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"Das syrische Volk ist wahrscheinlich das verlassenste Volk der Erde"

Grünhelme-Gründer Neudeck beschreibt katastrophale Lage in Aleppo

Rupert Neudeck im Gespräch mit Christoph Heinemann

Rupert Neudeck ist Gründer des Friedenscorps Grünhelme.
Rupert Neudeck ist Gründer des Friedenscorps Grünhelme. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

In Syrien sei fast alles kaputt, was ein Leben menschenwürdig mache, sagt Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme. Das Regime bombardiere gezielt Krankenhäuser und Schulen. Die Syrer erwarteten eine UNO-Resolution und die Anklage von Präsident Assad als Kriegsverbrecher.

Christoph Heinemann: Syriens Präsident Assad muss verschwinden - das ist die Meinung der US-Regierung. Zuletzt äußerte dies Vizepräsident Joe Biden während der Münchner Sicherheitskonferenz am vergangenen Wochenende. Bisher geht er aber nicht, ganz im Gegenteil. Nach einem Vorstoß der Rebellen auf Syriens Hauptstadt Damaskus haben Regierungstruppen strategisch wichtige Oppositionshochburgen im Umland unter Beschuss genommen. Aktivisten berichten von einem massiven Einsatz von Militärhubschraubern zwischen dem östlichen Damaszener Viertel und den Randbezirken. Oppositionelle hatten zuvor eine Entscheidungsschlacht angekündigt.

Wir haben vor dieser Sendung in Syrien Rupert Neudeck erreicht, den Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur und Grünhelme, der in dieser Woche auch Gelegenheit hatte, die Stadt Aleppo zu besuchen, und zu Beginn seine Eindrücke von dort schildert.

Ein undatiertes Bild der Syrian Arab News Agency (SANA) zeigt syrische Soldaten im Bezirk Salaheddin der Stadt AleppoSyrische Soldaten im zerstörten Aleppo. (picture alliance / dpa / SANA)Rupert Neudeck: Ich war gestern in Aleppo und muss sagen: Es gibt kein Volk der Welt, das so abgeschnitten ist von dem Schicksal der Menschheit wie dieses syrische Volk. Das ist absolut in einer solchen verzweifelten Lage: Es gibt dort fünf Millionen Menschen in dieser Agglomeration, und fast alles ist kaputtgegangen, was das Menschenleben in Europa und der Welt menschenwürdig macht. Ich war an einem Straßenzug von Hochhäusern, und dort ist das Krankenhaus gerade ausdrücklich kaputt geschossen worden von einer Rakete, da sind Patienten gestorben. Das Al-Shifa-Krankenhaus. Und die Ärzte dort haben in bewunderungswürdiger Weise in den Kellern von naheliegenden Wohnräumen ihre Ambulanzen aufgebaut, ihre Gynäkologie, ihre Pädiatrie, und versuchen unter diesen Bedingungen eine Anarchie, also einer Herrschaftslosigkeit, dort wirklich Medizin noch zu machen. Das erregt eigentlich bei dem Besucher, der ich ja doch bin, größte Bewunderung. Wie die Menschen überleben, wissen wir überhaupt nicht, weil es gibt mittlerweile nicht mehr genug Mehl, es gibt nicht genug Heizöl, der Strom fällt zu großen Teilen aus. Also man muss davon ausgehen: Diese Bevölkerung verdient unseren größten Respekt für das Leiden, das sie auf sich nimmt.

Heinemann: Herr Neudeck, wie funktioniert die Zivilverwaltung dort, wo die Aufständischen das Sagen haben?

Neudeck: Erstaunlich gut, muss ich sagen. Trotz all dieser anarchischen Zustände sind die Zivilverwaltungen - die natürlich nur auf eine Kommune dann immer beschränkt sind - so aktiv, dass sie das Leben der Menschen ermöglichen. Ich will das an einem Beispiel schildern: In dem Dorf Keljebrin, das liegt auf halber Strecke zwischen Aleppo und Azaz, Azaz liegt in der Nähe der türkischen Grenze, dort gibt es eine Schule, da wird für 500 Schülerinnen und Schüler Unterricht gemacht, und zwar regelmäßig morgens mit Antritt aller Schüler. Es gibt 20 gut ausgebildete Lehrer, die in dieser Schule wirklich versuchen, ein Stück für die Kinder Normalität zu retten. Das ist natürlich nur bedingt möglich, aber es gelingt. Und ich habe den Unterricht mitbekommen, und die Menschen sind für das, was wir dort gemacht - wir haben diese Schule rehabilitiert, das heißt, wir haben sie repariert, wir haben sie so wieder in Gang gesetzt und wir haben auch Heizöl gebracht, damit die Menschen, die Kinder dort nicht frieren müssen -, sie sind so dankbar dafür, dass wir diese Normalität möglich gemacht haben. Die Zivilverwaltung in diesem Ort und auch in anderen Dörfern drum herum funktioniert für meine Begriffe auf eine bewunderungswürdig gute Weise.

