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"Das System ist erledigt"

Die Banken und der Liborzins-Skandal

Von Jochen Spengler

Martin Wheatley, designierter Chef der neuen Finanzaufsichtsbehörde FCA, die den Libor-Skandal untersuchen soll.
Martin Wheatley, designierter Chef der neuen Finanzaufsichtsbehörde FCA, die den Libor-Skandal untersuchen soll. (picture alliance / dpa / Andy Rain)

Es war der dickste Bankenskandal des vergangenen Jahres: 20 internationale Geldinstitute, darunter auch die Deutsche Bank, sollen gemeinsam den sogenannten Liborzinssatz manipuliert haben. Ein Rückblick.

An jedem Werktag um elf Uhr in London wird die London Interbank Offered Rate ermittelt - der Zinssatz zu dem sich Banken gegenseitig Geld leihen. Der Britische Bankenverband legt den Libor als Durchschnitt aufgrund der Schätzungen von 16 internationalen Großbanken fest. Die Liborzinssätze werden für die zehn weltweit wichtigsten Währungen berechnet und dienen als Basis für globale Finanzgeschäfte von mehreren hundert Billionen Euro, so etwa als Richtwert für Kredite an Unternehmen und Privatpersonen.

Zwar gab es schon vor vier Jahren erste Hinweise auf Manipulationen des Liborsatzes, aber erst im Juni 2012 platzte die Bombe. Die britische Großbank Barclays gestand gegenüber den US-Ermittlern, zwischen 2005 und 2009 die Zinsen zum eigenen Vorteil nach unten manipuliert zu haben, so dass ihre Kreditwürdigkeit besser aussah, als sie war. Konzernchef Bob Diamond selbst habe ihm dafür die Anweisung per Telefon gegeben, behauptete der zuständige Direktor Jerry del Missier vor einem britischen Parlamentsausschuss:

"”I took action on the basis of the phonecall with Mr. Diamond that we should get our Libor rates down.”"

Der mächtige Barclays Boss Diamond musste zurücktreten und das Institut 360 Millionen Euro Strafe zahlen. Auch bei der Schweizer Großbank UBS kam es zu einem personellen Großreinemachen. Hier fiel die Geldbuße mit 1,2 Milliarden Euro sogar noch dreimal höher aus, weil das Manipulationsregime der Bank, von dem über 40 Banker wussten, deutlich ausgefeilter war und zu Handelsgewinnen führte. Insgesamt wird gegen mehr als ein Dutzend Banken ermittelt, denen auch empfindliche zivilrechtliche Entschädigungszahlungen drohen könnten. Vor wenigen Tagen gab es die ersten Festnahmen. Drei britische Staatsbürger wurden von der Behörde für besonders schwere Betrugsfälle festgenommen.

Der Euribor, das Pendant zum Libor in der Eurozone, ist vermutlich ebenfalls manipuliert worden und Gegenstand von Ermittlungen durch die deutsche Finanzaufsicht Bafin.

Die britische Regierung arbeitet derzeit an Gesetzen, mit denen die Empfehlungen von Martin Wheatley, dem künftigen Generaldirektor der neuen britischen Finanzaufsichtsbehörde FCA, umgesetzt werden sollen. Wheatley war nach der Untersuchung des Libor-Skandals im September zu einem vernichtenden Urteil gekommen:

"Das System ist erledigt und bedarf der völligen Instandsetzung. Die bestürzenden Vorgänge, die wir aufgedeckt haben bei der Manipulation von Libor haben Zuversicht und Vertrauen ernsthaft beeinträchtigt und das Gefüge unseres Finanzsystems zerrissen."

Ursache dafür sei nicht allein das Fehlverhalten einzelner Banker, sondern ein falsch konstruiertes System. Zwar soll Libor zunächst nicht abgeschafft werden, da es kurzfristig keine besseren Alternativen gebe. Künftig aber wird der Zinsatz ermittelt auf Basis des Durchschnitts der tatsächlich gezahlten Darlehenskosten und nicht mehr anhand von Schätzwerten. Deutlich mehr Banken werden dazu ihre Daten übermitteln und die Aufsicht wird nicht mehr der Bankenverband selbst, sondern ein unabhängiges Überwachungsgremium ausüben.

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