Montag, 11.12.2017
StartseiteBüchermarktDas Prinzip der weißen Fahne19.06.2003

Das Prinzip der weißen Fahne

Ullstein, 222 S., EUR 7,95

"Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles." Mit diesem Rilkezitat auf den Lippen zogen jene Gefreite in den Ersten und Zweiten Weltkrieg, deren Patriotismus von einer gesunden Portion Skepsis begleitet wurde. Fast schon ein Widerstandsakt, denn mangelnde Siegeszuversicht galt im deutschen Militär stets als Defätismus, gar als "Wehrkraftzersetzung", wie das böse, aber äußerst anschauliche Wort der Nazis lautete. Tatsächlich zersetzt sich Angriffswille im Medium des Zweifels wie Salpetersäure an der Luft. An Siege glauben, heißt Siege erzielen, und nur wo solche zu erwarten sind, winkt materieller Nachkriegswohlstand und staatliche Prosperität.

Florian Felix Weyh

"Ganz falsch!" sagt der britisch-israelische Publizist Shimon Tzabar. Einen Krieg zu gewinnen, bedeutet überraschend häufig, den Frieden zu verlieren, während Kapitulanten nicht selten eine unerwartete Prämie einstreichen dürfen. Misst man die Lage der Bevölkerung nach einem Krieg nämlich an der vor seinem Ausbruch, führt sich manchmal eine klassische Kriegsbegründung ad absurdum: Eigentlich sollte ein Land nur dann militärische Abenteuer wagen, wenn die angestrebte Nachkriegslage einen mangelhaften Friedenszustand korrigiert. Genau dies aber erwies sich in der Vergangenheit oft als Trugschluss – jedenfalls auf wirtschaftlichem Gebiet. Den Volkswirtschaften Englands und Frankreichs ging es nach dem Zweiten Weltkrieg schlechter als denen Deutschlands und Japans, selbst die Vereinigten Staaten hatte mit einer Rezession zu kämpfen. Kein Wunder, denn wer den Krieg mit der totalen Kapitulation beendet, begibt sich in die Arme des Siegers, der in einer großen mütterlichen Umarmung die Last zweier Länder schultern muss: des eigenen und des besiegten. Bekanntlich lösen Niederlagen einen industriellen Modernisierungsschub aus, doch wie führt man sie als verantwortungsvoller Politiker von eigener Hand herbei? "Keine zurechnungsfähige Gesellschaft kann, und sei es aus noch so gutem Grund", konstatiert Shimon Tzabar hellsichtig, "die eigene Industrie zerstören. Das kann nur ein Feind übernehmen." Deshalb sei die Siegesdoktrin der Militärs der falsche Weg. "Gehen wir davon aus, dass eine militärische Katastrophe eine günstigere Nachkriegssituation bewirkt als ein Sieg", schreibt der Autor, "so sollte es neben der Wissenschaft militärischer Erfolge auch eine Wissenschaft militärischer Katastrophen geben."

Meint das der Autor ernst? Ja und nein, es handelt sich um eine Hofnarrenschrift, die Wahrheiten ausspricht, indem sie sie ins Groteske verzerrt. Eine schlechte Außenpolitik, eine ruinierte Wirtschaft, gespaltene Gesellschaft und so unfähige wie demotivierte Armee sollte man schon haben, will man das Schlachtfeld als Verlierer verlassen. Selbst dann bleiben Unwägbarkeiten, denn wollen beide Seiten unterliegen, gewinnt diejenige, die zuerst kapituliert. Seltsame Dialektik des Schlachtfeldes: Der Sieger ist auf eine Unterwerfungsgeste angewiesen, um sich der eigenen Identität zu versichern, nur der Verlierer kann seinen Status aktiv und vom Gegner unabhängig durch Kapitulation oder Flucht herstellen. Wie man sich ohne Missverständnisse ergibt und wie sich aus fünf Stars-and-stripes-Flaggen eine weiße Fahne schneidern lässt, lehren die Zeichnungen des Buches. Letzteres ist totes Wissen, denn Amerikas Schicksal, keinen ernstzunehmenden Gegner mehr zu besitzen, verschiebt die profitable Niederlage auf den St.Nimmerleinstag. Statt dessen müssen die USA von Sieg zu Sieg immer mehr Verlierern auf die Beine helfen – unterm Strich ein schlechtes Geschäft, irakisches Öl hin oder her.

Doch das Buch ist kein Reflex auf aktuelle Entwicklungen, sondern dreißig Jahre alt und nur moderat den Zeitläuften angepasst. So lässt sich der eigentliche Adressat noch immer ausmachen: Seine Heimat Israel hatte Shimon Tzabar mit dieser Negation "vernünftiger" Militärpolitik im Visier. Hätte Israel, so seine These, frühzeitig einen Krieg verloren, hätte es sich zum wirtschaftlich dominierenden Staat inmitten einer prosperierenden Region entwickelt. Dank aktiver Mithilfe der PLO wurde nichts daraus. Statt ihre Niederlagen-Prämie einzustreichen – den eigenen palästinensischen Staat –, bestritt die PLO-Führung den segensreichen Status quo des Besiegten und eröffnete mit der Intifada einen neuen Krieg. Sollte dieser wider Erwarten jemals erfolgreich sein, wird der Sieg teurer als jede Niederlage ausfallen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk