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StartseiteFirmenporträtDas Maß aller Dinge in der Logistik26.08.2011

Das Maß aller Dinge in der Logistik

Der Siegeszug der Europalette

Ohne Europalette gäbe es keinen reibungslosen Güterstücktransport innerhalb Europas. Eingeführt wurde das Holzgebilde vor 50 Jahren von der Deutschen Bahn. In Bassum bei Bremen werden jeden Monat eine halbe Million Europaletten hergestellt, und die dienen oft nicht nur zum Transport.

Von Godehard Weyerer

Paletten als Baustoff: Studenten der FH Münster haben ein Bausystem aus Europaletten für Krisengebiete konzipiert (EPAL/Gütegemeinschaft Paletten e.V.)
Paletten als Baustoff: Studenten der FH Münster haben ein Bausystem aus Europaletten für Krisengebiete konzipiert (EPAL/Gütegemeinschaft Paletten e.V.)

Von weitem schon riecht es nach frisch verarbeitetem Holz. Auf dem sieben Hektar großen Firmenareal, erzählt Geschäftsführer Friedhelm Haase, lagert eine viertel Million Paletten – nagelneu und aus unbehandeltem, hellen Kiefern- oder Fichtenholz. Die nachgedunkelten und ramponierten Paletten, die ein Gabelstapler in eine Halle fährt, fallen da gleich ins Auge.

"Die Reparatur ist nur ein wirklich kleiner Bereich in unserem Unternehmen. Nur für Kunden, für die wir Leistung anbieten müssen."

Ein Lkw mit niederländischem Kennzeichen biegt in das Firmentor ein. Der Betrieb, in dem Friedhelm Haase vor 34 Jahren als Elektrotechniker anfing und dessen alleiniger Firmeninhaber er seit zehn Jahren ist, produziert im Jahr vier Millionen Europaletten. 1,20 Meter lang, 80 Zentimeter breit, 14,4 Zentimeter hoch: das Maß aller Dinge in der Logistik. Seit nunmehr 50 Jahren:

"Das sind elf Bretter, neun Klötze und 78 Nägel. Die Nägel sind 3,6 mal 90 für die Deckflächenklotzverbindungen und 3,6 mal 70 für die Bodenbrettklotzverbindung und dann für die Deckbrettverbindung noch einmal ein Nietnagel. Frau Caune weiß das besser." - "Ja, Maschinenstift oder Nietnagel, 40er-Nägel."

Für den Einkauf zuständig ist Baiba Caune. Eine von 120 Beschäftigten. Seit zehn Jahren ist die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau im Betrieb. Und die Europalette ist immer noch aus Holz:

"Ich denke mal, für Kunststoffpaletten sind die Herstellungskosten zu hoch, die Energiekosten steigen ja von Tag zu Tag. Und Holz ist nachwachsender Rohstoff."

In Sägewerken der Umgebung wird das angelieferte Holz auf Maß geschnitten und in der Palettenfabrik Bassum montiert – zu Paletten. Die Bretter dürfen weder scharfkantig noch von Schimmel befallen, müssen frei von Astlöchern, Rissen und Baumrinde sein. All das wird vorgeschrieben – seit 50 Jahren, als die Deutsche Bundesbahn die Europalette aus der Taufe hob, als Antwort auf das Kreuz und Quer im damals vorherrschenden Stückgut-Transport. Viele europäische Eisenbahngesellschaften schlossen sich der Idee an. Heute dominiert die Europalette auch den Lkw-Verkehr – zumindest innerhalb Europas.

Friedhelm Hasse und Baiba Caune stellen sich an eine der acht Produktionslinien. Es ist laut, zu laut für ein Gespräch in der Halle:

"Wir sind Lizenznehmer ursprünglich der Deutschen Bahn, heute der EPAL, der European Pallet Association. In dieser Organisation sind alle internationalen Bahnen vertreten, und die EPAL ist die europäische Gütesicherung für die Europalette."

