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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Deutschland ist überhaupt nicht unfair"12.06.2018

Debatte über Handelsungleichgewicht"Deutschland ist überhaupt nicht unfair"

Die Debatte über ein Handelsungleichgewicht zwischen Deutschland und den USA hält der Ökonom Dennis Snower für "völlig unsinnig". In der globalen Wirtschaft konkurrierten längst nicht mehr einzelne Staaten miteinander: "Die Fabrik von heute geht über viele Ländergrenzen hinaus." Das verstehe Donald Trump anscheinend nicht.

Dennis Snower im Gespräch mit Jessica Sturmberg

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Eine Euromünze auf einem Dollar Schein (imago stock&people )
"Obwohl die USA ein Güterhandelsdefizit mit der Welt haben, haben sie aber Überschüsse im Dienstleistungshandel und bei Vermögenseinkünften, und das bezieht sich auch auf die EU", sagte Dennis Snower im Dlf (imago stock&people )
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Jessica Sturmberg: Donald Trump lässt im Grunde keine Gelegenheit aus zu betonen, wie unfair er sein Land von seinen europäischen Partnern und Kanada behandelt sieht. Nach dem Gespräch mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un in Singapur nahm er sich viel Zeit für Journalistenfragen, und da wurde nicht nur über Nordkorea gesprochen, sondern bei der Gelegenheit hat er das von ihm wahrgenommene Handelsbilanzdefizit gegenüber Europa und insbesondere Deutschland nochmal mehrfach zur Sprache gebracht. Seit Monaten hören wir jetzt, wie problematisch die Handelsbilanzüberschüsse von Deutschland seien.

Vor der Sendung habe ich darüber mit Dennis Snower, dem Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, gesprochen und ihn gefragt: Ist Deutschland wirklich so unfair?

Dennis Snower:Dennis Snower, Präsident des des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, gibt am 18.12.2014 in seinem Büro in Kiel (Schleswig-Holstein) der Deutschen Presse-Agentur ein Interview.  (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)IfW-Präsident Dennis Snower (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)Deutschland ist überhaupt nicht unfair und die Debatte ist eine völlig unsinnige Debatte. Wir müssen uns zuerst im Klaren sein, dass die globale Wirtschaft total integriert ist. Die Fabrik von heute geht über viele Ländergrenzen hinaus. Und wenn man dann einfach schaut, was die Flüsse sind über eine politische Grenze, macht das überhaupt keinen ökonomischen Sinn.

Aber wenn wir schon dabei sind, gibt es vor kurzem eine wichtige Studie von Herrn Felbermayr, die sagt, obwohl die USA ein Güterhandelsdefizit mit der Welt haben, haben sie aber Überschüsse im Dienstleistungshandel und bei Vermögenseinkünften, und das bezieht sich auch auf die EU. Mit der EU haben sie einen Leistungsbilanzüberschuss seit 2009 und das ist, gerade weil das Defizit im Güterhandel von Überschüssen bei Dienstleistungen und Vermögenseinkünften mehr als ausgeglichen wird.

Daher auch aus ökonomischer Perspektive, rein über Grenzen betrachtet besehen, ist es eine unsinnige Debatte, wenn man sich vorstellt, dass man heutzutage viele Länder braucht, um Güter und Dienstleistungen zu produzieren, und was dann über Grenzen läuft ist nicht relevant, weil Länder konkurrieren nicht miteinander. Es sind Wertschöpfungsketten, die sich über viele Länder ziehen, die miteinander konkurrieren.

"Es ist, als ob man eine Wand durch eine Fabrik baut"

Sturmberg: Aber Donald Trump befördert natürlich das Denken, dass es sich hier um Konkurrenz von Ländern handelt, weil er ja von Ländern spricht. Er nimmt namentlich Deutschland immer wieder, aber auch die Europäer, Kanada zum Beispiel.

Lassen Sie uns doch an der Stelle noch mal die Begrifflichkeiten sortieren. Ein Handelsbilanzunterschied bezieht sich auf den Warenaustausch zwischen zwei Ländern. Die Leistungsbilanz in Abgrenzung dazu nimmt noch viel mehr in den Blick.

Snower: Genau. Da kommen Dienstleistungen dazu, Vermögenseinkünfte, und Leistungsbilanzdefizite sind einfach ein breiterer Blick. Aber beides ist nicht sinnvoll heutzutage, um Konkurrenz zwischen Ländern verstehen zu können, weil es gab einmal eine Zeit, wo die meisten Güter und Dienstleistungen in einem Land produziert worden sind.

Und zu der Zeit konnte man sagen, dass Länder miteinander wirtschaftlich konkurrieren. Aber heutzutage braucht man viele Länder, um ein Gut, sogar die meisten Dienstleistungen herzustellen, und dann ist es nicht mehr sinnvoll zu denken, dass Länder miteinander konkurrieren und Leistungsbilanzüberschüsse oder Defizite etwas darüber aussagen, wie stark man dasteht.

