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Das Wahrzeichen des Lipperlands

Das Hermannsdenkmal von innen

Von Jörn Haarmann

Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald bei Hiddesen südwestlich von Detmold.
Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald bei Hiddesen südwestlich von Detmold. (AP Archiv)

Auch wenn die berühmte Varusschlacht zwischen Germanen und Römern vermutlich in Osnabrück und nicht im Teutoburger Wald stattgefunden hat, steht dort bei Detmold seit fast 140 Jahren das Hermannsdenkmal. Mit knapp 54 Metern Höhe ist es Deutschlands größte Statue.

Die berühmte Varusschlacht, der Sieg der Germanen über die Römer im Jahr 9 nach Christus, hat ja nach Allem, was man weiß in der Nähe von Osnabrück stattgefunden - und nicht im Teutoburger Wald.

Trotzdem steht genau dort seit fast 140 Jahren das Hermannsdenkmal, um an die Schlacht zu erinnern: Genauer gesagt in der Nähe von Detmold im Kreis Lippe.
Der "Hermann", wie die Menschen im Lipperland "ihr" Denkmal liebevoll nennen, ist mit insgesamt knapp 54 Metern Höhe Deutschlands größte Statue und eines der bekanntesten Denkmäler bundesweit. Besucher gelangen normalerweise nur bis zu einer Aussichtsplattform des Sockels. Der Cheruskerfürst mit seinem ausgestreckten Arm und Schwert selbst bleibt unzugänglich, ist aber grundsätzlich begehbar.

Jörn Haarmann hatte die seltene Gelegenheit, auf einer geführten Tour das Innere des lippischen Wahrzeichens zu erklettern und dem Hermann buchstäblich "zu Kopfe zu steigen".

"77 Stufen hat die steinerne Wendeltreppe, die vom Sockel des Hermannsdenkmals hinauf zu seinem Außenumlauf ins Freie führt. Oben angekommen, fällt nur wenigen Besuchern eine Holztür an der Wendeltreppe auf. Sie ist normalerweise verschlossen. Doch dahinter geht es weiter rauf ins Innere des lippischen Wahrzeichens."

...in einen kreisrunden Raum mit eisernen Wänden, Kuppel und unzähligen, teelichtgroßen Nieten, die die Metallplatten ähnlich wie bei einem alten Ozeandampfer zusammen halten:

Die Decke des mit roter Rostschutzfarbe gestrichenen Raums hat eine kleine Luke, zu der eine wackelige Eisenleiter hochführt.

"Genau unter den Füßen sind wir jetzt, auf 27 Metern Höhe ungefähr, und gleich geht es dann gesichert über die Leiter weiter in die Figur hinein. Hier sieht man auch die Verankerungen des Hermann, wenn man hier einmal um die Ecke guckt: So fast einen halben Meter breite Metallanker. Also fast 20 Meter unter uns sind die noch mal befestigt, um den dann auch stabil hier oben auf dem Sockel zu halten."

...erklärt Michael Knost. Zusammen mit mehreren Kollegen vom Kletterpark Detmold ist er für die Sicherheit aller zuständig, die sich ganz hinauf bis in den Kopf des Hermanns zwängen wollen. Seit etwa einem Jahr öffnet der Landesverband Lippe als Eigentümer des Denkmals die monumentale Statue alle paar Monate für Neugierige:

"Viele sagen, es ist ganz anders, als ich es erwartet habe, aber trotzdem total toll. Man sollte schon bisschen sportlich sein, ansonsten nicht zu groß sein, ab 1.90 Meter Körpergröße wird es schwierig, dass man durch die Luken durchpasst und die Beine noch hinterher kriegt."

Denn Hermanns Innenleben ist eine enge Angelegenheit. Unter der kupferblechernen Außenhaut der 26 Meter hohen Statue verbirgt sich ein stützendes Korsett aus massiven Eisenröhren und -streben, das es zu durchsteigen gilt. Es gibt dem Cheruskerfürsten seit fast 140 Jahren seine Form:

"Es gibt eine Hauptröhre, die bis in den Kopf führt. Es gibt aber noch eine zweite Röhre, die allerdings deutlich enger ist, man muss so gesehen in der Hüfte kreuzen, in die andere rein, die führt dann in das andere Bein und in den Schwertarm hoch und bis in die Hand. Allerdings wird es dann so eng, dass man nicht mehr durchkommt."

Das passt allerdings so gar nicht zu den vielen Legenden, die sich die Einheimischen seit Generationen über "ihr" Hermannsdenkmal erzählen:

"Ja, die Geschichte, das mal ein Kind aus dem Nasenloch gefallen ist oder sogar eine Mutter mit Kinderwagen und Kind, das kenne ich wohl; dann habe ich noch mal gehört, dass die Bauarbeiter im Kopf Skat gespielt haben, zu viert. Wenn man dann den Kopf dann sieht, schwer zu glauben."

