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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur51 Tonnen Gummibärchen für die Schweine03.11.2014

DDR-Geschichten aus Stasi-Akten51 Tonnen Gummibärchen für die Schweine

Das Buch "Genossen, wir müssen alles wissen" beschreibt den DDR-Alltag im Spiegel der Stasi-Akten. Es zeigt Spießiges und Obszönes, dokumentiert die manische Kontrollwut und die zynische Arroganz der Funktionäre. Ein Buch zum Lachen – wenn es doch nur nicht Realität gewesen wäre.

Von Henry Bernhard

Weiterführende Information

Frankfurter Buchmesse - Wir Angepassten - Alltag in der Diktatur
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 10.10.2014)

Leben in der DDR - Angst ist der Kitt der Diktatur
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 06.10.2014)

Marianne Birthlers Memoiren - Ein Stück deutscher Demokratiegeschichte
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 24.02.2014)

"Wir müssen alles erfahren. Es darf an uns nichts vorbei gehen."

So formulierte es der Stasi-Minister Erich Mielke immer wieder gern im Kreis seiner Getreuen. Das war der Anspruch der Staatssicherheit: Alles zu erfahren, was im Lande passiert. Wie Mielke und seine Genossen das praktizierten, will der Dokumentenband mit dem Titel "Genossen, wir müssen alles wissen. DDR-Alltag im Spiegel der Stasi-Akten" zeigen. Die Herausgeber Thomas Auerbach und Gudrun Weber haben zwei Jahrzehnte lang täglich mit Stasi-Akten zu tun gehabt, als Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Immer wieder fielen ihnen Akten in die Hände, die nicht unbedingt in die laufenden Recherchen passten, die aber für sich sprachen und etwas über das Leben in der DDR erzählten. Gudrun Weber:

"Als ich das angefangen habe, dieses Buch zu konzipieren, dachte ich: Es gibt einfach so fürchterlich viele Mythen um diese Stasi. Und da dachte ich, jetzt muss man doch mal zeigen einfach so das Menschliche, also nicht der Stasi-Mitarbeiter, sondern einfach mal diese Palette aufmachen, wo die alles gewirkt haben, dass man das einfach sich mal vorstellen kann als ganz normaler Mensch, der jetzt 20 Jahre danach irgendwie mal dieses Wort Stasi hört, damit er dann damit überhaupt etwas anfangen kann."

Ein Lesebuch für Schüler und andere Interessierte ist dabei herausgekommen, ein Panoptikum des Skurrilen, Makabren, Obszönen. Da begegnen einem Dummköpfe, Verräter, Angsthasen, Opportunisten und Scheinheilige. Gestalten aus einem Fellini-Film – mitten in der DDR. Wunderbar gleich das erste Dokument aus dem Jahr 1950, als die DDR noch kein Jahr alt war: In einem FDJ-Lager soll die Stimmung getestet werden. Man streut Gerüchte: Amerikanische Truppen hätten Berlin besetzt, Pieck, Ulbricht und Grotewohl hätten sich nach Osten abgesetzt.

"Der Erfolg der Verbreitung dieser Gerüchte war nun folgender: Von circa 80 anwesenden FDJlern warfen 75 ihr Abzeichen in den "Blauen See", 18 zerrissen die Mitgliedsbücher, fast alle versteckten ihre blauen Hemden. Die blaue Fahne der FDJ wurde heruntergeholt, und das Bild des Genossen Stalin sollte ebenfalls entfernt und ins Wasser geworfen werden."

Stasi-Männer, die sich gegenseitig in den Hintern schießen

Nicht deutlicher hätte der SED-Führung vor Augen geführt werden können, wie schmal ihre Machtbasis gerade zu Beginn ihrer Herrschaft war und wie richtig die Worte des damaligen Ministers für Staatsicherheit, Hans Wollweber.

"Denn die Festigung der Staatsmacht, die ist doch zu einem großen Teil abhängig von der Erhöhung der Schlagkraft der Organe der Staatssicherheit. Wir sind nicht das einzige Machtorgan des Staates, aber wir sind ein sehr wichtiges Machtorgan des Staates, denn wir sind die Einzigen, die das Recht und die Pflicht haben, die Feinde der Arbeiterklasse hinter Schloss und Riegel zu setzen. Das können die anderen nicht, die können die Feinde der Arbeiterklasse bekämpfen, aber sie unschädlich machen, sie hinter Schloss und Riegel setzen, das können nur wir."