Heinemann: Herr Neudeck, es gibt Berichte über Gräueltaten auf beiden Seiten. Wie diszipliniert oder undiszipliniert haben Sie die Aufständischen erlebt?

Die syrische Stadt Asas nach dem Abwurf zweier FliegerbombenDie syrische Stadt Azaz nach dem Abwurf zweier Fliegerbomben. (picture alliance / dpa / Anne-Beatrice Clasmann)Neudeck: In dem Bezirk, in dem ich tätig bin, das ist ganz eindeutig nicht ganz Syrien, das ist hier ein Teil, ein Segment von Syrien zwischen Azaz und Aleppo, da kann ich eigentlich von der FSA nichts sagen, was ihren Ruf schädigen würde. Ich kann auch nicht sagen, dass sie mit großem, schwerem Kriegsgerät ausgerüstet ist. Sie versucht hier eigentlich nur, die Kontrolle der Ortschaften zu gewährleisten und auch die Grenze zu kontrollieren. Wir haben mit einigen Leuten Kontakt, das sind eher Zivilisten als Militärs, die sind notgedrungen Militärs geworden. Der friedliche Aufstand von 2011 gegen Baschar al-Assad hat nicht funktioniert, sondern da wurde eben die Notwendigkeit der militärischen Befreiung des Landes erkennbar. Ich kann das nicht bestätigen, ich gehe aber davon aus, dass in einer so furchtbaren Situation - die Menschen leben ja fast schon zwei Jahre unter dieser wahnsinnigen Bombardierung der Zivilbevölkerung -, ich gehe davon aus, dass Hass, Revanche, Rachegelüste, die leider Gottes unter uns Menschen normal sind und menschlich sind, dass die auch ihren Teil dazu beitragen, dass beide Seiten eben in diesem Konflikt ihre furchtbaren Opfer bringen und Gräueltaten verüben.

Heinemann: Wie stellen sich die Menschen einen Übergang vom jetzigen Regime zu einer künftigen Regierung vor?

Neudeck: Ich denke, die syrische Bevölkerung - soweit wir das hier in den Dörfern mitkriegen und wir kriegen ja eine ganze Menge mit - ist das Regime jedenfalls ganz satt. Es ist eine überwiegende Mehrheit, es gibt keine mehr, die sich überhaupt noch auch nur andeutungsweise auf die Seite von Assad und seinem Regime oder der Baath-Partei hält. Es gibt eine Abzugsbewegung vom Regime, die wahrscheinlich bis an 90 und 95 Prozent geht. Wir haben einen Deserteur hier erlebt, der aus dem nahegelegenen militärischen Flughafen desertiert war, der davon berichtete, dass eigentlich alle Soldaten die Nase voll haben und nur voller Angst sind, dass sie als Deserteure nach so langer Zeit im Regime, in der Armee von Assad, dass sie sich nicht trauen, rauszugehen.

Heinemann: Was erwarten die Gegner von Assad von der Internationalen Gemeinschaft?

Neudeck: Die erwarten zumindest, ich sage das mal ganz platt, etwas mehr Empörung vonseiten unserer Öffentlichkeit und unserer Politik. Wenn man also in Aleppo sieht und in anderen Orten drum herum - und ich sehe das hier andauernd, seit Monaten, seitdem ich hier mehrere Male zu Besuch war, sehe ich das -, wie Hospitäler und Schulen gezielt bombardiert und dem Erdboden gleichgemacht werden vom Regime. Man erwartet mehr Empörung vonseiten der Europäer, man erwartet aber auch, dass es vielleicht mal jemand auf die Idee kommt, ein hochrangiger Jurist oder auch eine Regierung, den Baschar el-Assad, der ja dafür verantwortlich ist, zur Rechenschaft zur ziehen und ihn vor das Internationale Strafgericht zu stellen als Kriegsverbrecher und Menschheitsverbrecher. Das, glaube ich, würde die Menschen schon sehr, sehr befrieden. Sie erwarten natürlich auch etwas, worauf jedes Volk dieser Erde einen Anspruch hat: eine UNO-Resolution mit der berühmten Formel der "responsibility to protect", also der Verantwortung, Zivilbevölkerung zu schützen. Das syrische Volk ist wahrscheinlich das verlassenste Volk der Erde, weil es nicht mal einen Anspruch auf diese UNO-Resolution hat.

Heinemann: Rupert Neudeck, der Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme, den wir vor dieser Sendung in Syrien erreicht haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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