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"Das war ja mal wieder ein echter Steinbrück"

Biograf Daniel Friedrich Sturm über die Fettnäpfchen des SPD-Kanzlerkandidaten

Daniel Friedrich Sturm im Gespräch mit Sandra Schulz

Ein Interview von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wird kritisiert.
Ein Interview von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wird kritisiert. (picture alliance / dpa / Jens Wolf)

Die Empörung über ein Steinbrück-Zeitungsinterview zum Kanzlergehalt ist groß. "Ich bin auch immer wieder fassungslos über solche Sachen", sagt der Biograf Daniel Friedrich Sturm. Steinbrück lasse sich wohl von seinen Beratern nur schwer von einem einmal eingeschlagenen Holzweg abbringen

Sandra Schulz: Auf knapp 300.000 Euro kommt die Kanzlerin im Jahr mit Kanzlerbesoldung und Abgeordnetenvergütung. Das ist wenig – im Vergleich zu den Millionen einiger Wirtschaftslenker, darüber sind sich eigentlich alle einig. Trotzdem hat SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück für ganz erhebliche Empörung gesorgt mit seinem Zeitungsinterview vor Silvester. Verdient die Kanzlerin eigentlich auch wenig im Vergleich zu ihren Amtskollegen, zu anderen Staatschefs? Der Frage ist für uns Andreas Burmann nachgegangen.

Die Zusammenstellung war das von Andreas Burmann. Ausgerechnet die nachrichtenarme Zeit zwischen den Jahren hat sich der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück also ausgesucht für sein Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" – ein Interview, mit dem er kurz vor Silvester für ganz erhebliche Irritationen gesorgt hat, für neue Irritationen nach der Diskussion um seine satt honorierten Vorträge und nachdem manche Familien unterm Weihnachtsbaum noch über seinen Ausspruch diskutierten, er würde eine Flasche Pinot Grigio, die nur fünf Euro koste, nicht kaufen. Ob die Kanzlerin zu wenig verdiene, hatten die Zeitungskollegen jetzt gefragt. Für die Antwort wollen wir uns die Zeit nehmen, genau zu zitieren.

Zitat Antwort Steinbrück: Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig, gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss, und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gehalt.

Schulz: Darauf, dass nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen mehr verdient, darauf hat er auch gleich noch hingewiesen. Gleichzeitig dürfte er seine eigenen Chancen, das Kanzlergehalt ab Herbst zu beziehen, damit nicht unbedingt gesteigert haben. Es hagelt Kritik auch aus eigenen Reihen.

- Und darüber wollen wir in den kommenden Minuten sprechen – am Telefon ist der Steinbrück-Biograf und Korrespondent der Welt-Gruppe, Daniel Friedrich Sturm. Guten Morgen!

Daniel Friedrich Sturm: Guten Morgen, Frau Schulz!

Schulz: Ist das die Beinfreiheit, die Peer Steinbrück sich auserbeten hat?

Sturm: Nein, die Beinfreiheit, die hat er ja längst verloren in dieser lang andauernden Debatte um seine sogenannten Nebeneinkünfte, die er als Abgeordneter hatte. Die hat ihn ja sehr, sehr viel Energie und Zeit gekostet, da ist die Beinfreiheit abhanden gekommen. Deswegen stellt sich jetzt umso mehr die Frage, warum redet er überhaupt noch über Geld in eigener Sache, das ist ja nun beileibe für ihn kein Gewinnerthema. Und dann noch, Sie haben es angesprochen, in dieser nachrichtenarmen Zeit. Eben hatte er diese eine Debatte überstanden, nun weckt er sie erneut ins Gedächtnis.

Schulz: Aber warum ist die Aufregung überhaupt so groß? Warum darf der SPD-Kanzlerkandidat nicht feststellen, was eigentlich Gemeingut ist, nämlich eben, dass der Kanzler wenig verdient im Vergleich, den er ja auch gezogen hat?

Sturm: Ja, ich finde das gut, dass Sie eben den Satz aus dem Interview komplett zitiert haben. Da fehlt ja jede weitere Bemerkung nach dem Motto: Ich bin ja 65 Jahre alt und ich habe ausgesorgt und ich verzichte hier ja jetzt sogar auf Geld, weil mir das Dienen für dieses Land wichtiger ist, das ist etwas Größeres. Und ein Bundeskanzler ist auch kein Sparkassen-Direktor. Er hätte genau so gut sozialdemokratisch argumentieren können und den Verdienst von, sagen wir mal, Erzieherinnen oder Busfahrern oder Krankenschwestern vergleichen können und sagen können, die verdienen auch viel, viel zu wenig, gemessen an dem, was Sparkassenchefs verdienen.

