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Das Spiel mit verschiedenen Rollen

Jan-Christoph Hauschild: "B. Traven – Die unbekannten Jahre", Edition Voldemeer

Von Eva Pfister

Er starb in Mexiko, doch seine Herkunft ist immer noch rätselhaft:  B. Traven.
Er starb in Mexiko, doch seine Herkunft ist immer noch rätselhaft: B. Traven.

Otto Feige, Ret Marut und dann B. Traven. Schauspieler, Gewerkschafter und Abenteuerschriftsteller. Neuanfänge prägen das Leben des 1882 in Schwiebus geborenen Multitalents, der sich mit großem Mut für Freiheit und Gerechtigkeit engagiert. Der Bochumer Literaturwissenschaftler Jan-Christoph Hauschild widmet sich den "unbekannten Jahren" Travens.

"Am Mittag des 30. November 1923 überprüfte ein Scotland-Yard-Beamter im Londoner East-End, Unterschlupf der Kleinkriminellen und Fluchtstation der politischen Emigration, die Papiere eines 41-jährigen Maschinenschlossers. Er war der Polizei aufgefallen, weil er in "kommunistischen Kreisen" verkehrte. Als sich herausstellte, dass es sich um einen US-Amerikaner namens Ret Marut handelte, der die ordentliche Anmeldung versäumt hatte, wurde er wegen Verstoßes gegen das Ausländergesetz festgenommen. ...

Nach Anwendung gewisser Zwangsmaßnahmen legte der angebliche Amerikaner in der Haft das Geständnis ab, in Wahrheit Hermann Otto Albert Maximilian Feige zu heißen und 1882 in Schwiebus als Sohn eines Töpfers und einer Fabrikarbeiterin geboren zu sein."


So berichtet es Jan-Christoph Hauschild in seinem Buch "B. Traven - die unbekannten Jahre". Der Literaturwissenschaftler aus Bochum erweist darin dem britischen Journalisten die Ehre, die diesem gebührt.

"Will Wyatt ist derjenige, von dem wir alles wissen, weil er hat rechtzeitig, als die Geschwister von Otto Feige noch lebten, sie aufgespürt, sie haben ihren Bruder wiedererkannt, sie haben auch Fotos zur Verfügung gestellt, die man wiederum vergleichen kann, auf diese Weise auch den Beweis antreten kann: Es ist auch vom Gesicht her ein und dieselbe Person, also das war ganz wichtig."

Allerdings wollen nicht alle Travenforscher an die Identität von B. Traven, Ret Marut und Otto Feige glauben. Da gibt es kühne Konstruktionen von einer Kooperation zweier Autoren, es gibt die These, dass B. Traven ein Sohn des letzten deutschen Kaisers sei, denn schließlich könne ein Proletariersohn aus einem Nest in Brandenburg nicht solch welthaltige Bücher geschrieben haben, und es gibt einen generellen Unwillen, Wyatts Forschungen zur Kenntnis zu nehmen.

"Ein Travenologe hat es mal offenherzig gesagt: Ein Geheimnis, also ein Rätsel um eine Biografie ist allemal interessanter als ein gelüftetes Geheimnis, weil man natürlich alles Mögliche hineinprojizieren kann. Da hat er ja recht. Auf der anderen Seite, das Leben von Otto Feige ist kaum weniger spannend gewesen als das, von B. Traven."

Geboren war Otto Feige 1882 in Schwiebus, einem Dorf in Brandenburg, das heute zu Polen gehört. Er war ungewöhnlich intelligent, aber einzelgängerisch, und er verkroch sich stets in seine Bücher, wie seine Geschwister sich erinnerten. Da die Eltern ihm keine höhere Schulbildung finanzieren konnten, machte Otto eine Schlosserlehre. Als er anfing, sich politisch zu betätigen, kam es zum Bruch; Otto Feige verließ sein Elternhaus für immer. Wohin er ging, wusste man nicht, auch nicht, wie es dazu kam, dass er unter dem Namen Ret Marut als Schauspieler auftauchte. Jan-Christoph Hauschild, der bisher über Heine, Georg Büchner und Heiner Müller publizierte, konnte in dreijähriger Forschung diese Lücke schließen.

"Ich habe halt recherchiert in den Meldedateien der Städte im Ruhrgebiet, denn die Vermutung war schon länger im Raum, dass Traven als junger Mann im Ruhrgebiet gearbeitet hat. Und ich konnte dann tatsächlich in Gelsenkirchen seine Meldekarte ermitteln, und darauf wurde auch sein Beruf genannt: Gewerkschaftssekretär, und das war eine neue Spur, denn das wusste man bis dahin nicht, dass er als Gewerkschafter gearbeitet hat. Das gab wiederum den Anstoß, in der Tagespresse zu recherchieren, und dort fand ich dann seine Anstrengungen betreffend eines Kulturprogramms für die Metallarbeiter in Gelsenkirchen."

Otto Feige organisierte einen erfolgreichen Streik von Klempnergehilfen, er hielt Vorträge und schlichtete Tarifkonflikte, und er gestaltete auch musikalische und literarische "Kunst-Abende", etwa mit Texten von Ibsen, Fritz Reuter oder Wilhelm Busch. Außerdem gründete er einen dramatischen Klub.

