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StartseiteBüchermarktDas Tal der Rituale11.01.2003

Das Tal der Rituale

Straelener Manuskripte, 128 S., EUR 26,-

<strong>Immer scheint die Sonne</strong>

Cornelia Jentzsch

In unserer Nacht / scheint die Sonne über dem Kaukasus./ In den Nächten des Kaukasus/ scheint die Sonne über Alaska. In den Nächten Alaskas/ scheint die Sonne über dem Himalaja./ In den Nächten des Himalaja / scheint die Sonne über dem Olymp./ In den Nächten des Olymp/ scheint die Sonne über Sannin./ In der Nacht / Scheint immer die Sonne.

Dieses Gedicht des syrisch-libanesichen Dichters Fuad Rifka kann man nach zwei Seiten hin betrachten, wie die helle oder dunkle Seite eines Planeten. In seiner optimistischen, tröstlichen Deutung verheißt das Gedicht die Zuverlässigkeit der Sonne, die zwar nicht immer sichtbar, aber doch latent vorhanden ist. In seiner fatalistischen, dunklen Auslegung hin läßt sich aber auch lesen, daß die Sonne jeweils genau dort aufleuchtet, wo der Betrachter nicht weilt. Sie kann er nicht erreichen, sosehr er ihr auch quer über den ganzen Erdball nachjagt. Die Sonne scheint selbstverständlich immer, nur nicht für ihn, bei ihm verharrt die Nacht. Diese schattigere Seite des Gedichtes entdeckt man erst beim zweiten Lesen, sie wird von der Helligkeit des beschrieben Planeten verdeckt.

Wer ist Fuad Rifka, der in seinen klaren, einfachen Gedichten soviel von den philosophischen Seiten des Seins versteckt? Wer ist dieser Grenzgänger zwischen Orient und Okzident, zwischen arabischer und europäischer Denkungsart, zwischen Islam und Christentum, zwischen Philosophie und Dichtung? Dieses Balancieren zwischen zwei Seiten macht seine Literatur nicht nur spannend - sondern, nimmt man sie nur von nur einer Seite aus wahr, nicht immer sichtbar.

Fuad Rifka, jetzt zweiundsiebzig, wurde in Syrien in einer Familie christlichen Glaubens geboren und wuchs dort in einem Dorf in ländlichen und zuverlässigen Strukturen auf. Noch als er Kind war, zog seine Familie in den Libanon. Dieses Land blieb bis zur israelischen Invasion 1982 das Exilland für Intellektuelle aus der gesamten arabischen Welt, da es relative politische Stabilität mit weitgehenden Freiheiten garantierte. Hier gab es zahlreiche Verlage und Zeitschriften wie die 1957 gegründete und für die arabische Poesie äußerst wichtige Literaturzeitschrift "Shi'r", was übersetzt Poesie bedeutet. Bis etwa in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die arabische Dichtung von einer bereits im 6. Jahrhundert entstandenen Form dominiert, die klare Grenzen durch ein vorgegebenes Versmaß setzte. Die politischen und sozialen Erschütterungen im arabischen Raum nach den beiden Weltkriegen und der Einbruch der Moderne in festgefügte Traditionen veränderten auch allmählich die Literatur. Sie wurde in den fünfziger, sechziger Jahren gewagter, offener, experimenteller. Es entstanden neue Richtungen in der Poesie, darunter sogenannte Schulen der free verse, der freien Verse. Angeregt vom französischen gab es bald auch einen arabischen Surrealismus. "Shi'r" war ein wichtiges, wenn nicht sogar das Podium dieser aufbrechenden Dichtung und wesentliches Bindeglied zur internationalen Poesie. Und Fuad Rifka war einer der engsten Mitarbeiter des Gründers dieser Zeitschrift. Diese Erlebnisse prägten Rifkas eigenes Schaffen. Ebenso wie ihn eine zweite wesentliche Fügung in seinem Leben beeinflußte: Nach einem Studium der Philosophie in Beirut ging Fuad Rifka mit knapp zwanzig Jahren nach Deutschland, nach Tübingen, um hier über Heidegger zu promovieren:

Ursprünglich bin ich ein Dichter. Aber gleichzeitig hatte ich eine große Neigung, die Philosophie zu studieren. Meiner Erfahrung nach hat die Philosophie mir geholfen, Visionen zu haben und hat sie auch mir geholfen, den Horizont meines Lebens deutlicher zu verstehen... Aber mein persönliches Gefühl ist, daß in manchen Fällen die Dichtung die Existenz des Menschen viel tiefer ausdrücken kann.... Weil in der Dichtung das ganze Sein des Menschen aktiv ist...

Auf die Frage, was Fuad Rifka ausgerechnet nach Deutschland zog, was ihn an der europäischen Philosophie und Dichtung interessierte, beklagte der Dichter den Mangel philosophischen Denkens in der heutigen arabischen Welt.

