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StartseiteSport am WochenendeVirtuelle Rekonstruktion von Stasi-Akten gestoppt14.01.2018

DDR-DopingopferVirtuelle Rekonstruktion von Stasi-Akten gestoppt

Kurz vor der Wende gab die Stasi den Befehl, alle Beweise zu vernichten. Doch Tausende Säcke mit geschredderten Akten wurden gerettet und sollten mit Computerhilfe rekonstruiert werden. Nun wurde das Projekt gestoppt. Eine schlechte Nachricht auch für DDR-Dopingopfer.

Von Silke Hasselmann

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Zerrissene Stasi-Akten: Viele Säcke mit solchen Schnipseln warten noch auf Rekonstruktion. (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
Zerrissene Stasi-Akten: Viele Säcke mit solchen Schnipseln warten noch auf Rekonstruktion. (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
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Wir schreiben das Jahr 2008, als die Stasi-Unterlagenbehörde diese Presse-DVD über ein Pilotprojekt herausgibt: "Ein neues Verfahren macht die zeitnahe Wiederherstellung aller Akten möglich: die virtuelle Rekonstruktion. Säcke mit zerrissenen Stasi-Unterlagen werden an das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik geliefert."

Denn dort hat man eine Idee entwickelt: Man scanne die Papierschnipsel, registriere die digitalen Abbilder mit ihren jeweiligen Konturen, der Papierfarbe und Beschriftung. Der Computer ist dann in der Lage, in dem Wust der digitalisierten Fragmente die zueinander passenden zu finden und zusammenzusetzen.

Die Technologie funktioniert. Doch weil der Scanner nur mit Papierschnipseln arbeiten kann, die zuvor aufwendig von Hand vorbereitet werden, schaffte Fraunhofer in fünf Jahren nur 23 von den angestrebten 400 Säcken und beendete 2014 die Weiterentwicklung.

Offizieller Stopp

Nun erklärte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen die elektronische Rekonstruktion zerrissener MfS-Akten auch offiziell für gestoppt. Wenige Mitarbeiter puzzeln nun wieder nur per Hand weiter.  

"Das ist natürlich ein alarmierender Vorgang und auch ein echtes Politikum", sagt die Ex-DDR-Leichtathletin und heutige Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins, Ines Geipel. "Wenn man das hochrechnet, sind wir in etwa 600 Jahren mit den Säcken so weit. Es dürfte also jedem klar sein, dass das nicht geht und auch nicht hinzunehmen ist."

Ines Geipel hat unter anderem das geheime Dopingsystem im Blick, das von 1974 bis 1989 unter dem Titel "Staatsplanthema 14.25" lief und mindestens 13.000 Sommer- und Winterathleten betraf - mitunter sogar Kinder und Heranwachsende.

"Es geht um die jeweils individuelle Geschichte"

Ines Geipel geht davon aus, dass sich in den Schnipselsäcken auch Doping-Hinweise befinden. Deshalb sei deren Bearbeitung auch für immer mehr schwer kranke oder invalide Ex-Spitzensportler wichtig. Denn viele müssten vor dem Sozialgericht um eine Frühverrentung oder um eine Dopingopferentschädigung streiten: "Aktuell läuft das 2. Dopingopfer-Entschädigungsgesetz. Die Opfer kämpfen händeringend um ihre Akten. Es geht um Belege, es geht um Klarheit. Es geht um die jeweils individuelle Geschichte." 

Denn für eine staatliche Wiedergutmachung müssen die Ex-Sportler belegen, dass sie wirklich unerlaubte unterstützende Mittel erhalten haben und wann, erklärt Anne Drescher. Sie ist die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern und kümmert sich auch um die Vorgänge in den Kinder- und Jugendsportschulen sowie Sportclubs Schwerin, Neubrandenburg und Rostock.

"Das kann man natürlich auch über Patientenunterlagen vielleicht hinbekommen. Aber auch diese Materialien sind ja vernichtet, und wir wollen keine Möglichkeit auslassen, wirklich sehr breit in der Forschung und in der Schicksalsaufklärung auf solche Akten zugehen zu können. Also diese Möglichkeiten wollen wir uns nicht nehmen, indem wir dieses Programm stoppen."

Es fehlen "ziemlich wichtige Akten"

Aus Erfahrung wisse man, dass es vor allem um Berichte der Informellen Mitarbeiter und ihrer Führungsoffiziere aus den 1970er und 1980er Jahren geht. Genau jene Zeit also, in der Manfred Höppner als Chef des Sportmedizinischen Dienstes für die Ausarbeitung eines individuell passgenauen Dopingregimes verantwortlich war, sagt der NDR-Sportjournalist André Keil, Autor zahlreicher investigativer Dokumentationen.

"Wenn wir ganz konkret in Sachen 'Doping in der DDR' weiterforschen wollen, fehlt uns der vierte Band der wirklich wichtigsten Stasi-Akte in Sachen DDR-Doping, nämlich die von Manfred Höppner. Manfred Höppner war ja sozusagen der Architekt des DDR-Dopings, und es fehlt die Stasi-Akte ab 1987. Das sind ziemlich wichtige Akten, wenn man es historisch betrachtet. Denn der Olympiazyklus 1988 bis 1992 wäre für die DDR ein sehr entscheidender gewesen. 1988 hat das noch funktioniert. 1992 wäre es sehr eng geworden, und da hat man schon Maßnahmepläne erarbeitet. Und die noch mal einzusehen und unter sporthistorischen Gesichtspunkten aufzuarbeiten, das wäre ungeheuer wichtig."

Ines Geipel fordert politischen Willen

Stichwort: Blutdoping. Auch der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen wisse, dass es niemals zu schaffen ist, die mehr als 45 Millionen zerrissenen Dokumente von Hand zusammenzusetzen, sagt die Schweriner Landesbeauftragte Anne Drescher. Doch mit seiner Entscheidung, die computergestützte, virtuelle Puzzlearbeit vorerst offiziell zu stoppen, wolle Roland Jahn öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen und erreichen, dass die Technologie weiterentwickelt werde. Der Bundestag müsse die schon lange eingeplanten 2 Millionen Euro endlich freigeben.

"Roland Jahn hat ja das Signal gegeben, dass er sich mit dem Fraunhofer Institut zusammensetzt und sie überlegen, wie es möglich ist, in absehbarer Zeit diese Materialien maschinell mit einem leistungsfähigen Scanner zusammenzusetzen, damit diese Materialien für die Forschung zur Verfügung stehen und für die Akteneinsichten."

Auch Ines Geipel vom Dopingopferhilfeverein fordert den politischen Willen. Alles andere wäre im übrigen auch Täterschutz: "Schon von daher ist in keiner Weise nachvollziehbar, dass das Argument für den Stopp die zu geringe Leistungsfähigkeit von Scannern ist. Technik kann hier kein Argument sein. Auch nicht das Geld. Es tauchen Jahr für Jahr Millionen von SED-Geldern auf und genau die wären doch gut eingesetzt, um den Opfern zu helfen zu ihren Geschichten zu kommen."

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