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StartseiteInterview"Das System wurde durchschaubarer"07.05.2009

"Das System wurde durchschaubarer"

Marianne Birthler über die als Fälschung entlarvten DDR-Kommunalwahlen von 1989

Zu den Aktivisten, die vor 20 Jahren die Fälschung der Kommunalwahlen in der DDR aufdeckten, zählt auch die heutige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler. Was damals Wahl genannt wurde, sei "die Beleidigung eines erwachsenen Menschen" gewesen, erinnert sich Birthler. Der Nachweis der Wahlfälschung hat ihrer Ansicht nach ganz erheblich zum Sturz des Regimes beigetragen.

Marianne Birthler im Gespräch mit Christoph Heinemann

Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Marianne Birthler (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Marianne Birthler (Deutschlandradio / Bettina Straub)
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Chronik der Mauer - Juni 1961 bis Dezember 1989

Christoph Heinemann: Marianne Birthler, haben Sie am 7. Mai 1989 gewählt?

Marianne Birthler: Ich bin zur Wahl gegangen, nach Jahren mal wieder, und habe mich aber vorher genau erkundigt, was man machen muss, damit meine Stimme als Nein-Stimme zählt. Ich habe also die Wahlkabine benutzt, und dazu muss man sagen, dass so was sehr ungewöhnlich war in der DDR. Das war auch nicht vorgesehen, dass Menschen diese Alibi-Wahlkabine in einer entfernten Ecke des Raums in Anspruch nahmen.

Heinemann: Zettel falten!

Birthler: Ja. - Normalerweise ging man rein ins Wahllokal, gab die Wahlbenachrichtigung ab, kriegte einen Zettel, faltete den und warf ihn in die Kiste. Punkt! Dann verließ man das Wahllokal wieder. Sehr viele Leute hatten sich dann in diesem Frühjahr 1989 verabredet: Wir gehen nicht nur einfach nicht zur Wahl, was ja immer mehr Menschen auch für sich entschieden haben, sondern wir gehen zur Wahl, stimmen aber mit Nein. Und da entstand das nächste Problem: Wie macht man denn das? Wenn man einfach den Zettel quer durchstreicht, ist das keine Nein-Stimme. Es war auch schwer rauszukriegen, was ist eigentlich eine Nein-Stimme. Es gab nicht Kästchen "ja", "nein" oder so. Die waren auf diesen Zetteln nicht vorgesehen. Da standen 17, 19 oder 20 Namen. Wir hatten dann rausbekommen: Eine Nein-Stimme wird nur anerkannt, wenn jeder einzelne Name säuberlich durchgestrichen ist. Wenn man 17 von 18 Namen durchstreicht, zählt das schon wieder als eine Ja-Stimme. Das musste man erst mal rauskriegen. Also ich war gut vorbereitet, bin in die Wahlkabine rein, habe jeden Namen einzeln ausgestrichen und dann den Zettel in die Wahlurne gesteckt und hoffe bis heute, dass meine Stimme dann eine von den doch beträchtlichen Nein-Stimmen gewesen ist.

Heinemann: Und dann kam das offizielle Wahlergebnis: fast 99 Prozent Ja-Stimmen für die Einheitsliste. Was haben Sie da empfunden?

Birthler: Das hatte ja nun mit unserer Abstimmung überhaupt nichts zu tun. Wie in den Jahren zuvor sind die Wahlergebnisse vorher festgelegt worden und dann auf die Bezirke und Kreise runtergerechnet worden, völlig unabhängig davon, wie viel Menschen teilgenommen haben und wie die Menschen abgestimmt haben. Das wussten wir seit Jahren. Wahlfälschung hat es gegeben, solange es die DDR gegeben hat. Das war der Normalfall.

Uns ging es aber in diesem Jahr darum, dass wir diese Wahlfälschung nachweisen wollten. Deswegen haben sehr viele Menschen aus der Opposition sich verabredet, in die Wahllokale bei der Auszählung der Stimmen zu gehen, mitzuzählen und dann die von ihnen erhobenen Ergebnisse mit den offiziellen Ergebnissen zu vergleichen.

Heinemann: Das war was ganz Neues. Das hat es bis dahin nicht gegeben?

Birthler: Das war völlig neu. Es gab schon mal Vorversuche, aber das waren kleine regionale Aktionen.

Heinemann: Konnte man einfach so reinmarschieren in die Wahllokale und sagen, was zählt ihr denn da?

Birthler: Ja. Die Auszählung der Wahlzettel war öffentlich - das war schon immer so -, abgesehen von den sogenannten Sonderwahllokalen, wo die Briefwahlen eingegangen waren. Man konnte das tun, und diesmal haben viele Menschen dann auch den Staat beim Wort genommen und haben gesagt, wir gucken euch jetzt auf die Finger. Das Ergebnis war sehr klar. Wir haben das natürlich nicht in allen Wahllokalen geschafft, aber selbst wenn man zusammengerechnet hat die Nein-Stimmen in den Wahllokalen, in denen wir waren, dann lagen die Nein-Stimmen schon deutlich höher als das offiziell zugestandene Ergebnis.

