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StartseiteCampus & Karriere"Das Wohl des eigenen Volkes im Vordergrund"27.01.2010

"Das Wohl des eigenen Volkes im Vordergrund"

Rechte Studierendengruppierungen an deuschen Universitäten

Ihre Namen klingen auf den ersten Blick harmlos. "Studentische Interessen" nennt sich eine Hochschulgruppe an der Otto-von-Guericke- Universität in Magdeburg. An der Martin-Luther-Universität in Halle heißt sie "Freies Denken". Hinter beiden stecken jedoch Vertreter der NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten - und das beschränkt sich nicht nur auf ostdeutsche Bundesländer.

Von Susanne Arlt

Rechte agieren frei an manchen Universitäten (AP)
Rechte agieren frei an manchen Universitäten (AP)

Matthias Gärtner studiert im elften Semester Politologie, Soziologie und Psychologie. Auf dem Campus und in den Seminaren verhalte er sich eher unauffällig, beschreiben ihn seine Kommilitonen. Zu den Seminaren komme er pünktlich, am liebsten sitze er in der hinteren Reihe. Provozieren lasse er sich nicht, sagen seine Dozenten über ihn. Auch nicht, wenn er auf seine Mitgliedschaft in der NPD angesprochen werde. Matthias Gärtner ist nicht nur Student. Der gebürtige Magdeburger sitzt für die NPD im Stadtrat und ist im Bundesvorstand der NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten tätig. Vor drei Jahren hat er an der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität die Hochschulgruppe "Studentische Interessen" gegründet. Hinter dieser Gruppierung, sagt der sachsen-anhaltische Verfassungsschützer Hilmar Steffen, steckten vor allem Mitglieder der Jungen Nationaldemokraten, kurz JN genannt.

"Diese sind verfassungsfeindlich, sie sind rechtsextremistisch, sie vertreten ja auch die Politik der NPD, die als rechtsextremistisch gilt. Das heißt, das Ideenwerk der NPD kann auch nur Grundlage der Programmatik der 'Studentischen Interessen' sein. Wobei die JN natürlich auf einen moderaten Ton setzt, um nicht gleich aufzufallen. Um nicht potenzielle Interessenten von vorneherein abzuschrecken."

Ihr Ziel, in den Studierendenrat zu ziehen, haben Matthias Gärtner und seine Mitstreiter bislang verfehlt. Zum Glück, sagt Rektor Klaus Erich Pollmann, dem es ein Dorn im Auge ist, dass ein rechtsradikaler NPD-Politiker an seiner Universität studieren kann.

"Einmal im Hinblick auf den Eindruck, der nach außen erzeugt wird. Dann vor allen Dingen auch deshalb, weil es viele unserer Studenten beunruhigt und verunsichert. Die uns das auch sagen, wie können solche Leute an der Universität unbehelligt studieren?"

Die Immatrikulationsordnung sieht diesbezüglich keine Ausschussmöglichkeiten vor. Und die Mitglieder der JN achten darauf, keine Angriffsfläche zu bieten. Verfassungsschützer Hilmar Steffen:

"Wenn diese Vertreter der JN an Universitäten nicht strafrechtlich in Erscheinung treten, sind der Universität zunächst die Hände gebunden. Da bleibt nur eins, aufklären und präventiv tätig sein, sodass die Aktivitäten dieser Gruppe ins Leere laufen."

Die Gruppe fordert eine unpolitische und freie Wissenschaft an der Universität. Der "Brain Drain" müsse gestoppt werden. Damit sei der Abfluss geistigen Potenzials aus Deutschland gemeint, sagt Matthias Gärtner, der sich selbst als Nationalist bezeichnet.

"In jeder politischen Entscheidungsfindung steht das Wohl des eigenen Volkes im Vordergrund."

Den NPD-Funktionär stört der hohe Anteil ausländischer Studierender an der Otto-von-Guericke-Universität. Derzeit sind es zwölf Prozent. Ihre Integration lehnen er und seine Hochschulgruppe ab. Unerträglich finden viele Dozenten diese Forderungen. Sie müssen ihn trotzdem unterrichten. Doch Matthias Gärtner wird es schwerfallen, einen Professor für seine Abschlussarbeit zu finden. Bei Klaus-Bernhard Roy fiel er in einer Lehrveranstaltung durch. Seine Hausarbeit zum Thema Agenda 2010 sei analytisch zu oberflächlich gewesen, sagt Roy. Mattias Gärtner sah das anders. Dozent Roy holte darum ein zweites Urteil ein. Der Kollege bestätigte seine Meinung, sagt Klaus-Bernhard Roy.

"Man muss genau hinschauen, was er schreibt, man muss ihm die Chance geben, sich zu artikulieren, aber es ist dann natürlich auch intellektuell redlich und legitim zu fragen, worauf seine Argumente beruhen und gegebenenfalls zu zeigen, wo denn Ideologie und nicht Wissenschaft betrieben wird."

Stephan Bischoff, Mitglied im Studierendenrat, kritisiert, dass die Universitätsleitung bislang nicht offensiv genug mit dem Problem umgegangen sei. Er wünscht sich, dass die Dozenten im Umgang mit den Neonazis und deren verdeckter Agitationsweise besser geschult würden. Auch sollen die ausländischen Kommilitonen besser in den Uni-Alltag integriert werden, sagt Bischoff.

"Vor allem: Ist das eine gute Strategie und ein guter Weg eben wirklich eine Barriere für Rechtsradikalismus zu schaffen? Denn demokratische Vielfalt lebende Studierende werden sich niemals einer Ideologie hingeben, die Volksverhetzung oder die Wertigkeit der Völker und Kulturen propagiert."

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