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StartseiteBüchermarktDas Zeitalter des Doktor Arthur Schnitzler. Innenansichten des 19. Jahrhunderts04.02.2003

Das Zeitalter des Doktor Arthur Schnitzler. Innenansichten des 19. Jahrhunderts

S. Fischer, 380 S., EUR 24, 90

Das deutsche Bürgertum hat Hitler nicht verhindert. Grosse Teile haben ihn nicht nur ertragen, sondern freudig begrüßt. Er sorgte für Ordnung und Sauberkeit, holte die Arbeitslosen von der Strasse und Saarländer, Österreicher und Sudetendeutsche wieder heim ins Reich. Nicht unbekannt ist auch, dass sich die Leitung eines KZs durchaus mit Hausmusik, mörderischer Judenhass mit der Sorge für einen Kanarienvogel vereinen ließ. Die sogenannten Bürgertugenden haben, als es darum ging, ihre hehren Ansprüche zu bewähren, schmählich versagt. So sehen es viele Historiker, und die radikaleren unter ihnen leiten den Faschismus direkt aus der Bourgeoisie ab. Die Weltanschauung eines Großteils der deutschen Bevölkerung, schrieb etwa Hermann Glaser in seiner "Spießer-Ideologie", stimmte mit dem überein, was in Hitlers "Mein Kampf" stand; dass die wenigsten dieses Buch gelesen hatten, so eine Pointe Glasers, traf zu, es war aber auch gar nicht nötig; denn was drin stand, dachten viele, allzu viele Deutsche sowieso. Peter Gay, der amerikanische Historiker, der viele Jahre bis zu seiner Emeritierung an der Yale University gelehrt hat, hält dagegen:

Martin Ebel

Wir wissen, dass nicht alle Spießer Bürger waren. Wir müssen aber erst noch lernen, das nicht alle Bürger Spießer waren.

Gay ist ein Spezialist des Bürgertums geworden, nicht nur des deutschen, sondern des europäischen mit Einbezug des nordamerikanischen. Er hat zwei Bücher über die Aufklärung geschrieben, als das Bürgertum intellektuell erwachte, und fünf über das 19. Jahrhundert, in dem es seinen glanzvollen Höhepunkt erreichte. Gay ist alles andere als ein Bürgerverächter, im Gegenteil. Und das, obwohl er durch seine Lebensgeschichte durchaus zu einem solchen hätte werden können. Gay wurde 1923 in Berlin geboren als Peter Fröhlich. Wie viele deutsche Juden glaubte sein Vater nicht, dass die Herrschaft der Nazis von Dauer sein würde; erst in letzter Minute gelang der Familie 1939 die Ausreise. In seinem Buch "Meine deutsche Frage: Jugend in Berlin 1933-1939" hat der zum Amerikaner gewordene Gay über diese Zeit berichtet, er hat dafür den Geschwister-Scholl-Preis erhalten.

Sein Lebenswerk gilt der auf Abwege geratenen, der vielfach geschmähten und verkannten Spezies des Bürgers. Mit seinem jüngsten Buch, einer Summe aus den fünf großen Bänden über das 19. Jahrhundert, setzt er dem Rehabilitierungswerk die Krone auf. "Das Zeitalter des Doktor Arthur Schnitzler" ist ein wunderbar leicht geschriebener Führer durch eine Epoche, die nicht weniger verkannt wurde als ihr Protagonist.

"O dix-neuvième siècle", lautet ein berühmter Ausruf des Helden in Stendhals Roman Le rouge et le noir. Der Autor war noch mit Napoleon in Moskau gewesen und sah die Welt nun in Mittelmäßigkeit und Bigotterie versinken. Typische Bürgertugenden eben, wie sie auch sein Kollege Flaubert mit Inbrunst geißelte.

"Der Hass auf den Bürger ist der Anfang aller Tugend"", schrieb er in einem Brief an George Sand. Egon Friedell, Verfasser einer großen und großartigen "Kulturgeschichte der Neuzeit", der sich 1938 aus dem Fenster zu Tode stürzte, als die Gestapo an seiner Tür klingelte, hatte für das 19. Jahrhundert nur Verachtung übrig:

Das 19. Jahrhundert ist das inhumane Jahrhundert par excellence. Der "Siegeslauf der Technik" hat uns völlig mechanisiert, also verdummt; durch die Anbetung des Geldes ist die Menschheit ausnahmslos und rettungslos verarmt; und eine Welt ohne Gott ist nicht nur die unsittlichste, sondern auch die unkomfortabelste, die sich ersinnen lässt.

