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StartseiteSonntagsspaziergangDas vergessene Ticino01.01.2012

Das vergessene Ticino

Hermann Hesse im Tessin

Er war Deutscher, er war Schweizer, vor allem aber war er Tessiner: der Schriftsteller Hermann Hesse. 1919 kam er ins Ticino. Der "italienischen" Kanton der Südschweiz war damals vom Fortschritt noch weitgehend unberührt. Die Landschaft habe ihn "wie eine vorbestimmte Heimat angezogen und empfangen", hat der Nobelpreisträger einmal bekannt.

Von Katrin Kühne

Das Hermann Hesse Museum in Motagnola (Fondazione Hermann Hesse Montagnola)
Das Hermann Hesse Museum in Motagnola (Fondazione Hermann Hesse Montagnola)
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Hesse-Museum im schweizerischen Montagnola

"Vor einigen Jahren war im Tessin noch Mittelalter, war hier noch Paradies. Jetzt ist das Tessin erobert von Berlin und Frankfurt, von Cook und Baedeker. Die Ankunft in Lugano war nicht entzückend"; schreibt Hermann Hesse bereits 1927.

Heute sind Frankfurt und Berlin nicht mehr in Lugano. Zwar ist der Lago Lugano schön wie zu Hesses Zeiten. Die größte Stadt des Schweizer Kantons Ticino aber hat sich im Laufe der letzten drei Jahrzehnte zum drittgrößten Finanzplatz der Schweiz mit zahlreichen Neubauten entwickelt.

Eine knappe halbe Stunde schaukelt einen der Postbus von der Via Sorengo gleich beim Bahnhof hoch nach Montagnola. Der auch heute noch beschauliche Ort beherbergte 43 Jahre lang den gelernten Turmuhrenmechaniker, Poeten, extremen Selbstverwirklicher, "Ostindienfahrer" und Hobby-Maler aus Calw Hermann Hesse. Der Sohn einer pietistischen Missionarsfamilie halb baltischer, halb schwäbischer Provenienz kommt kurz nach dem Ende Ersten Weltkriegs und bleibt.

"Nie aber habe ich so schön gewohnt wie hier im Tessin und noch keinem meiner Wohnorte bin ich so viele Jahre treu geblieben wie meinem jetzigen, und ich werde ihn nicht mehr verlassen. Die Tessiner Landschaft hat mich stets wie eine vorbestimmte Heimat angezogen und empfangen."

Beim Boccadoro - Goldmund -, dem kleinen Café unweit der Postbus-Haltestelle in Montagnola, erinnert nicht nur der Name an Hermann Hesse, den wir soeben mit einem Ausschnitt aus seinem "Dank ans Tessin" in einer alten Radioaufnahme gehört haben.

Im Boccadoro versammeln sich die Hesse-Begeisterten aus aller Welt zum Cappuccino, kaufen Postkarten mit Aquarellen des Meisters und stöbern in vielfältiger Hesse-Literatur - so auch die 15-jährige Lizzy, die mit ihrer Mutter aus Saudi-Arabien gekommen ist.

Sie habe "Siddhartha" gelesen, erzählt die junge US-Amerikanerin. Die Lehrer der örtlichen "American School" empfahlen ihr den Roman als Einstimmung für ihr kommendes Studienjahr in Montagnola. Das mit dem Buddhismus wäre schon seltsam, wo er doch in der Schweiz geboren und aufgewachsen wäre.

Ist er zwar nicht, sondern in Deutschland. Aber der Schweizer Literatur-Nobelpreisträger von 1946 wird von beiden Nationen gern jeweils als "ihr" Dichter beansprucht.

Vom Boccadoro sind es nur ein paar Schritte auf dem alten Steinpflaster hinüber zum Hesse-Museum von Montagnola. Es liegt direkt neben der stilvoll verwitternden Casa Camuzzi, wo Hesse von 1919 bis 1931 vier kleine Zimmer bewohnt. Sie ist um 1850 von dem aus Russland nach Tessin heimgekehrten Architekten Agostino Camuzzi in verspieltem Neubarock errichtet worden.

