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StartseiteBüchermarkt· Das Massaker der Illusionen02.10.2002

· Das Massaker der Illusionen

Ausgewählt und kommentiert von Mario Andrea Rigoni

Giacomo Leopardi gilt als einer der Wesensverwandten von Schopenhauer und Nietzsche, wenn nicht sogar als der literarische Vorläufer ihrer Philosophie. Noch immer ist dieser Zusammenhang unzureichend aufbereitet.

Cornelia Jentzsch

Bekannt wurde Leopardi vor allem durch seine Gedichte, die er Canti, Gesänge nannte. In ihnen brach er mit dem bisherigen Formenkanon der italienischen Lyrik. Bekannt wurde er auch durch die "Operette morali", kleine, dialogisch verfaßte Essays mit philosophisch-moralischem Inhalt. Dagegen wurden Leopardis tagebuchähnliche Aufzeichnungen erst fünfzig Jahre nach seinem Tod - er starb mit nur 39 Jahren - erstmals in Auszügen veröffentlicht. Auf gut 3.800 Seiten notiert der Dichter Gedanken zum status quo der Welt, wie sie sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihm in Italien zeigte. In diesem Zibaldone, das heißt soviel wie Sammelsurium, beeindruckt Leopardi durch eine nüchterne Weitsicht, die über sein Jahrhundert hinausreicht. Walter Benjamin meinte zu diesem Werk, es sei ein Handorakel, eine Kunst der Weltklugheit für Rebellen. Das Zibaldone ist umso bemerkenswerter, da Giacomo Leopardi knapp neunzehn Jahre alt ist, als er mit diesen spontanen Notaten beginnt. Sie behandeln philosophische, moralische, literaturhistorische, poetologische, sprachtheoretische, geschichtliche und politische Themen. Zu dieser Zeit lebt Leopardi in Recanati auf dem Gut seiner Eltern; inmitten einer üppig ausgestatteten Bibliothek und ausgefüllt mit Selbststudien, doch ansonsten in provinzieller Enge.

.... heutzutage, da die Macht auf wenige beschränkt ist, sieht man die Ereignisse, kennt aber die Gründe nicht, und die Welt gleicht jenen Maschinen, die sich mit Hilfe verborgener Federn bewegen... die Menschenwelt ist heute nicht anders als die Welt der Natur; man muß die Ereignisse untersuchen, wie man Naturerscheinungen untersucht, und sich die treibenden Kräfte vorstellen, indem man sich wie die Naturforscher blindlings vorantastet. Daraus kann man ersehen, wie wenig nützlich die Geschichte nunmehr ist.

Giacomo Leopardi wurde in eine Zeit hineingeboren, die sich mit den Folgen der Aufklärung auseinandersetzte. Jener Bewegung, welche im 17. und 18. Jahrhundert die Säkularisierung der Welt einleitete. Immanuel Kant beschrieb ihr Ziel als Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. Eingeleitet und befördert durch den Umbruch der Wissenschaften, vor allem von Astronomie, Physik und Medizin, wurde mit der Aufklärung die Vernunft zum Zentrum des Weltbildes. Der Mensch und sein Denken, sein Wirklichkeitssinn sollten von nun an allein über Methoden, Wahrheit und Irrtum jeder Erkenntnis entscheiden. Wie der Mensch auch allein über die Vernunft sein ethisches, moralisches und politisches Handeln begründen wollte. Doch: war der Mensch tatsächlich in der Lage, diese Offenbarung anzunehmen, danach sein Handeln auszurichten und mittels der Vernunft endlich die Welt zu verbessern?

Leopardi konnte verfolgen, wie die beginnende Industrialisierung zwar das Denken, die Wissenschaft und die Künste veränderte und vorantrieb, wie aber aber gleichzeitig die politischen Verhältnisse sich festzurrten und dagegensteuerten.

Kurz, die moderne Kultur hat uns in eine der Antike entgegengesetzte Lage gebracht, und es ist nicht einzusehen, wie zwei entgegengesetzte Dinge das gleiche sein können, nämlich beide Kultur.... Ehrgeiz, Habsucht usw. fallen in die Kategorie des Eigennutzes, beruhen auf dem kalten Kalkül des Egoismus und sind deshalb der Vernunft zuzuordnen, dem genauen Gegenteil des feurigen, blinden Impetus der Leidenschaft.

Giacomo Leopardi setzt sein gesellschaftliches Vergleichsmodell in der Antike an, bei den Griechen und Römern. Sie waren für Leopardi in der Ausgewogenheit ihrer Gesellschaftskonstruktionen beispielgebend. Doch ihre funktionierenden Gemeinschaften kippten genau in jenem Moment ins Verderben, als sich der Geist und die Philosophie ihrer zu stark bemächtigen und ihrer bis dahin halbbarbarischen Natur des Überganges, wie Leopardi es nannte, eine Kultur der Zivilisation überhalfen. Die Vernunft, so schrieb er weiter, trägt in sich die Tendenz zu Tod, Zerstörung und Wirkungslosigkeit. Durch ein Übermaß an Zivilisation bringt die Philosophie Verderbtheit. Dieses Übermaß sei niemals von einem Übermaß an Aufklärung zu trennen, ja, es entspränge erst zum großen Teil daraus. Leopardi begründet seine Ansichten auf bestechend logische Weise. Ihm konnte und kann kein wacher und vor allem vernünftiger Zeitgenosse widersprechen.

