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StartseiteSport am WochenendeDas System Teixeira16.11.2013

Das System Teixeira

Mit Sponsoren und Testspielen werden in Brasilien seit Jahren faule Geschäfte gemacht

Es gibt schlechtere Adressen auf der Welt als den Luxus-Vorort Sunset Beach in Miami mit seinen Sportclubs, edlen Restaurants und dem Jachthafen. Dort hat sich neben vielen Film- und Fernsehstars auch der einst allmächtige Präsident des brasilianischen Fußballverbandes Ricardo Teixeira niedergelassen. Im Exil.

Von Carsten Upadek

Ricardo Teixeira, Ex-Präsident des brasilianischen Fußballverbandes (dpa)
Ricardo Teixeira, Ex-Präsident des brasilianischen Fußballverbandes (dpa)

Bis heute wird Ricardo Teixeira mit Schmiergeldern, Steuerhinterziehung und Bestechungsskandalen in Verbindung gebracht. Interviews gibt er nicht. Aber sein Luxusanwesen spräche für sich, meint der brasilianische Sport-Journalist Sergio Rangel:

"Nach der Entscheidung hierher zu kommen hat er dieses pharaonenhafte Haus gekauft mit acht Schlafzimmern, sieben Badezimmern im Wert von sieben Millionen US-Dollar, ein Haus, das einem selbst für amerikanische Verhältnisse förmlich ins Auge springt."

Sergio Rangel ist in Brasilien ein vielfach ausgezeichneter Journalist, dessen Recherchen zu geheimen Sponsorenverträgen etwas Licht in die dunklen Geschäfte des brasilianischen Fußball-Verbandes CBF bringen könnten:

"Wir haben eine Geschichte gemacht über den Vertrag der Fluggesellschaft TAM mit dem CBF: TAM ist die größte Fluggesellschaft Brasiliens. Sie wollte Nationalmannschaft bis 2018 transportieren."

Und sie zahlte dafür sieben Millionen Dollar jährlich. Das Geld landete jedoch nicht auf dem Konto des Verbandes und damit nicht in dessen Büchern, sondern auf Unternehmenskonten eines Freundes von Ricardo Teixeira. Auch ohne das Geld wies die Jahresbilanz dem CBF 2012 über 100 Millionen US-Dollar Sponsoreneinnahmen aus. Ob das wirklich alles war, will der ehemalige Weltfußballer Romario herausfinden. Inzwischen ist er Politiker und Vorsitzender des Sportausschusses im brasilianischen Parlament. Er hat einen Ausschuss in die Wege geleitet, der alle zwölf Sponsorenverträge des CBF und die Geschäfte des Verbandes untersuchen soll:

"Der CBF nutzt unsere Farben, unsere Hymne, unsere Fahne und nutzt unser wichtigstes Gut, unsere Spieler. Deshalb hätten sie nach meinem Verständnis die Verpflichtung zu größerer Transparenz. Aber ohne den Ausschuss wird das nicht passieren."

Zwar hat die Fluggesellschaft TAM den Vertrag nach Veröffentlichung der dubiosen Zahlungen gekündigt – ist aber schnell von einem anderen Flugunternehmen ersetzt worden. Zu den Sponsoren gehören zudem der deutsche Autobauer Volkswagen und der Sportausstatter NIKE. Gegen letzteren wurde 2001 schon einmal in einem Ausschuss ermittelt, weil der Sponsorenvertrag dem US-Konzern immense Rechte einräumte. So durfte NIKE zum großen Teil bestimmen, wo die Seleção spielt, wer ihr Gegner ist und zudem acht Spieler der Aufstellung. Den Vertrag hatte Ricardo Teixeira allein ausgehandelt und unterschrieben. Dafür flossen Gelder in Höhe von 326 Millionen US-Dollar. Sergio Rangel:

"Es ging um sehr viel Geld, den größten jemals geschlossenen Vertrag für eine Nationalmannschaft. Die Kritiker fingen zu sagen, Nike kaufe die nationale Souveränität, es gab viel Polemik um Nike."

