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StartseiteEuropa heute"In keiner Weise vorzüglich" 18.09.2017

Das österreichische Rentensystem"In keiner Weise vorzüglich"

Rentnerparadies Österreich: Diesen Ruf genießt die Alpenregion wegen vergleichsweise hoher Renten - auch für Menschen, die nicht zu den Spitzenverdienern gehört haben oder längere Zeit ausgesetzt haben. Doch das angebliche Vorbild für ein funktionierendes Rentensystem hat ein Finanzierungsproblem.

Von Srdjan Govedarica

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Als Miniaturfiguren sind zwei Senioren auf Euro-Münzen zu sehen  (dpa/Jens Büttner)
Als Rentner hat man es gut in Österreich - die Frage ist nur, wie lange das System so bestehen kann (dpa/Jens Büttner)
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Frau Letz ist vor kurzem Oma geworden. In einem großen Möbelhaus schaut die 66-jährige Wienerin nach Geschenken für ihren Enkel. Ob sie heute etwas kauft, weiß sie noch nicht, zuerst möchte sie sich einen Überblick verschaffen.

"Ich glaube, ich bin der Menschentyp, der sich nach der Decke streckt. Ich würde auf manches nicht verzichten wollen, aber andere Dinge - da kann ich ganz gut unterscheiden, was mir wirklich wichtig ist, worauf ich verzichten kann, ohne dass ich unzufrieden bin."

Seit neun Jahren ist Frau Letz jetzt Rentnerin - in Österreich sagt man Pensionistin -, davor hat sie als Versicherungssachbearbeiterin bei einem Bauunternehmen gearbeitet. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder hat sie zwei Mal für längere Zeiten ausgesetzt, danach nur in Teilzeit gearbeitet.

"Das war in Ordnung, weil mir die Kinder wichtig genug waren, dass ich diese Unterbrechungen in Kauf genommen habe. Natürlich ist mir etwas entgangen, dadurch, dass mein Verdienst geringer war durch die geringere Arbeitszeit. Aber damit habe ich kein Problem."

Frau Letz bekommt eine Regelpension von 1.300 Euro netto im Monat. Rechnet man das in Österreich auch für Rentner übliche Weihnachts- und Urlaubsgeld dazu, kommt sie auf etwa 1.500 Euro netto im Monat, trotz Teilzeitarbeit und Erziehungsunterbrechungen und der Tatsache, dass sie als Sachbearbeiterin im Berufsleben nicht zu den Spitzenverdienen gehört hat. Beamte oder Angehörige bestimmter Berufe bekommen deutlich mehr. Beispiele wie diese sind der Grund dafür, dass Österreich den Ruf hat, ein Rentnerparadies zu sein.

Der Staat muss jedes Jahr Milliarden zuschießen

Auch in Deutschland muss die Alpenrepublik immer wieder als Beispiel für ein funktionierendes Rentensystem herhalten. Professor Bernd Marin, Sozialwissenschaftler und Rentenexperte, widerspricht:

"Man muss immer vergleichen die Ergebnisse mit den eingesetzten Mitteln und da ist das Pensionssystem in keiner Weise vorzüglich".

Zwar zahlen anders als in Deutschland auch Selbstständige und Beamte mit ein und der Rentenbeitrag auf dem Lohnzettel liegt mit 22 Prozent deutlich höher als in Deutschland. Weil die private und betriebliche Vorsorge wenig ausgebaut sind, muss der Staat aber jedes Jahr Milliarden zuschießen - rechnet Rentenexperte Bernd Marin vor:

"Sie müssen sich vorstellen, dass die, gutmütig gerechnet, Finanzierungslücke Jahr für Jahr in etwa 15 Milliarden Euro ausmacht - in Deutschland mit Faktor zehn zu multiplizieren, um das Äquivalent für Deutschland zu erahnen. Und das ist gutmütig gerechnet, weil damit stelle ich in Rechnung, dass der Vater Staat für seine Staatsdiener Rücklagen gebildet hätte, was er bekanntlich nicht tut."

Immer weniger Menschen zahlen für immer mehr Rentner

Auch mit Blick auf das tatsächliche Renteneintrittsalter gilt Österreich als besonders großzügig, sagt Bernd Marin.

Ein weiteres Problem für die Rentenkassen ist die Langlebigkeit der Österreicher. Wenn sie im Schnitt mit 60 Jahren in Rente gehen, leben sie noch fast ein Vierteljahrhundert. So kommt es, dass einige länger hohe Rente beziehen, als sie in das Sozialsystem eingezahlt haben. Die Folge: Immer weniger Menschen zahlen für immer mehr Rentner.

"So braucht man nicht mal einen Rechenschieber, um zu sehen, dass da drei- bis vierfache Beträge entnommen werden als sie eingezahlt werden, sodass wir eine gewaltige intergenerationale Umverteilung haben."

Als Rentner hat man es gut in Österreich - die Frage ist nur, wie lange das System so bestehen kann. Das macht auch Frau Letz Sorgen, nicht zuletzt mit Blick auf ihr Enkelkind:

"Ich mache mir Gedanken, vor allem deswegen, weil ich sehr wohl zufrieden sein kann, aber das für die Zukunft mir auch wünschte. Und da beginnt man schon zu überlegen, ob das funktionieren kann."

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