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Seit 09:30 Uhr Essay und Diskurs
StartseiteComputer und KommunikationSelfie-App für Selbstdarsteller05.08.2017

Das perfekte SelbstporträtSelfie-App für Selbstdarsteller

Es braucht mehrere Anläufe, um ein gutes Selfie zu machen. Eine neue App, entwickelt von der kanadischen Waterloo University, könnte das jetzt ändern. Auf Basis virtuell erzeugter Selfies sei es nun mit wenigen Klicks möglich, sich möglichst perfekt in Szene zu setzen, erklärte Mitentwickler Daniel Vogel im Dlf.

Daniel Vogel im Gespräch mit Manfred Kloiber

Selena Gomez macht ein Selfie (imago stock&people/UPI Photo)
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Vogel: Wenn Sie ein Selfie machen, dann schauen Sie ja das Handy mit der Kamera an. Und bevor Sie auf den Auslöser drücken, blendet unsere App verschiedene Pfeile in das Kamerabild ein. Pfeile rund um Ihren Kopf und in der Ecke um eine kleine Sonne herum und so weiter. Und diese Pfeile dirigieren Sie, wie sie Ihr Handy bewegen müssen, damit der Kopf zum Beispiel größer oder besser in der Mitte des Bildes erscheint und wie das Licht auf Ihr Gesicht fällt.

Kloiber: Erkennt denn die App auch Mimik, also ob man lacht oder traurig aussieht?

 Vogel: Im Moment macht die App das noch nicht. Aber unsere Methodik ließe das zu, weil wir ja auf die Bilddaten zugreifen. Das hängt von zwei Dingen ab: Mit Bilderkennungsalgorithmen müsste also detektiert werden, ob ein Gesicht im Bild ist, wo es ist und wie groß es ist und wie das Licht auf das Gesicht fällt. Und es gibt Algorithmen, die erkennen, ob man lächelt, wo der Mund ist oder wie der Mund geformt ist. Also, diese Informationen könnten wir ebenfalls verwenden.

Tausende Selfies erzeugt und ausgewertet

Kloiber: Das ist ja alles auch eine Frage des Geschmacks. Wie sind sie jetzt auf die Regeln gekommen, die bestimmen, was gut und was schlecht ist?

Vogel: Was wirklich interessant ist, ist doch die Frage, wie wir auf die Kriterien gekommen sind und wie wir sie sogar messen können. Es gab ja schon Studien, die sich mit der Frage beschäftigten: Was ist ein gutes Selfie? Und in den früheren Studien hat man Millionen von Selfies aus dem Internet, zum Beispiel bei Instagram heruntergeladen und analysiert. Aber das Problem ist, dass jedes Selfie irgendwie anders ist. Die Leute haben eben einen unterschiedlichen Gesichtsausdruck, verschiedene Frisuren und es gibt verschiedene Dinge im Hintergrund. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das eine gewaltige Datenmenge.

Also haben wir etwas ganz Anderes gemacht, was auch den Kern unserer Arbeit ausmacht. Wir haben nämlich virtuelle Selfies erzeugt. Dazu haben wir hochqualitative Körperscans von echten Menschen genommen und sie im Computer in einer virtuellen Umgebung mit einer virtuellen Kamera und virtuellem Licht fotografiert. Dafür haben wir Programme entwickelt, mit denen wir sehr genau die Gesichtsgröße, Position und die Beleuchtung steuern konnten. Und dann haben wir Tausende Selfies, diese virtuellen Selfies gemacht.

"Wir wollten wissen, was durchschnittliche Menschen für ein gutes Selfie halten"

Kloiber: Und die haben Sie von Probanden dann beurteilen lassen?

Vogel: Ja genau. Also, diese Tausenden von virtuellen Selfies haben wir zur Auswertung an einen Clickworker-Service gegeben, an Mechanical Turk. Und eine kleine Software hat den Clickworkern verschiedene virtuelle Selfies gezeigt. Die mussten dann jeweils die fünf besten und die fünf schlechtesten Aufnahmen auswählen. Die Clickworker waren explizit keine Fotografen, sondern ganz normale Leute. Denn wir wollten ja wissen, was durchschnittliche Menschen für ein gutes Selfie halten. Das haben wir mit mehr als 1.000 Leuten gemacht. Damit konnten wir deutlich die unterschiedlichen Trends erkennen.

"Unsere Anleitung bringt Ihnen bei, wie ein gutes Selfie aussehen muss"

Kloiber: Welchen Nutzen habe ich denn davon, wenn ich die App nutze?

Vogel: Ich denke, es gibt einen unmittelbaren Nutzen und potenziell auch einen langfristigen Nutzen. Der unmittelbare Nutzen ist, wenn Sie unserer Anleitung folgen, werden Sie ein Selfie machen, das - gemessen an unseren Daten und den Tausenden von Bewertungen - einfach besser ist. Also Sie machen Selfies, die mehr Leute mögen und deshalb den wortwörtlichen Like-Button drücken.

Der andere Aspekt ist, dass Sie langfristig damit lernen, wie man den Kopf halten muss oder wie das Licht einfallen sollte. Unsere Anleitung bringt Ihnen also bei, wie ein gutes Selfie aussehen muss.

Mehr Verkaufschancen durch das perfekte Foto

Kloiber: Mal abgesehen von den Selfies – wozu könnte Ihre App sonst noch gut sein?

Vogel: Ja, ich glaube schon. Wir haben zum Beispiel an Produktfotos gedacht, etwa für Online-Auktionsseiten wie eBay oder Gebrauchtwagen-Portale. Wo die Leute eben Fotos von Ihrem Auto machen müssen oder von dem Produkt, das sie verkaufen wollen. Wir könnten hier die gleiche Methodik anwenden und eine App entwickeln, die den Leuten zeigt, wie man die Beleuchtung oder die Positionierung verbessert.

Oder eine App zum Aufnehmen von Räumen für Makler. Also für alle Fotos, die man auf solchen Verkaufsplattformen findet.

Kloiber: Was hat Sie denn dazu gebracht, sich wissenschaftlich mit Selfies zu beschäftigen?

Vogel: Ich bin eigentlich kein typischer Informatiker, sondern ich habe auch einen Abschluss von einer Kunstschule. Deshalb bin ich auch an solchen Dingen wie Ästhetik und Bildgestaltung interessiert. Und deshalb habe ich die vielen Selfies auch in meiner eigenen Umgebung als interessantes Forschungsobjekt wahrgenommen. Als Forscher in diesem Bereich überlege ich ja ständig, ob man etwas besser machen kann oder Probleme beseitigen kann oder ob es da ein interessantes Phänomen gibt. Da kam auch das Selfie-Projekt her.

Kloiber: Das war Professor Daniel Vogel von der Waterloo University im kanadischen Toronto über bessere Selfies. Das Interview haben wir aus technischen Gründen vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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