Vor dem Eingang des Museums in der Torre Camuzzi laden unter alten Platanen ein paar Stühle und ein Tischchen mit Büchern zum Lesen ein. Dort erwartet mich Regina Bucher. Die gebürtige Hamburgerin, die über Berlin ins Tessin kam, leitet das Museum und ist Direktorin der privaten Fondazione Hermann Hesse Montagnola, die das Haus betreibt.

Der Innenhof der Casa Camuzzi (Fondazione Hermann Hesse Montagniola)Der Innenhof der Casa Camuzzi (Fondazione Hermann Hesse Montagniola)"Das ist die Torre Camuzzi, das älteste Gebäude übrigens hier auf dem Hügel. Diese Torre Camuzzi gehörte immer zum Komplex der Casa Camuzzi, war aber zu Hesses Zeiten eigentlich nicht bewohnt, wurde auch früher ganz sicher mal zum Vogelfang benutzt, wie es so üblich war im Tessin."

Das 1997 eröffnete Museum ist ein ehemaliger "Roccolo". Ein Turm, in dessen überdachtem Portico Netze gespannt wurden, in denen sich die Tiere, angelockt von einem Lockvogel, verfingen und dann, wie ehedem in Italien, als Delikatesse verspeist wurden.

"Das war noch so zu Hesses Zeiten, auch Katzen übrigens. Es hört sich heute furchtbar an, aber man darf nicht vergessen, das Tessin war ein ganz, ganz armer Kanton mit einer hart arbeitenden ländlichen Bevölkerung, und 'Gatto e Polenta', das heißt 'Katze und Polenta', das war eine Spezialität. Und Hesse schreibt darüber aber auch, dass er froh ist, dass seine Katze so mager ist und nicht gefangen wird."

Sein Leben lang besaß der Schriftsteller Katzen. Gunter Böhmer, sein damals junger Malerfreund, der nach Hesses Auszug ein Atelier in der Casa Camuzzi bezieht, skizziert den Autor humorvoll, wie er eine Zigarette rauchend seine Katze beobachtet, die vor ihm auf dem Tisch ein Tänzchen wagt.

"Das ist unsere Museumsschildkröte, die heißt Knulp nach einem Buch von Hermann Hesse, und dieses Buch erzählt von einem einsamen Wanderer. Und diese Schildkröte wurde uns geschenkt von einer Züchterin, weil diese Schildkröte gemobbt wurde in der Zucht, und sie meinte, das passe sehr gut zu dem Buch von Hermann Hesse 'Knulp'. Eigentlich jeder Besucher findet das eigentlich ganz, ganz schön, hier unten im Gärtchen zu sitzen zwischen den bunten Hortensien, ein Buch zu lesen, und die Schildkröte streift herum."

Verlässt man Herrn Knulp im Hinterhofgärtchen und steigt die alten, steilen Granitstufen hoch in die drei oberen Stockwerke des Museums, entdeckt man nicht nur informative Schrifttafeln und aufschlussreiche historische Fotos zur Biografie des Künstlers, sondern auch viele originale Stücke, die ihn in seinem Leben begleitet haben. Da ist die weiße Tropenjacke von seiner "Ostindien"-Reise 1911.

Auf den Spuren der ehemals dort missionierenden pietistischen Eltern und der Suche nach dem Buddhismus begibt er sich nach Malaysia, Indonesien und Ceylon. Ein besonders schönes Stück des Museums stammt aus der Sammlung seines weit gereisten Großvaters, der ebenfalls Missionar war.

"Das ist ein wirklich sehr, sehr, wertvolles Exponat. Den hat der Großvater aus Ceylon vermutlich mitgebracht, und zwar ist das ein Sündenbock. Die lokale Bevölkerung, also animistisch geprägt, die hat ihre Sünden scheint's auf kleine Zettel gemalt oder, wenn sie schreiben konnten, geschrieben und diese wurden dann in den Bauch des Ebers - der ist hohl und hat unten ein Loch - gesteckt, und dann waren die Sünden vergeben."