Sturmberg: Lässt sich das auch ein Stück weit daran ablesen, wie die Geldflüsse zum Beispiel sind von den Digitalkonzernen der amerikanischen großen vier, Amazon, Apple, Google und Facebook, die natürlich europäische Töchter haben, und da wird vielleicht auch deutlich, wo fließt das Geld wie lang und wo taucht es in welcher Bilanz überhaupt auf.

Snower: US-Firmen sind mit hohen Direktinvestitionen im europäischen Binnenmarkt engagiert. Mehr als 50 Prozent aller Direktinvestitionen der Vereinigten Staaten flossen in Länder der EU. Daher würde natürlich ein Handelskrieg die Vereinigten Staaten sehr stark treffen. Die Umsätze der im europäischen Binnenmarkt operierenden Unternehmen, die mehrheitlich amerikanischen Muttergesellschaften gehören, übertreffen die Exporte der Vereinigten Staaten in der EU um das Fünffache. Die Welt ist einfach extrem miteinander verbunden und sobald man jetzt ökonomische Grenzen durch Zölle ziehen will, dann verhindert man diese Verbindungen, und das erschwert einfach die Produktion für alle Länder. Es ist, als ob man eine Wand durch eine Fabrik baut. Das macht keinen Sinn.

Der Dollar ist eine Reservewährung - und  finanziert den Welthandel

Sturmberg: Welche Schlüsse ziehen wir denn aus dieser Erkenntnis?

Snower: Der amerikanische Präsident stellt sich anscheinend vor, dass die amerikanischen Güter in Amerika produziert werden und europäische Güter werden in Europa produziert. Daher, wenn Amerika ein Defizit, sagen wir ein Güterhandelsdefizit hat, dann steht man schwächer da. Auch wenn es stimmen würde, dass amerikanische Güter hauptsächlich in Amerika produziert sind, dann könnte man nichts aus einem Leistungsbilanzdefizit oder einem Handelsbilanzdefizit für Schlüsse ziehen – aus dem einfachen Grund, weil Amerika, der Dollar ist eine Reservewährung.

Und eine Reservewährung finanziert den Welthandel. Der Welthandel wächst. Deswegen müssen Dollars in die weite Welt fließen. Das kann nur geschehen, wenn Amerika mehr Güter importiert als exportiert oder im Dienstleistungssektor bei den Vermögenseinkünften ein Defizit hat, weil sonst gehen die Dollars nicht in die Außenwelt.

Amerika profitiert enorm davon, dass der Dollar die Reservewährung ist, und daher ist es klar, dass wenn Donald Trump will, dass der Dollar weiterhin Reservewährung bleibt, dann ist daraus eine direkte Implikation, dass das zu einem Leistungsbilanzdefizit führen muss, weil sonst kommen die Dollars nicht in Umlauf.

Neue Strategie im Umgang mit der amerikanischen Regierung fahren

Sturmberg: Wenn er das aber nicht will und ihm ein Leistungsbilanzüberschuss wichtiger ist, was heißt das dann?

Snower: Was das bedeutet ist, dass der Dollar nicht mehr die Finanzierung des Welthandels unterstützen könnte, dass der Dollar nicht mehr die Reservewährung der Welt in der Zukunft sein kann, und dass Amerika daher den Nutzen, den es davon hat, indem es etwas leistet, es finanziert den Handel, aber es bekommt mehr von der Welt an Gütern und Dienstleistungen, als es der Welt gibt, dass es diesen Deal nicht mehr gibt, und das würde Amerika sehr hart treffen.

Sturmberg: Aber trotzdem: Die Zeichen stehen ja wirklich eher auf Handelskrieg.

Snower: Ich glaube, im Umgang mit der amerikanischen Regierung muss man eine neue Strategie fahren. Donald Trump versteht nicht, dass Länder allein nicht Güter und Dienstleistungen produzieren können, sondern nur in Zusammenarbeit mit anderen Ländern. Er versteht nicht, dass Länder miteinander nicht mehr konkurrieren, sondern nur Wertschöpfungsketten.

Und weil er all das nicht versteht und seine Wähler es auch nicht verstehen und daher seine Popularität nicht davon abhängt, muss man eine andere Schiene fahren. Und das ist: Man muss Wege finden, wo er sich als Held darstellen kann. Einen Weg hat er bei dem letzten G7-Treffen angezeigt. Er hat vorgeschlagen unter anderem, dass die G7 eine Freihandelszone werden könnte. Auf diese Möglichkeit hätten wir springen sollen. Wir sollten alle versuchen, unsere Zölle auf Null herunterzuschrauben.

Sturmberg: Dennis Snower, Präsident des Weltwirtschaftsinstituts in Kiel zu der Frage welche Aussagekraft haben Handelsbilanzzahlen überhaupt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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