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StartseiteEssay und DiskursDas Versagen der Eliten25.05.2008

Das Versagen der Eliten

Den deutschen Elitediskurs nur als chaotisch abzutun, gleicht fast schon einem Euphemismus. Es ist längst kein Tabu mehr zuzugeben, dass wir in Deutschland welche haben. Heftig wird nach ihnen verlangt, um ihnen zugleich totales Versagen vorzuwerfen.

Von Corinna Emundts

Das Versagen der Eliten wiegt mittelfristig vermutlich sehr viel schwerer als die Leistungen, die sie erbringen.  (AP)
Das Versagen der Eliten wiegt mittelfristig vermutlich sehr viel schwerer als die Leistungen, die sie erbringen. (AP)

Teil-Eliten prügeln aufeinander ein und bezichtigen sich gegenseitig des mangelnden Verantwortungsbewusstseins - die Wirtschaft der Politik und die Politik der Wirtschaft. Und die Medien trommeln gegen alle, während sich die Wissenschaft noch vornehm zurückhält, allenfalls um mehr Geld bittet und an Exzellenz-Universitäten herumbastelt, den so genannten "Elite-Unis".

Doch wir leben - frei nach Ulrich Beck - nicht mehr im Zeitalter des "Entweder-oder" - des "Entweder Versagens oder Nicht-Versagens - sondern des "Sowohl-als-auch". Deutschland ist Exportweltmeister einerseits und Entwicklungsland andererseits, wenn es um Bildung, Integration und Durchlässigkeit der sozialen Schichten geht.

Zweideutigkeit beherrscht das Bild: Einerseits waren erst kürzlich zwei Söhne der untersten Mittelschicht Kanzler und Außenminister: Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Der Sohn eines Tischlers und einer Fabrikarbeiterin ist heute Außenminister und ein Arbeiterkind regiert Deutschland als Gesundheitsministerin mit. Die Chefredaktionen einflussreicher Medien sind vor allem mit Sprösslingen des Bildungsbürgertums der Mittelschichten besetzt.

Andererseits verzeichnen Demoskopie und Eliteforschung gemeinsam, dass sich große Teile der Wirtschaftselite vom Rest der Gesellschaft abschotten - sowohl, wenn es um die Rekrutierung als auch um gelebte Verantwortung gegenüber der Gesellschaft geht.

Vorweg sei gesagt: Das Versagen der Eliten - vor allem aber nicht nur das Versagen der Wirtschaftseliten und die damit verbundene zerstörerische Kraft für unsere Gesellschaft wiegt mittelfristig vermutlich sehr viel schwerer als die Leistungen, die sie erbringen. Es hat nicht bei Klaus Zumwinkel angefangen und auch nicht bei Heinrich von Pierer. Die Arroganz der Politik- und Manager-Kaste gegenüber dem Rest der Gesellschaft hat viele Namen: Erinnert sei an Bankier Hilmar Kopper und sein Gerede von den "Peanuts", den Wende-Profiteur und Baulöwen Jürgen Schneider, Manfred Kanther und seine angeblichen "jüdischen Vermächtnisse", die Schwarzgeld-Strategie der CDU, die Flick-Spendenaffäre und den Neue-Heimat Skandal im gewerkschaftlichen Umfeld. Korruption und Steuerhinterziehung in der Wirtschaft, das Schielen auf die nächsten Wahlen statt langfristiger Perspektiven haben zu einem enormen Verlust an Vertrauen in die Eliten geführt. Er trifft sie alle, und differenziert nicht mehr zwischen gutem und schlechtem Manager.

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett erklärt die allseits beklagte "neue Gewissenlosigkeit" als eine Folge der Globalisierung, die eine nicht mehr ortsgebundene Finanzelite hervorgebracht hat. Manager und Vermögende orientieren sich offenbar nicht mehr an lokalen Realitäten, sondern nur noch an internationalen Kategorien:

"Die neue Elite, die ihre Geschäfte global in Städten wie New York, London oder Chicago betreibt, meidet den Bereich der Politik. Sie will in der Stadt operieren, sich aber nicht in irgendeiner Form an der Regierung beteiligen. Sie stellt eine Macht dar, ohne Verantwortung zu übernehmen."

