Dienstag, 19.06.2018
 
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Das Treffen Özil-Gündoğan-ErdoğanBeine statt Hirn

Funktionierten die Beine von Mesut Özil und İlkay Gündoğan bei der WM, werde die Diskussion über das Hirn der Fußballnationalspieler bald der Vergangenheit angehören, kommentiert Daniel Heinrich. Die Debatte nach ihrem Treffen mit dem türkischen Präsidenten zeige jedoch auch die Doppelmoral des DFB und die Scheinheiligkeit der Bundesregierung.

Von Daniel Heinrich

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Recep Tayyip Erdogan (2.v.r.), Staatspräsident der Türkei, steht zusammen mit den Premier League Fußballspielern Ilkay Gündogan (l), Mesut Özil (2.v.l.) und Cenk Tosun (r).  (Uncredited / Pool Presdential Press Service / AP / dpa)
Das Treffen der deutschen Nationalspieler Mesut Özil und İlkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan hatte in Deutschland eine große Debatte ausgelöst (Uncredited / Pool Presdential Press Service / AP / dpa)
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Für meine Oma stand Zeit ihres Lebens eine Sache fest: Fußballer, so die sportbegeisterte Dame, müssten es "in den Beinen" haben, "Hirn" bräuchten andere. 

Diese Lebensweisheit kann man ohne Umschweife auf die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und İlkay Gündoğan übertragen. Özil und Gündoğan, beide derzeit in den Diensten englischer Fußballvereine, hatten sich in London mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan getroffen. Erdoğan war für einen Staatsbesuch in die britische Hauptstadt gekommen, Bilder des Treffens verbreiteten sich rasend schnell über die sozialen Netzwerke. 

Fußballerleben weit weg von Lebensrealität

Die Tatsache, dass offensichtlich weder den beiden Fußballern noch ihren Beratern die Problematik eines solchen Treffens bewusst war, verdeutlicht, wie dramatisch weit weg die Lebensrealität der beiden Stars von öffentlichen Debatten in Deutschland ist.

İlkay Gündoğan, der Erdoğan ein Trikot mit der Aufschrift "für meinen Präsidenten" überreicht hatte, schoss den Vogel komplett ab, als er im Nachhinein verkündete, er habe mit dem tête-à-tête kein politisches Statement abgeben wollen. Nur etwas mehr als einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen in der Türkei Ende Juni ist das eine selten naive Aussage. 

Es wäre nun ein leichtes, Özil und Gündoğan zu verurteilen, alles auf gescheiterte Integrationsbemühungen zu schieben und die Sache damit auf sich beruhen zu lassen. Das würde allerdings einem Gesamtfazit der Debatte nicht genüge tun. 

Doppelmoral des DFB

Denn ebenso krude wie das Treffen an sich war in den Tagen danach der öffentliche Shitstorm, der über die beiden hineinbrach. Da wäre zum einen die Reaktion des Deutschen Fußballbundes. DFB-Präsident Reinhard Grindel war einer der ersten, der sich zu Wort meldete. Der DFB, so Grindel per Kurznachrichtendienst Twitter, stehe "für Werte, die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden". 

Dieser moralisierende Ausruf wirkt schlicht zynisch, führt man sich vor Augen, dass Grindel einem Verband vorsteht, dessen Vorzeigeobjekt Nationalmannschaft ohne Bedenken und mit einer gehörigen Werbetrommel im Rücken in wenigen Wochen an einer Weltmeisterschaft in Russland teilnehmen wird: In Sachen Korruption, Gängelung der Opposition, der Unterdrückung freier Meinungsäußerung oder den Rechten von Minderheiten stehen sich die Erdoğan-Türkei und das von Präsident Wladimir Putin autoritär regierte Russland wohl in wenig nach. 

Scheinheiliges Argument der Bundesregierung

Kritiker Nummer Zwei, die Bundesregierung. Neben der Integrationsbeauftragten Annette Widmann-Mauz ließ auch Bundeskanzlerin Angela Merkel die "Vorbildfunktion" der beiden Fußballer in Frage stellen. Dieses Argument wirkt scheinheilig, macht man sich klar, dass – mit Ausnahme einer ganzen Reihe politischer Verbalscharmützel – die deutsche Regierung seit Monaten daran interessiert ist, die Beziehungen zu Ankara auf einer funktionierenden Arbeitsebene zu halten. Im Zuge des EU-Türkei-Flüchtlingsdeals fließen Milliarden Euro in die Erdoğan-Türkei, und erst Mitte März war bekannt geworden, dass die Bundesregierung auch nach dem umstrittenen Einmarsch türkischer Truppen in Syrien Rüstungslieferungen in Millionenhöhe an die Türkei genehmigt hatte. "Mangelnde Vorbildfunktion im Umgang mit der türkischen Regierung"? Angela Merkel sollte sich in dieser Hinsicht wohl nicht allzu sehr aus dem Fenster lehnen. 

Erwartbarer Rassismus aus der rechten Ecke

Auf besonders plumpe Art und Weise hat sich die Fraktionsvorsitzende der Partei Alternative für Deutschland, Alice Weidel, in die Diskussion eingeschaltet. Erwartbar rassistisch sprang sie auf den Zug derjenigen auf, die in Özil und Gündoğan gleich "Vaterlandsverräter" ausmachten. Weidel attestierte den Fußballern mangelndes deutsches Nationalbewusstsein und forderte, die beiden erst gar nicht für den deutschen WM-Kader zu nominieren. 

Auf die Beine kommt es an

Zum Glück für die deutsche Elf hat sich Bundestrainer Joachim Löw durch die ganze Batterie an Kommentaren nicht aus der Ruhe bringen lassen und die Topspieler Özil und Gündoğan in dieser Woche für den WM-Kader berufen. 

Denn wie damals meiner Oma ist es wohl allen voran dem Bundestrainer klar, worauf es in der ganzen Debatte letzten Endes wirklich ankommt: Funktionieren die Beine von Mesut Özil und İlkay Gündoğan, wird die Diskussion über das Hirn der beiden schon bald der Vergangenheit angehören.

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