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DDR global

Thomas Kunze/Thomas Vogel (Hg.): "Ostalgie international". Ch. Links Verlag

20 Jahre nach der Wiedervereinigung lassen sich weltweit zahlreiche Spuren der DDR finden - gerade in den ehemaligen "Bruderländern". Eine Textsammlung aus dem Christoph Links Verlag gibt nun Auskunft über dieses Phänomen.

Von Michael Kuhlmann

In vielen Ländern sind DDR-Motorräder bis heute im Straßenbild präsent. (AP)
In vielen Ländern sind DDR-Motorräder bis heute im Straßenbild präsent. (AP)

Zwei Jahrzehnte sind seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik vergangen; doch im Ausland bleibt die Erinnerung an den zweiten deutschen Staat lebendig. Auf Kuba etwa sind DDR-Lastwagen und -Motorräder bis heute im Straßenbild präsent. In der Mongolei hat ein Großteil der politischen und Wirtschaftselite an deutschen Universitäten studiert. Und in keinem Land in Asien wird so viel deutsch gesprochen wie in Vietnam. Drei Effekte, die von den internationalen Aktivitäten der DDR herrühren. Der SED-Staat leistete Entwicklungshilfe, er bildete Deutschlehrer aus; er unterstützte aber auch Bürgerkriegsarmeen mit Waffen und Know-how. Was von solchen Initiativen geblieben ist, das ist Thema des neuen Sammelbandes von Thomas Vogel und Thomas Unze: Ostalgie international. Unter dem, zugegeben, sehr plakativen Titel betrachten 31 Autoren das DDR-Erbe in Asien, Afrika und Lateinamerika. Es geht um materielle Überbleibsel, aber auch um geistige Nachwirkungen. Das Buch erzählt von Kleinunternehmern in Vietnam, die einst in der DDR Vertragsarbeiter waren und nach wie vor beeindruckt sind von deutscher Pünktlichkeit und Akkuratesse. Von Ingenieuren in Syrien oder Chile, die bis heute gern erzählen von ihrem Studium in Freiberg, Dresden oder Leipzig. Allerdings: Beobachter wie der chilenische Soziologiestudent Juan Caravjal Trigo erlebten auch die Schattenseiten des Ostens:

Mit dem Aufenthalt in der DDR prallten Ideal und Wirklichkeit aufeinander, Theorie und Praxis. Der real existierende Sozialismus ließ uns leibhaftig erfahren, dass der Preis für die soziale Gerechtigkeit nicht die Aufgabe der politischen Freiheiten sein konnte. Unser Aufenthalt in der DDR hat uns einen Traum vor Augen geführt, der sich dort nicht erfüllt hat.

Noch deutlicher formuliert das 170 Seiten weiter die DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld – in einer Generalkritik des sozialistischen Experiments:

Das Experiment war vertretbar für die, die es nicht am eigenen Leibe aushalten mussten.

Vera Lengsfelds Text fällt thematisch ein wenig aus dem Rahmen. Sie schreibt nämlich über das DDR-Bild unter Linken in der Bundesrepublik, einst und heute. Und sie lässt daran kein gutes Haar:

Die Menschheitskatastrophe Sozialismus wird mit allen Mitteln verharmlost.

Der als Polemik überschriebene Beitrag passt daher sehr gut in diesen Band – als Korrektiv und reinigendes Gewitter. Denn ein Teil der anderen Texte übt sich de facto in eben jener von Lengsfeld beklagten Verharmlosung. Was man dort beispielsweise lesen kann über die Aktivitäten der DDR bei der UNO in New York oder über die Kooperation mit afrikanischen Guerillas, das klingt stellenweise wie ein Quartalsbericht aus dem Ost-Berliner Außenministerium. Das Problem sind nicht einmal so sehr Freudsche Fehlleistungen, mit denen die Autoren in altvertraute Terminologie abgleiten – zum Beispiel:

Der sichere Bruderstaat – das ist natürlich die DDR – oder auch:

die Möglichkeit, dem imperialistischen Druck etwas entgegenzusetzen.

Nein, solche Stellen sind relativ unproblematisch, weil man sie auf den ersten Blick erkennt. Anderswo aber muss man genauer hinsehen. Wenn die Autoren nämlich die Aktivitäten des SED-Staates wie Akte des reinen Idealismus schildern. Ex-Diplomat Heinz-Georg Schleicher baut zwar noch vor:

Ich halte es auch weiterhin für wichtig, einer unkritischen Verklärung der DDR zu widersprechen und auf ihre systemischen Schwächen und Fehler hinzuweisen.

Aber:

Gleichzeitig ist in aller Fairness festzuhalten: Die DDR und ihre Bürger haben durch aktive Solidarität einen Beitrag zur Überwindung des Kolonialismus und der Apartheid geleistet. Vor allem darin – und nicht im staatssozialistischen, zudem noch gescheiterten Geschäftsmodell – besteht die historische Rolle der DDR in Afrika. Für viele Menschen im Süden des Kontinents wird das Bild der DDR noch heute durch diese Solidarität bestimmt.