Dadurch verschwindet eine Bindung und offenbar auch das Verpflichtungsgefühl gegenüber einer hemischen Gesellschaft, die sich immer noch überwiegend in nationalen Grenzen organisiert.

Verantwortungsethisch müssten die transnationalen Eliten an eine entstehende Verpflichtung gegenüber der Weltgesellschaft erinnert werden, solange sich der Profit weiter internationalisiert.

Das würde bedeuten, von Eliten einen weltweiten Kampf gegen Kinderarbeit, Hunger und Armut und für mehr Bildung zu verlangen, wie es etwa die "Millenium Goals" der Vereinten Nationen formuliert haben. In diesem Zusammenhang lässt sich auch die Forderung von Ulrich Beck verstehen, dass eine neue Sozialpolitik europäischer oder gar weltweiter Antworten bedarf.

Auch die Idee der "Corporate Social Responsibility", das Etablieren entsprechender Unternehmenswerte im internationalen Rahmen geht in diese Richtung. Doch besonders hervorgetan haben sich die Eliten dabei noch nicht. Jene Spekulanten zum Beispiel, die inzwischen durch die Globalisierung des Finanzmarktes mit riskanten Immobilienkrediten und Hedge Fonds ganze Weltregionen in Rezessionsgefahr stürzen können.

Bundesarbeitsminister Olaf Scholz mahnte kürzlich:

"Wir brauchen ein neues Zusammenspiel zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen steht für dieses Zusammenspiel. (...) Es geht um die Verantwortung der Unternehmen für die Gesellschaft und die Umwelt. Es geht um die Verantwortung für das Ganze."

Dies entpflichte jedoch nicht die Politik, sondern fordere sie vielmehr, Mindeststandards zu setzen.

Ganz anders klang das seinerzeit beim Soziologen Max Weber, der in seinem Klassiker "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" eher das Prinzip des ehrbaren Kaufmanns beschrieb:

"Es sind (...) nicht waghalsige und skrupellose Spekulanten" und "ökonomische Abenteurernaturen oder einfach große Geldleute", welche diesen Geist des Kapitalismus schufen, sondern "in harter Lebensschule aufgewachsene, wägend und wagend zugleich, vor allem aber nüchtern und stetig, scharf und völlig der Sache hingegebene Männer mit streng bürgerlichen Anschauungen und Grundsätzen."

Der Elite-Forscher Michael Hartmann konstatiert bei großen Teilen der Wirtschaftselite eine von der Gesellschaft abgekoppelte Geschlossenheit im Denken bei gleichzeitig regelrechter Verachtung der Politik. So entkommen sie jeder moralischen Frage. Steuerhinterziehung werde damit zu einer tiefen Überzeugung, das einzig Richtige zu tun:

"Der Gedanke ist: Der Staat wirtschaftet schlechter als die Wirtschaft. Diese Position ist heute populärer denn je. Warum sollte ich also jemandem Steuern zahlen, der es schlechter kann als ich? Dann gibt es die Idee einer Zweiteilung der Gesellschaft: Die einen leisten viel, ackern und werden hoch besteuert, die anderen ruhen sich in einer "Kuschelgesellschaft" auf Sozialtransfers aus. Das empfindet man als ungerecht. Für manche ist Steuerhinterziehung daher so etwas wie Notwehrrecht. Der Gedanke ist: Wenn der Staat uns nicht hilft, müssen wir uns eben selbst helfen."

Bundespräsident Horst Köhler und Finanzminister Peer Steinbrück werfen den Akteuren in der Finanzwelt Versagen vor, Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker wiederum kritisiert zu hohe Managementgehälter. Solche Töne waren auch schon von Bundeskanzlerin Merkel zu hören. Doch der Bundespräsident kritisiert nicht nur die Wirtschaftseliten, sondern auch die Politiker-Kaste.

