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Das vererbte Trauma des Zweiten Weltkriegs

Jessica Durlacher: "Der Sohn", Diogenes Verlag

Von Tanja Lieske

Traumata können vererbt werden
Traumata können vererbt werden (dpa / Frank Rumpenhorst)

In ihrem neuen Roman zeigt Jessica Durlacher wie sich die Ängste, Traumata und Verhaltensweisen der Kriegsgeneration auf ihre Nachfahren übertragen. Im Zentrum steht die jüdischstämmige Familie Silverstein in den Niederlanden. sowie die Familiengeschichte eines Täters und seiner Nachkommen.

Jessica Durlachers neuer Roman, er heißt in der deutschen Übersetzung "Der Sohn", ist aus der Perspektive der niederländischen Journalistin Sara Silverstein erzählt. Sie ist Tochter, Ehefrau und Mutter, und all diese Positionen sind für das, was sie erzählt, relevant. Als Tochter hat sie einen berühmten Vater, Herman Silverstein, Historiker ist der Hochschullehrer, Holocaustüberlebender und ein ebenso stoischer wie charismatischer Familienpatriarch. Seine traumatisierte Vergangenheit ist der Fluchtpunkt dieses Romans. Da Herman Silverstein über diese Vergangenheit meistens schweigt, ist sie sozusagen in seiner Person geborgen. Nicht vom Holocaust wird hier erzählt, sondern davon, wie er sich in den nächsten beiden Generationen der Überlebenden auswirkt. Im Hause Silverstein wuchsen zwei Töchter, Sara und Tara heran unter dem erdrückenden Bedürfnis des Vaters Hermann, seine Kinder vor aller Unbill zu schützen. Der Roman beginnt mit dem Tod dieser Vaterfigur. Die möglich Folgen schildert die Erzählerin Sara in unheilschwangeren, fast schon prophetisch anmutenden Sätzen:

Nach allem, was passiert ist, weiß ich jetzt zumindest eines ganz sicher: dass die Besorgnis meines Vaters um uns nicht umsonst war. Wer so magisch denkt wie ich, könnte sogar behaupten, dass er uns mit dieser gigantischen Besorgnis beschützt hat. Unter seinem wachsamen Blick und seiner erbitterten Lenkung blieben uns Katastrophen, Unglücksfälle und Kriege erspart - und nach seinem Tod ging auffällig viel schief. Oder anders ausgedrückt: Bis zu seinem Tod war alles gut gegangen, aber dann war es damit vorbei.

Tatsächlich häufen sich bittere, gewaltsame Erlebnisse in Saras Familie, die bis dato so glücklich war. Sie ist verheiratet mit dem Filmproduzenten Jacob, auch er ein Abkömmling jüdischer Überlebender. Mit einer Filmdokumentation über das Durchgangslager Westerbork hat er es zu internationalem Ruhm gebracht. Jacob und Sara haben zwei Kinder, Mitch und Tess, und führen mit ihnen ein mondänes Leben zwischen dem holländischen Bloemendaal und Los Angeles.

Ihre Protagonistin wird zunächst Opfer eines sexuell und rassistisch motivierten Überfalls. Kaum ist dies überstanden, wird ihre Familie, die sie ebenso schützen möchte, wie einst der Vater die Seine, mitten in der Nacht von maskierten, bewaffneten Männern überfallen und beraubt. Saras Mann Jacob wird niedergeschossen und kommt knapp mit dem Leben davon. Die dreizehnjährige Tess wird ebenfalls Opfer sexueller Übergriffe.

Ich hasse sie beide. Für Tess' Angst, für ihre Schmerzen und Tränen und Gott weiß was noch - das ist mehr als ausreichend, so mein Gefühl, um diesen Mann ohne Pardon mit einem stumpfen Messer zu töten, wenn's sein muss auch mit achtzig Stichen, ins Herz, in den Bauch, in die Augen. Ich male mir aus, eine Pistole in der Hand zu haben, spüre ihr mir inzwischen so vertrautes Gewicht, die Macht, die Ernsthaftigkeit. O Messer, o Pistole! Wenn meine Hände nicht gefesselt wären, ich würde sie töten, diese gesichtslosen Monstren, auf der Stelle.

Einzig der fast 18-jährige, titelgebende Sohn dieses Romans ist nicht anwesend. Mitch studiert bereits in Berkely. Und er ist im Begriff, sich den Marines anzuschließen, einer Eliteeinheit der amerikanischen Streitkräfte, vergleichbar der GSG9. Dieser Plan stellt seine liberalen Eltern Sara und Jacob vor eine erhebliche Prüfung. Am Ende ist dies der erzählerische Schlüssel, mit dem sich die verschiedenen Themenstränge dieses Romans verknüpfen lassen. Und das sind, zwischen Holocaust, Familiengeheimnissen, stillgelegten und offenen Traditionslinien, vergangen und gegenwärtigen Erfahrungen von Gewalt und Ohnmacht, dann doch eine ganze Menge. Eine weniger beherzte oder versierte Autorin könnte in dieser Fülle versinken. Jessica Durlacher behält den Überblick:

"Von mir selbst stecken in dem Buch die Emotionen, die ich mir dann sehr gut vorstellen kann. Schreiben kann man dann vergleichen mit Spielen - Spielen mit sich selbst, mit Emotionen, mit Figuren, die dann Menschen ähnlich sind, die man kennt. Ich habe viel über mich selbst nachgedacht. So ein Buch ist dann nicht autobiografisch, aber es ist etwas, in dem ich viele Seiten von mir verarbeite. In diesem Buch gibt es mehrere Situationen, Figuren und Kleinigkeiten, die sich dann total vermischt haben. Es ist ein Mischmasch von Dingen, die ich kenne, die neu sind, und die ich dann miteinander verbinde und neue Verbindungen mache, die dann etwas Neues erzählen können."