Und noch für die Achtundsechziger war "bürgerlich" das Schimpfwort schlechthin, Synonym für alles, was unbedingt abzuschaffen war. Diese Schmähungen schufen in der Summe ein Feindbild, das sehr viel schärfere Konturen angenommen hat als das reale Vorbild. Der kapitalistische Ausbeuter, der verklemmte Spießer, der angepasste Büroangestellte: diese Karikaturen kennt man. Aber den Bürger? Gibt es ihn überhaupt? Jawohl, antwortet Peter Gay in seinem Buch "Das Zeitalter des Doktor Arthur Schnitzler", es gibt ihn, und er ist besser als sein Ruf. Das Bürgertum definierte sich selbst durch die Abgrenzung nach oben wie nach unten, gegenüber der Aristokratie, die als dekadent und faul galt, und gegenüber dem Proletariat, in das abzusinken die größte Angstvorstellung eines rechten Bürgers war. Dazwischen entwickelte sich eine immer größere Schicht, die bei allen sozialen und finanziellen Unterschieden - und die waren enorm - und bei allen feinen und doch ungeheuer wichtigen Differenzierungen in Stil und Gehabe ein Bewusstsein der Zugehörigkeit vereinte. Um diese Gemeinsamkeit genauer zu fassen, stützt sich Peter Gay auf einen für einen Historiker ungewöhnlichen Gewährsmann: auf Sigmund Freud. Der definierte das Bürgertum als die Schicht, die ihre Triebe zu kontrollieren gelernt hatte und sich dadurch vom "Gesindel" - so bezeichnete er das Proletariat - abhebe. Der bürgerliche Charakter, so Gay in Anlehnung an Freud,

baut sich zu grossen Teilen aus Verboten auf, aus Dingen, die Bürger nicht tun, und aus Worten, die sie sich nicht auszusprechen gestatten. Aber wenn die Bürger nach der Devise Selbstverleugnung handeln, dann nicht etwa, weil ihre Leidenschaften schwach wären, sondern weil sie eingespannt - verfeinert - werden, was bei den ungehobelten Bauern und Arbeitern oder auch bei den hemmungslosen Adligen nicht der Fall ist. Dieser Darstellung zufolge ist das moderne Bürgertum eine soziale Klasse, die ihre rohen Triebe gründlicher sublimiert als jede andere. Verfeinert heißt jedoch nicht verleugnet: Dass viele gestandene Bürgerinnen und Bürger im viktorianischen Zeitalter sich nicht nur am Tisch, sondern auch im Bett Genuss verschafften, ist eine zentrale These dieses Buches.

Dass der Historiker Gay die Einsichten und Spekulationen der freudschen Psychoanalyse nutzt, heißt nicht, dass er ihnen verfällt; so bestreitet er vehement, dass man, wie es der große Arzt und Mythenerfinder tat, die Neurosen seiner Patientinnen als repräsentativ für ihre Schicht betrachten könne. Der Bürger ist also imstande, seine "rohen Triebe zu sublimieren", also Sexualität und Aggression zu etwas anderem, sozialverträglicherem umzubiegen. Das Ergebnis waren aber nicht etwa automatisch verklemmte, gar "neurotische" Charaktere, sondern darauf will Peter Gay hinaus oft reife Persönlichkeiten, die mit dem, was sie an- und umtrieb, verantwortungsvoll und lustvoll zugleich umgehen konnten. Der idealtypische Bürger des viktorianischen Zeitalters - worunter Gay das "lange Jahrhundert" zwischen 1815 und 1914 versteht, also zwischen Wiener Kongress und Erstem Weltkrieg,

war der Mann im Gehrock, vielleicht mit Galoschen und Aktentasche, aber sicherlich mit Regenschirm und in Gedanken bei Geschäft und Familie. Er war - oder behauptete es wenigstens - ein liebevoller Ehemann, ein in seine Kinder vernarrter Vater, ein ehrlicher Geschäftspartner, ein gemäßigter Politiker und Weintrinker und wenn überhaupt nach irgendetwas süchtig, dann nach Genüssen, die wenig kosteten. Beim Frühstück las er die Zeitung und ging, gläubig oder nicht, mit einiger Wahrscheinlichkeit zur Kirche. Zu diesem Selbstbildnis gehörte als unverzichtbare Ergänzung auch die Ehefrau. Doch sie hatte ihre eigene Geschichte. Wenn sie die ihr zugewiesene Rolle als Gefährtin, Hausfrau und Mutter nicht restlos akzeptiert hatte - und immer mehr bürgerliche Frauen akzeptierten sie nicht -, war sie zwangsläufig unruhiger, aufsässiger als ihr Mann.

Wie der viktorianische Bürger und seine Frau miteinander umgingen, darüber herrschen allgemein irrige Vorstellungen. Typisch dafür ist die Legende von der englischen Mutter, die ihrer Tochter vor der Hochzeitsnacht den Rat gibt: "Close your eyes and think of England". Die Viktorianer, meint Gay, waren alles andere als viktorianisch - im Sinne von sexualfeindlich, verklemmt, frigide. Im Gegenteil. Da die Vorurteile in diesem Punkt besonders hartnäckig sind, führt der Autor umfangreiches Quellenmaterial an, um es zu widerlegen. Natürlich ist ihm klar, dass seine Titelfigur Arthur Schnitzler als Kronzeuge nicht taugt; eher als Extremist, gegen den sich der Normalfall scharf abhebt. Schon der Gymnasiast Schnitzler jagte und sammelte Frauen, führte später eine Beischlafstatistik in seinem Tagebuch, geordnet nach Zeiträumen und Partnerinnen (mit Jeanette Heeger: in elf Monaten 326 mal) und musste sich eingestehen:

Wenn ich eine Reihe von Tagen keusch war, 6-9 sind so das Maximum, so bin ich einfach ein Thier.

Schnitzler hatte seine "impertinente Sinnlichkeit" also weniger im Griff als sie ihn. Peter Gay verfügt über geeignetere Zeugen und Dokumente, eine imponierende Fülle von einschlägigen Ratgebern etwa, die sich realitätsnah mit Fragen der Empfängnisverhütung beschäftigen und um kein körperliches Detail herumdrücken. Es gibt - erstaunliches 19. Jahrhundert! - sogar Umfragen von Aerzten und Geburtshelfern unter ihren Patientinnen über sexuelles Verlangen und Orgasmuserfahrung. Tagebücher wie das von Alma Schindler (der späteren Alma Mahler) geben die geläufige Vorstellung von der notwendig schwächeren Sexualität der Frau der Lächerlichkeit preis. Besonders kostbar sind Privatbriefe zwischen Eheleuten, die Peter Gay aufgestöbert hat und die von lustvoll ausgelebter und sprachlich ebenso lustvoll nachgeschmeckter Sexualität zeugen.

"Nächsten Samstag werde ich Deine Schatztruhen plündern, das kann ich Dir versichern", schreibt eine Mrs. Lyman Mitte der sechziger Jahre an ihren Mann Joseph, ein Zitat, das der Autor so liebt, dass er es mehrfach verwendet. Der 17-jährige Marcel Proust konnte 1888 seinen Grossvater ungeniert um dreizehn Francs bitten, um ins Bordell zu gehen. Eine solche Offenherzigkeit dürfte in bürgerlichen Haushalten unserer Tage durchaus unüblich sein. Auf der anderen Seite stehen die Sittlichkeitsvereine, deren Aktivität zunahm, steht die unverminderte Abhängigkeit der Frau in juristischer und sozialer Hinsicht, zum Teil sogar in physischer: bis Ende des Jahrhunderts war es in Bayern ausdrücklich erlaubt, dass ein Mann seine Frau körperlich züchtigte. Und auf Homosexualität stand vielerorts noch immer die Todesstrafe, auch wenn sie nicht mehr vollstreckt wurde.

Mit seiner These, in viktorianischen Betten sei es anders zugegangen, als das verengte Verständnis des Adjektivs "viktorianisch" suggeriert, überzeugt Peter Gay dank des umfangreichen Materials, das er vor dem Leser ausbreitet. Ebenso überzeugend fällt ein anderer Befund aus: Das Bürgertum wurde durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch geschüttelt von Ängsten, die es nur mit grosser Mühe beherrschen konnte, oft auch gar nicht. Manche dieser Ängste waren real, etwa die vor sozialem Abstieg zu den Proletariern. Überhaupt vor dem Wandel, der in dieser Epoche alles zu erfassen und in einen regelrechten Wirbel zu versetzen schien und auf den das Bürgertum charakteristischerweise mit verstärkten Ordnungsbemühungen reagierte. Das 19. war das Jahrhundert der Eisenbahn, das die überkommene Vorstellung von Räumen und Entfernungen einer radikalen Veränderung unterzog. Der Fahrplan setzte dafür eine neue Ordnung ein: die der Uhr.

Berechtigt war auch die Angst vor Geschlechtskrankheiten. Mit ihr eröffnet Peter Gay sein Jahrhundert-Panorama. Eine leitmotivisch wiederkehrende Szene führt in das Kabinett von Schnitzlers Vater Johann, der das Tagebuch seines Sohnes gelesen hatte und aus der dort notierten erotischen Aktivität seine Schlüsse zog. Später erinnert sich Arthur Schnitzler an eine "furchtbare Strafpredigt". Aber, darauf insistiert Peter Gay, keine Predigt ohne Nutzanwendung:

Die Belehrung gipfelte darin, dass der Vater den Sohn nötigte, in seinem Ordinationszimmer Moritz Kaposis dreibändiges Werk über Syphilis und Hautkrankheiten mitsamt den unmissverständlichen und abschreckenden Illustrationen durchzublättern,. Schnitzler räumt ein, dass die Lektion ihr Gutes hatte: Sie setzte seinen Besuchen bei diversen "griechischen Göttinnen" - er nannte sie Venus, Hebe und Juno - ein Ende und machte ihn vorsichtiger bei seinen sexuellen Abenteuern.

Eine, wie Gay meint, typisch bürgerliche Reaktion: keine moralische Empörung, schon gar keine religiös inspirierte Entrüstung, sondern eine vernunftgesteuerte Mahnung zur Vorsicht. Zu den grundlosen Aengsten, ja den Obsessionen der Epoche gehört die Masturbation mit ihren vermeintlichen fatalen Konsequenzen. Dieser Angst-Komplex brachte ein ganzes Schrifttum mit Warnungen und abstrusen Abhilfe-Vorschlägen hervor, aus dem der Historiker genussvoll zitiert.

Ein Triumvirat aus Pfarrern, Lehrern und Ärzten prophezeite warnend, eine medizinische und kulturelle Katastrophe sei unausweichlich, wenn die Selbstbesudelung nicht ausgemerzt werde. Sekundiert von Phrenologen und Scharlatanen aller Art, verfassten die Hüter der gesellschaftlichen Moral Handbücher und Ratgeber, so dass in den fünfziger und sechziger Jahren die Literatur, die voll Selbstgerechtigkeit das Masturbieren anprangerte, bereits auf Hunderte von Titeln angewachsen war. Die meisten Mahner verbreiteten sich mit fast sadistischem Genuss über die Krankheitsfolgen, mit denen ein gewohnheitsmäßiger Masturbierer zu rechnen habe. Tissots Katalog von Symptomen hatte Furunkel, Schmerzen, verminderte geistige und körperliche Spannkraft und ein Dreigespann sexueller Störungen - Tripper, Impotenz und vorzeitige Ejakulation - umfasst. So einschüchternd seine Liste bereits war, im Lauf der Jahrzehnte wurde sie länger und länger. Offenbar wild entschlossen, seine Vorgänger auszustechen, fügte später Jeremiahs Epilepsie, Schwindsucht, Hypochondrie und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, Wahnsinn und Tod hinzu. Der amerikanische Arzt Dr. George R. Calhoun verfügte kurz und bündig: "Selbstbesudelung ist der sicherste Weg ins Grab.

Ebenso umfangreich war die Liste der Gegenmittel: von Drohungen und Rundum-Ueberwachung über kalte Duschen und harte Matrazen bis zu Spezialhosen mit zugenähten Taschen und inwendig mit Stacheln ausgestatteten Penisringen. Hinter dieser kollektiven Angst stand die pseudowissenschaftliche Vorstellung, der Körper verfüge nur über eine begrenzte Menge von Lebenskraft (oder Lebenssaft?), mit der oder dem es hauszuhalten gelte. Darüber ist heute gut lachen; allerdings hat die sich bis heute ebenfalls wissenschaftlich gebende freudianische Vorstellung von der menschlichen Psyche als "Triebwerk", das nach den Gesetzen der Hydraulik funktioniert, nicht weniger komische Aspekte.

