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Das Rätsel Reichstagsbrand

Alexander Bahar/Wilfried Kugel: "Der Reichstagsbrand", Papyrossa Verlagsgesellschaft; Josh van Soer (Hg.): "Marinus van der Lubbe und der Reichstagsbrand", Edition Nautilus

Vor 80 Jahren ging der Berliner Reichstag in Flammen auf. Die Folgen sind bekannt, die Hintergründe bis heute unklar. Aufschlüsse geben eine Verteidigungsschrift zugunsten des Brandstifters aus dem Jahr 1933 und ein aktuelles Buch mit umfangreichem Quellenmaterial von zwei Forschern.

Von Helge Buttkereit

Der Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 (AP)
Der Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 (AP)
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Brandstiftung als Zeichen des Widerstands

Wenn auch bis heute ungeklärt ist, wer den Reichstag angezündet hat, ist eines unbestritten: Der Brand nützte den Nationalsozialisten, die in der Folge ihre Gegner verfolgten, einsperrten oder in die Flucht trieben. Der Brand war dafür der äußere Anlass. Hermann Göring sagte am Tag danach:

"Wir wollen nicht nur die kommunistische Gefahr abwehren, sondern ich will es aussprechen: Es wird meine vornehmste Aufgabe sein, die kommunistische Gefahr zu überwinden und den Kommunismus auszurotten aus unserem Volke!"

Göring amtierte im Februar 1933 als preußischer Innenminister und war am 27. Februar verdächtig früh am Ort des Geschehens. Zudem gibt es Aussagen und Presseberichte, wonach Göring nach seinem Erscheinen allein das Reichstagsgebäude betrat, während sein Leibwächter Walter Weber den Gang zwischen Reichspräsidentenpalast und Reichstag durchsucht haben will. Alexander Bahar und Wilfried Kugel schreiben in ihrem Buch über den Reichstagsbrand:

Das Verhalten von Göring und Weber ist verdächtig. Göring verschwand allein im brennenden Reichstagsgebäude, in dem sich der noch nicht verhaftete van der Lubbe aufhielt. Weber verschwand (vermutlich allein) im unterirdischen Tunnel. Deckten beide den Rückzug der anderen Brandstifter?

Bahar und Kugel haben bereits 2001 ein umfangreiches Buch zum Reichstagsbrand veröffentlicht, dessen Ergebnisse sie jetzt aktualisiert und stark gerafft neu ediert haben. Dabei zeigen sie viele solcher Ungereimtheiten und offene Fragen auf. Sie haben intensiv mit den Quellen gearbeitet und eine fast unüberschaubare Menge an Material zusammengetragen, das sie ordnen und bewerten. Zitat:

Für die historische Beurteilung der NS-Machtübernahme ist es durchaus von Bedeutung, ob die Nazis den Reichstagsbrand selbst inszeniert haben, um damit einen Vorwand für die Ausschaltung ihrer politischen Gegner zu schaffen, oder ob sie nur auf die Zufallstat eines politischen Wirrkopfes reagierten.

Minutiös untersuchen Bahar und Kugel den Ablauf des Geschehens, die Zeugenverhöre und die Aussagen potenzieller Mitwisser und Mittäter aus den Reihen der Nationalsozialisten. Sie beschreiben den Ablauf des Prozesses vor dem Leipziger Reichsgericht Ende 1933 und stellen die unterschiedlichen Gutachten vor. Dabei schießen sie leider oft mit ihren Bewertungen und Spekulationen, die sich teilweise widersprechen, über das Ziel hinaus. Interessant ist, dass sie bei ihrer umfassenden Darstellung des einzigen verurteilten Brandstifters, des Holländers Marinus van der Lubbe, nur einmal kurz auf das bereits 1933 in den Niederlanden veröffentlichte Rotbuch der Freunde van der Lubbes eingehen. Es wurde 1983 erstmals auf Deutsch publiziert und Anfang dieses Jahres wiederveröffentlicht. Das Rotbuch entstand, nachdem deutsche Kommunisten im Exil in Paris kurz nach dem Brand des Reichstags bereits ein Braunbuch vorgelegt hatten. Es erschien zunächst auf Deutsch und wurde in 17 Sprachen übersetzt. In dem Braunbuch versuchten die Kommunisten, die Nazis als Brandstifter zu entlarven. Zudem wurde eine Verbindung zwischen der Hitler-Partei und van der Lubbe konstruiert. Der junge Rätekommunist, der im Reichstag verhaftet worden war, wurde damals von allen Seiten verleumdet, meinten seine Genossen aus Holland, die sich wie van der Lubbe von der moskautreuen Kommunistischen Partei abgewandt hatten. So entstand das Rotbuch mit Briefen und Tagebüchern des vermeintlichen Brandstifters, ergänzt durch eine Art Anklage gegen Nationalsozialisten und die Arbeiterparteien. Darin begründeten die Holländer die Tat van der Lubbes mit dem Versagen von SPD und KPD im Widerstand. Dem sollte die direkte Aktion eines Einzelnen entgegengesetzt werden, wie es im Rotbuch heißt. Zitat:

Die Tat sollte gleichzeitig eine warnende Anklage gegen den demagogischen Betrug der Hitler-Bourgeoisie, ein scharfer Protest gegen die Demagogie der "Arbeiterparteien" und ein leidenschaftlicher Ansporn für das Proletariat, seine Klasse, sein, um sich endlich von dieser Schwindlerführung zu lösen, um endlich zu einem selbstständigen Klassenhandeln zu kommen, um endlich die Revolution zu machen.

Dass die Tat nicht das Fanal zum Aufstand sein konnte, erkannten weder van der Lubbe noch später seine holländischen Genossen. Zu sehr waren die Arbeiter mit ihren Führern verbunden. Ein autonomer Aufstand, der den Rätekommunisten vorschwebte, war illusorisch – und auch die Autoren des Rotbuchs erkennen das letztlich an. Auf der anderen Seite profitierten nur die Nationalsozialisten von dem Brand und so wurden sie bereits von Zeitgenossen mit der Tat in Verbindung gebracht. Das änderte sich 1959, als die Alleintäterthese aufkam. Auf Grundlagen von Forschungen des Amateur-Historikers Fritz Tobias erschien damals eine Serie im "Spiegel". Tobias fasste 1983 noch einmal seine Ansichten zusammen:

"Seit 1933 haben dann unzählige kluge Köpfe mit ungeheurem Aufwand an Phantasie versucht, eine irgendwie geartete Zusammenarbeit mit anderen, diesmal aber mit irgendwelchen Nationalsozialisten zu konstruieren. Doch selbst durch zahllose mehr oder weniger geschickte Fälschungen konnten sie bis heute nicht plausibel machen, geschweige denn den Beweis erbringen, dass neben dem Holländer van der Lubbe noch weitere Personen beteiligt gewesen sind."

Tobias und alle, die die Alleintäterthese vertreten, stehen damit konträr zu der Auffassung von Bahar und Kugel. Für sie ist der Reichstagsbrand eine Provokation und die Nationalsozialisten demnach auf die eine oder andere Weise schuldig. Sie machen klar, dass Tobias alles unterschlug, was gegen seine Überlegungen sprach. Insbesondere die damaligen Brandgutachten und heutige Rekonstruktionen lassen es aber als unmöglich erscheinen, dass ein Einzelner in so kurzer Zeit, wie sie van der Lubbe zur Verfügung stand, einen so großen Raum wie den Plenarsaal mit einfachen Kohlenanzündern in Brand stecken konnte. Van der Lubbes Freund CKo Dankaaert aus Holland fand 1983 für die Widersprüche eine eigene Theorie:

"Ich glaube bestimmt, dass wenn Marinus van der Lubbe in das Reichstagsgebäude reingeklettert ist, dass er glaubte, er macht das selbst allein, und er hat nach seiner Meinung auch einiges in Brand gesteckt. Aber die Gegner von ihm, die ganz andere Absichten hatten, haben dafür gesorgt, dass der Reichstag gut angezündet ist."

Wer das Rotbuch ernst nimmt, für den erklärt diese These viele der Widersprüche, die Bahar und Kugel in ihrem Buch aufzeigen und selbst nicht auflösen können oder wollen. Ob die wahren Schuldigen für den Brand allerdings jemals zweifelsfrei benannt werden können, erscheint aufgrund des vorliegenden Materials als unwahrscheinlich. Gleichwohl haben sowohl die genaue Arbeit mit den Quellen wie auch die empathische Annäherung an den Brandstifter, der in die Mühlen der Weltpolitik geriet, ihre Berechtigung. Insofern sind beide Bücher den zeithistorisch interessierten Lesern zu empfehlen.

Buchinfos:
Alexander Bahar/Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Geschichte einer Provokation: Das Ende einer Legende
Papyrossa Verlagsgesellschaft, 240 Seiten 17,90 Euro
ISBN: 978-3-89438-495-1

Josh van Soer (Hg.): Marinus van der Lubbe und der Reichstagsbrand
Edition Nautilus, 179 Seiten, 16,90 Euro
ISBN: 978-3-92152-368-1

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