Das Neue, um das es hier geht, liegt in einer durchaus hochgespannten Erzählkonstruktion. Beide Überfälle, der auf die Erzählerin Sara und der folgende auf ihre Familie, gehen auf ein und denselben Täter zurück. Und auch der steckt, parallel zur Sara, fest in seiner Familiengeschichte. Diesmal ist es eine Familiengeschichte der Täter. Anton Raaijmakers heißt der Mann, den Sara über weite Teile des Romans nur als "Das Tier" bezeichnet. Anton Raajimakers ist knapp 50 und der Sohn eines bekannten Kriegsverbrechers. Sein Vater arbeitete eins für jene Einheit der niederländischen Polizei, die sich während der deutschen Besatzung auf das Aufspüren jüdischer Flüchtlinge spezialisierte. Sara stellt Nachforschungen an und wird zur Kommissarin in eigener Sache:

Den Namen Laurens Raaijmakers habe ich schnell gefunden. Und von da ist es nicht weit zu der Entdeckung, dass der Vater des Mannes, der mich belästigt hat (...) Polizist war und ab 1942 bei der sogenannten Hausratserfassung (der Inventarisierung all dessen, was in den Häusern deportierter jüdischer Mitbürger zurückgeblieben war) mitgewirkt hat. 1943 war Raaijmakers aktives NSB-Mitglied im Polizeikorps Utrecht. (...) Raaijmakers (...) hatte als Polizist genügend Menschen festgenommen - und damit in den Tod geschickt -, um dafür lebenslänglich verurteilt zu werden. Er hatte sechs Jahre davon abgesessen und war dann aus nicht näher ersichtlichen Gründen vorzeitig entlassen worden.

Spiegelbildlich zu der Familie der Opfer entwirft Jessica Durlacher eine Familie der Täter. Laurens Raaijmakers war ein Judenjäger, sein Sohn Anton ist überzeugter Neonazi. Er kannte Herman Silverstein persönlich. Nicht, wie eingangs vermutet, ein düsteres Schicksal, sondern ganz handfeste Rachmotive liegen unter den Gewalterfahrungen dieser Romanfamilie.

Werkzeug der Rache ist eine alte Pistole aus dem Ersten Weltkrieg, eine 9-mm-Luger von 1918, eine handlich wirkende Pistole mit Holzgriff und drehbarem Magazin.

Mit ihr ist man am Ende dieser Geschichte wieder dort angelangt, wo sie lange vor der Erzählung begonnen hat. In jener Zeit, als Herman Silverstein ein Kind war, als er selbst diese Luger in den Händen gehalten, und sie zum entscheidenden Zeitpunkt doch nicht benutzt hat. Was der Vater als Kind nicht schaffte, vollendet nun, ganz bewusst in seinem Namen, sein Enkel Mitch. Er entwendet die Pistole. Versteckt war sie ein einem Schreibtisch, den seine Mutter Sara von ihrem Vater Herman Silverstein geerbt hat.

Auch Jessica Durlacher hat einen solchen Tisch geerbt und eine solche Pistole gefunden:

"Die Pistole im Buch ist vielleicht das Einzige, was nicht erfunden ist. Was richtig stattgefunden hat. Ich habe dann herausgefunden, als ich seinen Schreibtisch erbte, dass unter seinem Schreibtisch eine Pistole versteckt war. Und das war für mich eine totale Überraschung und auch ein Symbol für die Wachsamkeit meines Vaters. Und diese Wachsamkeit berührte mich sehr, weil eigentlich dachte ich immer, dass er total fertig war mit dem Krieg. Nach allen Büchern, die er darüber geschrieben hatte. Aber die Pistole war geladen. Er hatte doch so viel Angst, offensichtlich. Das hat mir eigentlich erklärt, dass dieser Krieg, dass dieses Trauma eigentlich nie vorübergeht."

Wie in ihren früheren Romanen versteht sich Jessica Durlacher darauf, dieses Trauma nicht noch einmal zu erzählen, sondern seine myriadenhaften Ausläufer und Spiegelungen in Familien und in der Zeitgeschichte zu suchen. Auch diesmal ist daraus ein packendes Stück Spannungsliteratur geworden.

Jessica Durlacher:
Der Sohn, Roman, aus dem Niederländischen übersetzt von Hanni Ehlers, Diogenes Verlag, 416 Seiten gebunden, 22,90 Euro

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