Kultur heute / Archiv /

 

Das verzweifelte Malen gegen die Vergänglichkeit

Der "Renoir"-Film von Gilles Bourdos

Von Josef Schnelle

Auguste Renoir (Michel Bouquet) bei der Arbeit
Auguste Renoir (Michel Bouquet) bei der Arbeit (Arsenal Filmverleih)

In Gilles Bourdos Film "Renoir" geht es um die Beziehung des Malers Auguste Renoir zu seinem Sohn Jean. Im Mittelpunkt steht der Konflikt zwischen dem schon renommierten Vater und dem Sohn, der erst noch seine künstlerische Bestimmung finden muss. Und die Dreiecksbeziehung zu der jungen Catherine Hessling, die später Jeans Frau wird.

"Das ist doch das Haus der Renoirs."
"Wie heißt Du?"
"André."
"Ich glaube wir beide werden zusammen arbeiten."


Côte d´Azur - Cagnes-sur-Mer 1915. Der Maler Auguste Renoir hat nicht mehr lange zu leben. Er muss sich den Pinsel an seine arthritische Hand binden lassen, um überhaupt noch malen zu können. Immer noch malt er gerne Aktbilder. Junge Frauen mit Apfelbrüsten, kleinem Bauchansatz und ausladendem Hinterteil. Betitelt sind die Bilder als "Badende", die Mädchen sich abtrocknend oder sonst wie beschäftigt, denn irgendeinen Grund musste die Nacktheit ja haben um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert.
Catherine Hessling, die tatsächlich als junges Mädchen auf sein Grundstück stolperte und der er einige seiner schönsten Akte widmete, war das letzte Model des genialen Expressionisten. Sie, so die These des Films, vermittelte ihm auch für kurze Zeit letzten Lebensmut. Renoirs Sohn Jean, der später einer der wichtigsten Filmemacher des poetischen Realismus werden sollte, kommt als verwundeter Kampfpilot aus dem Krieg zurück und kriegt gleich eine Lektion in Sachen Kunst- und Lebenskritik.

"Das Fleisch. Nur das ist wichtig. Wenn Du das nicht verstehst, wirst Du nie etwas verstehen, weder vom Leben noch von der Malerei."
"Die Malerei. Denkst Du selbst mitten im Krieg nur daran."
"Lass Dir das Fell durchlöchern, kleiner Schwachkopf. Oder wenn es dir lieber ist, geh ein paar tapfere Deutsche massakrieren, die Pfeife rauchen. Wenn Du wirklich glaubst, dass das irgendetwas ändern wird."


Natürlich ist das Liebesverhältnis zwischen dem alten Renoir und seinem Model nur noch platonisch denkbar. Aber in dem jungen Renoir erweckte das Bauernmädchen eine Leidenschaft, die ihn sein Leben lang begleiten sollte. Eine Leidenschaft für das Kino. Catherine Hessling wurde der Star seiner frühen Stummfilme, mit denen er das Vermögen seines Malerfürstenvaters durchbrachte, bevor ihn selbst sein eigener Erfolg zur Legende machte. Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine ehrgeizige Frau. Und diese ist ebenso schön wie durchtrieben. Sie verdreht Vater und Sohn gleichermaßen den Kopf und mischt deren Gartenwelt im beschaulichen südfranzösischen Kurpark kräftig auf.

"Jean, Du musst es mir versprechen. Wenn der Krieg zu Ende ist, machen wir Filme."
"Du meinst Du willst das machen?"
"Nein, wir beide gemeinsam. Versprichst Du es?"