Wir hatten Philosophen im Mittelalter und jemand wie Averroes zum Beispiel hat das griechische Denken oder die griechische Philosophie der westlichen Welt übersetzt...Stimmt genau, daß wir nach dem Mittelalter überhaupt keine Philosophie, eigene Philosophie geschaffen haben, das ist wirklich eine Kulturkrise. Ich kann nicht verstehen, wie eine Kultur einen Sprung in die Zukunft hinein machen kann ohne einen philosophischen Hintergrund. ... sogar sind die Naturwissenschaften im Boden der Philosophie verwurzelt... Wir können weder auf der selben Ebene stehen noch können wir unsere Existenz mit der übrigen Welt koordinieren und deswegen haben wir in der Gegenwart eine Art von Trennung zwischen dem Orient und dem westlichen Raum. Nun ist die Frage, wie kann man diese Kluft zwischen den beiden Kulturen enger machen und das ist jetzt, ich glaube, die Hauptaufgabe der modernen Welt.

Fuad Rifka liefert seinen Anteil dazu nicht nur durch seine Poesie. Er arbeitet im Brotberuf als Philosophieprofessor an einer Beiruter Universität und bringt jungen Studenten die Gedankensysteme von Hegel, Schelling, Nietzsche, Husserl, Jaspers und Heidegger nahe. Rifka ist nicht nur ein Übersetzer zwischen verschiedenen Kulturen und Denksystemen, sondern auch zwischen verschiedenen Literaturen. Seine Übersetzungen von Hölderlin, Novalis, Goethe, Rilke oder Trakl ins Arabische sind zum überwiegenden Teil erstmalige Exkursionen dieser deutschsprachigen Dichter in den Orient. Und natürlich hat sich Rifkas eigene Dichtung um die Erfahrungen mit deutschsprachiger Dichtung bereichert. Dennoch bleibt Rifka tief in seiner arabischen Herkunft verwurzelt.

Mein Leben in Deutschland, mein Studium in Deutschland, meine Erfahrung in Deutschland haben bewußt und unbewußt mein Gedicht beeinflußt. Aber mein Gedicht hat diese fremden Elemente orientalisiert und deswegen spürt man so stark die Existenz der Natur, auch romantische Elemente, auch mystische Elemente. Sicher haben auch manche und mehrere westliche Dichter über Natur geschrieben, aber meine Beschäftigung mit der Natur hat einen Schatten, den man überhaupt nicht in der westlichen Dichtung finden kann. Diese Einfachheit, diese enge Freundschaft mit der Natur, dermaßen, daß ich manchmal fühle, daß der Baum draußen mich anschaut und mich anspricht, und manchmal höre ich die Stimme der Blume, des Flusses, und meine Rolle ist dann, diese Stimme ins Wort zu verwandeln und zu interpretieren.

Der syrisch-libanesische Dichter Fuad Rifka ist dennoch eine Ausnahmeerscheinung unter den arabischen Dichtern. Ganz im Gegensatz zur orientalischen Sprachfülle und zur oft beträchtlichen Zahl der Verse, die erst wie Perlen auf eine lange Schnur gereiht ein anerkanntes Gedicht ergeben, arbeitet Rifka mit knappen Mitteln. Mit bewußt schlichter Sprache und auf ein Mindestmaß beschränktem Wortschatz erreicht seine Dichtung eine tiefe Klarheit, eine fühlbare Nähe zum steten Kreislauf des Kosmos. Die Titelfiguren seiner Gedichtbände - der Holzfäller, der Scheich Derwisch, der Sufi oder der Samariter - übertragen die Sprache der Natur in die des Menschen, sie verkünden aus dem Mund des Dichters das Sein der Dinge.

Doch der Islam verwehrt einem Dichter die Rolle des Visionärs und Propheten, denn diese Rolle wurde bereits dauerhaft besetzt. Eine Ausnahme bildeten vielleicht noch die arabischen Mystiker, sie konnten für eine kurze Zeit die Rolle eines Verkünders für sich in Anspruch nehmen.

Rifka bricht als Vertreter der modernen Poesie deshalb nicht nur mit dichterischer Tradition, sondern auch mit der im arabischen Raum dominierenden weltanschaulichen. Gleichzeitig knüpft er an die Tradition der vorislamischen Araber wieder an, denn auch sie sahen im Dichter den Wahrsager, Seher und Propheten. Bestärkt zu diesem Schritt haben Rifka die deutschen Romantiker, vor allem Hölderlin, die ein gleiches dem Dichter zuschrieben.

Um noch einmal an das Ausgangsgedicht von Rifka anzuknüpfen: die Sonne verbindet mit in ihrem Kreislauf Orient und Okzident - wieviel verbinden wohl erst die Dichter?

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