Dreimal im Monat kommt unangemeldet ein Kontrolleur in den Betrieb und prüft Maßgenauigkeit, Holzqualität und Trocknungsgrad der Paletten. Große Toleranzen werden da nicht gewährt. Auch der Tausch der Europaletten ist strikt geregelt:

"Der Tausch funktioniert ja eins zu eins. Ich liefere meine Ware aus und habe den Anspruch auf die Rückgabe einer leeren Palette. Es heißt aber nicht automatisch, dass ich eine neue Palette zurückbekomme. Sie muss tauschfähig sein. Dafür gibt es Tauschkriterien, die eben dann von der EPAL beschrieben sind."

Bei sachgerechter Behandlung schafft eine Europalette sieben, acht Durchläufe. Ausrangierte Europaletten werden gerne zweckentfremdet – nicht nur als Brennholz auch im Wohnbereich.

"Es mag eine rumstehen, aber ich sitze nicht drauf und schlafe nicht drauf, auch wenn ich ab und zu davon träume. Wir verfolgen das auch, dass sie teilweise genutzt wird als Tribünenersatz, gerne von Studenten als Unterlage für die Schlafmatratze. Selbst bei Hilfeleistungen des Roten Kreuzes hat man sie anschließend zum Hüttenbau genutzt. Kreative Leute machen da eine Menge draus."

Jede Europalette weist mehrere Brandzeichen auf – einmal EPAL, die vier Buchstaben, die für die europäische Zertifizierungsbehörde steht, dann das Land, in dem die Palette hergestellt wurde, und schließlich der Hersteller selbst. Gegen Fälschungen ist man nicht gefeit. Aber seit sich die osteuropäischen Länder der EPAL angeschlossen haben, sagt Friedhelm Haase, hält sich das Problem in Grenzen.

Viele Kunden der Palettenfabrik Bassum kommen aus Übersee, aus Indien oder China. Dort werden die Waren, die für den europäischen Markt bestimmt sind, auf Europaletten verpackt. Das lästige Umpacken entfällt. Ein Wermutstropfen bleibt. Das Palettenmaß ist europäisch, das Containermaß amerikanisch. Da bleibt viel Luft im Container. Trotzdem: Geschätzte 400 Millionen Europaletten sind weltweit im Umlauf.

Eine halbe Million Europaletten verlässt jeden Monat das Firmengelände der Palettenfabrik Bassum vor den Toren Bremens. Jede Europalette, sagt Geschäftsführer Haase, habe einen Marktwert von derzeit 8,50 Euro; das hängt in erster Linie vom aktuellen Holzpreis ab. Auf dem Lkw aus den Niederlanden sitzt ein deutscher Fahrer. Ein- bis zweimal, erzählt er, kommt er nach Bassum:

"Ich lade jetzt 722 Stück. Ich sehe das anhand der Stellplätze, und wie hoch die Stapel sind. Das geht noch im Kopf."

Geschickt und mit ruhiger Hand bugsiert der Gabelstapelfahrer die 20 Paletten hohen Stapel auf die Ladefläche des Lkw. Auch die sprichwörtliche Briefmarke scheint da kein Platz zu haben. Die Europalette zeigt sich von ihrer besten Seite. 15 Minuten hat es gedauert, bis der Lkw beladen ist. Der Fahrer holt sich die Frachtpapiere und macht er sich auf den Weg:

"Jetzt sind wir fertig. Die Gabelstaplerfahrer machen das gut, da muss man gar nicht mehr Obacht geben. Gut."

Geschäftsführer Friedhelm Haase schaut zufrieden dem Lkw hinterher. Das Geschäft brummt wieder. In der Krise 2009 war die Stückzahl um 30 Prozent eingebrochen.

"Wenn die Logistik läuft, wenn transportiert wird, läuft auch unser Produkt. Wir sind sehr stark vom Konsum abhängig. Unsere Palette bezeichne ich auch immer gerne als Frühindikator der Wirtschaft. Wenn die Palette nicht mehr läuft, dann deutet sich auch schon eine zurückgehende Konjunktur an."

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