NIKE ruderte zurück. Der Ausschuss blieb folgenlos. Eine zweite Kommission im Parlament untersuchte zwar die kriminellen Machenschaften innerhalb des Verbandes CBF und kam zum Ergebnis: der Verband sei ein krimineller Ort, in dem die Korruption blühe. Aber Folgen blieben auch hier aus:

"Teixeira war politisch zu stark, zu gut mit den Abgeordneten verbunden, die den Bericht bestätigen hätten müssen."

Ein Skandal außerhalb Brasiliens zwang Teixeira schließlich 2012 zum Rücktritt: Als Mitglied des Fußballweltverbandes FIFA wurde ihm von der Schweizer Staatsanwaltschaft nachgewiesen, Schmiergeld für TV-Übertragungsrechte genommen zu haben. Die so genannte ISL-Affäre.
Teixeira vererbte das Amt als CBF-Boss an José Maria Marin. Der machte in den vergangenen Monaten Schlagzeilen, weil er zu Zeiten der Militärdiktatur in die Ermordung eines linken Journalisten verwickelt sein soll. Und er machte Schlagzeilen durch öffentliche Kritik am Sponsorenvertrag des CBF mit NIKE. Der Vertrag war inzwischen bis 2026 verlängert worden. Jährlich zahlt das Unternehmen 35 Millionen US-Dollar, nächstes Jahr zur WM gar 45 Millionen. Warum sollte Marin das kritisieren? Ex-Fußballstar Romario:

"Weil er nicht beteiligt war an der Aushandlung des Vertrages. Verträge mit diesen Summen haben immer… nennen wir sie Vermittler… die verhandeln. Einige machen das mit legalen Methoden und andere nicht. Als Marin nun kam, war der Vertrag schon abgeschlossen. Weil er bei der Aushandlung aber in keiner der Arten beteiligt war, ist die Weiterführung des Vertrages für ihn nicht interessant."

Weil nur die Vermittler mitverdienen. Das gilt auch für die Vermarktungsrechte. Da hat sich im System Teixeira wohl kaum etwas verändert. Zumal Teixeira den Verband noch immer heimlich lenken soll, dem nun José Maria Marin offiziell vorsteht:

"Wir haben das beste Verhältnis! Er hält Kontakt. Auch über die Distanz hin arbeitet er zusammen mit dem CBF. Und er ist weiterhin ein enger Freund und hat viele Freunde im Verband hinterlassen."

Und nicht nur da. Aber wenn Brasilien heute gegen Honduras in Teixeiras neu gewählten Heimat aufspielt, schaut sich das der ehemalige Funktionär maximal aus der Ferne an, weiß Sergio Rangel:

"Er ist ziemlich erschrocken, weil er befürchtet, dass die ganze Presse bei ihm vor der Tür steht. Deshalb ist er erst mal nach Europa gegangen, wo er viele Freunde hat. Einer davon ist sehr bekannt: Sandro Rosell, der Präsident von Barcelona. Und auch mit Andorra hat er starke Verbindungen, wo er sich aufhält um so weit wie möglich weg zu sein von der brasilianischen Presse."

Sandro Rosell, der Präsident des FC Barcelona, ist in Brasilien angeklagt wegen Betruges. Seiner früheren Vermarktungsfirma soll ein Freundschaftsspiel der Seleção 2008 illegal zugesprochen worden sein. Sitz der Firma war damals die Farm von Ricardo Teixeira. Bevor der sich nach Miami absetzte, verscherbelte er noch schnell die Rechte an den Testspielen der Seleção bis 2022 an eine arabische Sportvermarktungsfirma namens ISE. Die wiederum engagierte die US-amerikanische Firma Uptrend Development LLC für "Marketing und Werbung" und zahlte zwischen 2006 und 2012 insgesamt elf Millionen US-Dollar. Inhaber der Firma: Sandro Rosell. Und auch heute noch soll er mitverdienen. Er und Teixeira sind gute Freunde von früher. Damals war Rosell in Brasilien der Repräsentant von NIKE.

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