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StartseiteBüchermarktDas unbegreifliche und unabwendbare Böse05.01.2010

Das unbegreifliche und unabwendbare Böse

Herman Melville: "Billy Budd". Deutsch von Michael Walter und Daniel Göske.

Herman Melville war lange Zeit ein fast vergessener Schriftsteller. Als er 1891 mit 72 Jahren starb, wunderten sich viele über die Todesanzeige. Seit einigen Jahren werden Melvilles Werke von Daniel Göske im Hanser-Verlag in anspruchsvollen Neuübersetzungen herausgegeben. Nach "Moby Dick" und "Pierre" liegen nun die großen Erzählungen Melvilles in einer Neufassung vor.

Eine Rezension von Gabriele Killert

Der amerikanische Schriftsteller Herman Melville (Library of Congress)
Der amerikanische Schriftsteller Herman Melville (Library of Congress)

Wie die historische Vorlage, der einzige von Melville selbst zusammengestellte Erzählband der "Piazza tales", beginnt auch die Hanser- Edition mit der Geschichte "Piazza, Die Galerie". Nachdem der Erzähler, Melville selbst, munter berichtet hat, wie ihn von der Galerie seines schönen Farmhauses in den Berkshires in der Ferne ein kleines von der Sonne vergoldetes Fenster seit Langem magisch anzieht, macht er sich gut gelaunt auf den Weg. Dort oben, denkt er, müsste doch ein fröhliches Gebirgsmädchen wie "eine Feenkönigin" in ihrem herrlichen Palast wohnen. Nach langem, beschwerlichem Aufstieg durch dorniges Gelände endlich am Ziel, findet der Wanderer keinen Feenpalast vor, sondern eine triste, morsche Hütte mit einem traurigen Waisenmädchen darin, Marianna, die so einsam ist, dass sie sogar den vorbeiziehenden Wolken Namen gibt. Sie schildert dem Besucher ihr elendes Heimarbeiterdasein und zeigt sehnsüchtig nach dem in der Ferne unten sichtbaren Haus mit der Galerie, in dem wohl ein glücklicher Mensch leben muss. Der Erzähler, der es besser weiß, zieht es vor, zu schweigen und traurig von dannen.

Genug. Ich mache meine Jolle nicht mehr flott zur Fahrt ins Feenland, ich bleibe auf der Galerie. Sie ist meine königliche Loge ... Doch jeden Abend, wenn der Vorhang fällt, tritt mit der Finsternis die Wahrheit ein. Kein Licht blinkt dann vom Berg. Hin und her schreite ich über das Deck der Galerie, heimgesucht von Mariannas Gesicht, und mancher ebenso wahren Geschichte.

Eine subtile Parabel zum Thema Schein und Sein, die das Thema der sieben Erzählungen gleichsam präludiert: Alles ist Täuschung, Verblendung, Wahn. Erkennen, sich der Wahrheit nähern heißt, der Fatalität der Verhältnisse ins Auge sehen.
Hoch dramatisch verläuft dieser Prozess der Desillusionierung in der Erzählung "Benito Cereno", die sich im Jahr 1799 vor der chilenischen Küste abspielt. Der amerikanische Kapitän Amasa Delano eilt einem benachbarten spanischen Schiff zu Hilfe, das in großer Not zu sein scheint. An Deck wimmelt es von schwarzen Sklaven, die ihre Beile putzen und ihn misstrauisch beäugen. Einer von ihnen scheint in dem Chaos den Ton anzugeben und weicht dem Kapitän Benito Cereno nicht von der Seite. Der ist in einem erbärmlichen Zustand und stammelt unverständliche Worte. Irgendetwas stimmt hier nicht. Führt der Spanier etwas im Schilde gegen ihn, gegen sein Schiff? Delano stellt tausend Vermutungen an, die immer haarscharf an der Wirklichkeit vorbei zielen. Erst im allerletzten Moment, als er ablegt und Cereno, verfolgt von seinem Diener, plötzlich ins Boot springt, wird ihm klar, dass hier eine Meuterei, ein Sklavenaufstand im Gange ist, mit dem Kapitän als Geisel. Es geht in dieser vieldeutigen Geschichte, geschrieben am Vorabend des amerikanischen Bürgerkriegs um das Verhängnis von weißer Gewalt und schwarzer Gegengewalt, vor allem aber um die undurchschaubare Komödie der Wirklichkeit.

Emblematisch vieldeutig blitzend und funkelnd ist auch die Geschichte vom "Lohnschreiber" Bartleby. Mit ihm wird niemand fertig. Schon gar nicht der gutmütige Anwalt, der ihn in seinem Wallstreet-Büro beschäftigt und plötzlich vor dem Problem steht, dass dieser gespenstische blasse, stille, anfangs fleißige Kopist die Mitarbeit einstellt. Zuerst verweigert er mit einem sanft gehauchten "I would prefer not to" nur das Kopieren, dann jede Kommunikation, schließlich jegliche Nahrung und auch Hilfe bis zum martyrerhaften Verlöschen im schäbigen Winkel eines Gefängnishofs. Von Bartlebys Erscheinung geht eine dämonische Wirkung aus, die den hilflosen Anwalt in die Flucht und beinah in den Wahnsinn treibt. Jorge Luis Borges, dem das Proto-kafkaeske der Geschichte bereits auffiel, betont denn auch in seiner Lesart nicht Bartlebys Ohnmacht, sondern das Maßlose seiner Meuterei, das ihn mit Käpt'n Ahab verbindet.

