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StartseiteBüchermarktDas unendliche Gespräch09.08.2004

Das unendliche Gespräch

Durs Grünbein: "An Seneca. Postskriptum. Die Kürze des Lebens"

Ein bibliophil gestaltetes Bändchen – das Neueste aus der <em>Bibliothek der Lebenskunst</em> des Suhrkamp Verlags. Vorn auf dem Einband in großen Lettern der Name des einen Autors: Durs Grünbein, darunter in kleineren der des anderen: Seneca. Dessen berühmter Traktat <em>Die Kürze des Lebens</em> bildet das Mittelstück des Ganzen. Das kurze Briefgedicht "An Seneca. Postskriptum" zu Beginn eröffnet den posthumen Dialog des heutigen Dichters mit dem antiken Philosophen, der längere Essay "Im Namen der Extreme" bildet den Ausklang.

Von Astrid Nettling

Gerrit von Honthorst, "Der Tod des Seneca" (Archiv)
Gerrit von Honthorst, "Der Tod des Seneca" (Archiv)

Gewiss lag es weder im Interesse des Verlags, noch entspräche es dem schriftstellerischen Rang eines Autors wie Grünbein, sollten den Leser nach Art der Klassikerausgaben lediglich ein einführendes Vor- sowie ein erläuterndes Nachwort zum Originaltext erwarten. Was aber dann? Der Titel "An Seneca. Postskriptum" deutet darauf hin, dass Anschluss gesucht wurde an eine bestimmte Tradition literarischer Antikenaneignung. "Ad Anneum Senecam" lautete der Brief, den Mitte des 14. Jahrhunderts der italienische Dichter und Humanist Petrarca in seinen "Epistolae familiares", den "Vertraulichen Briefen" an die großen Schriftsteller und Denker der Antike, unter anderen auch an den römischen Philosophen gerichtet hatte.

Zum einen eine Anknüpfung an die literarische Gattung 'Brief', wie sie in der griechischen und römischen Antike als Kunstform, philosophisches Gedankengut persönlich und anschaulich zu vermitteln, gepflegt wurde. Zum anderen und in der Hauptsache der Versuch, an der Schwelle zur Neuzeit auf diese Weise mit der antiken Tradition und deren Denker in ein Gespräch zu kommen. Daran knüpft Grünbein – wenn auch nicht ausdrücklich – mit seiner Epistel an. Aber nicht nur in der Gattung schließt er sich ebenso inhaltlich in seinem Brief wie in seinem Essay Petrarca an. Und das verwundert dann doch sehr.

Denn mit Petrarcas Brief, im Grunde ein Anklagebrief, beginnt eine Rezeptionsgeschichte Senecas, die dem stoischen Philosophen und Erzieher Neros vorwirft, ein bloßer Heuchler gewesen zu sein. Habe er es doch an Übereinstimmung zwischen seiner Lehre, die eine vita contemplativa fordere, und seinem Leben als einem der einflussreichsten Männer seiner Zeit fehlen lassen. Gewiss hätte den Christen Petrarca ein Seneca, der in gleichsam mönchischer Abgeschiedenheit ganz der Muße hingegeben, seinen geistigen Studien gelebt hätte, mehr überzeugt als der heidnische Adelige, der inmitten von Macht, Privilegien und Reichtum sich um ein Leben gemäß philosophischen Grundsätzen bemühte. Für Petrarca ein Fundamentalwiderspruch, weiß man doch um die tiefe Sinnkrise, in die ihn der Klostereintritt seines Bruders stürzte. Was aber soll dabei herauskommen, wenn ein moderner Autor wie Durs Grünbein all diese Verdächtigungen und längst zum Gemeinplatz gewordenen Verurteilungen noch einmal durchspielt?

Selbst wenn er dabei gekonnt die Register ironischen, pathetischen, polemischen, saloppen oder mokanten Tonfalls zieht und mit ihnen aus der Distanz und Unverbindlichkeit der Heutigen rhetorisch geschickt zu spielen weiß. Auf jeden Fall kein Dialog, der zu dem Früheren hinführt. Und das hieße zu einem Seneca, von dem man sich auch heute noch etwas gesagt sein lassen kann. So wie einst Rilke auf den "Archaischen Torso Apollos" gedichtet hatte: "Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern." Bei Grünbein bleibt Seneca eine wenn auch etwas brüchig gewordene Marmorbüste in einer Antikensammlung, die man sich im Urlaub oder auf einer Bildungsreise interessiert anschaut, ohne dass viel mit einem passiert.

Aber zum Glück gibt es ja noch das Mittelstück des Ganzen, Senecas Traktat selbst: "Die Kürze des Lebens", von Gerhard Fink in ein zeitgemäßes Deutsch übertragen. So kann der Leser an dem Original die Probe machen, ob er sich auf ein tieferes Gespräch mit diesem Denker einlassen will. Zeit genug dafür hat er auf jeden Fall. Denn, wie es darin bei Seneca lautet, "was klagen wir über die Natur? Sie hat sich freigebig gezeigt: Das Leben ist, wenn man es zu nutzen versteht, lang. 'Ein kleiner Teil des Lebens ist's, in dem wir leben.' Die restliche ganze Lebenszeit ist nicht Leben, sondern nur Zeit."

Durs Grünbein
An Seneca. Postskriptum
Suhrkamp, 83 S., EUR 15,-

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