Sonntag, 19.11.2017
Startseite@mediasres"Es ist wichtig, dass wir im Markt auf Bedingungen stoßen, die fair sind."06.11.2017

Debatte um den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk"Es ist wichtig, dass wir im Markt auf Bedingungen stoßen, die fair sind."

Der Wettbewerb im Internet wird durch das öffentlich-rechtliche Angebot erschwert, findet Ulli Tückmantel, Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung. Sender und Zeitungen könnten im Internet nebeneinander nur bei klaren Regeln funktionieren, sagte er im Dlf.

Ulli Tückmantel im Gespräch mit Michael Borgers

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Portrait Ulli Tückmantel (dpa / Sarah Hardenberg)
Ulli Tückmantel ist seit Mai 2014 Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung. (dpa / Sarah Hardenberg)
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Michael Borgers: Und jetzt zu einem anderen Thema: Dem Streit zwischen dem Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverlager, Matthias Döpfner und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der andauert. Es geht grob zusammengefasst bei der Auseinandersetzung um die Frage, was ARD, ZDF und wir, die Sender des Deutschlandradio im Internet dürfen. Döpfner warnt vor einem Verlagssterben als Folge der Präsenz der öffentlichen-rechtlichen im Netz. Ähnlich sieht das Ulli Tückmantel, Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung, mit dem ich vor der Sendung gesprochen habe.

Sie haben sich vergangenen Freitag in einem Artikel mit dem Streit auseinandergesetzt.  Als ich Ihren Debatten-Beitrag lesen wollte, konnte ich das aber nur wenige Minuten lang tun. Dann fiel die Bezahlschranke. Sie, bzw. Ihr Verlag haben also ein Geschäftsmodell entwickelt: Eines, das funktioniert mit dem Sie Geld verdienen?

Ulli Tückmantel: Na ja, also wir üben das gerade noch ein bisschen mit dem Geldverdienen im Netz. Das ist für alle schwierig - das wissen Sie. Wir haben jetzt erstmal ein Preisschild an unsere Artikel drangeklebt. Das ist schon mal das erste Signal, das gibt es hier nicht umsonst. Es gibt da mehrere Möglichkeiten, wie man drankommt. Man kann diese Bezahlschranke -  wie wir sie nennen "Paytime" - da kann man so ein Zeitkontingent kaufen. Sie können bei uns aber auch ein reines Digital-Abo bekommen, nur das Signal ist klar: Wir haben nichts zu verschenken. Wir müssen von unseren Einnahmen leben und deshalb ist eben wichtig, dass wir im Markt auf Bedingungen stoßen, die fair sind. Und wir empfinden - Sie haben es eben schon gesagt -  das eben nicht als fair, wenn sich jemand, der sich sein Geld nicht selbst verdienen muss, weil er von Zwangsgebühren lebt, immer weiter in ein Gebiet ausdehnt, in dem andere tatsächlich versuchen, ein Wirtschaftsmodell zu etablieren.

Borgers: Warum liefe denn Ihr Geschäftsmodell besser, gäbe es die Angebote von ARD, ZDF und Deutschlandradio nicht?

Tückmantel: Das würde ich gar nicht auf alle Angebote ausdehnen. Man muss da sehr differenzieren. Wir sind, als Zeitung natürlich, ganz klar, ein textstarkes Medium. Auch wenn wir zwischendurch mal Bewegtbild darin haben. Es kommt vielleicht auch noch mehr. Aber es ist natürlich klar, dass sie es schwer haben, Geld für etwas zu nehmen, wenn jemand anders einen vergleichbaren Inhalt oder ähnlichen Inhalt neben ihnen verschenkt. Deshalb sind natürlich den Verlagen ganz besonders ein Dorn im Auge, gar nicht so sehr, wenn ARD und ZDF - das ZDF verhält sich da ja etwas anders - Sendungsbeiträge ins Netz stellt, also tatsächlich im Prinzip sie einen Videobeitrag daraus machen. Sondern, tatsächlich, wenn es eine textähnliche Presse wird.

Kostenlose Angebote machen den Wettbewerb schwer

Borgers: Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel? Ihr Gegenplayer ist ja in Düsseldorf der WDR. Der WDR berichtet über Ähnliches wie Sie. Gibt es da ein Beispiel, das Sie da nennen können?

