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Das schwarze Gold

Marshall Goldman: "Das Öl-Imperium" sowie Jan-Martin Witte, Andreas Goldthau: "Opec"

Die einen haben es, die anderen brauchen es. Öl und Gas. Rohstoffe, ohne die unser modernes Leben nicht funktioniert. Nicht nur Europa wird täglich abhängiger von Energie-Exporten aus Russland, auch die USA sind es inzwischen.

Von Christoph Birnbaum

Der kuwaitische Ölminister Ahmed Al-Sabah am Rande des OPEC-Treffens in Beirut (AP)
Der kuwaitische Ölminister Ahmed Al-Sabah am Rande des OPEC-Treffens in Beirut (AP)

Erinnern Sie sich noch an die Jahreswechsel der letzten Jahre? Dort wiederholte sich immer wieder das gleiche Schauspiel: Russland drehte der notorisch klammen und politisch unliebsamen Ukraine den Gashahn zu. Die Begründung war stets, Kiew hätte die Rechnungen für das russische Gas nicht bezahlt. In der Folge saßen Menschen nicht nur in der Ukraine, sondern auch noch in Polen im Kalten. Spätestens seitdem ist jedem klar geworden, wie abhängig wir vom russischen Gas geworden sind. "Gasputin" lässt grüßen. Abhängig sind wir natürlich auch vom Öl - vorwiegend aus dem Nahen Osten. Spätestens, seitdem wir im letzten Sommer 1,50 Euro für den Liter Superbenzin bezahlen mussten, sicherlich aber seit dem Ölboykott im Jahr 1973 und den autofreien Sonntagen ist die Opec zum Synonym für die Macht der Golfstaaten und die Ohnmacht des Westens geworden. Der emeritierte Harvard-Professor Marshall Goldman, einer der führenden amerikanischen Russlandexperten und Berater von Präsidentenvater und -sohn Bush, zeichnet Moskaus Weg zur Rohstoff-Supermacht nach. Die beiden jungen Wissenschaftler Jan Martin Witte und Andreas Goldthau beschäftigen sich im 50. Jahr ihres Bestehens mit dem Ölkartell der Opec. Witte und Goldthau zeichnen dabei das Bild einer lange Zeit vor allem ohnmächtigen, politisch heillos zerstrittenen Opec nach. Selbst im Jahr des Ölboykotts, 1973, im Zuge des Yom-Kippur-Krieges, waren sich die Opec-Mitgliedsstaaten alles andere als einig.

"Die wirkliche Überraschung war somit nicht etwa eine neue Solidarität in der Opec - dies war vor allem eine Mär der westlichen Medien und wohl auch der Opec selbst. Überraschend war vielmehr die Tatsache, dass die konservativen Golfproduzenten, und allen voran Saudi-Arabien, nach Jahren moderater Preispolitik und guten Beziehungen vor allem zu den USA, aber auch zu den anderen Konsumentenstaaten, das Embargo und die Produktionseinschnitte entscheidend unterstützten, ja sogar vorantrieben."

Dass Saudi-Arabien und Libyen Seite an Seite agierten - das war damals das eigentlich Neue. Aber schon zwei Jahre später, 1975, hetzte Gaddafi den Topterroristen "Carlos" zusammen mit dem deutschen RAF-Terroristen Hans-Joachim Klein auf die Opec, um die in Wien versammelten Ölminister in der Opec-Zentrale gefangenzunehmen. Die iranische Revolution, der erste und zweite Golfkrieg - immer wieder kommt die notorisch unruhige Nahost-Politik dem Wirtschaftskartell in die Quere. Und wenn die notorisch zerstrittene Opec den weltweiten Ölmarkt nicht selbst mit Rohöl flutet, übernahmen dies nicht-Opec-gebundene Förderstaaten wie Norwegen und vor allem Russland, die vom Energiehunger der westlichen Welt ebenfalls profitieren wollten. Erst mit dem globalisierten Finanzmarkt änderte sich das Gewicht der Opec. Witte und Goldthau bilanzieren:

"Die immer prominentere Rolle des Spotmarktes trug so zu einer immer stärkeren Entwicklung des Handels mit sogenannten Terminkontrakten bei. Der börsliche Herdentrieb konnte den Ölpreis nach oben treiben oder sinken lassen, ohne dass sich irgendetwas an Angebot oder Nachfrage ändern musste."