Dass hinter solcher Solidarität allerdings der Ost-West-Konflikt stand, muss sich der Leser dazu denken. Denn wenn die DDR sich in der Welt engagierte, dann war das meist knallharte Interessenpolitik. Ob Ulbricht den Bonner Alleinvertretungsanspruch durchbrechen wollte – oder ob es Honecker später einfach ums Geld ging. Löblich, wenn die SED Waisenkinder aus Namibia ins Land holte, um ihnen Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Vielleicht nicht mehr ganz so löblich, wenn sie ihnen dazu auch noch eine vormilitärische Ausbildung verpasste – für kommende Befreiungskämpfe. Und auf jeden Fall ziemlich problematisch, wenn die Journalistin Carola Dorner das hier so abhandelt wie einen Kochkurs für die Zubereitung von Soljanka. Wohl verhielt sich die DDR gegenüber den verbrecherischen Militärdiktaturen in Chile und Argentinien akzeptabler als der Westen. Andererseits steuerte sie gegenüber Israel einen zweifelhaften Kurs. Wenn im Buch vom Olympia-Attentat von München 1972 die Rede ist, dann müsste eigentlich auch die Haltung der DDR zur Sprache kommen: dass ihre stasi-durchsetzte Delegation nämlich nie daran dachte, die bundesdeutsche Polizei zu unterstützen – dass sie dann die Trauerfeier für die israelischen Opfer boykottierte – und dass Jahre später der Terror-Drahtzieher Abi Daud in einem DDR-Krankenhaus von den Folgen eines Anschlags auf sein Leben geheilt wurde. Zum Glück aber nennen viele Autoren im Buch die zynischen Dinge beim Namen. Ursula Ueberschär und Salah Raschid etwa skizzieren, wie herzlich egal Ost-Berlin die Morde an irakischen Kurden waren. Der Literaturwissenschaftler Thomas Kramer erörtert anregend, wie die DDR-Comiczeitschrift ATZE auf das Afrikabild von Kindern eingewirkt haben könnte: mit Stereotypen vom gewitzten Europäer – in Klammern: natürlich aus der FDJ-Brigade –, der dem tumben Neger mal zeigt, wo's lang geht. Der frühere Bonner Botschafter in Luanda Hendrik Dane beleuchtet, wie Ost-Berlin bei seinem Engagement in Angola vor allem eines verfolgte: Wirtschaftsinteressen. Und die Kommunikationswissenschaftlerin Lina Gronau informiert über heutige DDR-Verklärung im Internet.

Es sind Texte wie diese, die dem Buch die nötige Balance verleihen. Hat man sie im Hinterkopf, dann kann man auch die verharmlosenden Beiträge nutzen: als Faktensammlung. Denn darin erweist das Buch über alle 250 Seiten hinweg seine Stärke: Detailliert vermittelt es einen Eindruck, wie die DDR international ihre Interessen auch voranzubringen suchte – mit vielfältigen Projekten an der Basis. Ob sie eine Fabrik für Badezimmerarmaturen nach Algerien lieferte, ob sie ein Kinderheim in Ghana baute, oder ob sie Sporttrainer nach Kuwait entsandte. An einigen Stellen freilich sollte auch der bundesdeutsche Leser eine besondere Tugend der DDR-sozialisierten Deutschen beherrschen: die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen – und sich sein Teil dazuzudenken.

Michael Kuhlmann über den von Thomas Kunze und Thomas Vogel herausgegebenen Band "Ostalgie international – Erinnerungen an die DDR von Nicaragua bis Vietnam". Erschienen im Christoph Links Verlag, 256 Seiten zum Preis von 19 Euro und 90 Cent, ISBN: 987-3-86153-600-0.

Weitere Neuerscheinungen zur deutschen Einheit (Auswahl):

Annette Jensen: Im Osten was Neues. Unterwegs zur sozialen Einheit. Rotbuch Verlag, 286 Seiten, € 14,95 (ISBN 978-3-86789-116-5)

Franz Josef Jung: Die letzten Tage der Teilung. Wie die deutsche Einheit gelang. Herder Verlag, 200 Seiten, € 17,95 (ISBN 978-3-4513-0324-1)

Claus Christian Malzahn: Deutschland 2.0. Eine vorläufige Bilanz der Einheit. dtv premium, 134 Seiten, € 12,90 (ISBN 978-3-423-24798-6)

Lothar de Maizière: Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen. Meine Geschichte der deutschen Einheit. Herder Verlag, 320 Seiten, € 19,95 (ISBN 978-3-4513-0355-5)

Klaus Schroeder: Das neue Deutschland. Warum nicht zusammenwächst, was zusammengehört. wjs Verlag, 249 Seiten, € 19,95 (ISBN 978-3-937989-66-2)

Richard Schröder: Die wichtigsten Irrtümer über die deutsche Einheit. Herder Spektrum, 256 Seiten, € 9,95 (ISBN 978-3-4510-6253-7)

Beatrice von Weizsäcker: Die Unvollendete. Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit. Lübbe Verlag, 288 Seiten, € 16,99 (ISBN 978-3-7857-2417-0)

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