Lust und Angst: Das sind zwei dem Autor besonders wichtige Seiten des 19. Jahrhunderts. Andere Kapitel widmen sich der zusehends kanalisierten Aggressivität, dem Ethos der Arbeit, dem eigentlichen "Evangelium des Bürgers", der nachlassenden Rolle der Religion, dem Ideal der heilen Familie und der Bedeutung des Privatlebens, das es vorher eigentlich noch gar nicht gab und für ärmere Schichten auch noch lange unvorstellbar bleiben sollte, schon aus räumlichen Gründen. Keines dieser Kapitel schlägt alle Bürger über einen Leisten, Zwischen dem Entrepreneur mit internationalem Geschäftsgebaren und aristokratischem Lebensstil und dem kleinen Büroangestellten liegen Welten, aber auch jede einzelne Nation entwickelte sich unterschiedlich schnell, und am Ende des Jahrhundert stand das Bürgertum längst nicht mehr da, wo es begonnen hatte. Von "Artenvielfalt" muss also reden, wer das Bürgertum des 19. Jahrhunderts beschreiben will, und genau das tut Gay. So entsteht ein schillerndes Bild, in dem Hochlöbliches neben Dubiosem und Grässlichem steht. Zu letzterem gehört etwa die Kinderarbeit, die erst nach und nach zurückgedrängt werden konnte und neben Gegnern auch stets hartnäckige Verteidiger fand. So verklärt Andrew Ure, ein englischer Historiker, die Plackerei von Kindern in Baumwollfabriken:

Nie sah ich ein einziges Vorkommnis körperlicher Züchtigung an einem Kinde, und nie sah ich auch nur ein übel gelauntes Kind. Alle schienen sie stets fröhlich und munter und hatten Freude an dem behänden Spiel ihrer Muskeln, sie genossen die in ihrem Alter natürliche Wendigkeit.

Ure ergötzt sich regelrecht daran,

...die Gewandtheit zu beobachten, mit der sie die zerrissenen Fäden wieder zusammenstückten, kaum dass der Mule-Wagen zurücklief... oder zu beobachten, wie sie sich mit allerlei mutwilligen Verrenkungen die Zeit vertrieben, bis der Vorgang des Streckens und Aufwickelns erneut abgeschlossen war.

Neben solchen Schatten ist viel Licht im 19. Jahrhundert. Peter Gay findet es beispielsweise in dem echten Idealismus, mit dem viele Bürger die Sklaverei und die Todesstrafe bekämpften, sich für die Ehescheidung und die Rechte der Minderheiten einsetzten. In dem Engagement von geschmackssicheren und mutigen Philanthropen, die öffentliche Bibliotheken gründeten, Museen bestückten, Konzertreihen ins Leben riefen und damit jenen Kunstwerken zum Gedeihen verhalfen, die wir heute noch bewundern. Der Autor ist überhaupt und mit einigem Recht der Ansicht, dass das, was wir in den Künsten die Moderne nennen, in der Regel schon vor 1914 entstanden ist - von Schönberg über Joyce und Proust bis zu Kandinsky. Alles in allem und vor allem im Vergleich mit dem darauf folgenden 20. Jahrhundert stellt Peter Gay abschliessend fest,

...dass die viktorianische Aera ein bewundernswertes Jahrhundert war und dass das Bürgertum sich ein Gutteil dessen als Verdienst anrechnen kann.

em stimmt man als Bürger des beginnenden 21. Jahrhunderts gern zu. Mag Peter Gays Buch über "Das Jahrhundert des Doktor Arthur Schnitzler" für Kenner nicht wesentlich über die Erkenntnisse seines grossen Fünfbänders zu diesem Thema hinausgehen: Den meisten Lesern werden diese Erkenntnisse neu sein, und sie so souverän und elegant präsentiert zu bekommen ist ohnehin ein Genuss. Wie es allerdings möglich war, dass aus dem Schoss des bewundernswerten das katastrophale Jahrhundert kroch: Das würde man gerne auch noch von Peter Gay erklärt bekommen. Im nächsten Buch.

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