Wer sind aber die Eliten wirklich, wie und wo haben sie genau versagt? Und ist nicht auch die Frage interessant, weshalb sie versagt haben? Könnte es sein, dass ihre angeprangerte Maßlosigkeit, die Fixiertheit auf den eigenen Vorteil, Status- und Machtsicherung und ihr Desinteresse am Gemeinwohl keinen klassenspezifischen sondern gesamtgesellschaftlichen Habitus widerspiegeln, der sich immer mehr dem Primat des Ökonomischen und des alleinselig-machenden Ziels der Selbstverwirklichung verschrieben hat?

Heike Schmoll, Autorin des Buches "Lob der Elite", will deswegen gar nicht der soziologischen Definition einer Funktions- und Leistungselite folgen, sondern nach anderen Kriterien entscheiden, ob jemand der Elite zugehörig ist.

"Nach Leistungswillen, Rechtschaffenheit, Gemeinwohl-Orientierung, Charakter und Persönlichkeitsbildung oder nach unbequemem Geist."

Danach wäre Alice Schwarzer Elite, Klaus Zumwinkel jedoch nicht.

Der Karlsruher Soziologe Bernhard Schäfers ist seiner Zunft gegenüber durchaus kritisch:

"In den Sozialwissenschaften hat sich seit den sechziger Jahren die Definition durchgesetzt, dass es sich bei (Funktions-) Eliten um einen Personenkreis handelt, der Einfluss auf Struktur und Wandel der Gesellschaft beziehungsweise ihre funktional differenzierten Bereiche hat. Wer zu diesem Kreis gehört, unterliegt bestimmten Mechanismen der Selektion, die bei den Funktionseliten weitgehend institutionalisiert sind. Diese Definition suggeriert eine Eindeutigkeit, die aus mehreren Gründen nicht gegeben ist."

Der Begriff ist - von der "herrschenden Klasse" bis zu den "oberen Zehntausend" - zu weit gefasst. Der Terminus "Elite" bedarf also der Erläuterung, eines Zusatzes wie "Machtelite", "Bildungselite", "politische Elite". Auch die historische Semantik des Elitebegriffs, die ja fortlebt, sowie die verschiedenen Ebenen, für die er in sachlicher und auch in geografischer Hinsicht benutzt wird - städtische und regionale, national und international tätige Eliten -, müssen jeweils spezifisch benannt werden.

Mag also der Elitebegriff in den Sozialwissenschaften als analytische Kategorie und als Element der Sozialstruktur weitgehend unstrittig sein - in der Bevölkerung ist er es keineswegs. Denn - so Bernhard Schäfers:

"In der kritischen Öffentlichkeit wird mit Interesse verfolgt, wie breit die personale und institutionelle Basis der Eliten ist und ob es wieder - wofür es empirische Belege gibt - zu einer "Schließung sozialer Kreise" - so Max Weber - kommt. Das Eliteproblem in der Demokratie lässt sich nicht ein für allemal lösen, so wenig wie Fragen der Chancengleichheit oder der "sozialen Gerechtigkeit". Als Strukturelement in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bedürfen die vielfältigen Erscheinungsformen sowie der Ruf nach einer Elite daher einer besonders kritischen Öffentlichkeit."

Die Autorin Julia Friedrichs hat in ihrem Buch "Gestatten: Elite" an vermeintlichen Elite-Institutionen siegessichere Menschen getroffen, mit klarer Vorstellung und Akzeptanz eines gesellschaftlichen Oben und Unten, für die Leitung Funktionieren ohne Nachfragen bedeutet. Diese Menschen, gerne in Unternehmensberatungen anzutreffen, werden jedoch von der Eliteforschung nur begrenzt als Mitglieder der Elite bezeichnet. Woran soll man es festmachen - an der Höhe des Gehalts oder des Einflusses?

Heike Schmoll findet, dass sich die Soziologie, die von den Funktionseliten spricht, ihre Sache zu einfach macht und sieht den Elitebegriff als inflationär verwandt an:

"Wenn man sagt, jeder Politiker ist Elite, braucht man nicht mehr definieren, was seine Persönlichkeit ausmacht."

