Selbsterkundungsbuch ‚Die Kunst stillzusitzen‘ beschrieben hat.

"Sie sitzen dort und spüren Schmerzen und man lädt Sie ein, als Reaktion auf Ihre Schmerzen zu sagen: Dieser Schmerz, das ist nicht mein Schmerz. Es findet eine Veränderung der Wahrnehmung statt. Der Schmerz verschwindet nicht, wenn man Schmerz sagt. Man akzeptiert ihn, ohne etwas gegen ihn zu unternehmen. Das ist eine außergewöhnliche Form, den Schmerz zu verwandeln. Ich versuche mit dem Buch zu zeigen, wie man anfangs voller Skepsis steckt - und ich zweifle weiterhin an den Methoden, wie einige dieser Klausuren angeleitet werden -, aber auf der anderen Seite möchte ich klar machen, dass dahinter eine wirklich bemerkenswerte Weisheit steckt, die sich über viele Jahrhunderte hindurch aufgebaut hat. Wenn man tatsächlich begreift, was diese Formeln bedeuten, wird man vielleicht einsehen, dass wir allzu schnell und stolz einige dieser Sachen ablehnen. Diese ganze New-Age-Geschichte hatte es uns sogar noch schwerer gemacht, die nützlichen oder gesund machenden Seiten des Buddhismus und ähnlicher Dinge zu akzeptieren."

Tim Parks ist ein zu guter Schriftsteller, als dass der Leser fürchten müsste, nun bekehrt werden zu sollen. Vielmehr bietet die Auseinandersetzung mit den buddhistischen Lebensweisheiten dem Autor viele Möglichkeiten zu Selbstironie und Humor. Geoffrey zum Beispiel mokiert sich in seinem Tagebuch immer wieder über die Art und Weise, wie der Oberguru Dasgupta allabendlich durch Videobotschaften zu den Meditierenden spricht:

Buddhismus ist eine optimistische Art zu leben, sagt Dasguta mit seinem drolligen Galaabend-Lächeln… Er erzählt eine Menge Müll, eine Menge selbstbezogenes Zeug, aber auf seine Art ergibt es einen Sinn. Es ergibt einen Sinn, wenn jemand auf selbstbezogene Art gegen die Selbstbezogenheitspredigt. Wie sollte er sich der Gefahr der Selbstbezogenheit bewusst sein, wenn er nicht selbst unerträglich selbstbezogen wäre? Voller Selbstbezogenheit predigte er gegen die Selbstbezogenheit und gewinnt auf diese Weise bewundernde Anhänger. Sehr praktisch. Vielleicht habe ich das schon erwähnt. Die Hälfte der Schriftsteller, deren Werke ich verlege, schreibt voller Empörung über Stolz und Arroganz und empört sich noch viel mehr, wenn niemand sie beachtet.
Selig sind die Armen im Geiste, sagt Jesus geistreich.


Es ist nicht zuletzt diese Ironie und Komik, die dem Roman seine Leichtigkeit gibt und die durchaus Ernst gemeinten buddhistischen Lebenseinsichten gewissermaßen entschärft, so dass sie nicht wie Handlungsanweisungen klingen.

Tim Parks Protagonisten Beth und Geoffrey kehren denn auch keineswegs geläutert aus der Klausur zurück in ihren Alltag. Ihr Leben hat sich nicht komplett geändert. Sie sind nur bereit, sich ihm wieder zu stellen:

"Im Westen erwarten wir immer, dass eine Veränderung des Lebens etwas ganz Dramatisches ist. Als ich zum ersten Mal solch eine Klausur besuchte, glaubte ich, dass ich das Schreiben komplett aufgeben müsste, dass ich alle Dinge, die ich machte, aufgeben sollte und dass sich möglicherweise mein ganzes Leben verändern würde. In Wirklichkeit ist es so, dass man behutsam aufgefordert wird, insbesondere diesen Wunsch nach Dramatik als Erstes zu ändern und abzulegen."

So ist denn das Erste, das Geoffrey und Beth machen, als die Klausur beendet ist und sie beide in seinem Auto sitzen, sich eine Zigarette anzustecken, einen Musiksender einzuschalten und im nächsten Pub zwei Bier zu trinken. Beth allerdings, so erzählt sie uns im Epilog, schafft es tatsächlich, ihr Chaosleben hinter sich zu lassen.

Wenn etwas außer Kontrolle zu geraten droht, dann helfen mir Dasgupta Gedanken dabei, die Ruhe zu bewahren. Zumindest halbwegs.

Ein versöhnliches Ende, das nicht allzu überrascht, bedenkt man, dass der Autor durch seine Meditationserfahrungen immerhin schmerzfrei geworden ist. Und für den Leser gilt: Er ist für ein paar Stunden aller Sorgen ledig dank Tim Parks vergnüglicher Einführung in die Zwickmühlen buddhistischer Weisheit und menschlicher Unvollkommenheit.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk