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StartseiteBüchermarktRoadtrip mit Büchern durch Großbritannien05.08.2015

David WhitehouseRoadtrip mit Büchern durch Großbritannien

Von Melissa Beyel

Geschichten über Geschichten sind nicht erst seit Michael Endes "Die unendliche Geschichte" ein Bestseller-Rezept. Dass ein Rezept jedoch kein Garant für ein gelungenes Ergebnis sein muss, zeigt sich einmal mehr in David Whitehouse Roman "Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek". Seltsame Gestalten begeben sich hier auf einen wirren Roadtrip quer durch Großbritannien. Im Zentrum dieses misslungenen Abenteuers steht der 13-jährige Bobby Nusku, der einer besonderen Obsession nachgeht:

"Bobby stellte sich vor, wie stolz seine Mutter auf sein Archiv sein würde, wenn sie zurückkehren würde. Diese Eintragungen würden es ihr ermöglichen, das Haus nach exakten Spezifikationen nachzubauen. Diesmal jedoch oben auf einem Berggipfel. Innen würde es identisch sein. Dieselbe Lücke zwischen Geschirrschrank und Kühlschrank, genau sechsundsiebzig Zentimeter breit. Aber wenn sie dann die Gartentür öffneten, würden Wolken über den Rasen treiben. Adler würden in den Abflussrohren nisten. [...] Die ganze Welt wäre ihr Garten, genau wie sie es versprochen hatte."

Denn Bobby Nusku ist Archivar. Genauer gesagt ist er der Archivar seiner Mutter. Denn seit ihrem Tod verbringt er seine Zeit damit, alles zu dokumentieren, was sich im Haus seines Vaters seit ihrem Weggang verändert hat. Bobby beobachtet, vermisst, und archiviert sein gesamtes Umfeld. So kann er, das hofft der schwer traumatisierte Junge zumindest, bei der Rückkehr seiner Mutter alles wieder genau so herrichten, wie es früher war. Bobby hat es auch sonst nicht leicht in seinem jungen Leben: Seit seine Mutter fort ist, durchlebt er eine furchtbare Zeit: Sein Vater ist ein gewalttätiger Alkoholiker, der sich für seinen Sohn nicht im Geringsten interessiert. Der Junge ist verwahrlost, in der Schule wird er gehänselt und verprügelt. Als sein einziger Freund Sunny schwer verletzt wird und mit seiner Mutter wegzieht, ist Bobby ganz auf sich allein gestellt.

Seine Lage könnte aussichtloser nicht sein. Doch dann trifft er Rosa Reed, ein behindertes Mädchen, das ebenfalls den prügelnden Jungs aus der Schule zum Opfer fällt. Die beiden werden schnell Freunde. Auch Val, Rosas Mutter, schließt Bobby schnell ins Herz. Val ist alleinerziehend und verdient ihr Geld mit der Reinigung einer fahrenden Bibliothek. Für Bobby, der in seinem Leben bisher nicht viel gelesen hat, ist der Bus mit all den Geschichten in seinem Inneren, geheimnisvoll und faszinierend:

"Der Bücherbus war das größte Fahrzeug, das Bobby jemals gesehen hatte. [...] Drinnen waren an drei Seiten Regale angebracht, die vom Boden bis zur Decke reichten. Bobby hatte noch nie so viele Bücher gesehen, oder sich auch nur vorstellen können, dass es so viele gab. Der Raum in der Mitte des Lasters war durch mehrere kleine Regale unterteilt und bildete auf seine Reise ein Labyrinth, das sich bis zum hintersten Ende zog. Bobby hatte das Gefühl, als locke ihn all dies mit unzähligen Geheimnissen, sei ihm aber gleichzeitig verboten. Kaum dass er eingetreten war, wollte er auch schon nicht mehr fort."

Der Bücherbus ist den ganzen Sommer das Zuhause der Drei. Sie verbringen etliche Stunden versunken in Geschichten. Die Harmonie wird jäh unterbrochen, als plötzlich keine Fördermittel mehr für den Bus zur Verfügung stehen und Val ihren Job zu verlieren droht. Als Bobby dann auch noch von seinem Vater grün und blau geschlagen wird, entschließt Val, mit den beiden Kindern und dem Hund Bert im Bücherbus zu fliehen.

