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StartseiteBüchermarktDas Schweigen in die Sprache hineinlassen01.11.2006

Das Schweigen in die Sprache hineinlassen

Porträt Ilse Aichingers zum 85. Geburtstag

"Aufruf zum Misstrauen" - der Titel von Ilse Aichingers erster Veröffentlichung ist für ihr ganzes Werk Programm. Die Autorin stellt alles in Frage, besonders vermeintliche Gewissheiten unseres Lebens. Offenheit, Ambivalenz und Paradoxien bestimmen ihre Texte, die oft in seltsamen Traumwelten spielen.

Von Matthias Kußmann

Die Schriftstellerin Ilse Aichinger erhält 1996 den österreichischen Literaturpreis. (AP Archiv)
Die Schriftstellerin Ilse Aichinger erhält 1996 den österreichischen Literaturpreis. (AP Archiv)

Ilse Aichingers literarische Welt ist oft dunkel. Sie erzählt von Angst und Isolation, selten gehen ihre Geschichten gut aus. Die Hauptfigur in ihrem einzigen Roman "Die größere Hoffnung", das Mädchen Ellen, wird als Jüdin aus ihrem Land vertrieben; am Ende stirbt sie. Ein Hörspiel handelt von Arbeiterinnen einer Knopffabrik, die sich selbst in Knöpfe verwandeln.

Viele Texte spielen in seltsamen Traum-Welten, einer anderen Wirklichkeit, in der es sprechende Dinge gibt und die Lebenden Toten begegnen. Doch dazwischen findet man Texte, die in eine heile, fast "heilige" Welt zurückführen - die frühen Jahre der Kindheit. Wie in der Erzählung "Kleist, Moos, Fasane"; die Autorin liest selbst:

"Ich erinnere mich des Beerensuchens auf dem Lande, irgendwo im Oberösterreichischen, wo wir den Sommer verbrachten. Der Schlag ist heute längst zugewachsen, aber damals schien es uns, als bliebe er immer. So wie es uns im Grunde schien, dass wir immer Kinder sein würden. Um Mittag gingen wir weg, unsere Blechkannen schlugen aneinander oder flogen ein Stück voraus, unsere Stimmen drangen noch eine Weile über die heißen Wiesen gegen die Waldränder vor, ehe sie still wurden. Hinter uns blieben die grünen, kühlen Flure der Bauernhäuser, die nach alten Kalendern rochen, nach Geschichten von Schneegestöbern, von Herbsten und Räubern, nach säuerlichem Brot und den Milchtöpfen in den Kellern, vor uns zogen die runden, bewaldeten Hügel, einer immer kleiner und ferner als der andere, den Tälern zu; wahrscheinlich waren es sieben. Die Hitze umfing uns, der Mittag, der lange, unzerbrechliche Sommer."

Die Erzählung wurde jetzt in einem schönen Bild-Textband wieder abgedruckt. Er heißt schlicht: "Ilse Aichinger - ein Bilderbuch von Stefan Moses". Der Fotograf hat die Autorin über Jahrzehnte mit der Kamera begleitet: zuhause, mit ihren Kindern, bei Lesungen, Im Caféhaus. Es ist, mit ausgewählten Erzählungen, Gedichten und Essays, eine Hommage an eine große Autorin - und eine Einladung, ihre eigenständigen, keiner Schule zugehörigen Bücher zu lesen.

Ilse Aichinger wird am 1. November 1921 in Wien geboren. Sie erlebt idyllische Tage auf dem Land - und dann den Schrecken des Nationalsozialismus. Als so genannte Halbjüdin überlebt sie die NS-Zeit; Teile ihrer Familie fliehen aus Österreich oder werden von den Nazis getötet. Dieser "Schatten" begleitet Aichinger ein Leben lang.

"Nachdem der Krieg zu Ende war, begann ich Medizin zu studieren und hab dieses Studium unterbrochen, um die 'Größere Hoffnung' zu schreiben. Ich wollte nur dieses Buch schreiben. Ich wollte eigentlich schreiben, wie es wirklich war - und da bin ich aus dem Schreiben 'ins Schreiben' gekommen. Und ich hab gemerkt, dass diese Wirklichkeit, nach der ich suche, eine Wirklichkeit ist, die sich nicht jedem Satz 'ergibt', den man hinschreibt (...) - der man nachgehen muss, nachschweigen muss, bis sie sich mit einem einverständig erklärt. (...) Ich bin dann nicht mehr zur Medizin zurück, sondern auf die Suche nach der Wirklichkeit... Das hat mich so beschäftigt, dass ich beim Schreiben geblieben bin."

"Die größere Hoffnung" erscheint 1948. Danach schreibt Aichinger Erzählungen und Hörspiele, arbeitet als Lektorin im Fischer-Verlag und sie hilft Inge Aicher-Scholl beim Aufbau der heute legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung. Bei ihr hört sie zum ersten Mal den Namen Günter Eich - der Lyriker und Hörspielautor zählt in den 50er, 60er Jahren zu den wichtigsten deutschen Autoren:

Aichinger: "Ihre erste Frage an mich war: 'Kennen Sie eigentlich Gedichte von Günter Eich?' Und ich sagte: 'Ich kenne so wenig, in Österreich kennt man das Neue noch gar nicht.' Ich wusste gar nicht, wie sehr diese Frage mein ganzes Leben betreffen würde... (...) Ich war aber zur Gruppe 47 eingeladen und hab dort diesen Günter Eich kennengelernt (...). Dann kamen noch Tagungen, aber nicht mehr viele, ehe wir geheiratet haben. So ist mein Leben in scheinbar sehr normale Bahnen gekommen. (...) Ich war mir immer sehr bewusst, wie viel Glück ich gehabt hab; ich weiß es auch jetzt noch."