Selbst die fortwährenden Debatten über das Versagen der Eliten gleichen mittlerweile einem medialen Ladenhüter. Kritiker vermuten dahinter ohnehin nur ein Ablenkungsmanöver von Teileliten.

Für den Politikwissenschaftler Herfried Münkler sind solche Debatten letztlich ein Symptom für etwas anderes:

"Der aktuelle Elitediskurs ist auch ein Indikator für einen ganz anderen Vertrauensverslust unserer Gesellschaft, nämlich den in die Problemlösungsfähigkeit bestehender Institutionen. Offensichtlich hat sich die alte Bundesrepublik auch deswegen ein so großes Desinteresse an ihren Eliten leisten können, weil in ihr seit den ausgehenden 50er Jahren ein höheres Institutionenvertrauen vorhanden war, bekanntlich mit dem Bundesverfassungsgericht und der Bundesbank an der Spitze."

Doch es greift etwas zu kurz, wenn man die Erosion des Elitevertrauens nur als Folge der Erosion des Institutionenvertrauens versteht. Denn die Akteure in den Institutionen - Parlament, Kabinett, Gerichte - werden gemeinhin auch als Teil der Elite wahrgenommen. Zudem gibt es tatsächlich Versäumnisse in Deutschland, für die Führungseliten in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien verantwortlich gemacht werden können.

Das Versagen der Eliten in Deutschland kennt man aus jenen dunklen Jahren des 20. Jahrhunderts, die vom demokratischen Aufbruch der Weimarer Republik zur NS-Diktatur führten. Die Mehrheit der deutschen Eliten half, den Weg in den Untergang mit vorzubereiten, begleitete ihn oder nahm federführend daran teil. Nur eine kleine Minderheit widersetzte sich. Schon zu Beginn des 20.Jahrhunderts waren die Eliten daran gescheitert, den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu verhindern und danach wenigstens einen Verhandlungsfrieden zu erreichen.

Zeitgenosse Max Weber führte dieses früh erkennbare Eliteversagen bereits im Ersten Weltkrieg auf defizitäre Rekrutierungs- und Selektionsmechanismen zurück. Fast hundert Jahre später kommt der Elite-Forscher Michael Hartmann zu einem ähnlichen Schluss.

Dabei ist Deutschland trotz der Geschichte inzwischen nahezu vorbehaltlos angesehen in der Welt; es ist zur Vorzeigedemokratie geworden, zum Sinnbild für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Aber waren daran nicht auch Eliten beteiligt, so dass man für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eher von deren Nutzen sprechen könnte?

Herfried Münkler sieht darin eine paradoxe Situation, die elitetheoretisch hochinteressant sei, weil der Elitebegriff lange diskreditiert blieb:

"In ihrer ersten Phase bis 1968/69 wirkte die Desavouierung der Eliten aus der NS-Zeit noch nach, wobei die Republik gleichzeitig den von Helmut Schelsky geprägten Begriff der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" für sich in Anspruch nahm. Und in ihrer zweiten Phase von 1969 bis 1989/90, womöglich aber noch darüber hinaus bis zum Regierungsumzug von Bonn nach Berlin, spielte das Elitethema keine Rolle, zumal Eliten nach den Vorstellungen der politischen Linken am besten zu verschwinden hatten. Alles, was an Leistungsanspruch, sozialer Härte, aber auch an asketischer Selbstdisziplin darüber hinausging, wurde im Allgemeinen beschwiegen."

Die Studentenbewegung stellte die alten Eliten von Staat und Gesellschaft unter Generalverdacht. Die Politik reagierte darauf. Man denke nur an den bildungsreformerischen Eifer der Linken oder an die "Neue soziale Frage " der Konservativen in den 70er Jahren.

Wenn die sechziger und siebziger Jahre einen Aufbruch markierten, der in gesellschaftlichen Reformen mündete, dann stehen die späten achtziger und gesamten neunziger Jahre eher für das schwindende Verantwortungsbewusstsein der Wirtschaftseliten, die in den Jahren der wirtschaftlichen Prosperität, von Globalisierungsgewinnen und der New Economy die gesellschaftliche Verantwortung immer Sache der jeweils anderen sein ließen beziehungsweise zur Nebensache degradierten.

