• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 07:00 Uhr Nachrichten
StartseiteEssay und DiskursDas Projekt Mensch17.01.2010

Das Projekt Mensch

Reihe: "Körperkult", Teil 1

Das Wort Kult meint Götterverehrung. Der Körper wird dabei für die Huldigung instrumentalisiert. Innerhalb des Körperkultes ist der Körper aber nicht nur Mittel, sondern auch Zweck des Kultes. Er selbst ist es, der geehrt, angebetet und manipuliert wird. Dies zeigen viele Formen in unserer Gesellschaft. Die heute beginnende vierteilige Serie "Körperkult" befasst sich damit.

Von Hans-Jürgen Heinrichs

Künstliche Menschen? (AP)
Künstliche Menschen? (AP)

Svenja Flasspöhler untersucht darin die Frage, ob sich der künstliche geschönte Körper nicht letztendlich selber opfert, während Ines Geipel den "geregelten Körper" in einer gedopten Gesellschaft ins Visier nimmt. Außerdem wird der Soziologe Helmut Dubiel die Reibung zwischen Krankheit und Gesellschaft am Beispiel seiner Parkinson-Dysfunktionen reflektieren.

Der Beginn gehört einem Essay des Kulturtheoretikers Hans-Jürgen Heinrichs.


Das Projekt Mensch
Experimente als Segen oder Fluch?

Von Hans-Jürgen Heinrichs

Am 26. Juni 2000 wurde im Weißen Haus in Washington bekannt gegeben: Das menschliche Genom ist entschlüsselt. Damit war die existenzielle Frage gestellt: Wird der Mensch die sich ihm eröffnende Möglichkeit, elementar in die Genstruktur einzugreifen, nur in medizinisch sinnvollen Fällen nutzen, oder wird ihm die Forschung entgleiten und den Fantasien eines "Neuen Menschen" folgen?

Zur Diskussion steht damit auch die Frage, wie diese Wissenschaft unser Bild von der Kultur verändern wird. Denn schließlich bietet sich ja hier die Chance, abrupt in kulturelle, soziale, gesellschaftliche Entwicklungen einzugreifen, die sich in einem steten evolutionären Prozess herausgebildet haben.

Die Kulturen und das Sozialleben sind komplexe, geschichtlich gewachsene Einheiten, verwurzelt im seelischen, mythologischen und künstlerischen Leben der Völker. Der Gentechnik könnte es eines Tages möglich sein, eine neue biologische Grammatik des Menschen, sozusagen ein neues biologisches Skript, herzustellen, das dann die Grundlage für die anderen Grammatiken und Schriften würde.

Wir stehen also zumindest an der Schwelle zu einer umstrukturierten biologischen Natur und einer grundlegend veränderten kulturellen Fundierung des Menschen, haben teil an einer neu sich stellenden menschheitsgeschichtlichen Schicksalsfrage. Diese beinhaltet allerdings nicht nur Schreckensvisionen, sondern auch schöpferische, kreative Impulse, Visionen eines anderen Lebens, Wunschvorstellungen, wie man den Innenraum des Menschen neu ausleuchten kann.


Erst einmal aber gilt es, Bedenken anzumelden: Der durch die Gentechnik vervollkommnete Mensch ist ein Trugbild eines glücklichen Menschen. Der Preis für die Einbeziehung der Gentechnik in die Medizin ist sehr hoch; die Gefahren einer Entgleisung und eines Missbrauchs von Techniken, die einen medizinisch sinnvollen Kern haben, sind unabsehbar. Aus Größenwahn, Machtstreben und reinem Profitdenken kann die Forschung ins Gegenteil verkehrt werden: Der geklonte Mensch - das wäre das Gegenteil dessen, was man sich als Fortschritt für die praktische Medizin erhoffte. Uns würde im geklonten Menschen ein Monstrum und nicht ein göttliches Geschöpf anschauen.

Der "Neue Mensch" ist also ein Phantombild; allerdings auch voll neuer schöpferischer und kreativer Impulse. Eines sollte man sich in allererster Linie vergegenwärtigen: Leben ist mehr als eine genetisch gelungene Ausstattung. Leben heißt, die eigenen Bedingungen anzuerkennen, auch als Aufgaben, an denen man als einzelner wächst.