Heinemann: Und Ihre Reaktion auf das offizielle Ergebnis war wie?

Birthler: Im besten Fall konnte man darüber lachen. Im Grunde genommen war es aber die Beleidigung eines erwachsenen Menschen, was da "Wahl" genannt wurde. Mit Lachen haben wir uns immer so ein bisschen geholfen. Das war natürlich eine Farce und hatte mit Demokratie auch nicht das Geringste zu tun. Diese hohen Wahlstimmen, diese künstlich produzierten von über 99 Prozent, brauchte die SED offenbar, um anderen und sich selbst zu versichern, dass sie immer noch im Interesse der Menschen agiert, aber das stimmte nicht mehr. Und als wir diesen Nachweis dann angetreten haben, haben wir die Ergebnisse unserer Hochrechnung, wenn man so will, auch publiziert. Es gab eine ganze Reihe von Personen, die Klage gegen Unbekannt eingereicht haben wegen Wahlfälschung. Diese Ermittlungen sind alle überhaupt gar nicht erst aufgenommen worden. Und es war natürlich vor allen Dingen auch ein öffentliches Thema. Also das hat schon ganz schön am Lack der SED gekratzt.

Heinemann: Marianne Birthler, welchen Stellenwert hatte dieser 7. Mai 1989 in der Geschichte des Untergangs der DDR?

Birthler: Das System wurde für immer mehr Menschen immer durchschaubarer und der Nachweis der Wahlfälschung hat, glaube ich, ganz erheblich dazu beigetragen, erst recht, als es ja keine Aktion eines Tages war, sondern es blieb ein politisches Thema. An jedem 7. des Monats gab es in Berlin eine kleine Demo, die von den staatlichen Stellen sehr ernst genommen wurde, obwohl es nur ein kleines Häuflein von Menschen war, die die Erinnerung wach halten wollten, erstens daran, dass die Wahlen gefälscht sind, und zweitens, dass sich Protest dagegen lohnt.

Heinemann: Die Stasi registrierte ein stabsmäßig organisiertes und koordiniertes Vorgehen. Mobiltelefone gab es damals nicht. Das öffentliche oder das private Fernsprechnetz funktionierte mit Flimmern und Rauschen, wenn es überhaupt ging. Wie haben sie Widerstand überhaupt organisiert?

Birthler: Wir haben uns oft gesehen, oft getroffen, und es war eben nicht so, dass es keine Telefone gab. Viele von uns hatten natürlich auch Telefone, wenn auch nicht alle, die eines wünschten. Wir haben dann in Berlin und in Leipzig, mindestens dort, vielleicht auch noch woanders, sogenannte Kontakttelefone eingerichtet. Ich war an dem Betrieb des Berliner Kontakttelefons stark beteiligt. Das heißt, eine Kirchengemeinde hat uns nachmittags, abends, am Wochenende ihr normales Gemeindetelefon zur Verfügung gestellt. Diese Nummer war vielen bekannt, und man konnte dort anrufen, sich Informationen holen. Und wir hatten ein Kommunikationsmedium, wenn, wie wir das immer genannt haben, die Luft mal wieder brannte. Zum Beispiel zum Zeitpunkt der Kommunalwahlen konnten Leute bei uns anrufen und sagen, wir waren in dem Wahllokal, da war es so und so, oder dort und dort ist es möglicherweise bei anderen Gelegenheiten zu einer Zuführung gekommen. An den Tagen dann Anfang Oktober war dieses Telefon besonders wichtig, weil viele uns dort anriefen und uns mitteilten, wie viel Menschen an welcher Straßenecke gerade verhaftet und mit einem Lkw weggefahren worden sind, und so weiter. Das war also ein sehr wichtiges Kommunikationsmittel für uns.

Heinemann: Wenn man Ihnen am 7. Mai 1989 vorausgesagt hätte, dass Sie 13 Jahre später die Stasi-Akten verwalten, hätten Sie dann den Arzt gerufen?

Birthler: Weiß ich nicht, was ich gemacht hätte, aber gelacht hätte ich natürlich. Ich erinnere mich noch, als es einmal im Zusammenhang mit einem Polizeieinsatz zu Polizeikontrollen von Jugendlichen kam. Als der eine seinen Ausweis gezeigt hat und sich Notizen machte, sagte dieser Jugendliche, sind sie sich eigentlich klar, dass das, was sie da aufschreiben, vielleicht mal im Museum für deutsche Geschichte liegt? Wir haben diese Geschichte immer weitererzählt und haben uns köstlich darüber amüsiert. Und wie hellsichtig war das doch!

Heinemann: Aber geglaubt haben Sie daran nicht?

Birthler: Wir konnten es uns wirklich nicht vorstellen. Unsere Fantasie hatte da offenbar Grenzen.

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