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StartseiteBüchermarktDas Leiden der Juden im zaristischen Russland04.04.2013

Das Leiden der Juden im zaristischen Russland

Simon Dubnow: "Geschichte eines jüdischen Soldaten". Vandenhoeck & Ruprecht

An das Leid und die bitteren Erfahrungen der russischen Juden erinnert die "Geschichte eines jüdischen Soldaten" des Historikers Simon Dubnow. 1916 entstand sein einziges literarisches Werk, das die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg thematisiert. Nun auch erstmals auf Deutsch.

Von Brigitte van Kann

Zar Nikolaus II. inmitten von russischen Soldaten im Ersten Weltkrieg: Im zaristischen Russland lebten viele Juden in Angst. (picture alliance / dpa)
Zar Nikolaus II. inmitten von russischen Soldaten im Ersten Weltkrieg: Im zaristischen Russland lebten viele Juden in Angst. (picture alliance / dpa)

Im April 2013 jährt sich ein Ereignis, das nicht nur unter den Juden Russlands, sondern weltweit traurige Berühmtheit erlangte: das Pogrom in der russischen Stadt Kischinjow. Die blutigen Greuel während der Ostertage des Jahres 1903 forderten 45 Tote und 86 Schwerverletzte. 1500 jüdische Häuser waren geplündert und zerstört. Die russischen Mörder, Brandschatzer und Vergewaltiger gingen straflos aus.

Pogrome hat es in Russland auch vor und nach Kischinjow gegeben – sie waren der Grund für die millionenfache Auswanderung russischer Juden nach Amerika –, doch das Ausmaß der Brutalität machte den Namen der Stadt Kischinjow zum Inbegriff jüdischen Bedrohtseins und jüdischer Rechtlosigkeit im Zarenreich. Als der Held von Simon Dubnows "Geschichte eines jüdischen Soldaten" wenige Tage nach den Ausschreitungen seine Heimatstadt Kischinjow besucht, trifft er überall auf die Spuren der Verwüstung.

Noch immer lagen auf den Straßen und Höfen mit ihren zerborstenen Toren Reste von Möbeln und Kleiderfetzen herum, an manchen Hauswänden waren dunkle Flecken zu sehen: "Das sind Blutflecken", erklärte mein Fuhrmann, ein Jude, der mir vieles berichtete, von dem ich nichts gewusst hatte. Mit klopfendem Herzen ließ ich vor dem Haus meiner Mutter halten, an dem mir sofort die mit allerlei Stoffen verstopften eingeschlagenen Fenster auffielen. Ich trat ein und erkannte in der alten blassen Frau, die mir um den Hals fiel, nur mit Mühe meine Mutter wieder, die doch jung und munter gewesen war, als ich von ihr Abschied genommen hatte.

Dann erfährt der junge Mann, was den Mitgliedern seiner Familie zugestoßen ist: Der entfesselte Mob hat den Schwager ermordet, die Schwester geschändet, ihren Säugling erstickt.

Meine Seele war in Aufruhr. Schmerz und Scham überfluteten mich: Schmerz wegen der gemarterten und entehrten Menschen, Scham wegen unserer Brüder, die ihre Nächsten Verstümmelung und Tod ausgeliefert hatten, ohne sich der brutalen Pogrommeute in den Weg zu stellen. Warum war keine jüdische Selbstwehr organisiert worden, wenn Polizei und Armee auf der Seite der Barbaren waren? Warum haben sie nicht ihre Ehre verteidigt, wenn sie schon das Leben nicht verteidigen konnten?

Für den 21-Jährigen ist "Kischinjow" ein Fanal: Er geht daran, jüdische Selbstwehr-Gruppen zu gründen. Zwölf Jahre und viele Pogrome und Demütigungen später wird sich der namenlose Held als "jüdischer Soldat" im Ersten Weltkrieg einige Male mit dem Mut der Verzweiflung schützend vor die Opfer seiner marodierenden Kameraden stellen. Doch seelisch zerbricht er an der nicht enden wollenden Gewalt gegen seine jüdischen Brüder, die er an der Front und im Hinterland erleben muss – und an der Schizophrenie seiner Lage: Er soll einen Staat mit dem Gewehr in der Hand verteidigen, der ihm die Bürgerrechte verwehrt, der oft genug antisemitischen Hass schürt und dessen Funktionsträger sich ungestraft an der jüdischen Bevölkerung vergreifen. Von einer deutschen Kugel getroffen, überantwortet der namenlose Held sterbend das Schicksal seines Volkes dem Gewissen der Welt.