Gegen die biologische Reduktion des Menschen und seine Begrenzung auf eine gut funktionierende, gänzlich auf die materielle Existenz eingeschränkte Erscheinungsweise hat vor einigen Jahren auch Andrew Niccol in seinem Film "Gattaca" aufbegehrt: Der anscheinend körperlich missratene Vincent verwirklicht seinen Lebenstraum - ihm gehören schließlich die Sympathien des Zuschauers -, während sein jüngerer, gentechnisch maßgeschneiderter Bruder nur in einem mittelmäßigen Beruf vor sich dahin lebt. Wertes Leben, in einem existenziell weiten Sinn, hat eben vor allem mit persönlicher Entwicklung und Entfaltung, mit Arbeit an den Konditionierungen und mit Durchsetzung von Fantasien, mit Unangepasstheit und einem eigenen Lebensentwurf zu tun.


Bei aller Zustimmung zur Genforschung mehrt sich doch auch unter den Naturwissenschaftlern die Erkenntnis, dass das entschlüsselte Humangenom noch sehr wenig über den Bauplan von Gesundheit und Krankheit sagt - erst müssen die Gen-Sequenzen noch viel gründlicher untersucht werden -, und dass die anderen, bisher mit im Vordergrund stehenden Lebens-, Arbeits- und Umweltbedingungen des Menschen nichts an Bedeutung und Aussagekraft verloren haben.

Der Philosoph und Literaturwissenschaftler George Steiner hat von einer "Ekstase" gesprochen, in die sich viele Naturwissenschaftler bei der Bearbeitung der noch ungelösten Probleme hineinsteigern, während die Geisteswissenschaftler eher lethargisch wirken, angesichts des ihnen streitig gemachten Wirkungsfeldes als Lebens-Wissenschaftler.

Auch der in Berlin lehrende Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme hat davon gesprochen, dass heute niemand mehr bahnbrechende Erkenntnisse über den Menschen von den Geisteswissenschaften erwarte und das Augenmerk völlig auf die sogenannten Biowissenschaften konzentriert sei, so, als seien sie die Disziplinen, die bestimmen, was Sein und Dasein heiße. Dabei können sie ja gerade nicht die Komplexität des Lebens (zwischen Glück, Vitalität, Leid und Tod) und der Kultur (im Wechsel von Aufstieg und Niedergang) darstellen. Sie sind nur sehr begrenzt "Lebenswissenschaften", da sie keine Antworten auf die kulturelle Vielfalt geben.

Aber wie ist denn nun eigentlich Craig J. Venters so gefeierte Entdeckung der menschlichen Genomstruktur allgemein zu bewerten? Nüchtern betrachtet handelt es sich bei der Karte des entzifferten Genoms um eine wissenschaftliche Aufzeichnungsform. Mit etwas Fantasie angeschaut glaubt man indes, in ihr eine Partitur zu erkennen.

Die Genforscher scheinen indes kein besonders offenes Ohr für die Musik und ihre Symbolik, für die in ihr artikulierte unermessliche Vielfalt menschlichen Lebens zu haben. Ihr Gehör und ihre Blicke konzentrieren sich auf die unmittelbare Nutzbarmachung des entschlüsselten Genoms, im Sinne einer effektiver einsetzbaren Medizin, vor allem zur Heilung von bislang nur schwer fassbaren Krankheiten, insbesondere Erbkrankheiten, Krebs und auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das unerschöpfliche Ausmaß an menschlichen Körper-, Ausdrucks- und Lebensformen, die Erfahrungsmöglichkeit von Glück und von Schmerz, auch von der Endlichkeit menschlichen Lebens gerät aus dem Blick, wenn das vermeintlich höchste Geschöpf nur daraufhin betrachtet wird, was an ihm verbesserbar ist, welche Defizite wie auszumerzen sind. So wird uns die Perfektionierung eines Tages als maßlose Fremdheit gegenübertreten.

