• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteCampus & KarriereDas zähe Überleben der NS-Sprache27.01.2005

Das zähe Überleben der NS-Sprache

Düsseldorfer Studierende erstellen ein NS-Wörterbuch

"Auschwitz-Lüge”, "Machtergreifung”, "Machteroberung", "Reichskristallnacht" , "Selektion" oder auch "Drittes Reich". Nur einige Begriffe, die heute durchaus noch Verwendung finden. Einige Wörter – wie zum Beispiel das Wort Auschwitz-Lüge – werden dabei bewusst instrumentalisiert, um die Verbrechen des Nationalsozialismus zu beschönigen. Thorsten Eitz ist wissenschaftlicher Angestellter am Düsseldorfer Lehrstuhl für deutsche Linguistik. Gemeinsam mit seinem Doktorvater hat er sich zum Ziel gesetzt, ein Wörterbuch zur sprachlichen Vergangenheitsbewältigung nach 1945 zusammen zu stellen. Dafür durchforstet er Zeitungen und Zeitschriften nach NS-lastigen Wörtern. Und fand heraus, dass sprachliche Vergleiche mit dem Nationalsozialismus immer häufiger vorkommen.

Von Antje Allroggen

Unwort des Jahres 2003 wurde "Tätervolk", das  der CDU-Bundestags- abgeordnete Martin Hohmann  am 3. Oktober 2003 in einer Rede benutzte (AP)
Unwort des Jahres 2003 wurde "Tätervolk", das der CDU-Bundestags- abgeordnete Martin Hohmann am 3. Oktober 2003 in einer Rede benutzte (AP)

Das wird auch unisono gerne beklagt von Opferverbänden, dass die Anzahl der Vergleiche und damit die Versuche zu verharmlosen zunehmen

Wenn beispielsweise die Rechtsradikalen oder die Neonazis das machen, wenn da die Rede ist vom Bombenholocaust zur Bombardierung von Dresden, ist der Vergleich natürlich ganz gezielt gewählt. Oder wenn es Analogiebildungen gibt wie beispielsweise Kriegsschuldlüge oder Auschwitzlüge, dann ist klar, mit welcher Strategie da gearbeitet wird, das ist eine gezielte Semantik.

Andere Wörter wie Großraum werden heute immer noch verwendet, weil die meisten gar nicht mehr wissen, dass dieser Begriff seinen Ursprung im Nationalsozialismus hat. Dort wurde er für Rundfunkdurchsagen über feindliche Bombenangriffe und Kampfhandlungen benutzt. Die Wissenschaftler fanden bei ihren Untersuchungen aber auch heraus, dass nach 1945 neue Wörter geprägt wurden, die neutraler erscheinen, als sie wirklich sind. So stieß Katrin Berentzen bei der Lektüre von Tageszeitungen immer wieder auf den Begriff der Machtergreifung.

Dass man erst mal überlegt: Macht ergriffen, damit fängt es dann natürlich schon an: ist die Macht ergriffen worden? Hitler ist ja gewählt worden. Und dieser Terminus Ergreifung sollte noch so was Aggressives, Dynamisches zeigen: wir haben die Macht ergriffen aus eigener Kraft, und das stimmt nicht.

Dann wiederum gibt es in der deutschen Sprache Wörter, die eindeutig belastet zu sein scheinen und deshalb nur mit größter Vorsicht verwendet werden. Thorsten Eitz führt den Begriff der Reichskristallnacht an.

Wann immer er benutzt wird, gilt er als politisch unkorrekt und wird auch gebrandmarkt. Zumindest seit 1988, seit der großen Jenninger-Rede, die dann zu seinem Rücktritt geführt hat. Letztendlich ist es nicht mal eine Nazi-Vokabel, auch wenn sie immer so tituliert wird. Soweit wir das herausgefunden haben, ist das von einem Berliner Kabarettisten geprägt worden, und es war im Grunde genommen eine Ironisierung der Vorgänge, der Pogrome, und der gute Mann ist dafür auch ins Gefängnis gewandert.

Am Düsseldorfer Lehrstuhl für Linguistik beschäftigt sich zur Zeit ein ganzes Seminar mit dem Thema Nationalsozialismus. Als Hausarbeit wird eine Arbeit über jeweils ein NS-Wort verlangt. Außerdem gibt es die Möglichkeit, einen eigenen Lexikon-Artikel zu schreiben.

Das umfangreiche Projekt wird seit dem vergangenen Jahr von der DFG unterstützt. In zwei Jahren wollen die Wissenschaftler mit ihrer Arbeit fertig sein. Das könnte knapp werden, meint Reinhild Frenking, die als wissenschaftliche Hilfskraft am Projekt mitarbeitet und bereits eine Arbeit über den Begriff Holocaust geschrieben hat. Denn in der deutschen Alltagssprache kommen ständig neue Wortschöpfungen hinzu, die auf den Nationalsozialismus Bezug nehmen.

Ich lese häufig Zeitung und dann, aha, wieder ein Vergleich. Oder ich sitze im Auto und höre Bombencaust und denke, ah, ein neuer Vergleich, das muss noch rein in meine Arbeit, man kann es nicht wirklich abschließen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk