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StartseiteBüchermarktDas photographische Werk25.01.1999

Das photographische Werk

<strong> Man Ray:</strong>

Verena Auffermann

- Das photographische Werk Herausgegeben von Emmanuelle de L'Ecotats und Alain Sayag Schirmer & Mosel, 1998, 260 Seiten, 280 Abb. Preis: 128 Mark

- Sellbstportrait Eine illustrierte Autobiographie Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser Schirmer & Mosel, 1998, 324 Seiten Preis: 49,80 Mark

Ein Genie ist erfinderisch. Ein Genie ist ein Forscher und Spieler. Der amerikanische Maler Man Ray, der jüdisch-russische Eltern hatte und eigentlich Emanuel Radnitzky hieß, kam 1921 in dem weitverbreiteten Irrglauben nach Paris, dort ein berühmter, wenn nicht ein weltberührnter Maler zu werden. Ein halbes Jahr nach seiner Ankunft liebte er zwar schon Kiki von Montparnasse, doch in der Galerie Six wurde kein einziges seiner Bilder verkauft und die Geschichte könnte hier, wie viele Geschichten dieser Zeit, schon zu Ende sein.

Doch Man Ray hatte schon in Amerika photographiert. In Paris photographierte er zuerst die Bilder seiner Freunde und hatte nichts zum Leben. Aber Man Ray hatte zwei Dioskuren des Pariser Betriebs zur Seite. Marcel Duchamps und Francis Picabia. Diese Wegweiser des Surrealismus führten Man Ray in die Lehren des Surrealismus ein und vermittelten die richtigen Personen. 1922 begann er beim Modeschöpfer Paul Poiret. Unwichtig ist, mit welch primitiven Mitteln und unter welch improvisierten Umständen Man Ray arbeiten mußte, wichtig ist, was er sah und wie er aus der Mode, den Abendroben, Kunst machte. Wie er aus seinen Photos Bilder machte. Kühne und laszive Ereignisse für die Augen. Wichtiger als die Mode war für Man Ray der Körper der Frau, der unter den Stoffen verborgen war. Für Man Ray gab es zwei Kategorien. Die Kunst-Photos und die Auftrags-Photos, die signierte er nicht und ließ sie sich schon Mitte der zwanziger Jahre mit 1000 Franc bezahlen.

Aber Man Ray, der 1976 hochgeehrt verstarb, ist nun wirklich kein Unbekannter mehr. Wieviel Ausstellungen, wieviel Bücher! Weshalb nun ein 260 Seiten umfassender Band über das Photographische Werk? Weil nach dem Tod von Juliette Man Ray das gesamte persönliche Archiv dem Centre Pompidou übereignet wurde. Zu diesen 18500 Objekten kamen noch 1500 Negative, Kontaktabzüge und anderes Material hinzu, das Man Rays Sekretär Lucien Treillard gesammelt hatte. Natürlich präsentiert das Buch auch die Starphotos, die weltberühmten Ikonen. Meret Oppenheim an der Druckerpresse, Gertrude Stein, der Koloß im Sessel, Lee Miller, die Odaliske, Kiki, das weiche Weib, eine Ingres-Figur, allerdings erotisch gewendet. Aber das Interesse und die Rechtfertigung für dieses umfassende Buch sind die Blicke in die Werkstatt. Die aufgezeichneten Ausschnitte, die Belege für die Inszenierung seines Blicks oder Man Rays dramatische Begabung: Ein Fuß auf einer Leiter, das Bein ist nur bis über Knie zu sehen. Der diagonale Ausschnitt aus einem Strauß mit fünf Calla und das Anschauungsmaterial über seine Arbeitsweise, wie er zum Beispiel seine Aktfotos provokant anschnitt. Immer mit dem Blick für den signifikanten Eindruck, der auf das Stimulierende zielt. Der Stoff fließt wie Wasser über den Körper des Modells, wenn es kein Stoff ist, dann flirrt über den Körper das Spiel des Lichts. In seiner photographischen Küche, die man sich als Hotelzimmer vorzustellen hat, entstanden zufällig oder aus Unglück neue Techniken wie die Rayographie. Man Ray behandelte die Photographie wie ein Maler die Leinwand. Er retouchierte, was damals verpönt war. Er verdoppelte das Reale, aber die Realität war eben nicht irgendeine Realität, sondern die von Man Ray. Gegen die Grundsätze des Metiers zu verstoßen, gab ihm gewisse Befriedigung. "Um ein bedeutendes Werk zu würdigen", schreibt Man Ray in seiner Autobiographie, "muß man so tiefsinnig wie sein Schöpfer sein."

Was Man Ray unter "Schöpfung" verstand, offenbart dieser Band. Er zeigt das work in progress. Vielleicht hätte Man Ray selbst es nicht gerne gesehen, daß seine Arbeitsweise, seine Schnitte und Retouchen bekannt werden. Mit Indiskretion muß das Genie rechnen. Sie ist der Preis für die Verehrung, die man ihm entgegen bringt. So sind nicht die einzelnen Aufsätze des Bandes, zur "authentischen Photographie", zum "Portrait", zur "Ablösung vom Realen" bemerkenswert, das Bemerkenswerte sind die Abbildungen selbst. Die eins vor allem anderen unwiderruflich klarstellen. Man Ray war ein Maler. Er benutzte den Photoapparat dazu. 1940 verließ er Europa und ging nach Amerika zurück. Er wollte leben wie Gauguin. Malen und Kokusnüsse essen. 1951 kam er wieder nach Paris und wollte nichts von der Photographie wissen. Aber er wird mit den höchsten Ehren für seine photographische Arbeit ausgezeichnet. "Vielleicht", schrieb er in seiner Autobiographie "Selbstportrait", die jetzt im Verlag Schirmer & Mosel wieder aufgelegt worden ist, "ist der Akt des Malens selbst primitiv und verschwindet eines Tages, und an seine Stelle tritt ein schöpferisches Tun, das mit unserer heutigen Kunstauffassung überhaupt nichts mehr gemein hat, so wie die Kunst von heute früheren Generationen als Kunst vollkommen unbegreiflich sein wird." Man Ray, der Künstler und sein "Photographisches Werk" ist uns begreiflich. Er ist der erfindungsreichste Photograph des Jahrhunderts. Die Monographie bestätigt das.

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