Wir haben es bei der Genforschung mit einer enorm breiten thematischen Spannweite zu tun: einerseits die medizinische Praxis und Korrekturen an biologischen Gegebenheiten; andererseits, schon darin eingeschlossen, Fantasien einer Nachschöpfung, eines Eingriffs in die biologische Konstitution des Menschen, Fantasien also einer Zweiten Schöpfung.

Zwei Schreckbilder prägen zurzeit die Bedenken derer, die der Genforschung kritisch und ablehnend gegenüberstehen: Zum einen der künstliche Mensch, wie er, zum Beispiel in der Figur des Frankenstein, schon seit dem 19. Jahrhundert die Vorstellungswelt der Menschen beunruhigt und erregt; und zum anderen der gläserne Mensch, der, gentechnisch durchgecheckt, für die Mitmenschen (und vor allem die Arbeitgeber, die Versicherungen und die Polizei) durchsichtig, in seinen Krankheiten und Krankheitsmöglichkeiten transparent ist. Hier wird der Mensch auf einen "DNA-Chip" reduziert, dem der Reichtum und die unermessliche Vielfalt der Schöpfung und der Lebensmöglichkeiten nicht mehr anzusehen sind.
Das menschliche Genom ist also entschlüsselt. Womit ist dieser Erfolg zu vergleichen: mit der durch Galilei und Kopernikus eingeleiteten neuen Weltsicht? Mit der Entzifferung der Hieroglyphen? Oder führt dieser wissenschaftliche Fortschritt in eine Dimension, in der der Erfolg sich am Ende in maßlosen Schrecken verwandelt?

Aber so wie die Entzifferung der Hieroglyphen uns lehrte, dass die Zeichen isoliert nicht zu deuten sind und erst im übergreifenden Gesamtsystem ihre Bedeutung erhalten - das Zeichen 'Geier' etwa bedeutet für sich allein nichts -, so haben die verantwortungsvollen Humangenetiker, Molekularbiologen und Hirnforscher inzwischen den überbordenden Optimismus derer zurückgewiesen, die in der gefundenen Genomstruktur schon die Anleitung für einen generellen Umbau des Menschen zu erkennen glauben. Noch muss sich der Genforscher als Linguist und als Komplexitätsforscher bewähren, denn er steht erst am Anfang des Lesens, der Übersetzung und des Erkennens, unter welchen Bedingungen und Wechselwirkungen das einzelne Genom auf diese oder jene Weise zur Geltung kommt.

Nicht alles ist genetisch dominiert; wir sind noch weit davon entfernt, wirklich zu verstehen, wie das Genom funktioniert. Deswegen ist es schwierig, so weitgehend in Gene und deren Grammatik einzugreifen, dass Wunschbilder - Idealmenschen - fabriziert werden können. Die Fantasie transhumanter Wesen verdrängt nur die Unfähigkeit des Menschen, sich bessere ökologische, humane Bedingungen auf der Erde zu schaffen. Das verlockende, an gentechnischen Idealen orientierte Bild eines Gegenentwurfs zum real existierenden Menschen zieht Energien ab, die dringend für die Realitätsbewältigung benötigt würden.

Manche Äußerungen von bedingungslosen Befürwortern der Gentechnik - es handle sich hier um eine ausschließlich segensreiche Technik, zu der es keine Alternative gäbe - unterstützen den Eindruck, dass dieses Phantasma Züge von Zwanghaftigkeit und Erstarrung hat. Dies blockiert die Entfaltung des Visionären, das dieser Technik ja innewohnt.

Der Mensch hat sich in den letzten Jahrzehnten daran gewöhnt, sich im Spiegel der modernen Chirurgie und auf dem Hintergrund der Praktiken zur Implantation von Organen, Herzschrittmachern und zahllosen prothetischen Techniken ganz neu anzuschauen und zu erfahren. So wird er sich aber auch verstärkt die Frage stellen müssen, wie er zu sich selbst als einem von Kultur geprägten Wesen steht. Wir haben es hier mit einem Selbstermächtigungsprozess des Menschen zu tun, einem Prozess, der die Geschichte immer schon prägt, aber nun radikal zugespitzt wird, zugespitzt insofern, als es möglich wird, ins Innerste der Lebensmechanik vorzudringen.

Bisherige Biotechnik manipulierte nur den fertigen Körper. Jetzt aber wird ein gepfuschter Entwurf des Menschen selbst möglich. Eine grundlegende Veränderung des Menschen, auch eine maßlose Entfremdung von sich selbst, erscheint machbar. In der Selbstentfremdung liegt freilich zugleich die Chance zur Ausdehnung des Lebendigen über seine bisherigen Grenzen hinaus. So gehen also Prozesse der Entfremdung und die Verdinglichung des komplexen Kulturwesens Mensch zu einem neu programmierbaren Forschungsgegenstand mit einer grandiosen Erweiterung von Aktionsspielräumen Hand in Hand. In Zukunft werden wir auch deutlicher noch das Moment des Unheimlichen und nicht Geheuren in den modernen chirurgischen und gentechnologischen Methoden und Eingriffen erfahren. Haben wir es in der heutigen Transplantations-Chirurgie, der Gentechnik und der Robotik nicht mit Formen der Überschreitung und Selbstüberhebung zu tun, die sich eines Tages rächen werden und den Menschen wieder auf seine Bedingungen und Begrenzungen zurückwerfen?

In diesem Sinne spricht auch der Kulturtheoretiker Hartmut Böhme bei der Schöpfungsfantasie transhumaner Wesen von einer Grenzverletzung. "Das Phantasmatische", sagt er, "ist Antriebsmotor realer Machbarkeitsprogramme. Wir verfügen über technische Potenziale, um Monster-Zwischenwesen, auch immaterielle Wesen wie Engel und möglicherweise auch die Götter, technisch herzustellen. Dabei richten wir unsere Energien auf die Überschreitung unserer selbst und nicht auf das Sicheinfinden als Mensch in Bezug auf das Andere unserer selbst."

Die Prozeduren der Menschenproduktion sind also bis an den biologischen Kern herankommen. In der christlichen Tradition besitzen Menschen Würde als Geschöpfe oder Ebenbilder Gottes. Was soll aus dieser Würde werden, wenn Menschen an Menschen gentechnisch herumpfuschen? Haben die Menschen das Recht, züchtende Nachbesserungen an ihrer natürlichen Kondition vorzunehmen, solange solche Maßnahmen sinnvoll zu verantworten sind?

Die Gentechnik will das Zur-Welt-Kommen des Menschen noch einmal inszenieren, vergleichbar den großen Schöpfungsmythen und ihren Ritualisierungen. Gleichzeitig drohen die Gentechniker in einem mechanistisch-materialistischen Denken zu erstarren. In diesem Sinn hat der Physiker Hans Peter Duerr von den Biologen und Genetikern gesagt, sie seien noch auf dem mechanistischen Trip und glaubten, dass sie, wenn sie das menschliche Genom entschlüsselt hätten, es als Ganzes verstehen würden. "Aber sie werden es", so Duerr, "nicht können. Auch ergibt sich die Persönlichkeit eines Patienten nicht synthetisch aus den Symptomen; sie hat etwas zu tun mit dem Ganzen an sich, das eben genau dann verloren geht, wenn ich anfange, es zu reduzieren."

Wir wissen heute: Die Humangenomstruktur liefert noch nicht die Anleitung für einen generellen Umbau des Menschen. Vor allem die Wechselwirkungen zwischen den menschlichen Strukturen (in den Genen und im Gehirn) mit den Bedingungen der Umwelt hat der Hirnforscher Wolf Singer betont: Nicht alles sei genetisch dominiert. Die Umwelt sei viel wichtiger. "Wir sind", schreibt er, "noch weit davon entfernt zu verstehen, wie das Genom funktioniert. Dies wird noch lange dauern. Man kann vorerst nicht so in Gene eingreifen, dass Wunschbilder realisiert werden."