Wie ernst die Tschekisten diese Aufgabe nahmen, zeigen die Dokumente dieses Buches: Da begegnen einem Stasi-Männer, die sich gegenseitig in den Hintern schießen, den festzunehmenden Agenten aber laufen lassen; da wird eine Demonstration von Weimarer Musikstudenten gegen dümmliche volkstümliche Musik gewaltsam aufgelöst; da wird die lächerliche Unfähigkeit von DDR-Funktionären offenbar, die mit Kindern kommunistischer Eltern aus dem Westen in einem Ost-Ferienlager nicht klarkommen: Die West-Kinder wollen auf einem Neptun-Fest Neptun stürzen und eine "Seepferdchenrepublik" errichten. Die Staatsmacht reagiert gewohnt humorlos. Überall sah sie Feinde, Saboteure und "Schädlinge". So auch einen jungen Mann in der Landwirtschaft:

"... er hat nämlich im Kuhstall der LPG Schädlingsarbeit betrieben. Das geschah in der Form, dass er mit dem Motorrad seines Vaters in den Kuhstall reinfuhr, zwischen den Kühen die Maschine wieder umdrehte und wieder hinausfuhr. Dabei ist besonders zu beachten, dass jugendliche Mädchen unter den Kühen saßen und melkten. Dadurch ist die Milchleistung der Kühe pro Tag um 20 bis 25 Liter zurückgegangen. Außerdem versuchte er, die Kollegen der LPG zu demoralisieren, indem er Gerüchte verbreitet, dass er hypnotisieren und zaubern kann. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass es sich um ein Element handelt, das mit allen Mitteln versuchte, die Kriegstreiber bei der Verwirklichung ihrer Pläne, die Errungenschaften der DDR und das friedliche Leben der Bevölkerung durch einen neuen Krieg zu zerstören, zu unterstützen."

Kurzweilige Lektüre mit vielen Fotos

Es treten weiterhin auf: General Markus Wolf, der 1977 ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag gibt, in dem der Hamburger Verleger Axel Cäsar Springer für verrückt erklärt werden soll, sein Chef, Minister Mielke, der sich auf der Straße streitet und prügelt und Bauern, die nicht verstehen können, dass sie 51 Tonnen Gummibärchen und sechs Tonnen Delikatpizza an ihre Schweine verfüttern sollen – weil es an Verpackungsmaterial dafür mangelte. Manche Passagen haben durchaus einen bitteren Witz, etwa wenn von Westspionen berichtet wird, die versagen: aus Angst, aus Langeweile, weil sie zu viel tranken. Ein als Romeo vorgesehener Verführer entpuppte sich als sexuell ängstlich; ein anderer scheitert an seiner Potenzstörung. Allzumenschliches auch bei der Stasi. Das Lachen bleibt dem Leser jedoch regelmäßig im Halse stecken, etwa wenn Bürger für einen Witz mehrere Jahre in den Knast müssen. Gewöhnen kann man sich an den Schrecken nicht, meint Herausgeberin Gudrun Weber:

"Anfang der 80er Jahre, wo ein Mensch einfach – der hat Jeans an, einen Parka und hat lange Haare – und wird auf einmal besprüht. Und das MfS steht daneben – das MfS hat es nämlich getan – und wollte mal ein Spray, was sie sich aus dem Westen besorgt hat, wollte mal ausprobieren, wie das so funktioniert am Menschen. Und dann stehen die daneben mit der Uhr und protokollieren: 'Aha, er ist benommen!' Nach 10 Minuten, 'Er rappelt sich wieder.' Und überhaupt nichts dabei empfinden! Also, das fand ich auch gruselig!"

Das Buch gibt in vier Kapiteln einen Überblick über den DDR-Alltag im Spiegel der Stasi-Akten, zeigt Spießiges und Obszönes, dokumentiert die manische Kontrollwut und die zynische Arroganz der Funktionäre. In knappen, mitunter zu knappen einleitenden Sätzen erläutern die Herausgeber Kontext und Bedeutung der zitierten Akten. Die ohnehin schon kurzweilige Lektüre wird aufgelockert durch viele Fotos, die die Stasi in ihrem Kontrollwahn und ihrer lächerlichen Piefigkeit zeigen. Wirklich frei kann man aber selbst über die Stasi erst ganz am Ende lachen.

"Ich liebe ... Ich liebe doch alle, alle Menschen! Ja, ich liebe doch!"

Gudrun Weber, Thomas Auerbach: "Genossen, wir müssen alles wissen!" DDR-Alltag im Spiegel der Stasi-Akten. Ein Lesebuch.
Lukas-Verlag, 205 Seiten, 19,80 Euro.

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