Damit - und mit dem unstillbaren Energiehunger der aufkommenden Schwellenländer - beginnt das goldene Zeitalter vor allem für die arabischen Ölförderstaaten. Witte und Goldthau sind sich sicher: Vor allem dank Indiens und Chinas Energiehunger wird Erdöl auch in den nächsten Jahren bei der globalen Energieversorgung eine alles überragende Rolle spielen. Aber die Energiewende kommt. Mit größtem Argwohn beobachten die Opec-Staaten die Ergebnisse des Kopenhagener Klimagipfels. Die beiden Wissenschaftler erklären in ihrer genauso faktenreichen wie klugen Analyse auch, warum:

"Insbesondere gefährlich ist in ihren Augen eine eventuelle Expansion des weltweiten Emissionshandelssystems. Denn dieses würde einer Art Energiesteuer gleichkommen, also einer absichtlichen und sukzessiv steigenden Verteuerung des Konsums fossiler Brennstoffe in Konsumentenstaaten - mit der Folge sinkenden Verbrauchs und wegbrechender Opec-Einnahmen."

Um bis dahin so viel wie möglich vom Energiehunger der Welt zu profitieren war und ist ein Land wie Russland auch nie Mitglied der Opec geworden. Putins Strategie war es dabei, den von Jelzin eingeleiteten Prozess der Privatisierung der russischen Gas- und Ölindustrie umzukehren. Deshalb schreibt Marshall Goldman zu Recht:

"... ist es auch schwer zu sagen, wo Putin anfängt und Gazprom aufhört. Die Satiriker sagen, dass Russland beziehungsweise "Gazpromistan" vom Präsidenten und spirituellen Führer "Gazputin" regiert wird."

Was gut ist für Gazprom ist deshalb auch gut für Russland. Nicht umsonst holte Putin Dimitri Medwedew, den früheren Vorsitzenden des Verwaltungsrats von Gazprom, in den Kreml - zuerst als Ministerpräsidenten, heute als Präsidenten. Aber Putin will mehr: Gas wird noch nicht durch Tanker transportiert, sondern durch Pipelines. An deren Ende warten die Kunden. "Gazputin" will für Gazprom deshalb die komplette Kontrolle über die Öl- und Gasförderung und die Durchleitungsrechte durch die Pipelines bis zum Endkunden erreichen. Deshalb auch der Streit mit der Ukraine, durch die das russische Öl Richtung Westen fließt - und deshalb auch der Bau neuer Pipelines wie der Ostseepipeline, um Länder wie die Ukraine, Weißrussland und Polen zu umgehen. Die Europäer kontern mit dem Pipeline-Projekt "Nabucco", um unabhängig von Russland Gas aus Aserbaidschan, Kasachstan und Georgien über die Türkei nach Westeuropa zu bringen - mit prominenter deutscher Unterstützung. Für Gazprom wirbt bekanntlich Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, für "Nabucco" der frühere grüne Außenminister Joschka Fischer. Was Russlands neu gewonnene Macht so gefährlich werden lässt, ist - so Marshall Goldman's ernüchternde und keineswegs optimistische Bilanz - das friedliche Ausgeliefertsein vieler westlicher Industriestaaten an Moskau:

"Im Kalten krieg hatten beide Angst, Kernwaffen einzusetzen. Wir wussten, wenn wir solche Waffen gegen die UdSSR einsetzten, dann setzten sie ihre Atomraketen gegen uns ein. Das nannte sich Gleichgewicht des Schreckens. Wenn die Russen oder Gazprom heute mit der Einstellung ihrer Erdgaslieferungen drohen, kann niemand viel dagegen tun."

Auch und wohl erst recht kein Gerhard Schröder in Gazprom-Diensten. Ihm und all jenen, die sich für Fragen rund um die Öl- und Gaskartelle interessieren und um die Energiesicherheit der Zukunft sorgen, seien die beiden Bücher von Witte und Goldthau und Marshall Goldman wärmstens empfohlen. Vor allem, weil sie - jenseits aller tagespolitischen Kurzatmigkeit - die langfristigen Machtstrategien der Förderländer im globalen Energiepoker mit Akribie beleuchten.

Marshall Goldman: Das Öl-Imperium. Russlands Weg zurück zur Supermacht. Börsenmedien AG, 352 Seiten, 24,90 Euro (ISBN 978-3-938350-86-7)

Jan-Martin Witte, Andreas Goldthau: Opec. Macht und Ohnmacht des Öl-Kartells. Carl Hanser Verlag, 296 Seiten, 21,90 Euro (ISBN 978-3-446-41934-6)

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