Tückmantel: Ich glaub, das dürfte schwer sein, dass man das tatsächlich nachweist jetzt an einem einzelnen Beispiel, weil ich dazu die Zugriffszahlen kennen müsste. Nehmen Sie mal den vergangenen Samstag: Da ist Düsseldorf auch so ein bisschen über seine Stadtgrenze hinaus in den Fokus geraten. Da gab es diese Kurdendemonstration, wo ja auch noch eine politische Diskussion drum geht, dass der Ministerpräsident sagt: Genauso stelle ich mir das vor: null Toleranz, das lassen wir nicht zu, dass da verfassungsfeindliche Dinge gezeigt werden, usw. Da haben jetzt viele darüber berichtet. Ich kann Ihnen jetzt nicht sagen, wie viele davon zum WDR gegangen sind, wie viele zu Antenne Düsseldorf gegangen sind, wie viele von den Kollegen es in der Rheinischen Post gelesen haben oder wie viele bei uns. Da tummeln sich viele. Und ein Teil davon muss das gegen Geld tun, weil wir davon leben. Das ist auch - glaube ich - für jeden nachvollziehbar. Da brauche ich die Zahlen eigentlich gar nicht kennen, um zu wissen, dass natürlich viele dann auf ein vermeintlich kostenloses Angebot gehen, für das sie an anderer Stelle schon bezahlt haben, um das dann zu nutzen. Und dieses Geschäft für die Zeitung dann deutlich schwerer wird. Bleiben Sie jetzt bei diesem Samstag, da hatten wir tatsächlich diesen Live-Ticker laufen. Da mussten sie gar nicht auf unsere Seite, den konnten sie auch bei Twitter verfolgen. Das war - glaube ich - ein sehr ordentliches, inhaltliches Angebot, was wir da hatten. Aber wenn Sie mit weniger zufrieden sind, gibt’s das eben auch. Das macht die Geschäfte schwierig.  

Verlage und Sender sollten sich an Regeln halten

Borgers: Im Augenblick hätte der WDR wahrscheinlich sein Radiomanuskript online abgebildet. Die Ministerpräsidenten der Länder hatten jüngst nach ihren Beratungen erklärt, dass diese Presseähnlichkeit in der Berichterstattung weiter verschärft werden, aber nicht abgeschafft werden soll. Es wird weiterhin wahrscheinlich sendungsbegleitende Manuskripte geben. Hätten Sie sich da ein stärkeres Verbot gewünscht?

Tückmantel: Nein. Ich persönlich glaube auch, dass diese Diskussionen momentan so ein bisschen in die falsche Richtung führen. Mein Eindruck ist, dass da auch viel Aufgeregtheit auf beiden Seiten unterwegs ist. Ich hätte mir zumindest gewünscht, dass die Situation nicht immer weiter dadurch verschärft wird, dass die Öffentlich-Rechtlichen auf diversen Kanälen erklären, sie wollen sich an gar keine Regeln mehr halten. Also, bisher ist die Presseähnlichkeit ja auch nicht verboten, sondern solange es sendungsbezogen ist, ist es ja ok. Das soll aber nun künftig auch nicht mehr akzeptiert werden, hören wir aus den ARD-Etagen. Also, künftig will man sich da gar keine Beschränkungen mehr auferlegen. Das Gleiche gilt: man möchte sich nicht mehr an ein Verbot flächendeckender Lokalberichterstattungen halten. Das gibt es ja heute in dieser Form auch nicht.  Das ist ja mehr eine regionale Ausrichtung bei den ARD-Studios. Und so geht das weiter. Da ist überhaupt keine Grenze mehr erkennbar, wo dann tatsächlich aus der Verleger- und Zeitungsredakteurssicht mal sagen muss: also, irgendwo muss in einem Markt, wenn zwei so unterschiedliche Systeme miteinander existieren wollen dann tatsächlich sich mal an Regeln gehalten werden und die muss man festschreiben. Das wäre schon mal erstmal gut, wenn man das tut. Wir stellen allerdings fest, dass diese Regel immer häufiger - das mag ein subjektiver Eindruck sein - von der ARD-Seite gebrochen wird. Da muss man drüber reden.

Borgers: Wie denken Sie, könnten Verlage und Sender, wie könnte das duale System im Internet nebeneinander funktionieren?

Tückmantel: Herr Döpfner hat für die Verleger das ja schon gesagt. Da ist die Vorstellung ja, wenn jeder bei seinen tradierten Leisten bleibt, Zeitung mehr bei Text, was sie aber auch nicht tun, denn sie wollen ja mehr in Bewegtbild-Bereich rein. Aber Herr Döpfner sagt dann ja immer: ZDF kann er sich dann schon vorstellen, wenn man bei Tönen und Bewegtbildern bleibt und dann nicht eben auch noch die Textkonkurrenz aufmacht. Das kann er sich als Modell vorstellen. Ob das am Ende funktioniert, weiß ich auch nicht. Das wäre zumindest mal eine Regel, bei der man arbeiten kann. Wenn man wüsste, wenn ich wirklich umfangreichen Text haben will, gehe ich zu den Zeitungen. Wenn ich einen Filmbeitrag dazu mit Bildern oder O-Ton aus dem Radio haben will, gehe ich mir das woanders holen. Das kann ich mir als eine Arbeitsteilung vorstellen. Ob das am Ende das Geschäftsmodell ist, was dann die Zeitungen rettet, weiß ich nicht. Ich weiß aber, ob das, was die ARD vorschlägt, gerade auch nicht das ist, was die ARD am Ende des Tages retten wird.

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