Ein erstes Fazit lautet damit: Die Genforschung hat das Erschrecken und Staunen über die Fantasien und Fähigkeiten des Menschen, sich umzugestalten und zu perfektionieren, mit Macht neu belebt. Heute geht man zurückhaltender als noch vor Jahren mit dem Genbegriff um. Es erscheint fraglich, ob er die fundamentale Einheit des biologischen Denkens benennen kann. Zu vage und zu schlecht definiert ist er. Es ist sogar die Rede davon, ihn zugunsten neuer Denkweisen aufzugeben. Man spricht davon, dass gerade die Erfolge der Genomik den Genbegriff (der so wichtig für ihre Entwicklung war) unterminiert haben. Daher der neue Ausdruck "Postgenomik".

Lässt man sich vom Fortschrittstaumel mancher Wissenschaftler nicht blenden und lenkt den Blick zurück in die Geschichte, zeigt sich, dass der Mensch immer schon den Wunsch hatte, sich als Schöpfer seinesgleichen zu betätigen. An sich selbst kann er nicht Genüge finden. Er will über sich hinauswachsen. Diese evolutionäre Sehnsucht projiziert er auf die Naturgeschichte, die Weltgeschichte und auf seine persönliche Entwicklung.


Die Kybernetik und die Robotik, aber auch die Raumfahrt sind besonders markante Ausprägungen solcher Schöpfungsfantasien und Projektionen. Aber so wie der Start (oder Absturz) einer Raumfähre heute die Menschen nicht mehr massenweise vor die Fernseher zu locken vermag, so können auch die künstlichen Geschöpfe der Robotik nicht mehr mit einer erhöhten Aufmerksamkeit rechnen - zu sehr sind sie schon integriert in die industrielle Fertigung von Maschinen und in alltägliche Abläufe. Das Bild, das die Genforschung vom nachgebesserten Menschen konturiert und auf unsere Projektionsflächen wirft, erscheint noch verlockend und abstoßend zugleich.

Der Kulturgeschichtler Norbert Borrmann, Autor einer Studie über Frankenstein und die Zukunft des künstlichen Menschen, hat entscheidende Etappen der Entwicklung nachgezeichnet, in der der Mensch damit begann, sich technisch umzubauen. Verlängert in die Zukunft konturiert sich das Bild eines Wesens, das gentechnisch auf sich selbst einwirkt und anfängt, durch Mikrochip-Implantate seine Gehirnleistungen zu ändern. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Mensch immer stärker mit den Medien, in computer-virtuellen Realitäten vernetzt wird, verbunden mit der Gefahr, dass, wie Borrmann schreibt,

"diese Welt abstürzen wird, dass er irgendwann in einer Art Fantasy-Land erwachen wird und dass dadurch gerade die Figuren, die Monster, Geister und Dämonen, die scheinbar durch die moderne Naturwissenschaft ausgetrieben worden sind, nun ausgerechnet über die virtuelle Realität wieder in unser Leben eintreten werden."

Der künstliche Mensch ist ein Oberbegriff für die enorme Spannweite der Fantasien und Fantasieprodukte, der Golems, Zombies, Homunculi, Übermenschen, Automatenmenschen, Androiden und Frankensteins. Frankenstein: der moderne Archetypus eines nachgebildeten Menschen; Symbol künstlicher Geschöpfe. Er bevölkert die alten Mythen, die Magie, die Alchemie und die Kunst, und er taucht im neuen Gewand wieder auf in den virtuellen, medialen Bilder-Welten, in der Robotik und in der Genforschung. Frankenstein ist eine Metapher für den gefährdeten Menschen in seiner Sonderstellung in der Schöpfung, zwischen Hybris, Verzweiflung und tief greifenden Kränkungen in seinem Selbstbild.

