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StartseiteInterview"Das Rechthaberische ist bei ihm ein starker Charakterzug"27.08.2011

"Das Rechthaberische ist bei ihm ein starker Charakterzug"

Ehemaliger FDP-Berater: Westerwelle hätte auch als Außenminister zurücktreten sollen

"Es ist offensichtlich eines seiner Kernprobleme, dass er immer Recht haben muss", sagt der Kommunikationsberater Fritz Goergen über Außenminister Guido Westerwelle. Der FDP-Politiker rede sich die Lage gerne so zurecht, dass er dabei möglichst gut ausieht. Das nehme ihm aber längst niemand mehr ab.

Fritz Goergen im Gespräch mit Christian Bremkamp

Bundesaußenminister Guido Westerwelle auf einer Pressekonferenz zur Lage in Libyen (AP / Markus Schreiber)
Bundesaußenminister Guido Westerwelle auf einer Pressekonferenz zur Lage in Libyen (AP / Markus Schreiber)

Christian Bremkamp: Mit Rücktrittsforderungen kennt sich Guido Westerwelle aus. Der letzten ist er sogar nachgekommen. Im Mai gab er seine Ämter als FDP-Parteivorsitzender und Vize-Kanzler auf. Seitdem konzentrierte er sich ganz auf seine Funktion als Außenminister.

Von Anfang an umstritten: Sein klares Nein zu einer Beteiligung Deutschlands an Nato-Luftschlägen gegen das Gaddafi-Regime. Nun hat er sich neuen Groll zugezogen. Hintergrund: Seine Einschätzung, auch die Bundesrepublik habe entschieden zum Sturz Gaddafis beigetragen.

O-Ton Guido Westerwelle: Wir haben uns mit eigenen Kampftruppen als Deutsche nicht an dem Krieg in Libyen beteiligt. Diese Entscheidung war auch richtig. Sondern wir haben auf die internationale Isolierung gesetzt - und auch und vor allem die politischen und wirtschaftlichen Sanktionen - und diese Sanktionspolitik war augenscheinlich erfolgreich. Denn sie hat das Regime Gaddafi nicht nur isoliert, sondern ihm auch die Nachschubmöglichkeiten abgeschnitten.

Bremkamp: Bundesaußenminister Westerwelle diese Woche im Deutschlandfunk. - Es rumort wieder rund um den Außenminister inklusive neuerlicher Rücktrittsforderungen aus der eigenen Partei.

Der Kommunikationsberater Fritz Goergen ist jetzt bei mir am Telefon. Herr Goergen, als Sie noch FDP-Mitglied waren, haben Sie Herrn Westerwelle selbst einmal als strategischer Berater zur Seite gestanden. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Guido Westerwelles Einschätzung zur Wende in Libyen hören?

Fritz Goergen: Es ist offensichtlich eines seiner Kernprobleme, dass er immer recht haben muss. Und wenn er recht haben muss, dann sorgt er dafür, dass mit einer völlig überdrehten Rhetorik die Lage so zurechtgeredet wird, dass er als guter Entscheider dasteht.

Bremkamp: Hat der Außenminister also ein Wahrnehmungsproblem?

Goergen: Offensichtlich. Und das ist ja nicht das erste Mal so, dass er sich die Lage so zurechtredet, dass er dabei gut aussehen soll und nicht merkt, dass ihm das keiner abnimmt.

Bremkamp: Ist er auch beratungsresistent? Denn ich nehme mal an, dass er Berater im Auswärtigen Amt hat.

Goergen: Davon gehe ich auch aus, aber wenn einer wie er meint, immer recht zu haben, dann ist er halt auf einem Ohr taub oder manchmal auch auf beiden, was zeigt, dass eben eine falsche Entscheidung der neuen FDP-Spitze war, seinen halben Rücktritt hinzunehmen.

Bremkamp: Also sollte er ganz zurücktreten, von allen Ämtern?