Schulz: Wie erklären Sie sich, dass es jetzt zu dieser Äußerung gekommen ist? Ist das jetzt eine bewusste Provokation oder ist das Peer Steinbrück tatsächlich passiert?

Sturm: Na, ich glaube schon, dass er jetzt nicht sagen kann, da sei er falsch zitiert worden oder so was, dafür ist es, glaube ich, doch zu offenkundig. Er hat ja ein ganzes Interview über Geld gegeben, das finde ich schon ziemlich frappierend. Wie gesagt, das ist für ihn kein Gewinnerthema. Aber es kommt da bei ihm so eine Masse durch, die sich bei ihm immer wieder bemerkbar macht im Laufe seines Lebens. Also, seine Analyse ist ja, dass Politik nicht wertgeschätzt wird. Und das ja durchaus zu Recht, er hat ja vielleicht sogar Recht mit dieser Aussage. Aber was macht man, um jetzt da eine Lösung herbeizuführen? Steinbrück eskaliert dann so ein Thema und strapaziert seine eigenen Leute, das heißt also, er weckt Widerstände. Gewissermaßen agiert er sogar ein wenig apolitisch, er will eigentlich Recht haben wie ein Wissenschaftler, wobei es doch für einen Politiker darauf ankommt, Recht zu bekommen. Das gelingt ihm aber nach dieser Debatte nun gar nicht mehr, im Gegenteil, jetzt sind ja die Widerstände viel, viel größer als vorher. Und es fällt noch eine andere Sache auch auf: Frau Merkel, die agiert ja in solchen Dingen genau umgekehrt. Die weckt ja nicht Widerstände in Diskussionen, sondern sie sediert diese Widerstände. Und das durchaus erfolgreich.

Schulz: Kann es denn sein, ist es denkmöglich, dass Peer Steinbrück die Dynamik des politischen Geschäfts so wenig durchschaut?

Sturm: Er ist ja sehr, sehr lange in der Politik. Und ich bin auch immer wieder fassungslos über solche Sachen, wenngleich man ja schon sagen kann, das war ja mal wieder ein echter Steinbrück. Man muss natürlich auch konstatieren, es gibt offenbar keine funktionierenden Sicherheitsmechanismen da in seinem persönlichen Umfeld, was Berater angeht. Berater sind ja dafür da, solche Defizite auszugleichen und auch gewissermaßen Steinbrück vor Steinbrück zu bewahren, das ist ja offenkundig nicht geschehen.

Schulz: Obwohl – da wollte ich noch drauf hinweisen – es ja um ein Zeitungsinterview sich dreht, also das ist noch mal autorisiert worden. Welche Mechanismen haben da versagt?

Sturm: Tja, Steinbrück sagt ja immer, er suche den Widerspruch. Und ich glaube, da ist auch was Wahres dran. Er will ja Widerspruch, er will ja auch den intellektuellen Austausch auf Augenhöhe. Und ihm sind ja Kopfnicker an sich zuwider. Aber vielleicht ist es doch auch relativ schwer, als Berater für Peer Steinbrück zu agieren und Peer Steinbrück abzuhalten von einem als einmal richtig erachteten Holzweg. Ich glaube, das ist der Punkt.

Schulz: Peer Steinbrück sieht sich – das sagte er ja auch in dem Interview – als vermögender Sozialdemokrat. Ist jetzt der Beweis geführt, dass das eben auch nicht zusammen geht?

Sturm: Nein, das glaube ich nicht. Er hätte ja diese Debatte viel, viel klüger führen können. Er hätte ja wie gesagt über die Gehaltsstrukturen von Erzieherinnen reden können, das wäre in der Partei sehr, sehr gut angekommen. Es ist ja ein bisschen bei der Kandidatur so: Die SPD hat sich ja widerwillig, muss man sagen, zu dieser Kandidatur entschieden mit der vagen Aussicht, Steinbrück könne im sogenannten bürgerlichen Milieu binden. Aber das ist ja nun – er ist immerhin drei Monate Kandidat – nun überhaupt noch nicht auszumachen, die SPD verharrt bei 29 Prozent. Das hätte Sigmar Gabriel auch geschafft. Und er hat eben dieses große, große Glaubwürdigkeitsproblem, was ja doch die wichtigste Währung eines Politikers ist.

Schulz: Die Partei steckt jetzt natürlich in einer Zwickmühle, in dem speziellen Fall ist jetzt die Aufregung auch wieder groß, kann aber eigentlich niemand laut sagen. Wie wird sich das kanalisieren?

Sturm: Also ich habe selten so viele Sozialdemokraten erlebt in diesem Tagen, die sich im Weihnachtsurlaub befinden und die angeblich nicht erreichbar sind, die sich nicht äußern wollen. Ich habe von den 16 Landesvorsitzenden noch keinen vernommen zu der ganzen Debatte. Und dieses Schweigen ist ja auch verständlich. Das ist natürlich eine Zumutung, diese ganze Debatte, zumal für die Wahlkämpfer in Niedersachsen. Gleichwohl haben sich ja einige Sozialdemokraten gemeldet. Und da war ja blankes Entsetzen zu spüren. Und das ist eben auch ein Unterschied zu den bisherigen Fettnäpfen, in die Steinbrück getappt ist. Das ist ja nicht der erste Fettnapf, das war ja diese lange Debatte über die Nebenverdienste, wir hatten sie vorhin angesprochen, da war es ja sehr, sehr ruhig, da gab es sehr, sehr wenig interne Kritik. Da hat die SPD sehr, sehr loyal zu Steinbrück gestanden. Dann gab es diesen merkwürdigen Onlineberater, der mal für Heuschrecken tätig war, dann gab es diese Fünf-Euro-Debatte von Wein, über Wein – das ist ja wirklich eine Kette von Fettnäpfen. Die SPD hat erstaunlich geschlossen all das getragen, aber jetzt ist doch Kritik zu spüren. Und hinter vorgehaltener Hand ist natürlich noch viel, viel mehr zu hören, das ist natürlich ein großes Alarmzeichen.

Schulz: Hält Peer Steinbrück bis zur Bundestagswahl durch?

Sturm: Das ist in meinen Augen eine offene Frage. Die SPD wird sich gewiss nicht in Sicherheit wiegen, dass Peer Steinbrück Kanzlerkandidat bleiben kann oder auch Kanzlerkandidat bleiben will.

Schulz: Wenn er sich zurückzieht, muss die SPD dann überhaupt noch antreten zur Bundestagswahl?

Sturm: Ich glaube, sie muss jetzt antreten – das ist, glaube ich, gesetzlich so vorgesehen, aber Sie stellen diese Frage natürlich politisch. Ich glaube, das wäre natürlich ein sehr, sehr großer Schaden, wenn jetzt ein Kanzlerkandidat nun auch noch über die Wupper ginge. Ich glaube, jetzt ist erst mal die Niedersachsen-Wahl, auf die sich alle Augen richten, die SPD, auch Steinbrück, haben ja längst einen Wahlsieg von Rot-Grün eingepreist, also das ist sozusagen das Erwartungsmanagement – in meinen Augen auch nicht besonders geschickt. Wenn es zu keiner rot-grünen Regierung in Hannover kommt, dann steckt die SPD knietief im Schlamm. Und dann wird sich womöglich die eine oder andere Frage stellen.

Schulz: Die eine oder andere Frage stellen möchte ich jetzt auch noch. Noch mal das Gedankenspiel fortsetzend, dass Peer Steinbrück hinschmeißt – das schließen Sie ja auch nicht aus –, das muss dann Hannelore Kraft richten?

Sturm: Ich glaube, dass der Druck auf Frau Kraft sehr, sehr groß würde dann, sie zu bitten, anzutreten. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie das möchte. Frau Kraft ist ja im Mai in Nordrhein-Westfalen gewählt worden als Ministerpräsidentin, sie hat da 39 Prozent geholt und regiert da jetzt einigermaßen solide, ist ja in Nordrhein-Westfalen eine richtige Landesmutter und gewiss auch eine Zukunftshoffnung der SPD für Berlin. Aber warum sie nun nach wenigen Monaten dann schon in die Bundespolitik wechseln sollte mit der vagen Aussicht für die SPD, im Bund 29 Prozent zu holen, das erschließt sich für mich nicht, zumal es ja dann die Gefahr gäbe, dass auch noch die strahlende Frau Kraft bei einer Niederlage ja im Grunde doch verletzt wäre. Vermutlich müsste dann der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel die Knochen hinhalten.

Schulz: "Welt"-Korrespondent und Steinbrück-Biograf Daniel Friedrich Sturm heute hier in den "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Herzlichen Dank dafür!

Sturm: Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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Kommentar: Steinbrücks mangelndes Gespür für Geld



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