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StartseiteBüchermarktDas Pferd, das den Bussard jagte27.05.2002

Das Pferd, das den Bussard jagte

Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg

Als Romancier und Bach-Kenner ist Maarten 't Hart in Deutschland ein Begriff. Seine Bücher erscheinen zeitgleich hier wie in den Niederlanden, was nicht einmal bei Harry Mulisch immer der Fall ist, der gemeinsam mit Cees Nooteboom als bekanntester holländischer Autor auf dem deutschen Markt präsentiert wird. Maarten 't Hart ist auf dem besten Weg, es den beiden gleich zu tun. Und um dies zu unterstreichen, eröffnet sein Verlag <em>Arche</em> nun dem deutschen Publikum ein neues Kapitel von 't Harts literarischem Werk: seine Kurzgeschichten. Des weiteren stehen noch zehn Essaybände, zwei Autobiographien sowie eine Novelle aus; ein weiteres hierzulande unbekanntes Kapitel bilden also die zeitkritischen Betrachtungen des Autors. Doch auch mit dem Kurzgeschichtenband. Das Pferd, das den Bussard jagte', ist lang nicht alles zu seinem Schaffen auf diesem Gebiet gesagt: Von den über 70 Geschichten, die er in Holland veröffentlicht hat, erscheint jetzt eine erste Auswahl von gerade mal elf. 't Hart hat sie selbst getroffen und sich für Texte aus jeder Phase seines Schreibens entschieden, von 1974 allgefangen bis heute, vom calvinistischen Dorfleben hin zum niederländischen Alltag. Den Dreiklang Calvinismus, Königshaus, Niederlande hält er inzwischen für verstimmt, auch war der wieder in aller Munde, als Prinz Willem Alexander die neue .Prinzessin der Herzen' heiratete, Maxima:

Volkmar Mühleis

Wir waren die erste Republik der Welt, in der die Monarchie abgeschafft wurde, und dass man sie später wieder eingeführt hat, ist mir völlig unverständlich. Dieses ganze Fassadenspiel finde ich beängstigend. Prinz Claus war einmal ein zuversichtlicher Mann, und heute ist er ein Abbild seiner Lebensumstände: depressiv und krank. Die Hochzeit von Maxima war hierzulande die Glücksdroge schlechthin nach den Terroranschlägen im September. Die Zeitung, in der ich regelmäßig eine Kolumne schrieb, kündigte mir die Zusammenarbeit, weil meine Kritik am Königshaus nur böse Reaktionen hervorrief. Ich denke, wir sollten die Monarchie wieder abschaffen.

So vehement er seine Kritiken im Zeitgeschehen äußert, in seinen Geschichten bedient er sich zumeist eines ironischen Details, das dann jeden Absolutheitsanspruch anderer zunichte macht. Im ,Tal von Hinnom' etwa überbieten sich zwei Familien auf einer Hochzeit an zur Schau gestellter Gläubigkeit, während dem Jungen in der Runde nur auffällt, wie eine Tomatensortiermaschine das Phrasengedresche mit ihrem Quietschen begleitet. Humor statt Bitterkeit ist es, was Maarten 't Harts Prosa kennzeichnet. Beschreibt Hugo Claus das Leben auf dem Land in einer abgrundtiefen Unpersönlichkeit, so nimmt 't Hart der Schwere ihre Ausschließlichkeit mit oft nur einem Zwinkern, einem schelmischen Witz, und den weiß er durchaus auch auf eine ganze Geschichte zu übertragen.

Die Satire "Engagement" handelt davon, wie eine Leserin seines -tatsächlich erschienenen - wissenschaftlichen Plädoyers gegen eine Dämonisierung von Ratten dieses zu wörtlich nimmt und ihr Haus zu einem Heim für Ratten macht, bis sie schließlich selbst darin nicht mehr leben kann und den Autor zur Hilfe ruft. Denn dieser ist als Verhaltensforscher in den Niederlanden eben auch für seine Abhandlung namens "Ratten" bekannt und meint:

Ich habe jahrelang Ratten gehabt, als Haustiere. Sie sind sehr umgänglich, liebenswert und völlig problemlos zu halten. Man darf sie nur nicht überall herumlaufen lassen, weil sie sonst alle Kabel durchbeißen. Dass ich jetzt einen Hund habe und keine Ratten mehr hat lediglich damit zu tun, dass der Hund nach den Ratten jagen würde.