Die Realität in den tropischen Ländern lässt ihn trotz des exotischen Ambientes zunächst enttäuscht ins heimische Gaienhofen am Bodensee zurückkehren. Ein Dezennium später in der Villa Camuzzi, beim Schreiben seines "indischen" Romans über den Brahmanensohn "Siddhartha", wandeln sich seine Erfahrungen zum Positiven. Ein Jahr zuvor, in der autobiografisch geprägten Erzählung "Klingsors letzter Sommer", lässt er sein Maler-Alter Ego ausrufen über Land und Luft des Tessin:

"Ich fuhr nach Asien und es war damals sehr notwendig, dass ich es tat. Aber alles, was ich dort fand, das finde ich heut auch hier: Urwald, Hitze, schöne fremde Menschen ohne Nerven, Sonne, Heiligtümer.
Willkommen, Indien! Willkommen, Afrika!, Willkommen, Japan!"


In dem großen Raum des ersten Stocks vom Museo Hesse steht vor dem geöffneten Fenster mit Blick in die Platanen der berühmte Schreibtisch des Autors. Darauf eine seiner berühmten Schreibmaschinen. Regina Bucher weist mich noch auf die "Malecke" des Museums hin. Seine Zeichenutensilien, Skizzenbücher und "Piktors Verwandlungen", das eigenhändig von ihm illustrierte Liebesgedicht an seine zweite Frau Ruth Wenger, erinnern an den begeisterten Hobby-Maler Hesse.

"Das Malen ist wunderschön, es macht einen froher und duldsamer. Man hat nachher nicht wie beim Schreiben schwarze Finger, sondern rote und blaue."

Noch in Deutschland beginnt er während einer Psychoanalyse, mit der er 1916 seine verzweifelte Lebenssituation zu überwinden sucht, mit dem Malen. Der Tod des Vaters, die ausbrechende Schizophrenie seiner ersten Frau Maria Bernoulli und eine schwere Krankheit des jüngsten seiner drei Söhne sowie das Drama des Ersten Weltkriegs stoßen den Künstler in eine Schaffenskrise. 1919 bricht der Schriftsteller radikal mit allem und allen und beginnt sein neues Leben allein im Tessin.

"Ein leidenschaftlicher und raschlebiger Sommer war angebrochen. Die heißen Tage, so lang sie waren, loderten weg wie brennende Fahnen, wie Träume schnell und mit Bildern überfüllt fieberten die glänzenden Wochen dahin."

Wie im Rausch schreibt der damals 42-Jährige die Erzählung von Klingsor, dem Maler, nieder. Daneben unentwegt zeichnend, die Sonne, die Landschaft mit dem Luganer See und den sich in blauer Ferne verlierenden Bergen in sich aufsaugend. Die Museumsdirektorin zeigt mir den verwunschenen wuchernden Zaubergarten von "Klingsors Palazzo", der Casa Camuzzi.

"Und hier vom Garten aus sieht man den Balkon der Wohnung. Und es gibt Fotos von Hesse, die ihn denn zeigen hier oben am Fenster, und dem Haus runter schließt sich eben dieser Terrassengarten an, der Hesse nicht nur zu 'Klingsor', sondern auch zu seiner meist gelesenen Erzählung 'Siddhartha' inspiriert hat."

"Klingsor stand nach Mitternacht auf dem schmalen Balkon seines Arbeitszimmers. Unter ihm sank tief und schwindelnd der alte Terrassengarten hinab, ein tief durchschattetes Gewühl dichter Baumwipfel, Palmen, Zedern, Kastanien, durchklettert von Schlingpflanzen, Lianen, Glyzinien."

In der Casa Camuzzi entstehen in rascher Folge auch "Der Steppenwolf" und "Narziß und Goldmund". Das "Glasperlenspiel" wird schon im neuen Domizil begonnen. 1931 übersiedelt der zu literarischem Weltruhm gelangte Autor in die von einem Freund und Mäzen neu und mit modernem Komfort erbaute Casa Rossa. Mit ihm zieht auch seine dritte Frau dort ein. Die knapp 20 Jahre jüngere Ninon Dolbin, die für ihn ihren ersten Mann verließ, hatte Hesse schon als Teenager verehrt. Gewohnt haben die junge Kunsthistorikerin und der alternde Eigenbrötler in getrennten Teilen des Hauses, die sogar eigene Eingänge hatten.

