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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDas Vieldeutige am Islam14.03.2013

Das Vieldeutige am Islam

Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer und seine Forschungen

Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer erhielt dieses Jahr den Leibnizpreis für seine Forschung: In seinem aktuellen Hauptwerk zeigt er die Freude an der Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit auf, die es auch im historischen Umgang mit Koran-Texten gab.

Von Matthias Hennies

Ein aufgeschlagener Koran: Die Deutung viel früher sehr vielseitig aus. (picture alliance / dpa / Roos Koole)
Ein aufgeschlagener Koran: Die Deutung viel früher sehr vielseitig aus. (picture alliance / dpa / Roos Koole)

Der Schlüsselbegriff in Thomas Bauers Werk heißt "Ambiguität": Das Wort bezeichnet Mehrdeutigkeit, Vagheit, Widersprüchlichkeit – ist also selbst mehrdeutig. Mit diesem Schlüssel öffnete Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität Münster, einen verblüffenden neuen Zugang zur islamischen Welt.

In seinem aktuellen Hauptwerk "Die Kultur der Ambiguität" belegte er, dass die islamischen Kultur in ihrer Blütezeit von einer großen Toleranz für Vieldeutiges und Widersprüchliches geprägt war. Diese Freiheit galt sogar im Umgang mit heiligen Texten aus dem Koran.

"Klassische Koran-Kommentatoren haben sich immer bemüht, möglichst viele Bedeutungen zusammenzutragen, mit ganz wenigen Ausnahmen. Die meisten sagten nicht, diese Stelle bedeutet das und das, sondern da gibt es fünf verschiedene Möglichkeiten, was es bedeuten könnte. Und wenn ein Gelehrter noch eine sechste Bedeutung fand, eine eigene, dann war er nicht der Meinung, dass das die einzig richtige sei, sondern die könnte eventuell zusätzlich zu den Fünfen auch noch stimmen."

Die Freude an der Ambiguität findet sich ebenso in der Literatur: In Tausenden der beliebten Wein- und Liebesgedichte übertrumpften sich die Autoren bei der Suche nach mehrdeutigen Wörtern und Formulierungen - und vermieden auch beim Inhalt, sich festzulegen:

"Für die Menschen in der Vormoderne in islamischen Gesellschaften war es eine ausgemachte Sache, dass junge Frauen und junge Männer gleichermaßen attraktiv und anziehend sind und deshalb Objekt von Liebesdichtung werden. Und diese Liebesgedichte stammen nicht selten auch von professionellen Religionsgelehrten - die zwar sexuelle Handlungen missbilligt hätten, aber es nicht missbilligt haben, dass man sich in Leute verliebt."

Hin und wieder lösten sinnenfreudige Weinlieder und homoerotische Liebesgedichte, die dem Koran widersprechen, Konflikte aus. Dann ließ ein sittenstrenger Sultan in Kairo die Kneipen schließen und die Prostituierten vertreiben. Doch diese wiederkehrenden Episoden nahm niemand ernst. Man konnte sogar wagen, eine Koranstelle zu verwenden, um sich darüber lustig zu machen.

"So gibt es im Koran eine Stelle, wo am Jüngsten Tag die Menschen aus ihren Gräbern erweckt werden und die Ungläubigen dann sehen, was mit ihnen passiert und aus dem Erschrecken darüber sagen sie: "Oh, könnte ich doch wieder Erde sein!"

Was machte ein Religionsgelehrter und Literat daraus? Als wieder einmal ein Sultan die Schenken schließen und die Weinkrüge zerschlagen ließ, dichtete er:

"Den Krug zerbrach man willentlich und auf die Erde floss der Wein, ich sprach, obwohl ich Muslim bin, oh, könnte ich doch Erde sein!"

Bauers Forschungen zeigen, dass der im Westen etablierte Sammelbegriff "islamische Kunst" eigentlich falsch ist: Die Kunst der großen arabischen Epochen steht oft auch im Widerspruch zum Islam.

Religion war in der arabischen Kultur nicht so allgegenwärtig, wie man im Westen häufig glaubt: Herrschaft wurde seit den großen Eroberungszügen des siebten und achten Jahrhunderts vor allem mit militärischen Erfolgen legitimiert. Politik war folglich weit weniger religiös geprägt als im christlichen Europa - und die Menschen mussten kaum Angst vor Glaubenskriegen, Inquisition und Hexenverfolgungen haben.

