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Das verständige Internet im Praxistest

Neue Anwendungen geben dem "Semantic Web" Form

Von Pia Grund-Ludwig

Tim Berners-Lee gilt als Vater des Semantic Web.
Tim Berners-Lee gilt als Vater des Semantic Web. (w3.org)

<strong>Die Ergebnisse von Internet-Suchmaschinen entsprechen oftmals nicht ganz dem Gesuchten. Hier könnte das "Semantic Web" abhelfen: Es soll die Kommunikation zwischen Maschinen erleichtern und so neue intelligente Anwendungen ermöglichen. Die "Semantic Web Days" in München präsentierten dazu aktuelle Projekte.</strong>

Das Semantic Web verfolgt ein sehr hoch gestecktes Ziel: Maschinen sollen verstehen, was Menschen meinen. Ein Beispiel: Die Anfrage bei einem Reiseportal. Sagt der Benutzer: Ich möchte in den Sommerferien in den Süden fliegen, werden künftige Portale diese Anfrage so zerlegen, dass klar ist, welcher Zeitraum mit dem Begriff Sommerferien gemeint ist und was Süden aus Sicht des jeweiligen Benutzers und in Zusammenhang mit der Urlaubsplanung bedeutet. Außerdem sollen Programme Beziehungen zwischen Daten erkennen, die Menschen nicht ohne weiteres sehen. Daran arbeiten beispielsweise Forscher im Gesundheitswesen, die semantische Anwendungen zur Auswertung von medizinischen Veröffentlichungen entwickeln. Doch der Weg dahin, das haben die Semantic Web Days in München gezeigt, ist weiter als Optimisten gedacht haben. In einigen Bereichen zeichnen sich zwar Fortschritte ab, insgesamt gehe es aber eher langsam voran, meint Alexander Linden, Vice President für sich entwickelnde Technologien bei Gartner:

"Es gibt einige einfache Semantic-Web-Anwendungen, die sind auch schon einsatzreif, insbesondere im Bereich der so genannten Lightweight Ontologies. Das sind ganz einfache semantische Modelle. In dem Bereich sind semantische Technologien sehr wohl einsatzfähig. Insbesondere im Bereich E-Commerce sehen wir einige Einsatzbereiche, allen voran Google mit der Suchmaschine Froogle. Froogle fordert von seinen Datenlieferanten ein bestimmtes restriktives Format, so genanntes RDF, und damit umgeht Froogle einige Komplexitäten des ständigen Nachhaltens der Datenlage und kann sehr viel kostengünstiger eine Produktsuchmaschine darstellen."

Das von Froogle verwendete Format RDF kann Daten beschreiben und damit die Einordnung in Kategorien erleichtern. Das hat den Vorteil, dass Produkte auch dann gefunden werden, wenn ein Benutzer gar nicht explizit anhand des Produktnamens sucht. Solche Anwendungen, die externe Datenquellen einbeziehen, sind aber noch die Ausnahme. Meist versuchen Unternehmen bislang, ihre internen Informationen besser zu organisieren und zu vereinheitlichen, erklärt Massimo Marchiori. Er arbeitet am amerikanischen Forschungsinstitut Massachusetts Institute of Technology MIT und ist beim Standardisierungsgremium World Wide Web Consortium für Semantic-Web-Verfahren verantwortlich:

"Es sind vor allem Anwendungen in genau umgrenzten Bereichen. Die Eigentümer der Informationen kontrollieren diese Umgebungen. Hier werden die Anwendungen auch in den nächsten zwei Jahren am erfolgreichsten sein."

Solche unternehmensinternen Anwendungen hat Hermann Friedrich in München bei den Semantic Web Days vorgestellt. Er ist bei Siemens für die Entwicklung von Wissensdatenbanken für den konzerninternen Einsatz verantwortlich. In ersten Projekten kommen dabei auch Verfahren des Semantic Web zum Einsatz. Davon verspricht sich das Unternehmen einen besseren Überblick darüber, wer für welches Problem schon Lösungen gefunden hat - doppelte Arbeit lässt sich so reduzieren. Gezeigt wurde in München auch ein Expertensystem auf Semantic-Web-Basis, das bei einem Roboterhersteller im Einsatz ist. Der bulgarische Semantic-Web-Experte Ontotext hat ein Portal für eine Jobsuchmaschine realisiert. Dort können Firmen nach Bewerbern suchen, aber auch herausfinden, in welchen Bereichen konkurrierende Firmen Fachkräfte einstellen. Die Informationen dazu stammen aus unterschiedlichen Quellen und werden in einem einheitlichen Format aufbereitet. Doch noch sind solche Projekte dünn gesät. Den Grund sieht Gartner-Experte Linden vor allem im Preis:

"Es ist einfach sehr teuer, Metadaten zu produzieren, außerdem muss man sich auf Formate und Standards einigen, diese Konsensbildung dauert sehr lange, offensichtlich länger als viele es erwartet haben. "

Semantic-Web-Forscher Marchiori nennt weitere Gründe, die die Zurückhaltung erklären:

"Zwei Bausteine fehlen derzeit noch: Der eine ist der Versuch, in offenen Umgebungen Anwendungen zu entwickeln, mehr unterschiedliche Datenquellen einzubeziehen, das wurde bislang unterschätzt. Der zweite ist die fehlende Interaktion mit normalen Menschen. Die meisten Technologien, die bisher zu sehen sind, eignen sich für Experten, aber das wird dem Semantic Web nicht zum Durchbruch verhelfen. Wir brauchen einfachere Technologien für normale Menschen, die vielleicht weniger wollen, aber das mit sehr einfachen Verfahren, ohne komplizierte Handbücher."

Er mahnt deshalb Anwendungen an, die Alltagsnutzen haben und einfach zu bedienen sind. Gartner-Forscher Alexander Linden fordert mehr Geduld: Das für einen solch entscheidenden Umbruch notwendige Umdenken erfordere Zeit.



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