Ilse Aichinger und Günter Eich heiraten 1953. Sie haben zwei Kinder, mit denen sie nach Großgmain bei Salzburg ziehen, in ein idyllisches altes Haus. Es scheinen glückliche Jahre gewesen zu sein. Doch 1972 stirbt Günter Eich. Ilse Aichingers Texte aus dieser Zeit werden immer knapper. Ihr Roman zeigte eine Lust am Fabulieren, die manchen "Kahlschlag"-Verfechtern der "Gruppe 47" suspekt war. Nun schreibt sie karg, spröde, elliptisch. Nur noch wenige Worte sind dem Schweigen abzuringen. 1976 erscheint ihr Buch "Schlechte Wörter". Im Titelessay heißt es:

"Niemand kann von mir verlangen, dass ich Zusammenhänge herstelle, solange sie vermeidbar sind."

Der Leser freilich sollte nicht nach einem Schlüssel für Aichingers oft dunkle, aber immer poetische Texte fragen. Er muss einen eigenen Zugang zu ihnen finden - was manchmal auch übers Schweigen gelingt:

Aichinger: "Es gibt für jeden einen eigenen Code. Jeder Leser muss sozusagen die Seiten neu schreiben, indem er liest, und seinen eigenen Code der Entzifferung finden. Er muss vor allem - was ein Schriftsteller auch können muss -, er muss schweigen können und das Schweigen in seine Sprache hineinlassen, oder es aufnehmen. Vor diesem Schweigen wird ihm dann vieles deutlich werden."

Aichingers erste Veröffentlichung erschien 1946 in einer literarischen Zeitschrift. Sie nannte den Text "Aufruf zum Misstrauen" - der Titel ist für ihr ganzes Werk Programm. Die Autorin stellt alles in Frage, besonders vermeintliche Gewißheiten unseres Lebens. Offenheit, Ambivalenz und Paradoxien bestimmen ihre Texte, die "zu keiner Stunde" spielen, wie sie einmal schreibt. In ihrer berühmten "Spiegelgeschichte", für die sie den Preis der "Gruppe 47" bekam, wird ein Leben vom Ende her erzählt: Es beginnt mit dem Tod und endet mit der Geburt. "Es wird alles erst im Abschiedslicht deutlich", sagt sie in einem Interview:

"Es wär ja leichter, wenn alles mit dem Abschied begänne und mit einem Wiedersehen aufhörte - mit einem Abschied, der sich dann wie ein Glanz über alles legt, und dessen Konsequenz das Wiedersehen ist. Es beginnt, sagen wir, mit der Altersschwäche und den Krankheiten, mit den Mühsamkeiten des Lebens, und würde dann allmählich in die Jugend verfallen, und von ihr in die Kindheit. (...) Das erste wäre der Abschied - und das letzte auch, aber ganz anders. Aber so leicht ist es uns nun nicht gemacht - wir müssen die verkehrte Richtung nehmen. Da ist es gut, wenn wir manchmal den Abschied schon vorwegnehmen..."

Vielleicht ist es dieses Abschiedslicht, das auch die eingangs gehörte Passage aus "Kleist, Moos, Fasane" überglänzt: Glückliche Momente der Kindheit, beim Beerensuchen. Aufs Ende der Erzählung fallen jene Schatten, die auch zu Ilse Aichingers Leben und Werk gehören - und dennoch formuliert sie eine Hoffnung:

"Es sind dann viele Jahre gekommen, in denen es kein Beerensuchen mehr für uns gab, keine guten Stuben und keine Hügel mehr. Aber der Geruch der Beeren, der schon in dieser ersten Nacht durch die Ritzen der Kellertür und die hölzernen Treppen hinaufdrang, in die sich verwirrenden Gedanken hinein, die dem Schlaf vorangehen, hielt auch der Wirrnis und dem Schrecken einer viel längeren Nacht stand. Manchmal habe ich die Hoffnung, dass er auch diejenigen zuletzt umgab, die diese Nacht nicht überlebt haben. Dass die Dunkelheit, die sie nach allen Schrecken aufnahm, dem wunderbaren Schatten in den Kannen ähnlich ist. - Erinnerung begreift sich nicht zu Ende. Aber vielleicht, dass die Beeren ein geheimes Verhältnis zu ihr haben, das so offenbar und so undurchsichtig vor uns liegt, wie sie selber mit dem Blau und Rot ihrer Kinderfarben, eingebettet in den warmen Schatten, in die Unaufhörlichkeit der frühen Zeit."


Ilse Aichinger - Ein Bilderbuch von Stefan Moses
S. Fischer, 160 Seiten, 29,90 Euro.
UND:
Dieser Tage erscheint in der Edition Korrespondenzen, Wien, der Band "Subtexte" mit kleiner Prosa von Ilse Aichinger. 80 Seiten, 16 Euro.

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