Heute ist die Casa Rossa nicht mehr rot, sondern weiß und in Privatbesitz, umgeben von dem großen, von Hesse persönlich angelegten terrassierten Garten.

"Das hat er gemalt, diesen Blick. Es ist wunderschön, man sieht also von diesem Vorplatz runter ins Tal, heute gibt's da Autostraßen und auch viele Gebäude, Einkaufszentren und so. Zu Hesses Zeiten war das ein grünes Tal mit Weinbergen, Obstbäumen usw. Man sieht links den Golf von Lugano, man schaut auf die Stadt Lugano, dahinter erhebt sich der Monte Bré und der Monte Boglia und hinter dem Monte Bré beginnt Italien."

In den letzten 30 Jahren seines Lebens wandelt sich Hesse mehr und mehr vom Hobbymaler zum Hobby-Gärtner. Nach dem Erscheinen seines Alterswerks "Glasperlenspiel" 1943 in der Schweiz nimmt auch das literarische Schaffen ab und die umfangreiche Korrespondenz immer mehr zu.

Am Grundstück vorbei führt einer der vielen Wege, die der ambitionierte Wanderer Hesse mit Freunden und Ehefrauen gern gegangen ist. Regina Bucher hat sie in einem Buch gesammelt. Die Fondazione Hesse und die Gemeinde Collina d'Oro, zu der Montagnola gehört, haben einen Rundweg von circa zweieinhalb Stunden auf den Spuren Hesses von und zurück zum Museum angelegt. Metalltafeln mit der Signatur des Schriftstellers sowie Zitate seiner Gedichte und Schriften geleiten den Wanderer.

Von der Torre Camuzzi aus sind Lucia Umiker vom Museo Hesse und ich durch den Torbogen von "Klingsors Palazzo" die Via Ra Cürta hinabgegangen und sind dann - an der amerikanischen Schule vorbei, wo die junge Lizzy studieren wird - nach Certenago gekommen. Von dort sind wir weiter nach Gentilino spaziert, wo wir von einem grünen Hochplateau das Panorama von See und den von Hesse so geliebten bläulichen Bergen genießen. Eine kleine Allee von zu Säulen "rasierten" Zypressen führt zur Dorfkirche mit hohem Campanile.

"Wir sitzen vor Sant'Abbondio, dieser Kirche, die als schönstes Gotteshaus des ganzen Gebietes gilt. Ihr Ursprung liegt im 14. Jahrhundert, der Glockenturm ca. 1570. Aber die Zypressen sind erst 50 oder 60 Jahre alt, die hat Hesse wohl nicht gesehen. Früher waren dort Maulbeerbäume."

Sie waren im ehedem armen Tessin sehr verbreitet. Die Frauen züchteten Seidenraupen, um ein bisschen "Aufgeld", wie man hier sagt, für die Familie zu verdienen.
Den Cimetero gegenüber betritt man durch einen barocken Säulenportikus. Hesse hatte sich bereits Jahre vor seinem Tod am 9. August 1962 "auf dem Friedhof von Sant'Abbondio einen hübschen kleinen Platz gekauft".

"Und so hoffe ich, wenn ich auch kein Tessiner geworden bin, die Erde von Sant'Abbondio wird mich freundlich beherbergen, wie es Klingsors Palazzo und das Rote Haus am Hügel so lange getan haben."

Das Grab der Nobelpreisträgers schmückt ein Granitblock in Form eines aufgeschlagenen Buches. Hesse-Verehrer haben Steinchen, ein Kettchen, eine Feder, handgeschriebene Zettel, manche mit asiatischen Schriftzeichen, hinterlassen - und eine Buddhafigur. Ein kleiner Felsstein erinnert an Hesses dritte Ehefrau. Ninon, über 30 Jahre Begleiterin seines Lebensweges, liegt bildlich gesehen auch im Tod zu Füßen ihres über alles verehrten und geliebten Mannes.

"Es war einmal einer namens Harry, genannt der Steppenwolf. Er ging auf zwei Beinen, trug Kleider und war ein Mensch, aber eigentlich war er doch eben ein Steppenwolf."

Buchtipp


Regina Bucher: Mit Hermann Hesse durchs Tessin.
Insel Taschenbuch
ISBN 978-3-458-35309-6

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