Goergen: Mit Sicherheit wäre es die Konsequenz gewesen, einen Führungswechsel in der FDP zu machen, dann auch den bisherigen Parteivorsitzenden, der derartig versagt hat, auch als Außenminister abzulösen.

Bremkamp: Wer sollte denn dann neuer Außenminister werden?

Goergen: Wäre ich die FDP, würde ich diese Gelegenheit nutzen, um endlich ein anderes Ressort für die FDP an Land zu ziehen. Eines, das innenpolitisch relevant ist und nicht irgendwo in der Welt.

Bremkamp: Hat sich Herr Westerwelle denn eigentlich in den letzten Jahren dorthin entwickelt? Sie kennen ihn ja recht lange.

Goergen: Sie meinen, in Richtung Außenpolitik?

Bremkamp: Nein, also, zu dieser Art, wie er sich wahrnimmt und wie er auftritt. Haben Sie ihn anders in Erinnerung?

Goergen: Das Rechthaberische war immer schon bei ihm ein starker Charakterzug. Aber er hat es immer mehr in den Vordergrund gespielt und offensichtlich ist dieser Zug seines Charakters mit dem Aufstieg auf der Karriereleiter immer stärker geworden.

Bremkamp: Und da gab es keine starke Stimme in der Partei, die ihn darauf hätte aufmerksam machen können?

Goergen: Der einzige, auf den er zeitweise, ein paar Jahre lang, gehört hat, war Solms. Aber das ist auch schon seit etlichen Jahren vorbei. Ich gehe davon aus, dass seine eigentlichen Berater, wenn er denn noch welche hat, außerhalb der FDP sind.

Bremkamp: Was, glauben Sie, denkt denn Herr Westerwelle? Will er nur noch bis zum Ende der Legislaturperiode Außenminister sein und alles andere ist ihm egal, oder wie erklären Sie sich das?

Goergen: Ich denke, er ist, er hat ja das erreicht, was das Höchstmögliche in der Karriere eines FDP-Menschen ist. Er ist Außenminister und Vizekanzler gewesen. Vizekanzler ist er nicht mehr, aber Außenminister ist er immer noch. Und er sonnt sich in diesem Amt und bemüht sich offensichtlich auch, in diesem Amt zu reüssieren. Aber es gelingt ihm nicht, weil er immer wieder über seine eigenen Fehler stolpert.

Bremkamp: Offiziell wird Westerwelle von der Parteiführung ja in Schutz genommen, allerdings: Philipp Rösler und Christian Lindner hatten sich kurz zuvor bei der Nato noch bedankt. Wie ist das zu verstehen?

Goergen: Das ist die erste Stufe der Distanzierung, der mit Sicherheit weitere folgen werden, sobald Westerwelle andere Fehler macht. Aber ich sage es noch mal: Es war ein strategisch entscheidender Fehler dieser neuen Führungsgruppe in der FDP … Wenn schon Westerwelle als Parteivorsitzender abgelöst wird, was dringend notwendig war, dann muss man ihn in allen seinen Ämtern ablösen.

Bremkamp: Wie lange, glauben Sie, wird er denn noch Außenminister bleiben?

Goergen: Nun, wenn die FDP-Führung diese ihre Fehler fortsetzt, dann bis zur nächsten Bundestagswahl. Möglicherweise dann als ein wesentlicher Baustein des Misserfolges der FDP.

Bremkamp: Glauben Sie denn, dass Christian Lindner und Philipp Rösler als neuer Parteichef, als Vizekanzler, dass die beiden eine gute Wahl für die FDP waren?

Goergen: Intellektuell haben die beiden, genau so wie der Dritte im Bunde, Herr Bahr, sicherlich das Zeug, die FDP auf neue Beine zu stellen. Aber offensichtlich muss ich aus ihrem bisherigen Verhalten schließen, dass ihnen der Machtwille dazu fehlt.

Bremkamp: Der Kommunikationsberater und frühere FDP-Parteistratege Fritz Goergen war das. Danke schön für das Gespräch!

Goergen: Bitte!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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