Die allmähliche Institutionalisierung der neuen sozialen Bewegungen seit den 80er Jahren hatte freilich auch noch einen überraschenden Nebeneffekt, der nach der Ablösung der Ära Kohl Ende der 90er Jahre wirksam werden sollte. Man schien die Elite weder zu brauchen noch weiterhin hassen zu müssen - schließlich war man nunmehr selbst Elite.

Die Revoluzzer von einst waren in den weichen Sesseln der Macht angekommen, der Staat sorgte für weitgehende Gerechtigkeit, Homo-Ehe und Atomausstieg. Selbst die Rente schien manchen noch sicher. In diesem Windschatten der Geschichte konnten sich die Eliten noch unbesorgter ihrer Sorge um das Gemeinwohl entledigen und munter vor sich hin fuhrwerken, ohne dass es jemanden störte.

Die Paradoxie jener Entwicklung bestand vor allem darin, dass ausgerechnet die einstigen Elite-Hasser aus der 68er-Generation, die für Bildungschancen der Arbeiterschicht gekämpft hatten, offenbar betriebsblind wurden, während sie im mittleren Lebensalter selbst zur Funktionselite heranwuchsen: Die Durchlässigkeit der gesellschaftlichen Schichten hat eher nachgelassen, die Chancen von Kindern aus bildungsfernen Schichten sind katastrophal ebenso wie die Chancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf einen Schulabschluss und Ausbildungsplatz. Die Arm-Reich-Schere in unserer Gesellschaft klafft immer weiter auseinander. Das Prinzip, nach dem alte Eliten funktionierten, aber moderne Eliten nicht mehr funktionieren sollten, gilt heute mehr denn je: Wer privilegiert ist mit Geld, Elternhaus und entsprechenden Netzwerken, kommt leichter voran - nahezu unabhängig von Leistung und Talent. Was auch ganz nebenbei dazu geführt hat, dass vor allem in den traditionell organisierten Eliten wie der Wirtschaftselite kaum Frauen vorkommen.

Berauscht vom Angekommensein hat ausgerechnet die Generation Joschka Fischer im schlechten Sinne systemstabilisierend gewirkt. Die Beseitigung sozialer Ungleichheit, für die sie einst eintraten, die Verwirklichung ihrer alten Ideale trat an der Macht in den Hintergrund.

Auch wenn die Tendenz zum mächtigen, alle Lebensbereiche durchdringenden Primat der Ökonomie sich letztlich bereits seit den goldenen Fünfzigern parallel zur gesellschaftlichen Modernisierung langsam aufbaute - im Rückblick scheint es so zu sein, dass sich Ent-Solidarisierung und die Fixiertheit auf das eigene Fortkommen, den eigenen Vorteil und die Statussicherung in den neunziger Jahren verschärft herausgebildet haben.

Das "unternehmerische Selbst" und der - Mitte der achtziger Jahre von der Soziologie diagnostizierte -postmaterialistische Individualisierungsschub, der ein nicht gekanntes Maß an persönlichen Chancen, Entfaltungsmöglichkeiten und Freiheiten für den Einzelnen mit sich brachte, scheinen sich verselbständigt zu haben und besonders von den Modernisierungs- und Globalisierungsgewinnern auf der Sonnenseite gierig aufgesogen worden zu sein.

Dem entsprach auch eine fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft mit einem dramatischen Verlust der Deutungshoheit von Kirchen. "Liebe Dich selbst, dann liebt Dich Gott" oder "Jeder ist seines Glückes Schmied" tritt an die Stelle des Leitbildes der Nächstenliebe. Die Entsolidarisierung schien sich als krude Reaktion auf jene staatlich organisierte Vollkasko-Gesellschaft zu entwickeln - wie es sie in höchst unterschiedlicher Ausformung in Ost und West bis 1989 gab -, und in der jeder Bürger gegen jedes Armutsrisiko abgesichert zu sein schien.

In den Schröderschen Reformen der Agenda 2010 vollzog sich verspätet jene Hinwendung zu mehr Eigenverantwortung, hin zum "unternehmerischen Selbst", die in ihrem Geist rückblickend ebenfalls ambivalent begriffen werden kann. Denn so richtig es war, auf mehr Eigenverantwortung zu dringen, so wenig schaffte es die Politik neben dieser neuen Forderung eine entsprechende Förderung des Einzelnen zu setzen.

Der Soziologe Heinz Bude entwarf in seiner "Generation Berlin" ein Szenario für diese Nach-Neunziger-Gesellschaft:

"Wenn Sicherheit und Vertrauen von der garantierten Arbeitnehmer-Gesellschaft nicht mehr länger zu gewinnen sind, bleibt nur die politische Zivilgesellschaft als Ort der sozialen Teilhabe. Nur braucht es dann einen starken Begriff des Bürgers und ein dichtes Konzept von Politik, die die Grundlage für einen neuen sozialstaatlichen Republikanismus schaffen könnten. (...) Der Begriff des "unternehmerischen Einzelnen" verweist auf die Vorstellungswelt des politischen Experimentalismus. Teilhabe wird dabei nicht von einer kulturellen Mission und von einem übergeordneten Zweck gedacht, sondern von Prozessen des Sich-Einigens und Formen des Sich-Findens. Experimentell ist eine Politik lokaler Verhandlungen, gemischter Zuständigkeiten und vorläufiger Versuche. Denn immer dann, wenn die Dinge des menschlichen Zusammenlebens zentral, reinlich und langfristig geregelt werden sollen, bleibt der "unternehmerische Einzelne" mit seinem Vorstellungsvermögen und seiner Verantwortungsbereitschaft auf der Strecke."

Diese skeptische Skizze der neuen Berliner Republik würde eine demokratische, offene und verantwortungsbewusste Elite voraussetzen.

Die selbstvergessene Bereicherung auf Kosten anderer - wie sie Klaus Zumwinkel und andere praktizierten - ist im Vergleich zum Nichtstun der Mächtigen auf anderen Feldern sogar noch die kleinere Sünde. Die deutschen Eliten haben kolossal versagt, wenn es darum geht, Bildungs- und Chancengleichheit in dieser Gesellschaft, aber auch moderne und attraktive Strukturen in Wirtschaft und Wissenschaft zu etablieren. Und das, obwohl ironischerweise davon gerade auch die Wirtschaft profitieren würde: Der Fachkräftemangel ist jetzt bereits ein Ausdruck davon. Der Wegzug von hoch qualifizierten Akademikern ins Ausland ein anderer.

Die Eliten haben erfolgreich das Renditeprinzip, die Orientierung an Rentabilität und nicht an der Beschäftigung etabliert. Aber sie haben versagt, das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit umzusetzen: Dass derjenige, der etwas kann und leistet, auch weiterkommt - unabhängig von Herkunft, Geschlecht und dem Geldbeutel der Eltern. Deutschland im Jahr 2008 ist ständischer, elitärer und klassen- beziehungsweise schichtgeprägter, als das gerade die in der Verantwortung stehenden Führungseliten selbst wahrhaben wollen.

Wolfgang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, zeichnet ein dunkles Bild der neuen Konflikte und neuen Eliten:

"Im Selbstbild des neuen Liberalismus folgt auf die Phase der korporatistischen Einschnürung von Wirtschaft und Gesellschaft die Befreiung der Tüchtigen durch und für den Markt. Freie Märkte mit sich selbst regulierenden relativen Preisen erscheinen in ihm nicht nur als effizient, sondern auch als gerecht: In ihnen wird schließlich nach Leistung entlohnt. (...) Vieles spricht jedoch dafür, dass auch die post-korporatistische Gesellschaft kein Markt ist und auch ihre Eliten nicht Markt-, sondern Macht- und Organisationseliten sind. (...) Ihr Individualismus hat mit der Wirklichkeit einer zunehmenden Freisetzung der großen Unternehmen aus politischer rund sozialer Kontrolle und der mit ihr einhergehenden, fortschreitenden Ermächtigung ihrer privaten Leitungseliten nur insofern etwas zu tun, als er sie verschleiert."