Das sich über die Zeiten, Epochen und Kulturen hindurchziehende Interesse am Sich-neu-Erschaffen ist überhaupt nicht erstaunlich, trägt der Mensch doch von Grund auf etwas Künstliches in sich, ist herausgefallen aus dem organischen Zusammenhang der Schöpfung. Der Mensch: das "künstliche Tier", das "nicht fertiggestellte Tier", das "Halbfabrikat", das "gefährdete" Wesen, der "Irrläufer der Evolution", das rationale und instinktmäßige "Mängelwesen" - das sind nur einige der Charakterisierungen, mit denen man versucht hat, seine Sonderstellung in der Schöpfung zu fassen und sein Verlangen zu erklären, über sich hinauszukommen, an sich und seinen Projektionen zu wachsen; der zu werden, der er von seiner Anlage her sein könnte. Frankenstein eignet sich als übergeordnete Figur besonders gut, da in ihr Schöpfer und künstliches Geschöpf miteinander verschmelzen.

Die Konstruktionen eines künstlichen Menschen bilden ein dicht gewobenes Netzwerk menschlicher Begierden und Fähigkeiten, Fantasien und Umsetzungsverfahren, deren Ursprung in den Schöpfungsmythen und Schöpfungsgeschichten liegt. Zu den markantesten Ausprägungen zählt der Golem: eine Schöpfung jüdischer Esoterik, ein seiner Seele beraubter menschlicher Körper, eine Karikatur organisch gewachsenen Daseins. "Golem" bedeutet das "Ungeformte", "Klümpchen" oder "Embryo".

Nicht weniger markant die Figur des Zombie: ein magisch erzeugter Roboter, ein willenloser Sklave, in dem es aber, wie auch im Frankenstein-Monster, den dumpfen Trieb gibt, seinen Schöpfer zu vernichten. Außerdem kennen wir die Fantasien der Alchemisten, Leben zu erschaffen (etwa gemäß Paracelsus' Rezeptur zur Geburt eines Menschen ohne natürliche Mutter), die Mischwesen, die bizarren Figuren, humanoiden Automaten und kybernetischen Maschinen, die im 15./16. Jahrhundert in der Fantasie ausprobiert wurden und auf den Bildern des Malers und "Seeleningenieurs" Charles Le Brun einen ersten Höhepunkt erreichten. Die Gene von Mensch und Fuchs bringt Le Brun zusammen, indem er sie gleichsam wie in einem Labor durcheinanderwirbelt und Fuchsmenschen erschafft. Er war gewissermaßen der erste "Gentechniker".

Unerschöpflich die Vielfalt der künstlichen Kreationen aus Lehm, Stein, Verwesungs- und Fäulnismaterialien, aus Blut, Urin und Sperma bis hin zu den technisch-synthetischen Kreaturen, den "Maschinen-Menschen". La Mettrie hatte im 18. Jahrhundert die Überzeugung geäußert, die Menschen seien nur "senkrecht kriechende Maschinen" - eine Fantasie, die im 20. Jahrhundert in der Kybernetik ihre Vollendung findet. Gemäß der Kybernetik gehorchen die organischen und die technischen Strukturen den gleichen Prinzipien und Gesetzen.

Der triebgeschlechtliche und mythisch-magisch-alchemistische Untergrund solcher Fantasien bis hin zu ihrer technischen Realisierung ist von einem derartigen kreativen Reichtum, dass man sich an ihm berauschen könnte, wäre nicht das Abgründige und Monströse allgegenwärtig.

Längst ist die Bedrohung allgegenwärtig. Davon handeln auch etwa Steven Spielbergs Film "A.I." und das Buch Spiritual Machines des Cyberspacevisionärs und Erfinders Ray Kurzweil. Leisten Maschinen, die unsere menschliche Natur kopieren und verstärken, das, was wir können, am Ende noch viel besser?

Schlägt man den Bogen von frühen künstlichen Menschen- und Mensch-Maschine-Fantasien zur gegenwärtigen Gen- und Computerforschung, dann zeigt sich, dass in manchen Hinsichten nur ein sehr schmaler Grat etwa die Monster-Produktion des Dr. Frankenstein (die auf den 1818 veröffentlichten Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus von Mary Shelley zurückgeht) von seinen aktuellen technischen Reinkarnationen trennt.

