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Das Wechselspiel von Kultur und Ökonomie

Eine interdisziplinäre Tagung in Hamburg widmete sich den Schnittstellen zweier Welten

Von Godehard Weyerer

Gerade in Krisenzeiten werden komplexe ökonomische Begriffe und Abläufe gerne in eingängige Sprachbilder übersetzt.
Gerade in Krisenzeiten werden komplexe ökonomische Begriffe und Abläufe gerne in eingängige Sprachbilder übersetzt. (picture alliance / dpa - Sven Hoppe)

"Kultur der Ökonomie" lautete der Titel einer Tagung des Instituts für Volkskunde und Kulturanthropologie an der Universität Hamburg. Ihr Ziel: Kultur und Ökonomie in Sinn- und Kausalitätszusammenhänge zu bringen. Es ging um die "Transformation des Städtischen unter dem Primat des Sparens", aber auch um die Krise, die als Krankheit und nicht als Chance gesehen wird.

Mit Politik kann man keine Kultur machen, meinte einst Theodor Heuss. Und setzte auf den Umkehrschluss: die Kultur vermag nach Ansicht des ersten Bundespräsidenten die Politik glaubwürdiger zu machen. Gilt dies ebenfalls für das Wechselspiel von Kultur und Ökonomie?

"Es fällt auf, dass Wirtschaft in den Kultur- und Sozialwissenschaften ja an verschiedenen Stellen bearbeitet wird. Was mir tatsächlich fehlte, die Schnittstelle Kultur und Ökonomie zusammenzuführen. Meine Hoffnung ist, gerade in den empirischen Alltags-Kulturwissenschaften wie der Volkskunde tut es Not, einiges sichtbar zu machen. Dazu sollte die Tagung ein Impuls sein."

So Sonja Windmüller, Professorin im Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Hamburg und Initiatorin der Tagung "Kultur der Ökonomie". Aus der benachbarten Hamburger Hafencity Universität kam Alexa Färber, Professorin für Stadtanthropologie im Studiengang Kultur der Metropole. Ihre Forschungsansätze kreisen um das Phänomen der "Low-Budget Urbanität" – insbesondere um transurbane Mitfahrformate. Früher hat man dazu auch trampen gesagt.

"Ja, Trampen ist auch eine Form, von einer Stadt zur anderen zu kommen, Kosten günstigst ähnlich wie Couch Surfing, auch ein Projekt von uns, ein Format, mit dem ohne monetären Austausch gratis gewohnt werden kann – aber ganz so gratis ist es nicht, weil Zeit investiert werden muss, weil es Anforderungen des sich Öffnens gegenüber dem Gast und des Gastes gegenüber des Gastgebers gibt. Das sind schon Investitionen, selbst wenn es keinen monetären Austausch gibt, im Spiel von Zeit, Vertrauen und Privatheit.

Mitfahrformate, die Alexa Färber näher untersucht hat, sind Ticketangebote der Deutschen Bahn: Sparpreis, Mitfahrer-Rabatt, Länderticket. 26 Euro kostet es, bis zu vier Mitfahrer jeweils drei Euro Aufschlag. Die, die ein solches Ticket kaufen, suchen Leute, die sich ihnen anschließen. Manche verdienen damit sogar Geld, indem sie an einem Tag so oft wie möglich mit möglichst vielen Mitfahrern von einer Stadt zu anderen fahren. Gespart wird gerade in Zeiten konjunktureller Krisen. Und in diesen Krisen blüht oft eine ganz bestimmte Metaphorik auf. Das hat Professor Roman Rossfeld, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Zürich beobachtet, der auf der Hamburger Tagung über "Fieberkurven" und "Finanzspritzen" referierte: Komplexe ökonomische Begriffe und Abläufe werden in eingängige Sprachbilder übersetzt, die für jedermann nachvollziehbar sind.

""Das Problem dabei ist, dass man vielleicht zu rasch intuitiv das Gefühl hat, man hat es verstanden, aber nachher nicht mehr nachfrage, wie funktioniert es. Die Krankheit ist eigentlich eine Negativfolie, die die Krise und das Nichterfolgreich sein abwertet, letztendlich ist das Ziel immer, aus der Krise herauszukommen, um eine Wachstumsperspektive zu haben.

In den Büchern der Unternehmensberatung hat Roman Rossfeld unterschiedliche Krankheitsbilder ausgemacht, die allesamt die Gründe des Scheiterns erläutern sollen: angeborene, erworbene und infektiöse Krankheiten. In der Kategorisierung stecken Wertungen – eine klare Schuldzuweisung. Nur bei den angeborenen Krankheiten müsste man bei sich selbst schauen, inwieweit Führungsschwäche und Managementfehler den in die Insolvenz getrieben hätten. Neben den Krankheits-Metaphern verweist Rossfeld auf Natur-Metaphern: Abgrund, Erdbeben, Orkan oder Heuschrecken sind beliebte Sprachbilder für ökonomische Phänomene. Und neuerdings aufgetaucht ist der "Rettungsschirm":

""Das ist keine Krankheitsmetapher, aber auch eine Metaphorik, die Schutz verspricht vor dem Unwetter. Ich würde gerne wissen, woher die kommt, wer auf die Idee gekommen ist, diese Form von Maßnahmen als Rettungsschirm der Bevölkerung zu erklären. Das ist intuitiv extrem eingängig, weil alle finden einen Rettungsschirm toll. Das Problem ist aber auch hier, dass man relativ schnell aufhört darüber nachzudenken, schützt der Schirm eigentlich und wie und wen überhaupt."

Die Absicht derjenigen, die sich solcher Metaphern bedienen und sie in den Sprachdiskurs installieren, liegt nach Ansicht von Roman Rossfeld darin, die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft vor allzu unbequemen Nachfragen der mündigen Bürger zu bewahren:

"Es ist einfach ein verführerisches Deutungsangebot. Ich meine, es hindert niemanden daran, aktiv weiter zu denken. Ich glaube, es macht einen einfacher, es nicht zu tun."

Weiterzudenken im Sinne einer Kapitalismuskritik war bei der interdisziplinären Tagung zur "Kultur der Ökonomie" ein verbreitetes Anliegen vieler Referenten. Der Bielefelder Historiker und Doktorand Stefan Scholl warf dazu einen Blick in die Vergangenheit. Während Anfang der 20er-Jahre die Inflation den Wert des Geldes vernichtete, führte Reichskanzler Gustav Stresemann per Ermächtigungsgesetz die staatliche Zwangsschlichtung ein. Bald wurde jeder zweite deutsche Industriearbeiter nach Tarifen bezahlt, die die Regierung zuvor festgelegt hatte - was in der Regel nicht zu dessen Nachteil ausfiel. Der SPD-Politiker Rudolf Hilferding sprach damals von "politischen Löhnen":

"Das wurde von der Arbeitgeber- und Unternehmerseite dankend aufgegriffen, weil es eben diese negativ-konnotierte Semantik des Politischen beinhaltet. (…) Auf jeden Fall wurde dann in der Folgezeit vehement gegen dieses Bild des politischen Lohns geschossen, weil in diesem Sinne das Politische eben als irrational, nur den beteiligten Parteieninteressen, vor allem der Gewerkschaftsinteressen handelt. Dagegen angeführt wurde der sich ökonomisch-rational ergebene Lohn, dem der politische Lohn immer widersprach. Es gab dann immer verschiedene Ansätze, den politischen Lohn zu objektivieren."

Wozu es allerdings nicht kam, was aus Sicht der Arbeitergeber wenige Jahre später aber auch nicht mehr nötig war. In der Weltwirtschaftskrise wurden die Tariflöhne auf den Stand von 1927 gesenkt; im September 1932 gestand die Regierung den Unternehmern ein, ihre Arbeiter unter Tarif zu entlohnen. Und nach 1945? Wie stand es da um das Trennungsverhältnis von Politik und Wirtschaft?

"Was natürlich auffällt in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, dass Vorherrschen von Sprachbildern und Semantiken der Partnerschaft, Harmonie und Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik. Einerseits ist eine starke Demokratiekritik, wie sie in der Weimarer Republik vorherrschend war, nach 1945 ein Stück weit sprachlich unmöglich geworden (… ) Es geht da sehr stark um die Forderung der harmonischen Zusammenarbeit. (…) Es geht um eine Politik, so ein Zitat, der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Politik sich nach ökonomischen Zweckmäßigkeiten richten."

Bei aller Kritik an den Arbeitsbedingungen früher und heute stand am Ende der Tagung zu "Kultur der Ökonomie" die Hoffnung. Urs Stäheli, Soziologie-Professor aus Zürich, nahm sich ihrer an.

"Das hat ja die Finanzkrise gut gezeigt, dass die neoklassischen ökonomischen Modelle ein großes Problem damit haben, Zukünfte, die sich von der Gegenwart radikal unterscheiden, zu denken. Da wird die Hoffnung und die Furcht wichtig."

Nach Meinung von Urs Stäheli ist es dabei völlig ungewiss, ob die Hoffnung auf ein zukünftiges Ereignis überhaupt eingelöst wird. Irreführend sei hingegen die Annahme, ein irrationales Element wie Hoffnung müsse zwangsläufig ökonomisches Handeln gefährden. Gerade Börsenspekulanten betonten immer wieder, dass sie ihren beruflichen Erfolg letztlich nicht allein dem Risikokalkül verdankten, sondern auch der Intuition und der vagen Vorahnung auf das Eintreten zukünftiger Ereignisse. Womit man beim "Prinzip Hoffnung" von Ernst Bloch wäre.

"Bei Bloch selbst war es ganz klar als kapitalismuskritischer Begriff gedacht, ein Begriff, mit dem sich eine Utopie jenseits des Kapitalismus überhaupt denken lässt. … Das Interessante ist, wenn man heutzutage Bloch wieder zu lesen beginnt, sieht man auf einmal, dass er sich mit Märchen und Alltagsträumen und ähnlichem beschäftigte und mit anderen Methoden des Hoffens, … dass man Bloch nicht automatisch auf eine bestimmte Position hin lesen muss, das würde Bloch sicherlich sehr ärgern, aber dass dieser Hoffnungsbegriff darüber hinaus geht."

Hoffnung als Methode der Zukunftserzeugung. Friedrich Nietzsche würde sagen, Hoffnung verlängert das Leiden.

"Das ist die zweite wichtige Tradition, die sich mit Hoffnung beschäftigt, auf die ich in meinem Vortrag auch eingegangen bin, die Hoffnung vor allem unter dem Aspekt sieht, dass Hoffnung auch eine politische Herrschaftstechnologie ist, dass Hoffnung Verhältnisse gewissermaßen zementiert dadurch, dass ich hoffe, dass es in irgendeiner unbestimmten Zukunft besser wird."

Welche affektive Dynamik der Begriff Hoffnung gerade in Krisenzeiten zu entfalten versteht, zeigte Urs Stäheli am Beispiel eines Zeitungs-Kommentars aus den USA: Die Hoffnung, heißt es darin, kann uns niemand nehmen. Die Hoffnung macht die USA wieder groß. Die Hoffnung macht frei. Entsprechend fiel das Resümee der Tagung aus: Kultur und Ökonomie – zwei Begriffe mit einer schwer zu bestimmenden gemeinsamen Schnittmenge vermögen bei optimalem Zusammenspiel die Zukunft zu beeinflussen und sie zu gestalten.

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