"Die Geschichte eines jüdischen Soldaten" ist das einzige literarische Werk des großen Historikers Simon Dubnow, dessen zehnbändige "Weltgeschichte des jüdischen Volkes" von 1926-1929 in deutscher Übersetzung erschien und immer noch als Standardwerk gilt.

Der Slavistin Vera Bischitzky ist es zu verdanken, dass die "Geschichte eines jüdischen Soldaten" nun zum ersten Mal in deutscher Sprache zu lesen ist. Als sie in Moskau für die Übertragung von Simon Dubnows Erinnerungen "Buch des Lebens" recherchierte, legte ihr die Enkelin des Autors den auch in Russland vergessenen Text ans Herz. Vera Bischitzky hat ihn aus dem Russischen übersetzt, gemeinsam mit dem Tübinger Judaisten Stefan Schreiner herausgegeben und reich kommentiert.

Der Historiker Simon Dubnow, 1860 im weißrussischen Mstislavl geboren, war in seiner Jugend gezwungen, sich sein Wissen, seine russischen Sprachkenntnisse als Autodidakt anzueignen. Eine akademische Bildung blieb ihm versagt. Mit seinem "jüdischen Soldaten" teilte er den Bildungshunger und die Erfahrung, wie schwierig und in der Regel aussichtslos es war, den "Stacheldraht des jüdischen Numerus clausus", die strengen Quoten für jüdische Schüler und Studenten zu überwinden.

Eindrucksvoll zeigt das Beispiel des "jüdischen Soldaten", wie die jungen Juden Russlands durch die prägende Erfahrung von Gewalt und Rechtlosigkeit zu glühenden Anhängern der Revolution wurden.

Was machte mich zum Revolutionär? Oh, ich hatte ja von Kindheit an eine "Obrigkeits"-Schule durchlaufen. Die Erzählungen meiner Mutter über die Pogrome von 1881, die "Treibjagden" in Kiew und die "Gefangenschaft" in Moskau, die Tränen meines Vaters im Durchgangsgefängnis, das Gemetzel unter den Kindern durch die Gymnasial-Herodesse und die Rolle des Paria vor den Toren der Universität – braucht es eine bessere Vorbereitung auf die Revolution? Der nationale Protest verschmolz mit dem Sozialismus und die Revolution wurde meine Religion.

Als Simon Dubnow den Text 1916 in einer russischsprachigen jüdischen Wochenzeitung veröffentlichte, verstümmelte die Zensur das Werk. Erst nach der Februarrevolution 1917 konnte die "Geschichte" ungekürzt erscheinen. Es war ja die Februarrevolution – und nicht die Oktoberrevolution, wie vielfach angenommen –, die den russischen Juden die ersehnte Gleichberechtigung brachte und sie von der jahrhundertealten Diskriminierung befreite.

Trotz anfangs großer Hoffnungen ging der Gelehrte bald auf Distanz zum Oktober-Umsturz der Bolschewiki – die Sprache der Gewalt stieß ihn ab. Von 1922 bis 1933 fand er Zuflucht in Berlin. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme übersiedelte er nach Riga. Er hatte die lettische Hauptstadt einer möglichen Emigration in die USA vorgezogen, um seinen Kindern in Warschau und Moskau näher zu sein. Im Ghetto von Riga ist der 81-jährige Simon Dubnow nach dem deutschen Einmarsch Ende 1941 unter bislang ungeklärten Umständen ums Leben gekommen.

Für den Historiker Dubnow war die "Geschichte eines jüdischen Soldaten" eine kollektive Biografie, die das Schicksal einer ganzen jüdisch-russischen Generation in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg widerspiegelte. Die Herausgeber der deutschen Übersetzung haben dem schmalen Text soviel erhellendes Material zur Seite gestellt, dass ein veritables Geschichtsbuch entstanden ist. Es ruft ein verschüttetes Kapitel europäischer Historie auf und wird sicher in den für 2014 anstehenden Betrachtungen zur hundertsten Wiederkehr des Weltkriegsbeginns seine Bedeutung entfalten.

Simon Dubnow: "Geschichte eines jüdischen Soldaten."
Herausgegeben von Vera Bischitzky und Stefan Schreiner, aus dem Russischen übersetzt von Vera Bischitzky. Bibliothek Jüdischer Geschichte und Kultur. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012. 248 Seiten. 59,99 Euro

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