Sich von göttlichen und menschlichen Gesetzen befreiende "Automaten", also "Selbstbeweger", begegnen uns in der Antike in der Gestalt von "Androiden" (das sind künstliche Menschen, lebende Statuen oder wahrsagende Bildsäulen) und treten von dort ihren Siegeszug bis zur technischen Perfektionierung an. Sie üben eine gleichermaßen ästhetische wie intellektuelle Anziehungskraft aus, die immer schon die Hybris, die Verdammnis und den Fluch erahnen lassen. Die künstlichen und oft missratenen hässlichen Monster-Kreaturen rächen sich an ihrem Schöpfer. So ist Frankenstein ein moderner Prometheus, geblendet vom hybriden männlichen Schöpferwahn.

Nun machen die Kybernetik und die Genforschung die Schöpfungsfantasien effektiver, stellen sie auf eine breite wissenschaftliche Basis, organisieren - durchaus mit sinnvollen medizinischen Entwicklungen verknüpft - alle Wissensaspekte. Was die Natur als eher monströse Ausnahmen vormacht (wie etwa das gleiche Aussehen von eineiigen Zwillingen) wird zu einem neuen Ideal hochstilisiert und von der Modebranche perfektioniert. Der "achte Schöpfungstag" hat längst begonnen.

Die Genforschung fordert uns heraus, erneut Schneisen in das Dickicht eines wild wuchernden Fantasien-Dschungels zu schlagen. Die über Jahrtausende hinweg allgegenwärtige Faszination für den künstlichen Menschen lässt sich an Mythen und Schöpfungsgeschichten, literarischen und künstlerischen Dokumenten aufzeigen und auf die aktuellen Vorstellungen der Genetiker hin verlängern. Der Schöpfer-Gott kann als unzureichend in seinem Können, also nicht mehr als allmächtig, vorgestellt werden, sodass Nachbesserungen nicht mehr als verwerflich erscheinen. Der Philosoph Peter Sloterdijk bemerkt,

"zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert nach Christus fingen Menschen in der östlichen Wetterecke des römischen Imperiums an, über das Schöpfer- und Demiurgentum aus einer veränderten Interessenlage heraus nachzudenken. Zwischen Jerusalem und Alexandria kommt jetzt die Idee eines Gottes auf, bei dem Können und Wollen nicht mehr eins sind. Sobald aber die Vorstellung eines zweitklassigen Urhebers die Bühne des Denkens betreten hat, ist es um den prinzipiellen Respekt vor der Schöpfung geschehen."

Die modernen Gen-Ingenieure können insofern aus einer Position der Stärke heraus argumentieren, als die Gendefekte und Erbkrankheiten keine guten Beispiele für göttliche Schöpfungskunst darstellen. Was also spricht gegen gekonnte Korrektur-Maßnahmen?

Die Technik wird jetzt Homöotechnik. Das heißt: Technik knüpft an menschliche Natur an; sie kooperiert mit ihr. Sie schleust sich gleichsam in Eigenproduktionen des Lebendigen ein. Sloterdijk vergleicht diese Homöotechnik mit dem, was in der Kabbala vorausgeträumt worden ist.


"Die Kabbala stellte bekanntlich einen Versuch dar, die skripturalen Prozeduren Gottes aufzufinden und nachzuahmen. Die Kabbalisten waren die Ersten, denen klar wurde, dass Gott kein Humanist ist, sondern ein Informatiker. Er schreibt keine Texte, sondern er schreibt die Codes. Wer wie Gott schreiben könnte, der würde dem Konzept von Schrift eine Bedeutung geben, wie sie kein menschlicher Schreiber bisher verstand. Genetiker und Informatiker schreiben anders. Auch in diesem Sinn hat eine posthumanistische Ära begonnen."

In seinem neuen Buch Du musst dein Leben ändern geht Peter Sloterdijk davon aus, dass Techniken und menschliche Umbaufantasien von Anfang an den Menschen und die Entwicklung der Menschheitsgeschichte auf eine elementare Art und Weise bestimmen. Dem Menschen geschehe also erst einmal prinzipiell nichts Fremdes, wenn er sich Manipulationen (zum Beispiel durch die Gentechnik) aussetzt, wenn er "autotechnisch" an sich selbst herumlaboriert. Wenn er sich technisch verändert und verändern lässt, selbst Hand anlegt, tut er, so gesehen, nichts, was seiner Natur widerstreitet.