Aber nach nur einem Jahr suchte Otto Feige einen Nachfolger und meldete sich im Oktober 1907 aus Gelsenkirchen ab. Damit war die Person dieses Namens verschwunden. Gleichzeitig tauchte im Register der Bühnengenossenschaft ein Schauspieler namens Ret Marut auf, der angab, am 25. Februar 1882 in San Francisco geboren zu sein. Zwar fehlten entsprechende Dokumente, aber dafür hatte Ret Marut eine praktische Erklärung:

"Der Grund war: 1906 hatte es ein verheerendes Erdbeben gegeben in San Francisco, alle amtlichen Unterlagen waren dabei zerstört worden, und so konnte er immer eine Auskunft, die er angefordert hatte, aus San Francisco vorzeigen, in der stand es: Wir können leider nicht bestätigen, dass der Antragsteller Ret Marut in San Francisco geboren ist, weil unsere Unterlagen vernichtet wurden. Im Umkehrschluss hieß das: Wir können es aber auch nicht dementieren. Das hat ihm immerhin seine Existenz auch durch den ganzen Ersten Weltkrieg hindurch ermöglicht."

Akribisch verfolgt Hauschild Ret Maruts Wanderjahre als Schauspieler und Regisseur durch die deutsche Provinz. Eine glänzende Karriere war ihm nicht beschieden, aber er konnte doch einzelne Erfolge feiern. Etwa in der Titelrolle des Dramas "Heinrich Heines junge Leiden", in dem geschildert wurde, wie dieser alles aufgibt, um sich den Musen zu widmen. Eine Entscheidung, mit der sich Otto Feige sichtlich identifizieren konnte. Und diese Verwandlung blieb nicht seine letzte. Das Spiel mit verschiedenen Rollen war in seinem Leben die einzige Konstante, wie Hauschild in seinem Buch feststellt:

"Otto Feige befand sich gleichsam immer auf dem Sprung, in einem ewigen inneren Spannungszustand. Und hatte sich, durch immer wieder neue und schließlich auch gemeisterte Herausforderungen, immer wieder bestätigt gesehen. 'Der einzige Sinn des Lebens liegt im Wechsel, in der Veränderung, in der Bewegung', lesen wir zwanzig Jahre später bei B. Traven."

Auch beim Theater hielt es Ret Marut nicht lange. Zwar erhielt er im Sommer 1912 einen Dreijahresvertrag am Schauspielhaus in Düsseldorf, das unter der Intendanz von Louise Dumont und Gustav Lindemann den Ruf einer innovativen Sprechbühne von großer Qualität genoss. Allerdings überließ man ihm dort nur kleine Rollen und beschäftigte ihn zunehmend als Assistent in der Direktion. Ret Marut verlegte sich immer mehr auf das Schreiben. Im November 1915 brach er wieder alle Brücken hinter sich ab und zog nach München. Immerhin behielt er den Namen Ret Marut bei, und der wurde vor allem bekannt durch die Herausgabe der Zeitschrift "Der Ziegelbrenner". Dessen Ausrichtung beschreibt Jan-Christoph Hauschild wie folgt:

"In einer Zeit, in der die deutschen Eliten fast ausnahmslos in den Chor der Kriegsbegeisterung einstimmten, gehörte Marut zu den wenigen, die bei Verstand blieben. Sein "Ziegelbrenner", der von Heft 3 bis Heft 8 die Devise "Kritik an Zuständen und an widerwärtigen Zeitgenossen" trug, war eine aufrüttelnde Kampfzeitschrift ... , die den Staat und seine Institutionen radikal in Frage stellte und mitten im Krieg für Völkerverständigung ... eintrat."

Während der Münchner Räterepublik leitete Ret Marut das Presseamt und bereitete die Enteignung aller Zeitungen vor, da diese durch die Unterstützung der Kapitalisten und Kriegstreiber ihr Existenzrecht verloren hätten. Seine Pläne wurden durch den Sturz der Räterepublik durchkreuzt, Marut floh ins Ausland und gelangte nach London, wo er in der Haft eben jenes Geständnis ablegte, Otto Feige zu sein. Er wurde abgeschoben und heuerte auf einem norwegischen Dampfer an. Über seine Erfahrungen als Seemann gibt es mehr Legenden als Fakten, aber sicher ist, dass er sich 1924 in Mexiko von den Behörden als Traven Torsvan registrieren ließ und fortan seine Bücher unter dem Namen B. Traven veröffentlichte.

"Es war jedes Mal ein Neuanfang. Als Ret Marut hatte er mehr oder weniger lustige kleine Geschichtchen geschrieben und als B. Traven hatte er andere Sachen angeboten, unter anderem eben Romane, und diesmal wollte er ein Deutschamerikaner sein mit einer ganz langen Erfahrung an exotischen Schauplätzen. Er will Flüsse durchschwommen, Geburtshelfer bei Indianern gespielt haben, er will Gold gesucht haben, Baumwolle gepflückt, an Ölbohrungen teilgenommen haben. Das reicht für ein ganzes Leben, aber als er das schreibt, ist er gerade mal ein Jahr in Mexiko und kann das alles unmöglich erlebt haben, aber er hielt das offenbar für wichtig, das angeben zu können als die Biografie eines Arbeiter- und Abenteuerschriftstellers, der er sein wollte, und das hatte ja auch Erfolg, denn in der Werbung für seine Romane wurden solche Aussagen immer benutzt, und am Ende war das Genrebild eines Dschungeldichters etabliert, an dem manche Travenforscher bis heute festhalten."

Jan-Christoph Hauschild beschränkt sich in seinem Buch auf die Zeit von Otto Feige und Ret Marut und breitet diese "unbekannten Jahre" sehr detailliert vor den Lesern aus. Man lernt einen ehrgeizigen, auch geltungssüchtigen jungen Mann kennen, der sich mit großem Mut für Freiheit und Gerechtigkeit engagiert – und damit den gleichen Einsatz zeigt wie später der Romanautor B. Traven.

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