In der ersten Fiktion vernichtet Ahabs Monomanie alle Männer des Schiffs, in der zweiten steckt der schlichte Nihilismus Bartlebys … den einfältigen Herrn an, der Bartlebys Geschichte erzählt ... Es ist, als ob Melville geschrieben hätte: "Die Irrationalität eines einzigen Menschen reicht aus, um andere und das Universum irrational zu machen".

Diese zugespitzte Formulierung trifft sehr ins Schwarze auch der letzten grandiosen Melville-Erzählung "Billy Budd", die diesen Band beschließt. Die "Irrationalität eines einzigen Menschen" ereilt den jungen, hübschen, von allen geliebten Matrosen Billy in Gestalt des Waffenmeisters Claggert, der ihn mit einem geheimen, verzehrenden Hass verfolgt oder pervertierter erotischer Leidenschaft, wer weiß, - und der ihn schließlich bezichtigt, eine Meuterei im Schilde zu führen.

Zuerst begriff Billy nichts ... Wie gepfählt und geknebelt stand er da. Indes vollzog sich mit den Augen des Anklägers, die noch nicht von seinen blauen, aufgerissenen Augen wichen, ein phänomenaler Wandel: ihr sonst sattes Veilchenblau verschwamm zu trübem Purpur. Jene Lichter menschlicher Intelligenz verloren jeden menschlichen Ausdruck und traten kalt aus ihren Höhlen hervor, wie die eigentümlichen Augen gewisser noch undefinierter Kreaturen der Tiefe.

Der vor Entsetzen sprachlose Billy streckt daraufhin den Verleumder mit einem einzigen, unversehens tödlichen Schlag nieder und wird -nach dem Kriegsrecht- dafür selbst mit dem Tod bestraft. Melville ist, was das Spektrum und die Spektralität seiner Ausdrucksmittel betrifft, einer der erstaunlichsten Schriftsteller. Er verbindet mühelos eine an Charles Dickens und Shakespeares Narren geschulte Munterkeit mit düsterstem Pathos dantesker Höllenspaziergänge, das Brio eines übermütig-verspielten ironischen Erzähltons mit alttestamentarischer Strenge. Es beginnt immer so heiter, und auf einmal wird's tragisch. Plötzlich ist da "ein flinkes Unheil", das unbegreifliche und unabwendbare Böse, mit dem die Natur ihre dunklen Zwecke ins Werk setzt.

Eine nur politisch sozialkritische Lesart der Texte wäre daher ziemlich verfehlt. Natürlich verabscheute Melville die Sklaverei, opponieren Bartleby, Marianna und andere anrührende Figuren gegen die Kälte moderner kapitalistischer Lebens-und Arbeitsbedingungen. Aber alle: Billy Budd wie Claggert, die schwarzen Sklaven oder Cereno, Bartleby oder Käpt'n Ahab, - Täter wie Opfer - sind gleichermaßen Leidtragende dieses fatalen zerstörerischen Wirkprinzips und - das alte Thema der Theodizee - protestieren dagegen im Namen des Autors.

Für seine Zeit war Melvilles Radikalität zu viel des Guten. Zwar gab es Leser, die sein Genie erkannten, darunter auch der gefeierte Kollege und Freund Nathaniel Hawthorne, aber einen wortmächtigen Fürsprecher, wie ihn Edgar Allan Poe etwa in Baudelaire hatte, hat Melville nicht gefunden. Seine Karriere nahm eine ähnlich dramatische Wendung wie seine Geschichten: vom frühen Ruhm bis zur völligen Verkanntheit. Die "Piazza Tales" hatten noch eine gewisse Resonanz, dann wurde es still um den Autor. Heute beschäftigt sein Werk eine riesige Forscherindustrie, die alles, was durch seine Hände ging, wie das Turiner Grabtuch andächtig auf Spuren untersucht.

Der großartige Erzählband ist, wie die bereits erschienenen Bände der Melville-Ausgabe, vorbildlich ediert. Leider ist die Übersetzung diesmal auf weiten Strecken nicht so überzeugend gelungen. Die luzide Eleganz und Lebendigkeit der Texte fiel einer bisweilen geradezu biedermeierlich zeremoniösen Gespreiztheit zum Opfer, wozu das weit lakonischere Original keine Veranlassung gibt. Die Lakonie aber, die gleichsam inhärente Ironie des Englischen darf nicht beschädigt werden, denn die Melville'sche Ironie, oft tückisch verborgen unter dem Pathos, den wetterwendischen Stil-und Stimmungslagen seines Erzählens, ist als Bewusstsein unaufhebbarer Paradoxien geradezu die Signatur der Moderne, ganz gleich welchen Jahrhunderts.

Herman Melville: "Billy Budd". Die großen Erzählungen. Deutsch von Michael Walter und Daniel Göske. Hanser-Verlag 571 Seiten.

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