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StartseiteKalenderblatt"Das Leben ist eine Mohrrübe"29.01.2010

"Das Leben ist eine Mohrrübe"

Vor 150 Jahren wurde der Dramatiker Anton Tschechow geboren

Mit Theaterstücken wie "Drei Schwestern", "Die Möwe" und "Der Kirschgarten" gehört Anton Tschechow zu den meist gespielten Dramatikern und kann es, gemessen an der Zahl der Aufführungen, fast mit Shakespeare aufnehmen. Vor 150 Jahren wurde der russische Schriftsteller geboren.

Von Christian Linder

Anton Pawlowitsch Tschechow (Mitte) umringt von Schauspielern, während er sein Schauspiel "Tschaika" (Die Möwe) vorliest. (AP)
Anton Pawlowitsch Tschechow (Mitte) umringt von Schauspielern, während er sein Schauspiel "Tschaika" (Die Möwe) vorliest. (AP)

Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, ein Leben öffne und schließe sich beinahe gleichzeitig. Dieser kurze Moment kann wohl 60, 70, vielleicht 80 Jahre dauern, und in diesem kurzen langen Augenblick muss alles passieren – aber was passiert denn da wirklich? Sitzt man die meiste Zeit nicht bloß mit sich selber herum, dösend, sich langweilend, in Erwartung irgendeines Aufbruchs, den man auch ständig verkündet –

"nach Moskau, nach Moskau"

um sich dann doch nicht von der Stelle zu bewegen. Was ist ein Leben? Nichts anderes versuchen die Personen in Anton Tschechows Theater- und Prosastücken herauszubekommen. Zum Beispiel in "Onkel Wanja, Szenen aus dem Landleben":

"Habe ich mich sehr verändert? Seit wir uns kennen, habe ich keinen freien Tag gehabt. Wie soll man da nicht alt werden? Das Leben selbst ist so langweilig, dumm, dreckig, so ein Leben frisst einen auf."

"Du fragst mich, was das Leben sei", schrieb Tschechow der Schauspielerin Olga Knipper, die später seine Frau wurde, und wusste auch eine klare Antwort:

"Das Leben ist eine Mohrrübe"

Seine Personen stattete Tschechow nicht immer mit einem scheinbar so sicheren Wissen aus. "Wenn man es nur wüsste, wenn man es nur wüsste" wünscht sich eine der drei Schwestern in dem gleichnamigen Theaterstück. Die Szenen spielen irgendwo in der russischen Provinz. Glockengeläut, Hundegebell, Alltag. Aber unter dieser Alltäglichkeit brodelt es. Seine Schreibstrategie hat Tschechow einmal in einem Brief benannt:

"Du erhältst eine Mondnacht, wenn du schreibst, dass auf einem Mühlenwehr wie ein kleiner heller Stern das Glasstück einer zerbrochenen Flasche aufblitzt und der schwarze Schatten eines Hundes oder Wolfs wie eine Kugel vorbeirollt."

Geboren am 29. Januar 1860 in der südrussischen, am Asowschen Meer gelegenen Hafenstadt Taganrog, studierte Anton Pawlowitsch Tschechow das Leben zunächst hinter der Theke seines Vaters, der einen Krämerladen besaß – den Kleinkram des Lebens hat er dann nie wieder aus den Augen verloren. Er studierte Medizin und begann nebenher zu schreiben – bis es sich ergab, dass er vom Schreiben leben konnte. Er wollte nichts anderes sein als ein Zeuge des Lebens, aber so leidenschaftslos wie möglich. Wenn man seine Klugheit rühmte, gab er die für ihn typische Antwort:

"Ja, so gescheit immerhin, meine Krankheit nicht vor mir zu verbergen, mich nicht zu belügen und meine Leere nicht mit fremden Flicken zu bedecken."

Die Krankheit hieß Tuberkulose, und sicher hat sie seinen Blick aufs Leben auch geprägt. Das Leben als stehender Sturmlauf, so dass die Personen wie unter Zwang stets davon zu träumen beginnen, irgendwann einmal ausruhen zu können. Die Dinge des Lebens zu beschreiben wie ein "Chemiker, frei von Subjektivitäten" - dieser Anspruch hat Tschechows Arbeiten ihren Glanz gegeben. So wie er als Person ohne jeden privaten Hochmut war und alle Hinweise auf seine Lebensdaten sich aus einer "Autobiographophobie" heraus verbat, so treten auch die Figuren seiner Theaterstücke wie seiner Prosa vor uns auf: in all ihrer Einfachheit, die ihnen etwas Tragisches und Komisches zugleich gibt, in all ihrem Leid am Vergehen der Zeit, all ihrer Sehnsucht nach dem Ende der Sehnsucht, der Befriedigung, welcher Art auch immer. Ach, "wenn man es nur wüsste, wenn man es nur wüsste."
Große Literatur, wusste Tschechow immerhin, berge eine Idee vom Leben, "wie es sein soll".

"Und wir? Wir? Wir beschreiben das Leben, wie es ist, und weiter – nicht hü, nicht hott. Weiter prügeln sie uns auch mit der Peitsche nicht. Wir haben keine nahen Ziele und keine fernen, und in unserer Seele ist es hohl. Wir haben keine Politik, an eine Revolution glauben wir nicht, und ich persönlich habe nicht einmal Angst vor dem Tod oder dem Erblinden."

Wieder der Versuch, das Leben nicht ideologisch, sondern konkret zu sehen. Die letzte Szene dieses Lebens dann wie aus einem Theaterstück von Anton Tschechow. Sie spielt in Deutschland, in Badenweiler, im Hotel Sommer, in dem der Dichter sich einlogiert hatte. Am 15. Juli 1904. Seine Frau war bei ihm. Die Krankheit hatte ihn überwältigt, er lag auf dem Bett und sagte, auf russisch:

Schon lange habe ich keinen Champagner mehr getrunken."

Er ließ sich ein Glas füllen und trank es bis auf den letzten Tropfen leer. Dann drehte er sich auf die linke Seite und sagte, auf deutsch:

"Ich sterbe."

In derselben Sekunde fiel der Vorhang. Anton Tschechow war 44 Jahre alt.

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