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StartseiteKultur heute"Pflichtbesuche helfen nicht"15.01.2018

Debatte um KZ-Gedenkstätten"Pflichtbesuche helfen nicht"

Sollte der Besuch in einer KZ-Gedenkstätte verpflichtend werden? Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, hält das für wenig sinnvoll. Gerade Jugendliche würden das als "Aufnötigung" wahrnehmen, sagte er im Dlf. Die Motivation zur Aufarbeitung müsse aber eigenständig entwickelt werden.

Volkhard Knigge im Gespräch mit Anja Reinhardt          

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Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Buchenwald und Mittelbau-Dora, in der neuen Dauerausstellung "Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945" in Buchenwald bei Weimar (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Buchenwald und Mittelbau-Dora: "Die Aufarbeitung der Vergangenheit gehört zu den Leistungen in der Bundesrepublik, der bundesrepublikanischen Gesellschaft, auf die man stolz sein kann." (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
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Anja Reinhardt: Gefunden hatte man ihn im in einem Berg von Leichen im Konzentrationslager Dachau, 39 Kilogramm wog er nur noch - aber er lebte. Robert Antelme, der damalige Mann von Marguerite Duras, Journalist, Schriftsteller und Mitglied der Resistance, schaffte es 1945 trotzdem zurück nach Paris. Ihm und anderen Zeitzeugen wie Primo Levi oder Eugen Kogon verdanken wir den Einblick in das System der Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Viele dieser Lager sind heute Gedenkstätten, Buchenwald, direkt neben der Klassikerstadt Weimar gelegen, ist eine der größten. Mit deren Leiter Volkhard Knigge habe ich vor der Sendung über die Forderung der SPD-Abgeordneten Sawsan Chebli gesprochen, den Besuch einer Gedenkstätte zur Pflicht zu machen. Am 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz, wird seit 22 Jahren der Opfer des Nationalsozialismus gedacht und ich habe Volkhard Knigge gefragt, warum die Diskussion um diese Verpflichtung gerade mit solcher Vehemenz geführt wird.

Volkhard Knigge: Auf der einen Seite erscheint das hier als eine etwas hilflose Routine, weil diese Diskussion begleitet uns ja schon in den letzten 20 Jahren. Sie verschärft sich jetzt natürlich. Oder sie taucht jetzt wieder auf. Weil die Frage der Postmigrationsgesellschaft, der Integration, der Frage, wie Geschichtsbewusstsein, welche Rolle Geschichtsbewusstsein, das historische Wissen, das Wissen über den Holocaust und die nationalsozialistischen Verbrechen für die Selbstdefinition von Zugehörigkeit, aber auch für die Selbstdefinition als Demokrat, als demokratischer Deutscher spielt das alles, bewegt uns. Aber gleichzeitig wird man doch immer wieder sagen müssen, die pädagogische Erfahrung lehrt, Pflichtbesuche helfen nicht.

"Aufnötigung motiviert nicht"

Reinhardt: Warum nicht?

Knigge: Das lehrt uns schon die Erfahrung der DDR. Da war der Besuch der großen nationalen Mahn- und Gedenkstätten Pflicht in den Schulen, bei der NVA, in anderen Bereichen. Die Pflicht wird gerade von Jugendlichen oft als Aufnötigung, als moralische Aufnötigung wahrgenommen. Aufnötigung motiviert natürlich nicht.

Was zur Auseinandersetzung mit der Warum-Frage motiviert, wie konnte es zu solchen Verbrechen kommen, welche Mittel der Politik, der Justiz, der gesellschaftlichen Mentalität, der Bildung haben zu diesen Verbrechen geführt, diese Fragen brauchen intrinsische, eigenständige Motivation, eigenständiges …

Reinhardt: Woher soll das Eigeninteresse gerade bei Schülern kommen?

Knigge: Mit der Frage liegen Sie völlig richtig und auch mit der Beobachtung, dass es gelegentlich an Voraussetzungen fehlt. Auch Schüler, junge Menschen, können nur so hellwach sein, so neugierig auch auf das, was man besser nicht tun sollte, damit Gesellschaften ihren humanen Atem nicht verlieren, wie die Erwachsenen, wie die Gesellschaft, in der sie leben. Wenn die Erwachsenen diese Fragen nicht mehr ernst nehmen, dann fragen sich Jugendliche natürlich auch, warum sollen wir es noch tun. Wenn sie im Geschichtsunterricht unterthematisiert werden oder nur so als trockene gestrige Wissensbestände abgehandelt werden, die man eigentlich schon zu den verstaubten Papieren ins Archiv legen darf, dann entsteht natürlich so eine Neugier nicht.

"Auf die Aufarbeitung der Vergangenheit kann man stolz sein"

Reinhardt: Und da möchte ich auch noch mal daran erinnern, dass wir nun im Bundestag eine Partei haben, bei der zumindest ein Parteimitglied schon eine erinnerungspolitische Wende gefordert hat. Das würde ja ganz konkret auch die Gedenkstätten betreffen. Wie kann man sich dagegen wehren?

Knigge: Ganz konkret in Bezug auf diese Person, indem wir ihm vor einem Jahr Hausverbot gegeben haben, an der Gedenkfeier des 27. Januars teilzunehmen - an der Gedenkfeier, wohl gemerkt, nicht den grundsätzlichen Gedenkstättenbesuch mit Hausrecht verboten haben, sondern an der Gedenkfeier, weil das natürlich Überlebende verletzt hätte und weil es die Arbeit der Gedenkstätte ganz unglaubwürdig gemacht hätte. Es gibt eine lange Tradition, in der solche Forderungen stehen. Sie haben die Geschichte der Bundesrepublik immer wieder begleitet, zu sagen, wir brauchen jetzt einen Schlussstrich, wir müssen nationalstolz sein wie alle anderen auch, wir brauchen ein neues Selbstbewusstsein. Die entscheidende Fehldeutung ist die: Gerade die Aufarbeitung der Vergangenheit gehört zu den Leistungen in der Bundesrepublik, der bundesrepublikanischen Gesellschaft, auf die man stolz sein kann, weil ohne sie wären die Nachwirkungen des Nationalsozialismus in welcher Form auch immer, die personalen Kontinuitäten, die Gesetzeskontinuitäten, die Bewusstseinskontinuitäten nie überwunden worden und wir lebten nicht in der Gesellschaft und in dem Land, das wir heute schätzen.

Unterschiedliche "Ideologieschleier"

Reinhardt: Sie haben es eben schon erwähnt: Sie haben auf die DDR-Zeit verwiesen, dass es da eine Verpflichtung gab und dass Sie das auch deswegen für falsch halten. Kann man aber nicht letztendlich sagen, da war dann vielleicht noch der Ideologieschleier über dieser Verpflichtung, der vielleicht heute in dieser Form nicht mehr so da ist? Die Gedenkstätte Buchenwald zeigt ja zum Beispiel auch, wie das Lager von 1945 bis 1950 noch von der Sowjetunion genutzt wurde.

Knigge: Ja, und auch das ist wichtig. Und wir zeigen natürlich auch in der Ausstellung 1945 bis 1990, wie man das Gedenken politisch funktionalisieren und instrumentalisieren kann. Aber Ideologieschleier sind nun leider Gottes nicht nur von kommunistischer oder DDR-licher Provenienz. Es gibt sehr unterschiedliche, sehr verschiedene Ideologieschleier. Es gibt den Ideologieschleier der AfD, die auf einmal den Antisemitismus islamstämmiger Menschen unterstellt und beklagt, aber gleichzeitig den Antisemitismus in der eigenen Partei und in der eigenen politischen Welt gewissermaßen lässig durchwinkt oder gerne übersieht. Oder es gibt - und das macht die Gedenkstättenarbeit sehr kompliziert und schwierig - dann einen Ideologieschleier in der Bundesrepublik, wenn man ganz einfach sagt, wir haben alles, was man aus dieser Geschichte lernen kann, gelernt und umgesetzt. Die Bundesrepublik ist für jetzt und alle Zeiten das in sich selbst ruhende sicher demokratische Deutschland mit einer starken Zivilgesellschaft, mit einer großen Toleranz. Wir merken, dass das ja alles ganz brüchig wird. Wir erleben ja, wie die großen politischen Krankheiten, das politische Gift der Zwischenkriegszeit, der Ultranationalismus, der Rassismus, wie all das wiederkommt. Gedenkstättenarbeit, kurz gesagt, wird dann ganz schwierig oder fast ad absurdum geführt, wenn man sagt, das alles liegt für alle Zeiten hinter uns, sondern Geschichtsbewusstsein besteht ja darin, die Gegenwart an der Vergangenheit zu messen, und das sehr, sehr konkret und immer wieder beides zu bestimmen, wie anders sind wir, wie weit haben wir uns von dieser Geschichte entfernt, wo wirkt etwas nach, wo gibt es Ähnlichkeiten, wo gibt es Latenzen, dann ist man zum Beispiel beim völkischen Denken der AfD. Der Nationalsozialismus war ja ein Gemeinschaftsversprechen: Wir bilden die Volksgemeinschaft, aber wir bilden sie durch Ausgrenzung mit Gewalt, am Ende durch Ausgrenzung mit Mord. Das heißt, wer auf diese Weise auf den ersten Blick Harmonie verspricht, predigt und erzeugt, wenn man es historisch anguckt und diese Erfahrung ernst nimmt, permanente Gewalt, und das sollte uns zu denken geben. Und diese Geschichte liegt in dem Sinne einerseits hinter uns und dann eben doch nicht so ganz.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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