Zuvor heißt es aber aus Sicherheitsgründen, sich einen Helm aufzusetzen und in einen Sitzgurt zu steigen, wie beim Freiklettern. Meinen Gurt befestigt Michael Knost mit einem Karabiner an einem langen Seil, an dem mich die Kletterguides auf meinem Weg durch die Figur sichern.

"Frank, bist Du bereit? Und es geht los!"

Auf den Sprossen der Leiter geht es durch die Deckenluke hinein in die senkrechte, etwa anderthalb Meter breite Eisenröhre. Weiter oben - auf einem Zwischenboden - empfängt mich Kletterpark-Mitarbeiter Frank Pape, ebenfalls mit Helm und Gurt:

"Momentan befinden wir uns zwischen den Füßen des Hermann, und da oben, bei der ersten Luke da vorne, ist man ungefähr auf Hüfthöhe. Und mein Kollege Sebastian, der sitzt oben in der Brust quasi drinne. Du kletterst einfach hier hoch, und die nächsten Etagen dann wird mein Kollege übernehmen. Auf den ersten vier Stufen anfangen zu klettern, an diesem weißen Seil kannst Du Dich jederzeit festhalten."

Und das ist auch nötig: Denn die Röhre wird nach oben immer schmaler, und aus ihrer Innenwand ragen hier und da nur noch einzelne Eisenstiegen heraus, an und auf denen Füße und Hände Halt finden müssen. Während sich unter mir die Tiefe auftut, ruft von oben Helfer Sebastian Doms, auf welche Vorsprünge ich treten soll:

"Du hast da welche und hier hast Du welche, und dann musst Du sehen, dass Du irgendwie hochkommen, da musst Du jetzt noch höher steigen. Greif mal daneben in das schwarze Band."

"Hier?"

" Ja genau, die Bandschlinge. Und dann musst Du halt noch höher steigen jetzt."

Sebastian kauert in einer winzigen Nische auf Brusthöhe der Hermannstatue, also in etwa 40 Metern Gesamthöhe. Der Raum ist von der Röhre aus durch eine kleine Klappe zu erreichen und existiert nur, weil Hermanns Umhang an dieser Stelle Falten wirft:

"Ich denke, dass war mal etwas um Material zu verstauen, beim Bau. Etwas eng, vier mal zwei Meter, um mich herum nur Stahl und Blech. Das ist das Außenblech vom Hermann. Ich fühle mich immer wie in so einem kleinen Boot hier, so einem Torpedo-Schacht, ist auf jeden Fall spannend, hier zu arbeiten."

Die letzten Meter muss jeder Kletterer allein bewältigen, im Kopf der Statue endet die Röhre. Nur einen Meter fünfzig misst Hermanns Haupt im Umfang, von außen betrachtet sieht es aber viel größer aus.

Eng und dunkel ist es hier oben. Zu hören ist allein der Wind, der durch Hermanns nur gerade mal faustgroße Nasenlöcher braust. Herausfallen, wie man es sich in Lippe erzählt, kann durch sie wirklich niemand. Dafür aber mit der ausgestreckten Hand die Wölbungen der Augen der Figur erreichen. Gut zu erkennen sind auch die Ausformungen von Hermanns Nase und die der Flügel, die auf seinem Helm thronen. Der Kopf der Statue ist immerhin so groß, dass Besucher in ihm stehen könnten.

Nach ein paar Minuten geht es wieder zurück in Hermanns Rückgrat, die Eiserne Röhre. Auf Höhe der Füße wartet wieder Kletterprofi Frank Pape - und hält noch ein Highlight bereit. Denn er öffnet den einzigen Zugang aus der Figur nach draußen:

"Von hier aus kann man den Fuß aus nächster Nähe sehen, vom Hermann einmal aus der Luke da vorne herausbeugen, dann gibt es den Fuß von Herrmann in Großaufnahme. Wenn man sich herausbeugt, kann man dem Hermann noch einmal unter den Rock gucken. So, Klappe auf!"

Draußen umbraust starker Wind die Statue; ich blicke auf das Lipperland und den Teutoburger Wald - und rechts tatsächlich auf Hermanns riesigen, kupferplattenummantelten rechten Fuß: Ein faszinierender Anblick.

Viel zu schnell, nach einer dreiviertel Stunde, ist die außergewöhnliche Klettertour zu Ende. Und damit auch eines der vielleicht letzten Abenteuer in Ostwestfalen-Lippe.

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