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StartseiteCorsoDas neue "Mutter"-Glück12.11.2011

Das neue "Mutter"-Glück

Legendäre Berliner Band bringt gleich zwei neue Alben heraus

Zwar haftet ihr das Stigma kommerzieller Erfolglosigkeit an, doch ihre Musik gilt als stilbildend: die in den 80er-Jahren aus der Punkszene hervorgegangene Berliner Band Mutter. Jetzt hat sie nach sechsjähriger Schaffenspause mit "Trinken singen schießen" und "Mein Kleiner Krieg" zwei neue Alben vorgelegt.

Von Wiebke Colmorgen

Produziert alles andere als leichte Mitgrölkost: die Berliner Band Mutter. (Stock.XCHNG / Dave Dyet)
Produziert alles andere als leichte Mitgrölkost: die Berliner Band Mutter. (Stock.XCHNG / Dave Dyet)

Als besonders stilprägend geltende Bands sind nicht unbedingt auch diejenigen, die mit kommerziellem Erfolg gesegnet sind. Künstlerische Freiheit und Mainstream gehen eben nur selten eine Liaison miteinander ein. Auch die Berliner Band Mutter, die als legendär und sehr wichtig für die deutschsprachige Musikszene gilt, kennt dieses Phänomen. Es vergeht kaum ein Interview, in dem Sänger Max Müller nicht mit dem Thema Erfolg konfrontiert wird.

"Erfolg – das ist wirklich das erste Ding. Und ich hab auch gesagt, ich will's nicht mehr hören. Was soll ich damit anfangen – Erfolg: Was ist denn das?"

Für Bands wie Mutter muss ein anderer Erfolgsmaßstab angesetzt werden – einer der eher qualitativ als quantitativ ist. Dann wird man schnell feststellen, wie erfolgreich diese Band tatsächlich ist.

So ist Max Müller beispielsweise für seine direkte und ironiefreie Art, Texte zu schreiben bekannt und geschätzt.

"Mir macht es auch Spaß, was mit den Texten und mit der Musik passiert, wenn sie so simple erscheinen. Denn das ist gar nicht so einfach, Sachen so einfach auszusprechen, ohne dass sie peinlich werden."

Dabei spricht Müller auch Aspekte an, die sonst als tabuisiert oder "nicht schick" gelten, wie zum Beispiel das Thema Schuld und Vergebung in dem Song "Israel", der auf dem 1991er Album "Komm" erschienen ist und als einer der wichtigsten Mutter Songs gilt.
"Israel" anspielen

Mutter ist in den 80er-Jahren aus der Berliner Punkszene hervorgegangen. Neben Schlagzeuger Florian Koerner von Gustorf ist Sänger Max Müller einziges noch verbliebenes Gründungsmitglied. Eigentlich sollte er damals viertes Mitglied der Ärzte werden, ist aber nie bei den Proben erschienen. Zum Glück, kann man wohl sagen. Denn dann hätte es Mutter wohlmöglich nie gegeben und somit eine Band, der es heute wie damals gelingt, Menschen in ihren Bann zu ziehen, obwohl ihr Kosmos eigen, unvorhersehbar und alles andere als leichte Mitgrölkost ist.

"Was ich super faszinierend finde an Mutter ist, dass das dieser Schmerz da immer mitschwingt. Dieser Schmerz, der in den schönen und auch brachialen Liedern drin steckt, der einen persönlich berührt, was sich mit der eigenen Geschichte verbindet. Das ist es, was Mutter so stark macht, wenn man sich erst einmal reingehört hat, was man aber tun muss."

Konzertbesucher Jakob - der so alt ist wie die Band selbst - hat sich reingehört.
Geholfen hat ihm dabei ein Mutter-Song, der durch seine einfache und direkte Schönheit eine fast sirenenhafte Anziehungskraft ausübt: "Die Erde wird der schönste Platz".

Dass die für Mutter typische Brachialität, immer wieder durch tief berührende Schönheit gebrochen wird, ist für Max Müller keineswegs ein Widerspruch. Vielmehr ist es Ausdruck seiner künstlersicheren Freiheit, die er in der heutigen Zeit als viel zu wenig ausgeschöpft empfindet.

"Es gibt so wenig, wo ich denke wow, das ist ja wirklich was Eigenes. Ich finde es gerade eine komische Zeit. Vielmehr Biedermeier als die 50er-Jahre."

Nach einer fast sechsjährigen Pause, in der es Bandumstrukturierungen gab, haben Mutter innerhalb nur eines Jahres gleich zwei Alben veröffentlicht.

Ihr aktuelles Album trägt den Titel mein "Meiner Kleiner Krieg" und ist vielleicht als Sinnbild für einen Weg zu sehen, der nicht gerade und vorhersehbar, aber dafür substanziell und echt ist.
Ihre Musik vermarkten Mutter mittlerweile komplett selbst mit ihrer Plattenfirma "Die Eigene Gesellschaft." Das gewährleistet ihnen ein Maximum an künstlerischer Freiheit. Schließlich möchte Mutter immer wieder überraschen – ein Anspruch, der in gradlinigen Erfolgsstrategien ambitionierter Musikvermarkter wenig Platz haben dürfte.

Bei Mutter ist aber eben genau das ihr Erfolgsrezept, mit dem sie mittlerweile längst nicht mehr nur Musikkritiker glücklich machen sollten.
Denn Mutter ist eine Band, die der Welt wirklich etwas zu geben hat und dafür auch bereit ist zu kämpfen - wenn es sein muss jeden Tag.

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