Das "Experiment Mensch" wurde, überraschenderweise, auch von ganz anderer Seite aus nicht von vornherein verurteilt. So schrieb der Theologe Karl Rahner, der Mensch müsse "der operable Mensch sein wollen, auch wenn Ausmaß und gerechte Weise dieser Selbstmanipulation noch weitgehend dunkel" seien. Aber es sei wahr: Die Zukunft der Selbstmanipulation des Menschen habe schon begonnen. Peter Sloterdijk formuliert nun diese Freiheit neu in der Sprache einer modernen Philosophie und Anthropologie. Techniken entwickeln heiße künftig: in den Partituren der Menschen lesen zu lernen und ihren Potenzialen zur weiteren Entfaltung zu verhelfen.

Hier wird also für das Projekt Mensch Partei ergriffen. Das heißt: für den angemessenen Umgang des Menschen mit seinem ureigensten Wunsch, sich höher zu entwickeln und sich am Geschaffenen zu berauschen. Diese Fantasie können ihm, so Sloterdijk, keine Ethik, keine Ethikkommission und kein Humanismus nehmen. Outet sich derjenige, der dies ausspricht, schon als Gegner des zivilisatorischen, des humanen und des die Begierde zähmenden Weges? Sicher nicht mit Notwendigkeit.

Wie also beginnen? Mit den elementaren Fragen, Fragen an den Humanismus und seine zähmenden Potenziale angesichts der Selbst-Erschaffungsfantasien des Menschen. Ist Züchtung die richtige Alternative zur Zähmung und welche politisch und rassenkundlich unheilvollen Anteile impliziert die Züchtungsideologie? Die Grundfrage an jeden Theoretiker, der sich zu dieser Thematik äußert, besteht also darin, wo, auf welcher Seite er sich positioniert: Mit welchen Argumenten antwortet er entweder dem Vorwurf der Naivität einer normativen Ethik (Du sollst das und jenes nicht tun ...) oder aber dem Verdacht, er stelle dem Menschen einen Freipass für sein eventuell dämonisches Tun aus.

Leben heißt üben. Wir können nicht nicht üben. Diese anthropologische Tatsache in ihrer ganzen Tragweite ins Bewusstsein zu heben, die Menschen stärker an ihren eigenen inneren Aufstieg und an die Avantgarde der explizit und leidenschaftlich Übenden anzuschließen, versteht Peter Sloterdijk als den Schlüssel für die Verbesserung des Menschen und der Welt, für das gemeinsame Überleben.

In jedem Menschen gebe es einen "absoluten Imperativ", eine im Leben zur Geltung kommende Autorität, die vom anderen Leben in diesem Leben Kunde gibt. Diese dem Erdenbewohner eingeschriebene und verschlüsselte Botschaft will bei jedem Menschen zur Geltung kommen, drängt nach oben und möchte ihn in die Höhe ziehen, statt ihn herabzudrücken. Diese Bewegung bezeichnet Sloterdijk als die dem Leben eigene "Vertikalität" oder "Vertikalspannung".

Ein solches Konzept der Anthropotechnik (also der Arbeit an sich selbst) ist von großer Bedeutung, weil es uns auf exemplarische Weise vor Augen führt, wohin ein gekonntes oder aber ein nicht gekonntes Herumlaborieren am Menschen führt. Nicht der selbstoperative Eingriff des Menschen, das Selbst-Experiment und die anthropologische Größerformatierung - z. B. in der Gentechnik -, sondern das Nicht-Können und das Nicht-Bedenken der Rahmenbedingungen stellen, so gesehen, das Problem dar.

Wir haben es also hier mit einer positiv und kreativ verstandenen "Höhenpsychologie" und "Hinaufpflanzungslehre" zu tun: ja, sogar mit einer "Beratung" für das Leben, wenn es sich seiner Vertikalspannung hingibt. Der "Übermensch" nicht als biologisches Programm und nicht als Eugenik, sondern als "Akrobatik" im kreativen Geist.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk