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StartseiteBüchermarktDas Wunder der rosa Milch27.05.2008

Das Wunder der rosa Milch

Der irische Lyriker Matthew Sweeney über Pokerspiel und rote Nelken

Matthew Sweeney ist einer der bedeutendsten irischen Lyriker. 1952 wurde er in Donegal geboren, einer rauen Küstengegend im Nordwesten Irlands. Dorthin ist Sweeney nach vielen Reisen wieder zurückgekehrt - heute lebt er abwechselnd in Cork, im Süden, und Donegal. Er hat zahlreiche Gedichtbände veröffentlicht. "Rosa Milch" heißt eine zweisprachige Auswahl seiner Gedichte, die jüngst im Berlin Verlag erschienen ist - es ist der erste Gedichtband auf Deutsch.

Von Annette Brüggemann

Matthew Sweeneys Gedichte sind bevölkert von Tieren. (AP)
Matthew Sweeneys Gedichte sind bevölkert von Tieren. (AP)

Matthew Sweeney: " Pink Milk / When the goats ate the red carnations / and the next morning's milk was pink, / the abbot love it, demanded more / but the monks loved their flower-garden / and turned to cochineal, to crushed ants, / to paprika, all stirred in milk / to no avail - the perfume was gone / and the abbot grumpy, so carnations / were sacrificed to rampant goats / whose beards jigged as they chewed, / who looked up at the watching monks / while the abbot watched from a window / and in the kitchen, a leg of pork / thawed on a hook from the ceiling, / and blood dripped into a milk-jug."

Jan Wagner: "Rosa Milch / Als die Ziegen die roten Nelken fraßen / und die Milch am nächsten Morgen rosa war, / ergötzte sich der Abt daran, wollte mehr, / doch die Mönche, die ihren Blumengarten liebten, / versuchten es mit roten Läusen, zerquetschten Ameisen / und Paprika, die sie in die Milch rührten, / freilich ohne Erfolg - das Arom war verflogen / und der Abt verdrießlich; weshalb man die Nelken / den zügellosen Ziegen opferte, / deren Bärte hüpften, als sie kauend / die Mönche beäugten, die sie betrachteten, / während der Abt von einem Fenster aus zusah / und in der Küche ein Eisbein / am Haken von der Decke hing und abtaute / und Blut in die Milchkanne tropfte."

Das Wunder der rosa Milch, dem ein Abt und seine Mönche auf der Spur sind; die kühle, eigensinnige Schönheit eines Eishotels; ein sonderbares Pokerspiel mit dem verstorbenen Onkel Charlie - all diese unerhörten Begebenheiten lassen sich in den Gedichten Matthew Sweeneys entdecken. Da gibt es Liebes- und Naturgedichte, vor allem Erinnerungen an die Kindheit in Donegal, neben im weitesten Sinne politischen Gedichten.

Der in den USA lebende Lyriker Charles Simic hat einmal gesagt: "Die Poesie ist dann am besten, wenn sie sich im Herzen der menschlichen Komödie befindet." Genau darauf zielen die Gedichte Sweeneys ab, die von der menschlichen Komödie ebenso wenig wie von der menschlichen Tragödie zu trennen sind. Sie sind mit einem schwarzen Humor durchwoben, der in Matthew Sweeneys Augen nicht nur von einer irischen Literaturtradition inspiriert ist. Er hat in London und Freiburg studiert und sich intensiv mit der deutschsprachigen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt:

"Ich war ausgesprochener Kafka-Fan. Nur liebte mein Deutschprofessor Thomas Mann. Eines Tages rief er mich in sein Büro und fragte: Warum magst du immer noch Kafka? Noch ein Essay über Kafka und ich lasse dich durchfallen. Wenn du etwas über Thomas Mann schreibst, gebe ich dir eine Eins. Kafka liebte ich also trotz dieses Drucks. Es gibt bei ihm einen Humor, den man kaum wagt, als Humor zu bezeichnen und trotzdem passiert etwas Lustiges. Das macht es umso ernster. Bemerkenswert ist auch die Bereitschaft, die Grenzen des Realismus zu überschreiten. Kafka lässt sich schließlich nicht als Realist bezeichnen. Du wachst morgens nicht als Kakerlake auf."

Der Hang zum Skurrilen, Abseitigen und Grotesken, der den Gedichten Matthew Sweeneys innewohnt, könnte leichthin mit dem Surrealismus in Verbindung gebracht werden. Doch davon hat sich Sweeney bewusst distanziert. Vielmehr ist für ihn das Zusammenspiel von realen Orten, Momenten und Situtationen und der dichterischen Abstraktion ausschlaggebend. Genau das macht auch für Jan Wagner die Faszination für die Lyrik Matthew Sweeneys aus. Der 1971 geborene, in Berlin lebende Lyriker hat die Texte für den Band "Rosa Milch" ausgewählt und übersetzt:

"Ich mag gerade die Tatsache, dass die Gedichte greifbar erscheinen, dass sie unmittelbar verwurzelt scheinen in dem, was jeder kennt in dem Alltäglichen. Aber dass sie fast unbemerkt, im Laufe eines Gedichts eine feine Grenze überschreiten, die dann zu dem führt, was Matthew ja selbst als den "alternativen Realismus" bezeichnet hat. Die den Blickwinkel um wenige Grade verschieben und alles in einem neuen Licht erscheinen lassen. Aber auf eine ganz natürliche Art, die zugleich greifbar und ungreifbar erscheint."

Der englische Lyriker Ted Hughes war es, der denkwürdige, außerordentlich genaue, das Physische betonende Tierporträts entwarf. So trug die Krähe in seinem Gedichtband Crow die Züge eines listenreichen, bösartigen Tricksters, der die Autorität Gottes untergräbt.

Und auch Matthew Sweeneys Gedichte sind bevölkert von Tieren, die wie die Ziegen in "Rosa Milch", immer auch Metaphern für menschliches Verhalten sind. Ted Hughes hat, so meint Matthew Sweeney, die Doppelbödigkeit sprachlicher Symbole auf unnachahmliche Weise durchleuchtet - bis darin menschliche Rätsel und Abgründe sichtbar wurden.

So sind wie bei Ted Hughes auch die Gedichte von Matthew Sweeney Einladungen, den eigenen Blick zu verschieben und die eigene Wahrnehmung zu erweitern - und das in einer klaren Sprache, in der eine scheinbare Banalität einen ungeahnten suggestiven Sog entwickeln kann.

" Der große amerikanische Dichter Robert Frost hat das einmal so schön gesagt: Ich mag es besonders, wenn ein Gedicht als "verlockende Unbestimmtheit" beginnt. Im Akt des Schreibens findet sich ein Gedanke und er wird zum Gedicht oder er führt ins Nichts. Und diese "verlockende Unbestimmtheit", ein flüchtiger Blick, ein winziger Moment, von dem du nicht weißt, wohin er dich führt und woher er gekommen ist, der aber deine Neugier geweckt hat: Er ist es, woraus ein Gedicht entsteht."

Die große Aufgabe, den leichten, narrativen Ton und die poetische Dichte Matthew Sweeneys im Prozess der Übersetzung zu bewahren, hat Jan Wagner gemeistert. Auch im Deutschen haben die Gedichte ihre Kraft und düstere Heimlichkeit bewahrt.

Matthew Sweeney: " The House / The house had a dozen bedrooms, / each of them cold, and the wind / battered the windows and blew down / power-lines to leave the house dark. / (...) Crows always sitting on the wires, planning nests / in the chimneys, and a shotgun / sometimes blew a few away. / Neighbours never entered / as often as in other houses, / but it did have a piano upstairs. / And I did grow up there."

Jan Wagner: " Das Haus hatte ein Dutzend Schlafzimmer, / und alle waren kalt, und der Wind / trommelte an die Fenster, ließ Strommasten / umkippen, so dass das Haus im Dunkeln lag. / (...) Immer saßen Krähen auf den / Drähten, planten ihre Nester / in den Schornsteinen zu bauen, und manchmal blies / eine Schrotflinte ein paar von ihnen weg. / Nachbarn besuchten das Haus nicht so oft wie andere Häuser, / doch dafür gab es im oberen Stock ein Klavier. / Und ich wuchs dort auf."

Der Gedichtband "Rosa Milch. Gedichte" von Matthew Sweeney, ausgewählt und übersetzt von Jan Wagner, ist im Berlin Verlag erschienen.
ISBN 978-3-8270-0744-5

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