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Seit 07:00 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellDas Orakel in den Abruzzen20.01.2009

Das Orakel in den Abruzzen

Italienischer Techniker erfindet treffsicheres Erdbebenvorhersagesystem

<strong>Geologie. - Italiens ist dasjenige Land der EU mit den meisten Erdbeben, regelmäßig fordern die Erdstöße ihren Tribut an Schäden und Opfern. Ein Techniker aus den Abruzzen scheint jetzt ein System gefunden zu haben, das Beben voraussagen kann.</strong>

Von Thomas Migge

Giampoalo Giuliani prognostiziert anhand von Radon Erdbeben offenbar mit beachtlicher Zuverlässigkeit. (AP)
Giampoalo Giuliani prognostiziert anhand von Radon Erdbeben offenbar mit beachtlicher Zuverlässigkeit. (AP)

Giampaolo Giuliani ist technischer Assistent am nuklearphysischen Institut des Gran Sasso. Der Berg erhebt sich in der mittelitalienischen Region Abruzzen. Hauptstadt der Region ist das jetzt im Winter verschneite l’Aquila. Am Stadtrand geht Giuliano einer Nebenbeschäftigung und einer Leidenschaft nach: er baut Computer nach den Wünschen seiner Kunden zusammen und spürt Erdbeben nach. Von seinem kleinen Geschäft aus führt eine Zementtreppe in einen geräumigen Keller. Auf Tischen flackern Computer und an der Wand ist ein Erdbebenaufzeichnungsgerät befestigt. Mitten im Kellerraum steht auf dem Fußboden ein 70 Mal 70 Zentimeter großer Bleikasten. Jeweils zwei Kabel sind an seinen vier Seiten befestigt. Sie führen direkt in einen Computer. Der Bleikasten sei, erklärt Giuliani, das Ei des Kolumbus für Erdbebenprognosen:

"Der Kasten ist ein Gerät, mit dem Gammastrahlen erfasst werden. Ich nenne ihn Radometer, denn er stellt fest, wie viel Radon aus dem Erdboden strömt. Dieses radioaktive Element wird in der Erdkruste erzeugt und strömt überall auf der Erde an die Oberfläche. Es ist ein geruchloses Edelgas und für die menschliche Gesundheit in hohen Dosen gefährlich."

Der Bleikasten von Giuliani ist ein Radon-Erfassungsgerät. Die sechs Jahre dauernden Tests des Technikers haben gezeigt, dass das Radometer, um effizient zu arbeiten, in einem möglichst tief gelegenen und kleinen Raum aufgestellt werden muss. Der Raum sollte schlecht gelüftet sein, damit das Radon ungestört aus dem Erdreich die sechs Zentimeter dicken Wände der hermetisch abgeschlossenen Bleikastens durchfließen kann. Der Kasten enthält nichts anderes als ein bereits handelsübliches digitales Oszilloskop. Das ist ein Messgerät zur optischen Darstellung voneinander unabhängiger Spannungen in einem zweidimensionalen Koordinatensystem. Auf Giulianis Computerbildschirmen lassen sich anhand des so genannten Verlaufsgraphen die verschiedenen Radonströme darstellen, die aus der Erde kommen. Im Unterschied zu anderen Oszilloskopen dieser Art muss in Giulianis Gerät das Radon nicht hineingepumpt werden. Er verlässt sich einzig und allein auf den natürlichen Fluß des Gases aus der Erde an die Oberfläche und misst diesen Fluss. Das habe den Vorteil, so Giuliani, dass sein Oszilloskop die natürliche Radonmenge misst und Verfälschungen durch Pumpvorgänge verhindert werden:

"Radon strömt ohne Probleme durch die Bleikiste und wird dort, wie in anderen Messgeräten dieser Art, erfasst. Einer der Vorteile meines Bleikastens besteht darin, dass er aufgrund seiner Wanddicke nur das Radon durch seine Außenwände lässt. Andere, weniger intensive Gase der Erdkruste, bleiben außen vor und beeinträchigen nicht die Messergebnisse."

In den letzten Jahren hat Giuliano mit verschiedenen Bleikästen dieser Art in der gesamten Region Abruzzen Testserien durchgeführt. Mit dem Ziel, den durchschnittlichen Radonfluss an die Erdoberfläche zu ermitteln. Solche Durchschnittswerte sind abhängig von der geologischen Beschaffenheit einer Gegend. Im bergigen l’Aquila zum Beispiel liegt dieser Mittelwert bei 70 Becquerel pro Kubikmeter. Ein Becquerel ist ein Radioaktivitätsmesswert, der Auskunft über die Anzahl der Atome angibt, die pro Sekunde zerfallen. Giampoalo Giuliani:

"Unsere Beobachtungen haben gezeigt, dass immer dann, wenn mindestens drei Mal innerhalb weniger Stunden der Mittelwert deutlich überschritten wird, wir innerhalb der nächsten sechs bis 24 Stunden mit einem Erdbeben rechnen müssen. Je nach dem wie hoch der Mittelwert überschritten wird können wir Prognosen auf die Schwere des bevorstehenden Bebens treffen."

Das von Giuliani entwickelte Testgerät weckt bereits internationales Interesse: amerikanische und Schweizer Unternehmen würden ihm nur zu gern sein italienisches Patent abkaufen. Doch bei den italienischen Verantwortlichen des nationalen Katastrophenschutzes stößt er auf taube Ohren. Die Region Abruzzen, eine der am häufigsten von Erdbeben betroffenen Gegenden Italiens, will allerdings im nächsten Jahr das weltweit erste Erdbeben-Vorhersage-Institut einrichten. Dafür werden an zehn bis 15 Stellen der Region Giulianos Bleikästen aufgestellt. Die auf diese Weise ermittelten Daten laufen im Zentralcomputer des regionalen Zivilschutzes zusammen. Obwohl der Präsident des nationalen Zivilschutzes nach wie vor behauptet, dass sich Erdbeben effektiv nicht voraussagen lassen, haben sich in den letzten sechs Jahre alle von Giuliani prognostizierten Beben pünktlich eingestellt – auch jenes katastrophale Beben 2002 im San Giuliano in Apulien, bei dem über 20 Kinder unter dem Dach ihrer Schule begraben wurden. Die Anrufe des Erfinders beim apulischen Zivilschutz, um die Verantwortlichen auf ein Beben innerhalb der nächsten 24 Stunden hinzuweisen, wurden als Schwarzmalerei abgetan.

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