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Seit 08:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKommentare und Themen der WocheHochwasserschutz ist eine zentrale Aufgabe30.07.2017

DauerregenHochwasserschutz ist eine zentrale Aufgabe

Begradigte Flüsse, zubetonierte Flächen, zu wenig Wälder: Die durch Starkregen verursachten Schäden seien ein von Menschen gemachtes Problem, kommentiert Werner Eckert. Wenn die Gemeinden das nicht bei allen Planungen mitdächten und bewusst angingen, heiße es auch 2018 wieder irgendwo "Land unter!"

Von Werner Eckert, ARD-Klimaexperte

Hochwasser in Hildesheim. (dpa / Swen Pförtner)
Wenn die Gemeinden nicht konsequent den Hochwasserschutz verbessern, sei auch in Zukunft mit weiteren Schäden zu rechnen, kommentiert ARD-Klimaexperte Werner Eckert im Dlf. (dpa / Swen Pförtner)
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Letztes Jahr Braunsbach, davor Grimma, Passau und Bad Schandau, diesmal Goslar und Braunschweig - Auch wenn immer mehr Bilder von schlammigen Wassermassen das nahelegen: Das ist alles so ungewöhnlich nicht. Da braucht man auch noch keinen Klimawandel zu bemühen – kann man redlicherweise auch bei einem einzelnen Ereignis nicht. Klima ist das Wetter über mindestens 30 Jahre hin betrachtet.

Menschen haben trotzdem einen guten Anteil an diesen Ereignissen. Und also kann man was draus lernen. Es lohnt sich – nun doch mit Blick auf den Klimawandel – durchaus. Denn solche Starkregen werden häufiger werden. Dafür spricht Vieles.

Extreme prallen aufeinander

Deutschland kennt von Natur aus Jahre mit weniger und welche mit mehr Niederschlägen. Extreme prallen aufeinander: 2002 mehr als 1000mm im Schnitt, 2003 waren es kaum 600. 2002 haben sich im Erzgebirge die Schleusen wie noch nie geöffnet: 312 Millimeter an einem einzigen Tag – das ist nach wie vor Rekord!

Was jetzt in Niedersachsen passiert ist, ist schlimm für die Betroffenen – aber es ist nicht einzigartig. Schnellere Bilder im Internet, Liveübertragungen im Fernsehen aus jedem Winkel, online verfügbare Messwerte - unsere digitale Welt verändert einfach auch unsere Wahrnehmung. Irgendein Rekord lässt sich immer daraus kreieren. Diese digitale Datenflut hat aber auch immense Vorteile. Denn mit ihrer Hilfe können wir auch besser an Lösungen arbeiten.

Vom natürlichen Zustand weit entfernt

Das eigentliche Problem sind unsere Eingriffe in die Natur. Seit es Menschen gibt, lässt sich ihr Einfluss auf die Gewässer dokumentieren. Schon die Steinzeitjäger haben die Häufigkeit der Hochwasser vermehrt, das haben Sediment-Untersuchungen gezeigt. Waldboden kann 10mal so viel Wasser aufnehmen wie Ackerboden. Historiker sagen: Die schlimmsten Hochwasser gab es, als es im Mittelalter praktisch keinen Wald mehr in Deutschland gab. 1342 zum Beispiel war so ein Extrem-Hochwasserjahr. Heute haben wir wieder mehr Wald, aber vom natürlichen Zustand sind wir weit entfernt.

Beton nimmt am Ende gar kein Wasser auf. Trotzdem wird jeden Tag in Deutschland ein Quadratkilometer Land zugebaut. Bei einem starken Regen kommen von dieser Fläche alleine dann 100.000 Kubikmeter Wasser zusätzlich in die Kanalisation und in die Flüsse. Das bedeutet 30 Olympiaschwimmbecken voll – und das jeden Tag.

80 Prozent der natürlichen Überflutungsräume sind verloren gegangen

Ist das Wasser erst mal im Fluss, dann helfen Auen und Polder, die Sache unter Kontrolle zu behalten. Aber: 80 Prozent der natürlichen Überflutungsräume an Deutschlands Flüssen sind verloren gegangen. Durch Begradigung und Deiche. Der Rhein etwa ist heute 100 Kilometer kürzer als er es in seiner natürlichen Form war. Und – weil er auch nicht in die Breite kann, muss das Waser in die Höhe. Das gilt nicht nur für große Flüsse, sondern immer mehr auch für Bäche: Schon jetzt entsteht die Hälfte der Überflutungsschäden durch lokale, sintflutartige Regenfälle.

Das wird nicht besser werden in Zeiten des Klimawandels. Mit jedem Grad, um das die Durchschnittstemperatur steigt, kann die Atmosphäre sieben Prozent mehr Wasser aufnehmen. Und das muss auch irgendwie wieder runter.

Neu mit der Hochwassergefahr auseinandersetzen

Nun kann man sicherlich nicht jedes Gewässerchen und seine Umgebung renaturieren. Wir werden auch kaum alle Siedlungen aufgeben, die nun mal mehr oder minder fahrlässig in Hochwasserzonen hineingestellt worden sind. Aber wir müssen das Neubauverbot in solchen Gebieten durchsetzen – und nicht immer wieder Ausnahmen zulassen.

Der Deutsche Städtetag und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung haben zuletzt nach den Überschwemmungen von 2013 immer wieder gesagt: Die Gemeinden müssen sich – angesichts der wachsenden Wahrscheinlichkeit – neu mit der Hochwassergefahr auseinandersetzen. Das ist aber längst noch nicht Standard.

Gerade erst haben Deutscher Städte- und Deutscher Landkreistag, der Städte- und Gemeindebund und der Verband kommunaler Unternehmen ein Starkregen-Netzwerk gefordert und die Förderung von "Leuchtturmprojekten". Wie schon 2002, 2006, 2010 und 2013.

Es gibt Lichtblicke

Es gibt ja Lichtblicke: In Hamburg gibt es viele Ansätze, Potsdam oder Viernheim planen Grünflächen so, dass sie bei starkem Regen zu kleinen Seen werden und das Wasser zurückhalten. In Langenhagen bei Hannover funktioniert das bei einem Spielplatz.

Aber: Eine Umfrage unter Kommunen in Hessen – sicher stellvertretend für viele in Deutschland - hat gezeigt: In der Verwaltung schiebt gerne ein Ressort die Verantwortung auf das andere. Hochwasservorsorge ist eine zentrale Aufgabe. Wenn die Gemeinden das nicht bei allen Planungen mitdenken und bewusst angehen, geht gar nichts, heißt es auch im nächsten Jahr wieder irgendwo: "Land unter!"

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