Eine Allensbach-Studie ergab, wie einfach die Erwartungen an die Führungseliten in Wirtschaft und Politik sind: Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Zukunftsorientierung, das Einnehmen einer Vorbildfunktion. An dieser Zuweisung von Erwartungen wird deutlich, dass es keine generelle Ablehnung sondern eher eine Sehnsucht nach funktionierenden Eliten gibt.

Wichtig erscheint, dass sie in direkter Verbindung zur Gesellschaft stehen und nicht als eigener Kosmos abgekoppelt sind, dass sie also sozial integriert sein müssen. Das impliziert wiederum eine Durchlässigkeit und Offenheit, ihr angehören zu können.

Herfried Münkler hat es so zusammengefasst:

"Vermutlich sind Eliten dann für Gesellschaften von großem Nutzen, wenn sie sich von den Institutionen konsumieren lassen beziehungsweise die Institutionen dazu in der Lage sind, Eliten effektiv zu rekrutieren, sie zu zähmen und auf die Sicherung der institutionellen Ordnung zu verpflichten - und ihnen zugleich die begrenzten Freiräume zu lassen, die vonnöten sind, damit sie institutionenkonservativ agieren können."

Eine moderne Zivilgesellschaft und Elitekultur müssen keinesfalls Gegensätze sein. Doch wie kommt man zu jenen fähigen und legitimierten Führungsgruppen, welche die anstehenden Aufgaben in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bewältigen sollen?

Die Sozialwissenschaftler Harald Bluhm und Grit Straßenberger kommen zu einem kaum überraschenden Befund:

"Das traditionelle Ansinnen einer Gemeinwohlorientierung von Elitehandeln erlebt eine Renaissance."

Erzwingen wird man sie nicht können, diese Gemeinwohlorientierung. Aber belohnen. Es gilt zum Beispiel, Instrumente zu entwickeln, um sozial verantwortliche Unternehmen zu fördern, statt Maßlosigkeit, Gier und Kälte gegenüber der Gesellschaft. Erstaunlicherweise hat die Mahnung der Publizistin Marion Gräfin Dönhoff nach einem ethischen Minimalkonsens und der Zivilisierung des Kapitalismus nichts an ihrer Aktualität eingebüßt:

"Was den Kapitalismus und die Marktwirtschaft angeht, so muss man sie unter allen Umständen erhalten und sie nicht abschaffen wollen - sie müssen nur sozusagen zivilisiert werden. Grenzen müssen gesetzt werden: Freiheit ohne Selbstbeschränkung, entfesselte Freiheit also, endet auf wirtschaftlichem Gebiet zwangsläufig in einem Catch-as-catch-can und schließlich in dem Ruf nach einem "starken Mann", der alles wieder richten soll."

Selbstbewusste Bürger, die selbstherrliche Eliten verhindern. Einer gebildeten Masse bedarf es - statt einer kleinen gebildeten Klasse. Es klingt so einfach, dies zu realisieren.

Konrad Schily, der langjährige Präsident der Universität Witten/Herdecke hat die Anforderungen, die ihn selbst miteinschließen, idealtypisch formuliert:

"Eliten, wie wir sie brauchen, begreifen ihre Machtposition nie als Autonomieposition, sondern ziehen in ihren Entscheidungen immer auch das Gemeinwohl in Betracht. Sie lassen die Innovationsscheu hinter sich, suchen nach neuen Chancen und beteiligen sich so als Vorbilder am gesamtgesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess."

Es wird einzelne Vorbilder brauchen für diese neue Elite. Immerhin haben die Eliten untereinander bereits begonnen, sich hart zu kritisieren. Kritische Selbstreflektion wird notwendige Bedingung sein für eine Elite, die sich aus sich selbst heraus legitimiert. Das würde ihrem stets prekären und zuweilen paradoxen Zustand Abhilfe schaffen können.

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