Was die einfache ägyptische Bevölkerung im 14. Jahrhundert beschäftigte, belegen die Gedichte des Ibrahim al-Mi'mar, eines Steinmetzen aus Kairo, die Bauer und seine Mitarbeiter gerade zur Veröffentlichung vorbereiten.

"Das ist Krankheit, das ist Hunger – er hat wahrscheinlich nie wirklich gehungert, aber immer wieder gab es Zeiten der Teuerung und des Mangels. Und das war in Köln genauso wie in Kairo. Aber eine Sorge hatte er überhaupt nicht, nämlich die Sorge vor Krieg. Damals gab es keine Kriege im Mamluckenreich und es gab auch keine Religionskonflikte. Wahrscheinlich betrifft das auch Formen staatlicher Gewalt: Die Zahl der Hinrichtungen war in islamischen Ländern wahrscheinlich doch deutlich geringer als in Europa und viele Dinge, die heute im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen wie diese Körperstrafen, wie Steinigungen, wurden ja oft gar nicht angewandt."

Thomas Bauer hat umfassend untersucht, wie in Ägypten im 13. und 14. Jahrhundert die Literatur aufblühte und breite Kreise der Gesellschaft erfasste. Diese kulturelle Glanzzeit spiegelt sich auch in der Architektur und widerlegt ein Dogma, das lange das Selbstbild vieler Muslime prägte: Dass die islamische Kultur nach frühen, großen Leistungen in Medizin, Astronomie und Kunst schnell wieder untergegangen sei, weil sich die arabischen Reiche angeblich nie mehr von den Kreuzzügen und der Eroberung Bagdads 1258 erholt hätten.

"Das stimmt nicht. Es geht eigentlich auf sehr, sehr hohem Niveau sehr lange weiter, bis aber – und das hängt rein mit wirtschaftlichen Gründen zusammen – vor allem durch die Entdeckung Amerikas und diesen Riesenwohlstand, den jetzt gerade Westeuropa erreicht hat, bis man dadurch in den islamischen Ländern in den Rückstand kam."

Als die europäischen Kolonialmächte im 19. Jahrhundert begannen, in den Nahen Osten zu expandieren, erwiesen sich die islamischen Länder tatsächlich als hoffnungslos unterlegen. Diese traumatische Erfahrung löste einen kulturellen Wandel mit fatalen Folgen aus, erklärt Bauer: Arabische Intellektuelle zweifelten an ihrer eigenen Kultur und begannen, nach neuen Orientierungen zu suchen. An die Stelle der freizügigen Ambiguität der klassischen Zeit trat eine ideologische Verhärtung, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts anhielt: Man berief sich nun auf "wahre islamische Werte" oder übernahm nationalistische oder sozialistische Konzepte des Westens.

Erst der "Arabische Aufbruch" 2011 hat neue Perspektiven eröffnet – die im Westen aber oft durch pauschalisierende Etiketten überdeckt werden. So beteiligen sich in Ägypten und Tunesien islamisch motivierte Politiker intensiver am demokratischen Prozess als viele Liberale. Und kritische Religionsgelehrte setzen sich für Reformen ein, bei denen die Glaubensgrundlage, der Koran, nicht angetastet, aber keinesfalls die viel zitierten Körperstrafen der Scharia eingeführt werden sollen.

In den arabischen Gesellschaften scheint wieder mehr Raum für Mehrdeutigkeiten und Widersprüche zu entstehen. Die neuen Erkenntnisse von der langen islamischen Kulturblüte könnten dabei helfen – Thomas Bauer würde dazu gemeinsam mit arabischen Kollegen gern beitragen.

"Wenn man die ganze eigene Geschichte als einen Irrtum betrachtet, dann kommt man auch nicht in der Gegenwart an. Und in meinem Buch habe ich, glaube ich, zeigen können, dass man damals durchaus zu einem vielfältigen Denken, auch einem kritischen Denken imstande war und dass es möglich ist, hier durchaus anzuknüpfen. Also man muss die eigene Geschichte nicht verleugnen, wenn man in die Gegenwart schaut."

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