Niemals gab es, gibt es und wird es ein Volk und vielleicht auch kein Individuum geben, dem nicht Ungemach, Unheil und Unglück (und zwar weder selten noch von leichter Art) aus der Beschaffenheit seiner Regierung und den ihr innewohnenden und anhaftenden Mängeln erwüchsen, welches auch immer ihre Form war, ist und sein wird.

Im Auswahlband Massaker der Illusionen konzentriert sich der Herausgeber Mario Rigoni vor allem auf Leopardis historische und politische An- und Einsichten. Eine zentrale Kategorie des Menschlichen ist das Glück, eine notwendige Illusion. Es bietet dem denkenden Individuum ein Modell für Hoffnung und Ziel im Leben. Diese Illusion bringt aber gleichermaßen dem Menschen Verderben. Es ist die Ursache für seinen Schmerz. Am Glück erkennt der Mensch stets, wie weit er von diesem entfernt ist. Dem fatalen Kreislauf dieser Illusion zu entrinnen gelang bisher niemandem - weder einem Individuum noch einer gesellschaftlichen Form. Deshalb ist der Titel "Massaker der Illusionen" nicht nur ein pessimistische Zustandsbeschreibung. Er kann auch als Handlungsanweisung, sich der Illusionen zu entledigen, verstanden werden. Ein befreiender Akt, immerhin, auch wenn dieser nicht unbedingt gleichzeitig glücklich macht.

Der Mensch ist von Natur aus frei und jedem anderen Menschen gleich. Nicht jedoch im gesellschaftlichen Zustand. Sinn, Ursprung und Zweck der Gesellschaft ist allein das gemeinsame Wohl derjenigen, die sie bilden und sich zu einem mehr oder minder großen Ganzen zusammenschließen. Ohne dieses Ziels entbehrt die Gesellschaft ihren Sinn.... Vollkommenheit aber, selbst nur eine relative, gibt es weder bei den Menschen noch bei den Tieren noch bei den Dingen. Deshalb ist der Zustand der Gesellschaft notwendig unvollkommen.

Leopardis logische Schlussfolgerungen aus dem unsäglichen Zustand der Welt sind auch im Detail beeindruckend. Sie verlieren nichts an Aktualität, auch wenn man ihnen erst fast zweihundert Jahre später nach der Formulierung begegnet. In einer längeren Passage schreibt Leopardi über den veränderten Charakter von Kriegen seit der Antike. Ungerecht ist ein jeder Krieg, dennoch verstärke sich seit der Antike die von jeher ihm eigene Brutalität. Für Leopardi ein weiterer Beweis, daß es in der Welt keinen tatsächlichen Fortschritt geben kann, von dem jedoch die Aufklärung ausgeht. Im April 1821 notiert Leopardi in sein Tagebuch:

Entsprangen die Kriege ehemals dem nationalen Egoismus, so rühren sie heute vom individuellen Egoismus desjenigen her, der an der Spitze der Nationen steht, ja sie verkörpert.... ...im Altertum kämpfte Feind gegen Feind, heute der Gleichgültige mit dem Gleichgültigen, vielleicht sogar mit dem Freund, dem Gefährten, dem Verwandten... ehemals nützte der Sieg dem, der gekämpft hatte, heute dem, der das Kämpfen befiehlt... nichts ist so sehr wider die Natur, als wenn ein Mensch weder aus gewohnheitsmäßigem Haß noch aus akutem Zorn zu keinem oder fast keinem Vorteil oder eigenem Nutzen auf Befehl einer Person, die er gewiß nicht besonders liebt und wahrscheinlich nicht einmal kennt, einen anderen Menschen tötet..

Bei all der Weitsicht des von Leopardi Gesagtem muß man noch ergänzen, daß er zu seinen Lebzeiten noch nicht einmal etwas vom Wirtschaftsfaktor Krieg und Kriegszubehör kennen oder ahnen konnte. Diesen Faktor brachte erst die Industrialisierung auf die Kampffläche. Die folgende Passage liest sich fast wie eine vorausschauende Beschreibung des 21. Jahrhunderts.

Die Dinge gingen nicht mehr einfach und natürlich ihren Gang, und dieses oder jenes Ding nicht mehr auf diese oder jene Weise ohne klar umrissene Notwendigkeit: unerläßlich wurde daher, und ist es in Anbetracht der größeren Verderbnis erst recht, die mathematische Präzision der Dinge, der Gesetze und der Gewalten.

Von Zeitgenossen oftmals als Pessimist verkannt, war es Nietzsche, den Leopardi tief beeindruckte. Nietzsche studierte immer wieder seine Arbeiten, wie sich in Briefstellen und vergleichenden Textauszügen nachweisen läßt. Der deutsche Philosoph Wilhelm Dilthey gab im Jahr 1898 eine treffende Bemerkung über die Grundstruktur des Nihilismus, der sich bei beiden und in der selben Genealogie auch bei Byron und Schopenhauer findet. Übrigens machte er diese Bemerkung zufällig zum einhundertsten Jubiläum Leopardis. Dilthey schrieb, daß alles Feste schwankend geworden sei, es gäbe eine schrankenlose Freiheit der Annahmen. Dieses Spiel mit grenzenlosen Möglichkeiten ließen den Geist seine Souveränität genießen - und gäben ihm zugleich den Schmerz seiner Inhaltslosigkeit. Doch zumindest hierauf fand Leopardi eine für Optimisten wohl akzeptable Antwort:

Der Mensch ist nicht immer vernünftig, aber immer auf die eine oder andere Weise konsequent.

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