Tiere bilden oft den gemeinsamen Nenner von Maarten 't Harts naturwissenschaftlichem und literarischem Interesse. In der Titelgeschichte ,Das Pferd, das den Bussard jagte' reist ein Verhaltensforscher in ein deutsches Universitätsstädtchen und sieht plötzlich vom Fenster des Zuges aus. wie ein Pferd einen Bussard im Feld verfolgt, aufscheucht, zwickt, doch nicht verletzt, nur mit ihm spielt. Auf seiner Reise nach Marburg beobachtete 't Hart diese Szene tatsächlich, die wissenschaftlich nicht zu verallgemeinern ist, handelte es sich doch um einen nicht weiter zu bestimmenden Zufall, doch literarisch wurde sie ihm zum Symbol. In der Titelgeschichte flirtet ein verheirateter Forscher mit einer Kollegin auf einem Kongress. Die beiden begegnen sich zufällig, reagieren befremdet, fasziniert voneinander und hilflos. Das Pferd stößt auf einen Bussard, könnte man meinen; Sie haben nichts aneinander, doch sie lassen auch nicht voneinander, bis beide schließlich wissen woran sie sind. In dem Spannungsfeld zwischen seiner Frau und der Kollegin erinnert der Erzähler sich an seine Kindheit, und wie ihm ein Satz von Wilhelm Raabe damals zum Leitspruch geworden war - "Es ist eigentlich eine böse Zeit!"

Raabe ist ein Konservativer Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland, der zurückblickt und denkt, dass früher alles besser war. Sein Stil ist ein wenig altbacken, neben Fontäne etwa, der viel moderner war. Aber ich mag Raabe sehr, er hat diese wunderbare Bilder; In einer Geschichte zum Beispiel flüchten die Bewohner einer Ortschaft vor dem Krieg, und nur ein Rabe bleibt eingesperrt zurück. Die Menschen erleben unterwegs die grausamsten Dinge, Als sie aber zurückkehren sehen sie: Der Rabe ist unversehrt. Ich halte ein solches Bild auch heute für aktuell. Es geschehen immer noch die grausamsten Dinge, imd es braucht Symbole von Unversehrtheit.

Vergleicht man die Erzählungen des Autors mit seinen Romanen, dem zuletzt in Deutschland erschienenen ,Gott fährt Fahrrad' - etwa, so trifft man "vertraute Figuren wieder und erhält einen ähnlichen Eindruck in der stilistischen Entwicklung seines Schreibens von zunächst geradlinigen Handlungsverläufen hin zu einem assoziativeren Gestalten. Der Totengräber Pau, dessen Tod in .Gott fahrt Fahrrad' beschrieben wird, liegt in einer Kurzgeschichte des neuen Bandes aufgebahrt im eigenen Haus. 'Onkel Job' - so auch der Titel dieser Geschichte - stattet Paus Witwe soviele Kondolenzbesuche ab, dass ihre Söhne schließlich dem Onkel jede weitere Beileidsbekundung untersagen; Offensichtlich geht es ihm mehr um ihre nun alleinstehende Mutter als den verstorbenen Bruder. Das Erkennen dieser vorgetäuschten Bruderliebe lässt die Söhne näher zusammenrücken. Für den älteren der zwei, Maarten 't Harts alter ego, ein unerwartetes und umso wichtigeres Vermächtnis: Durch das vom Bruder seines Vaters missbrauchte Vertrauen umso stärkeres Vertrauen fassen zu können in seinen eigenen Bruder. Es sind diese Wendungen, die das Schwere nicht nur ironisch aufbrechen, sondern tatsächlich zu relativieren vermögen. Eine Kunst, die Maarten 't Harts Popularität zu Grunde liegt.

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