Anders als bei gängigen biografischen Filmen interessiert sich Regisseur Gilles Bourdos gar nicht so sehr für die Maler und die Filmemacherbiografie. Er taucht die Szenen in Cagnes-sur-Mer, in denen Auguste Renoir verzweifelt gegen seine Vergänglichkeit anmalt, in ein betörendes südliches Licht und lässt die bleiche Haut der Hauptdarstellerin - wie vom Drehbuch gefordert - meist verführerisch leuchten. Im Mittelpunkt steht aber eigentlich der Konflikt zwischen dem schon renommierten Künstler-Vater und dem Sohn, der erst noch seine künstlerische Bestimmung finden muss.
Im Dreieck dieser Liebesbeziehung hat der Alte natürlich keine Chance und das weiß er auch. Und doch kann man, wenn man genau hinschaut, mitbekommen wie der Maler Renoir den Filmemacher Renoir auf die künstlerische Entdeckerspur setzt. Jean Renoir musste sich erst ab 1924 in stummen Schwarz-Weiß-Filmen beweisen, wie mit Catherine Hessling 1926 in seinem wohl bedeutendsten Film der Frühphase "Nana" nach einer Novelle von Emile Zola. Später dann in den 30er-Jahren wurde er mit "Die große Illusion", "Bestie Mensch" und "Die Spielregel" zum großen Erneuerer der Filmkunst und Vorreiter des Neorealismus und ganz allgemein zum Säulenheiligen des Autorenkinos. Man ertappt sich bei diesem Film stets dabei, den zweiten, den Hintergedanken wichtiger zu nehmen, als das, wovon der Film gerade erzählt. Aber so soll im Idealfall ein Künstlerfilm ja auch sein.

"Striche, noch mehr Striche. Die einen in die anderen. Wie im Liebesspiel. Was nämlich die Struktur des Bildes bestimmt ist nicht die Linie. Es ist die Farbe."



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Vom süßen Teenie zur Künstlermuse

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Gesprächsreihe "Kunst auf Lager"Retter der verborgenen Schätze

Im Lager des Kunstarchivs in Beeskow (Aufnahme von 2010)

Ein großer Teil der Bestände öffentlicher Sammlungen lagert verborgen in Kellern und Depots - häufig unter schlechten Bedingungen. Viele von ihnen drohen der Kunst- und Kulturgeschichte verloren zu gehen, wenn sie nicht gerettet werden. Die Initiative "Kunst auf Lager" setzt sich für die verborgenen Schätze ein.

Schauspiel StuttgartPsychogramm der Mutterliebe

Ein Klavier.

Mit "Herbstsonate" inszeniert Jan Bosse am Schulspiel Stuttgart elegant und einfallsreich einen Ingmar Bergmann-Film. Es geht um ein Duell zwischen Mutter und Tochter, beide Pianistinnen, das sich zu einem wahren Psychothriller auswächst.

Besucherrekorde in deutschen Museen "Das Museum muss emotional ansprechen"

 

Kultur

Theaterstück "Farbenblinde Arbeit" Kreativwirtschaft, Kunstbetrieb, Knast

Dietmar Dath (r) und Johannes Frisch (am Bass) von der Gruppe "The Schwarzenbach"

Gentechnik und die Hofer Filmtage, Missstände im Strafvollzug, Rot-Grün-Blindheit und der Feminismus - all diese Themen bringt der Autor Dietmar Dath in seinem neuen Stück "Farbenblinde Arbeit" zusammen, das in Mannheim uraufgeführt wurde.

HochschulpolitikBundesrat stimmt Lockerung des Kooperationsverbots zu

Der Bundesrat kommt heute in Berlin zur letzten Sitzung vor der Wahl zusammen

Bund und Länder dürfen bei der Förderung der Hochschulen künftig enger zusammenarbeiten. Das entsprechende Gesetz passierte heute den Bundesrat in Berlin. Die Grundgesetzänderung zur Lockerung des sogenannten Kooperationsverbotes beschloss die Länderkammer einstimmig.

Being Stephen Hawking"Die Rolle birgt viel Versagenspotenzial"

Filmpremiere von "The Theory Of Everything" ("Die Entdeckung der Unendlichkeit") in London Physiker Stephen Hawking und der englische Schauspieler Eddie Redmayne 

Eddie Redmaynes Darstellung des Astrophysikers Stephen Hawking in "Die Entdeckung der Unendlichkeit" gilt bereits jetzt als oscarverdächtig. Im Corsogespräch erzählt der 33-jährige Schauspieler von der zeitaufwendigen Vorbereitung, der Chaotik seines Nomadenlebens und dem Streben nach nie erreichter Perfektion.