Was dann folgt, ist eine herbe Enttäuschung für den Leser. Schon zu Beginn lassen die hölzernen und sprachlich teilweise völlig überformten Dialoge vermuten, dass die Lektüre von "Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek" kein großer Spaß werden wird. Der Hauptteil des Buches, die Flucht mit dem Bus über Schottland bis nach Südengland, gestaltet sich als klischeebeladener Roadtrip mit einem gestohlenen Fahrzeug, in dem sich kitschige Familienszenen an vermeintlich spannende Bedrohungsszenarien reihen. Whitehouse erinnert mit seinem Roman an literarische Traditionen, an deren Fortführung er radikal scheitert: Die Kinder lesen immer wieder in Klassikern der Weltliteratur. "Alice im Wunderland", "Moby Dick", "Huckeberry Finn" oder "Harry Potter", um nur einige zu nennen. Überhaupt avanciert das Lesen zum zentralen Motiv der Reise. Doch wer auf die Magie wartet, die von alten Büchern und Geschichten in Romanen ausgehen kann - man denke nur an Zafons "Im Schatten des Windes" - der wartet vergeblich. Whitehouse versucht zwar, eine intertextuelle Metaebene zu etablieren, indem er die Kinder stets Handlungsstränge aus dem gerade gelesenen Buch auf das eigene Leben übertragen lässt. Diese Programmatik lässt er Val auch selbst formulieren:

"In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben", sagte sie. "Auf diese Weise sind die Geschichten alle miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest und dann wirst du das, was darin passiert, auch selbst erleben. "Das glaube ich nicht, dass ich Sachen erlebe, die in irgendwelchen Büchern stehen., sagte er. "Da irrst du dich aber.", antwortet sie. "Du hast es einfach noch nicht erkannt."

Die fantastische Magie, die Whitehouse durch die zentrale Motivik des Buches und des Lesens in seinen Roman zu integrieren versucht, kann er jedoch nicht heraufbeschwören. So wirken die Geschichten in der Geschichte konstruiert, gewollt und nicht authentisch:

"Ich heiße Baron", sagte der Mann. "Und du?" Harry. Harry Potter. "Gut, gut". [...] "Baron ist aber ein komischer Name.", sagte Bobby. "Vergiss das jetzt Mal. Sag mir lieber, was du hier zu suchen hast." "Ich wohne hier, glaube ich." "Aha, du wohnst also hier. Was du nicht sagst." Und wo bist du hergekommen? Bevor du dich hier eingenistet hast?" "Ich bin ein Zauberer und lebe in der Welt der ganz normalen Nicht-Menschen, so wie sie einer sind. Aber jetzt soll ich auf eine besondere Schule gehen, wo ich auch lernen werde, mit meinen Zauberkräften umzugehen. Und Quidditch zu spielen."

Derartige Einschübe gibt es zuhauf, sie bleiben jedoch für den Handlungsfortgang gänzlich funktions-, und folgenloslos. Eigentlich könnte "Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek" eine anrührende Geschichte sein: Vier Menschen mit widrigen Lebensbedingungen machen sich miteinander in einem Bus voller Geschichten auf den Weg in ein besseres Leben. Auf dem Weg begegnen ihnen Liebe, Familie und Freundschaft, Dinge, die sie alle vier verloren glaubten. Vor allem für Bobby ist die Fahrt eine Entwicklungsgeschichte: Denn der zornige, hoffnungslose Junge lernt auf der Flucht, wieder Vertrauen zu fassen und Verantwortung zu übernehmen. Und er findet endlich dass, wonach er sich sehnt: eine intakte Familie.

"Als nächstes wiegte Joe sich mit Val im Takt der Musik. Bobby, Rosa und Bert saßen auf dem breiten alten Sofa und sahen zu. Alles hätte in diesem Moment ins Nichts stürzen können - es wäre vollkommen bedeutungslos gewesen. Keiner von ihnen hatte dieses Gefühl je gekannt. Diese perfekte Choreografie einer Familie. Diese einzigartige, unwiderstehliche Einhelligkeit. Bobbys Magen gluckste zufrieden. Er schloss die Augen. Wenn es so etwas wie ein Happy-End gibt, dann lass die Geschichte bitte jetzt zu Ende sein."

Bobby ist leider die einzige wirklich authentisch gestaltete Figur in Whitehouse´ Roman. Obwohl er eigentlich spannende Charaktere entwirft - wie beispielsweise Joe, den Ex-Scharfschützen, der seine Traumata aus dem Irak noch nicht verarbeitet hat, oder den schottischen Baron mit verfallenem Märchenschloss und privatem Zoo - alle Figuren bleiben blass und facettenlos, ja unoriginell und klischeebeladen. Die Sympathie bleibt aus. Das mag daran liegen, dass der Autor, von Bobby abgesehen, an biografischen Details spart, die seinen Figuren Tiefe verleihen würden. Und so wird David Whitehouse seinem eigenen Roman sehr gerecht, hört man Val sagen:

"Gutes ergibt sich aus Schlechtem und Schlechtes aus Gutem und so geht es immer weiter. Genau wie im Leben. Bücher sind das Leben. Es gibt nicht nur den Teil, den du liest. Sie fangen schon lange vorher an. Und sie gehen danach weiter. Alles geht ewig weiter. Du nimmst nur für ein paar Seiten daran teil, für die Dauer eines winzigen, aus der Zeit geschnittenen Fensters."

Schade nur, dass Whitehouse so auch mit seiner Figurengestaltung verfährt: Kaum lernt man sie kennen, sind sie auch schon wieder weg. Am Ende ist das aber auch gut so.

David Whitehouse: "Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek"
Tropen, 315 Seiten, 19,99 Euro.

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